AHF-Information Nr. 60 vom 24.9.2001

Deutsch-russische Beziehungen in der Medizin und den Naturwissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts

Symposium des Karl-Sudhoff-Instituts für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften
vom 6. bis 7. Juli 2001 in Leipzig

Im Rahmen des seit 1999 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Bonn) geförderten Projektes zu den „Deutsch-russischen Beziehungen in Medizin und Naturwissenschaften des 18. und 19. Jahr­hunderts“ wurde die nunmehr vierte wissenschaftliche Tagung durchgeführt. Nach einem Sym­posium (März 1999) und einem Workshop (September 1999 im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik) in Leipzig fand die dritte Tagung Ende September/Anfang Oktober 2000 in Lübeck statt. Der Erfolg dieser Veranstaltungen und die zahlreichen noch offenen Fragen auf dem bearbeiteten Gebiet waren Anlass, für Anfang Juli 2001 wieder nach Leipzig einzuladen. Dank der Unterstützung durch die DFG und durch das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst konnten Referenten aus Russland, der Ukraine und dem Baltikum eingeladen werden. Weitere Teilnehmer kamen aus Kanada und Großbritannien. Auch das Interesse der deutschen Fachkollegen war erfreulich groß.

Nachdem die bisherigen Tagungen ein relativ großes Spektrum von Themen behandelt hatten, erfolgte diesmal eine stärkere Konzentration auf die Schwerpunkte „Naturwissenschaftliche Medi­zin im 19. Jahrhundert“ und „Deutsche im Russischen Zarenreich“. Zugleich diente die Zusammen­kunft dazu, in zahlreichen Pausengesprächen und Diskussionen die weitere Zusammenarbeit zu planen.

Das Symposium widmeten wir Prof. Dr. Erik Amburger (Heuchelheim), dem Nestor der genea­logischen Forschungen über Deutsche in Russland. Sein in jahrzehntelanger Arbeit zusammenge­tragenes Material wird am Osteuropa-Institut München als „Datenbank Erik Amburger“ der For­schung zugänglich gemacht. Der erste Vortrag gab daher auch einen profunden Überblick über den Stand der Arbeiten an der Datenbank, die Nutzungsmöglichkeiten und weitere damit verbundene Vorhaben.

Die übrigen Vorträge gruppierten sich um die folgenden Schwerpunkte:

Bedeutende Wissenschaftler, die in Deutschland und Russland wirkten (Justus Christian Loder, Alexander Nicolaus Scherer, Johann Friedrich v. Erdmann, Karl Ernst v. Baer, Carl Schmidt; Deut­sche an der Moskauer und Odessaer Universität),

Beziehungen deutscher Wissenschaftler und Ärzte zu Russland (Carl Gustav Carus, Deutsche als Mitglieder der Kaiserlichen Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg),

Institutionalisierung spezieller Fachgebiete in Russland (Physiologie, physiologische Chemie, pathologische Anatomie und allgemeine Pathologie, Kinderheilkunde, Psychiatrie, Balneologie),

Beziehungen auf dem Gebiet der Pharmazie bzw. des Apothekenwesens (Apotheken und deutsche Apotheker in St. Petersburg und Moskau, Pharmazeutische Gesellschaft zu Riga).

In Ergänzung früherer Untersuchungen zur Entstehung der russischen medizinischen Fachsprache wurden Forschungsergebnisse zur Schaffung der russischen augenärztlichen Fachsprache vortragen, und den Komplex zu medizinischen Institutionen in Russland ergänzte eine Abhandlung über homöopathische Krankenhäuser in St. Petersburg anhand bislang nicht ausgewerteter Archivalien.

Zahlreiche bisher kaum beachtete Aspekte wurden angesprochen, z. B. die Beziehung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, und die sehr lebhaften, z. T. auch kontroversen Diskussionen zeigten, wie viele Fragen noch einer Klärung bedürfen. Ein erfreuliches Ergebnis der Zusammenarbeit besteht darin - und das zeigte sich auch bei dieser Tagung - dass über die russischen Kollegen der Zugang zu Archiven und damit zu bislang unerschlossenen Quellen eröffnet wird. Es konnten wei­tere Vereinbarungen über eine Zusammenarbeit auf definierten Gebieten getroffen werden, und wir hoffen, dass in Anbetracht der bisherigen Ergebnisse auch weiterhin dafür Unterstützung gewährt wird.

Pünktlich am ersten Sitzungstag erhielten die Teilnehmer ein Exemplar des Sammelbandes mit den Ergebnissen der vorangegangenen Tagung im Herbst 2000 in Lübeck (R. Pfrepper; I. Kästner; D. v. Engelhardt [Hgg.]: Von Samuel Gottlieb Gmelins Reise durch Russland bis zum Niedergang der Apothekerfamilie Poehl. Aachen: Shaker Verlag 2001).

Auch die Beiträge dieser Tagung sollen Anfang 2002 gedruckt vorliegen.

Nach den zwei arbeitsreichen Tagen des wissenschaftlichen Programms nahmen die Teilnehmer des Symposiums am Sonnabend, den 7. Juli 2001, an der Verleihung des Dr.-Margarete-Blank-Preises für ausgezeichnete medizin-historische Dissertationen teil. Diesen Preis hatte der Berliner Sinologe Prof. Siegfried Behrsing gestiftet zum Andenken an seine Schwägerin, die von den Nationalsozia­listen 1944 wegen „Wehrkraftzersetzung“ hingerichtete Ärztin Dr. Margarete Blank. Die in Kiew geborene Margarete Blank praktizierte nach dem Medizinstudium in Leipzig als Ärztin in Panitzsch bei Leipzig und verteidigte 1932 ihre bei Henry Ernest Sigerist am Leipziger medizinhistorischen Institut angefertigte Dissertation „Eine Krankengeschichte Herman Boerhaaves und ihre Stellung in der Geschichte der Klinik“. Der Dr.-Margarete-Blank-Preis für das Jahr 2000 wurde an Frau Dr. med. Kristin Zieger verliehen, die bei Prof. Kästner am Sudhoff-Institut eine „magna cum laude“ bewertete Dissertation zum Thema „Die Bedeutung der deutschen Ärztevereine für das wissen­schaftliche Leben, die medizinische Versorgung und soziale Belange der Stadt St. Petersburg“ angefertigt hatte. Die Preisverleihung in der Dr.-Margarete-Blank-Gedenkstätte in Panitzsch war ein würdiger Abschluss der Tagung zu den Wissenschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und dem Russischen Reich.

Ingrid Kästner, Leipzig


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