AHF-Information Nr. 59 vom 20.9.2001

Erinnerungskultur im Bestattungsritual

Archäologisch-Historisches Forum des Instituts zur Interdisziplinären Erforschung
des Mittelalters und seines Nachwirkens
vom 24. bis 27. April 2001 in Paderborn

Der Umgang mit dem Tod ist ein kulturelles Phänomen. In den verschiedensten Wissenschaften hat dieses Thema derzeit Konjunktur. Denn der Tod gehört nicht nur zu den Wesensmerkmalen individueller menschli­cher Existenz sondern er stellt auch die Gemeinschaft der Lebenden vor ein Problem: Wie lässt sich der Verlust eines Mitmenschen bewältigen? Eine entscheidende Rolle spielen hierbei Rituale und Glaubensvorstellungen, die die Auseinandersetzung mit dem Tod erleichtern sollen. Ihre Analyse gestattet je nach Zeit und Region Einblicke in soziale Strukturen.

Die Notwendigkeit interdisziplinärer Herangehensweise liegt bei einem so komplexen Thema klar auf der Hand, zumal wenn der Tod in vergangenen Epochen und Gesellschaften untersucht werden soll. Zu diesem Zweck veranstaltete das neue „Institut zur Interdisziplinären Erforschung des Mittelalters und seines Nachwir­kens“ (IEMAN) an der Universität Paderborn in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe eine internationale Tagung. Auf Einladung von Jörg Jarnut und Matthias Wemhoff kamen Archäologen und Historiker aus Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Österreich und den USA nach Paderborn, um über die „Erinnerungskultur im Bestattungsritual“ zu berichten und zu diskutieren.

Warum Paderborn? Die alte westfälische Bischofsstadt ist zweifellos kein Zentrum für interdisziplinäre Studien zu „Death and Society“, wie sie etwa an der Universität Reading betrieben werden. Die Gründe sind andere: Zum Einen wird in Paderborn seit vielen Jahren eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Archäologen und Historikern gepflegt. Zum Anderen lag das Paderborn des Früh- und Hochmittelalters in Sachsen, wo der älte­ren Forschung zufolge am Ende des 8. Jahrhunderts christliche Franken auf größtenteils heidnische Sachsen trafen. Frühere Tagungen[1] im Vorfeld der Paderborner Karolingerausstellung 1999 („799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit“)[2] haben gezeigt, dass von den Sachsen des 5. Jahrhunderts zur Karolingerzeit nicht mehr viel übrig war: Was seit Karl ‚dem Großen’ als Sachsen bezeichnet wird, waren nach dem archäologischen Be­fund altfränkische, aus Kleinstgruppen entstandene Verbände, die man als westfälisch bezeichnen kann. Ein weiteres Beispiel, wie gewinnbringend ein solches „Archäologisch-Historisches Forum“ ist, wollte die aktuelle Paderborner Tagung geben.

Von archäologischer Seite stellte zunächst Christoph Grünewald (Münster) westfälische Friedhöfe des 5. bis 10. Jahrhunderts vor. Die Vielfalt dort nachgewiesener Bestattungsformen erscheine auf den ersten Blick anar­chisch, könne aber den Schlüssel für eine Besiedlungsgeschichte Westfalens liefern. Wie nachhaltig sich kultu­reller Wandel auf das Bestattungswesen auswirken konnte, zeigte Falko Daim (Wien) am Beispiel der Awaren. Aufgrund des Übergangs von einer Kriegs- zu einer Landwirtschaft hätten sie im 7. Jahrhundert vorübergehend Bestattungssitten entwickelt, die sich nicht länger an byzantinischen Vorbildern orientierten. Auch Anne Peder­sen (Kopenhagen) ging in ihrem Vortrag von einer ganz ähnlichen Beobachtung aus. Die Christianisierung Dänemarks im 10. Jahrhundert habe dazu geführt, dass viele adlige Familien ihre Gräber besonders reich mit Beigaben ausstatteten. Die Betonung der traditionellen Begräbnissitten in einer Zeit kulturellen Wandels deutete Pedersen aber nicht als Ausdruck der Stärke, sondern als Zeichen der Verunsicherung.

Über Grabbräuche in christlicher Zeit referierte Matthias Wemhoff (Paderborn). Anhand westfälischer Beispiele wie Herford, Herzfeld oder Enger verwies er auf die Tendenz, dass sich von 800 an bis ins Hochmit­telalter hinein Kirchengründer häufig nicht am Altar, sondern im Kreuzgang oder im Porticus einer Kirche bestatten ließen. Barbara Scholkmann (Tübingen) plädierte überhaupt für eine verstärkte Erforschung von Gräbern in Kirchen, die lange vernachlässigt worden sei. Sie schlug vor, eine kircheninterne Bestattungsto­pographie zu erstellen und dabei zu klären, warum die Gräber in der Regel nicht zentral im Kirchenraum angelegt wurden.

