AHF-Information Nr. 61 vom 24.9.2001
Der sehr komplexe Traditionszusammenhang, der unter der Leitmetapher „Einfluß“ thematisiert wurde, ging aus von der Leistung solcher herausragenden deutschen Philosophen wie Hegel oder Dilthey, die besonders die philosophiegeschichtliche Rolle des Stoizismus eingehender untersucht hatten seine Wiederkehr am Anfang – oder sogar als der Anfang – der Neuzeit bot eine gute Gelegenheit, geschichtsphilosophische Überlegungen anzustellen und über das Wesen der sich wiederholenden Geschichte nachzudenken. Bei Dilthey (Das natürliche System der Geisteswissenschaften im 17. Jahrhundert, Die Funktion der Anthropologie in der Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts) genauso wie bei Blumenberg (Legitimität der Neuzeit, Selbsterhaltung und Beharrung. Zur Konstitution der neuzeitlichen Rationalität) und selbst bei Abel (Stoizismus und frühe Neuzeit) geht es um bestimmte geschichtsphilosophische Schemata. Heutzutage wird jedoch das Hauptgewicht nicht auf die Geschichtsphilosophie gelegt, sondern eher auf die philosophierende Geschichtsschreibung, d. h. auf die Festlegung der Grenzen des zu untersuchenden Feldes. Es werden neue Strömungen in die Untersuchung einbezogen – Epikureismus, Skeptizismus (angeregt auch von Blumenberg), hellenistische Platon- bzw. Aristoteles-Deutungen –, und im Rahmen von ideengeschichtlichen Untersuchungen werden zugleich neue Quellen der frühneuzeitlichen Philosophie für diese Art von Forschung nutzbar gemacht. Man muß einerseits den Namen von Gerhard Oestreich erwähnen, der als einer der Vorläufer dieser Art ideengeschichtlicher Untersuchung zu gelten hat, aber andererseits darf die Bedeutung solcher Forschungseinrichtungen wie die Herzog August Bibliothek nicht unterschätzt werden. Denn sie sind genau die Institutionen, welche die Erschließung neuer Quellen und dadurch die Vertiefung des geschichtlichen Aspekts der Untersuchung erst möglich machen. Und dazu gehört auch eine Bestrebung, eine im 17. Jahrhundert noch lebendige ursprüngliche Einheit der Wissenszweige wiederzugewinnen, eine Bestrebung, welche auch in der Eröffnungsrede des Direktors der Herzog August Bibliothek, Herrn Helwig Schmidt-Glintzer Erwähnung fand.
Das Arbeitsgespräch fand prinzipiell im Rahmen einer Zusammenarbeit statt, die sich in den letzten Jahrzehnten zwischen der Herzog August Bibliothek und der Ungarischen Akademie der Wissenschaften etablierte. Man mußte allerdings der in der letzten Zeit besonders bemerkbaren Internationalisierung der Forschung Rechnung tragen, die die Erforschung der Wirkungszusammenhänge zwischen hellenistischen Philosophen und philosophischen Strömungen einerseits und frühneuzeitlichen Denkern und Denkbewegungen andererseits in großem Maße betroffen hat. Dieser Umstand hatte es zur Folge, daß einerseits unter den ungarischen Teilnehmern etliche waren, die ihre wissenschaftliche Ausbildung in Gemeinschaft mit angelsächsischen Forschern erhalten hatten, und andererseits, daß auch Forscher anderer Nationalitäten eingeladen wurden. Péter Lautner hat seit Jahren an verschiedenen Projekten gearbeitet, deren Ziel es ist, kommentierte englische Übersetzungen der Werke von Theophrast bzw. von antiken Texte zur Problematik der Seele der Tiere vorzubereiten. Gábor Borbély trug aus den Ergebnissen seiner Forschungstätigkeit im Warburg Institut in London vor. Unter den Teilnehmern des Arbeitsgesprächs war einer der Organisatoren – Jon Miller – und eine der Teilnehmerinnen – Catherine Wilson – einer Tagung ähnlicher Thematik in Toronto, wo die wichtigsten kanadisch-amerikanischen Vertreter der Erforschung der frühneuzeitlichen Philosophie teilnahmen. David Lines ist ein in München unterrichtender amerikanischer Forscher, während Jan Papy einer der Herausgeber der Manuductio ad Stoicam Philosophiam (1604) ist, des systematischen Hauptwerkes des Begründers des Neostoizismus, Justus Lipsius. Leider ist es nicht gelungen, französische Kollegen zu engagieren, obwohl sie unter der Leitung von P.-F. Moreau schon den zweiten Band einer Buchreihe unter dem Titel Le retour des philosophies antiques à l’âge classique veröffentlicht haben.
Da es in den vorigen Jahren in Wolfenbüttel schon einen Sommerkurs und ein Arbeitsgespräch über die Wiederbelebung des Epikureismus gab, verstand sich das deutsch-ungarische Arbeitsgespräch als eine Fortführung dieser Tradition, wobei als Bindeglied der junge ungarische Forscher József Simon betrachtet werden konnte, der damals auch am von Winfried Schröder geleiteten Sommerkurs teilnahm.
Thematisch befaßten sich die Beiträge des Arbeitsgesprächs mit verschiedenen Aspekten des Einflusses. Es wurde die Wiederbelebung des als miteinander harmonisierend betrachteten Platonismus-Aristotelismus angeschnitten – Paul Richard Blum, Ulrike Zeuch, Péter Lautner, David Lines –, dem in sich selbst schon facettenreichen Neostoizismus näherte man sich aus verschiedenen Blickwinkeln an – Dietrich Briesemeister, Jan Papy, Jon A. Miller, Gábor Boros, Markus Schmitz. Es war eher eine Folge der Absagen, daß der Skeptizismus und der Atomismus epikureischer Prägung ein wenig in den Hintergrund gerieten; aber immerhin hatten wir einen Überblick über die moralmetaphysischen Probleme, die mit dem Auftauchen atomistischer Grundmuster einhergingen – Catherine Wilson –, Bernd Ludwig lenkte die Aufmerksamkeit auf die epikureische Wende der Vertragstheorie von Hobbes, während der Skeptizismus einerseits als Hinführung zu einem voluntaristischen Gottesbegriff bei Descartes – von Gábor Borbély –, andererseits – von József Simon – als religiöser Skeptizismus als Mitläufer des neuzeitlichen Atheismus betrachtet wurde.
Über die Beiträge hinaus, die zu einzelnen Problemen gemacht wurden, kann vielleicht die Einsicht hervorgehoben werden, die hauptsächlich als eine Folge der regen Diskussionen gewonnen wurde. Es stellte sich nämlich heraus, daß der „Einfluß“ eine sehr fruchtbare Metapher war: Das Auftauchen hellenistischer Strömungen in der Philosophie der frühen Neuzeit ist in den meisten Fällen nicht als etwas Unmittelbares vorzustellen, gleichsam als schöpften die einzelnen Denker Anregungen aus den Werken der hellenistischen Denker. Die Quelle der frühneuzeitlichen Denker waren vielmehr heute fast namenlose Denker der Zwischenzeit, die durch ihre kaum beachteten Interpretationen des ursprünglichen hellenistischen Gedankengutes den „Neuanfang“ der Philosophie im 17. Jahrhundert unbemerkt aber maßgeblich beeinflußten.
Gábor Boros
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
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