In einem öffentlichen Abendvortrag skizzierte Dieter Geuenich (Duisburg) von historischer Seite einige Grundlagen des Gebetsgedenkens und der Gebetshilfe im Mittelalter. Dabei war interessant, dass Heilige z. B. über ihren Tod hinaus Rechtspersonen blieben und dass Memorienstiftungen dazu dienten, nicht nur den Men­schen auf Erden, sondern auch dem himmlischen Gott in Erinnerung zu bleiben. Über Konstanz und Wandel von Jenseitsvorstellungen Nordostgalliens berichtete Guy Halsall (London/GB) am Beispiel Trierer Epitaphien. Dabei beschrieb er das Begräbnis als kulturellen Text, der sich an ein Publikum wende, wobei Lage und Beigaben als die Grammatik des Grabes aufgefasst werden könnten. Bonnie Effros (Edwardsville/USA) verfolgte die Entstehung des Verbots von Totenfeiern über den Gräbern der Verstorbenen in der Merowin­gerzeit, was bereits die Kirchenväter abgelehnt hatten. Ein Problem bei solchen Totenfeiern sah sie in der Interpretation der archäologisch nachweisbaren Grabbeigaben.

Mit den kirchenrechtlichen Vorschriften zum frühmittelalterlichen Bestattungswesen befasste sich Wilfried Hartmann (Tübingen). Ambrosius, Augustinus und Gregor der Große hatten in der Bestattung in der Kirche einen Nutzen für das Seelenheil gesehen, doch in der Karolingerzeit setzte man das spätantike Verbot inner­kirchlicher Gräber weitgehend durch. Möglicherweise stand dies im Zusammenhang mit dem Kampf gegen das Eigenkirchenwesen. Wie ein Begräbnis im Kloster aussah, wusste Fredrick S. Paxton (New London/USA) am Beispiel rekonstruierter Consuetudines aus Cluny sehr anschaulich darzustellen. Trat ein Todesfall ein, so wurde der gewöhnliche Tagesablauf des gesamten Konvents unterbrochen: Nach Möglichkeit sollten alle Mön­che am Begräbnisritual teilnehmen. Ein eindrucksvolles Beispiel für den hohen Stellenwert der Memoria im Mittelalter.

Die lebhaften Diskussionen während der Tagung berührten vor allem methodische Aspekte. Im Mittelpunkt stand immer wieder die Frage nach der Aussagekraft der Grabbeigaben. Heinrich Härke (Reading/GB), der seinen Beitrag speziell diesem Thema gewidmet hatte, stellte die verschiedenen Ansätze vor: Grabbeigaben können als Ausstattungsgegenstände für das Jenseits, Geschenke für den Toten, Gaben an ein höheres Wesen, Überreste der Totenfeier und anderes mehr interpretiert werden. Aber sie können auch den Status des Toten anzeigen oder Teil des Potlach sein. Es müsse immer mit einem Komposit verschiedener Deutungsmöglich­keiten gerechnet werden. Und nicht nur das Erinnern, sondern auch das Vergessen spiele hierbei eine wichtige Rolle. Falko Daim betonte ergänzend, dass Beigaben einen semiotischen Zeichenwert hätten, den sie im Lauf der Zeit auch wieder verlieren könnten. Außerdem müsse man zwischen Tracht und Beigabe unterscheiden.

Die Grundlage des Erinnerns sah man im wiederholten Aufsuchen der Grabstätten, die in besonderer Weise als Erinnerungsorte zu gelten haben. Sie stellen einen Gemeinschaftsbezug her und sind in der Regel durch die Nähe zu einem Heiltum gekennzeichnet. Insofern lassen sich Friedhöfe als geschichts- und identitätsstiftende Orte begreifen. Es kristallisierte sich auch heraus, dass die Erinnerung um so stärker war, je repräsentativer Gräber, Beigaben und Totenmähler inszeniert wurden. Die adligen Familien drückten damit oftmals ihren Machtanspruch aus. Orientierungskonflikte in Übergangszeiten haben dabei vermutlich zu besonders intensiver Erinnerung geführt, ebenso wie möglicherweise Katastrophen in sehr lebendiger Erinnerung blieben.

Insgesamt zeigte sich in den Diskussionen der Archäologen und Historiker eine große Bereitschaft zur interdis­ziplinären Zusammenarbeit. Das dürfe aber nicht zu einer bedenkenlosen Übernahme von Ergebnissen aus anderen Wissenschaften führen, wie Irene Mittermeier (Tübingen) in ihrem abschließenden Vortrag betonte. Die geplante Publikation der Vorträge wird sicherlich zu einem wohlbalancierten Ausgleich beitragen, der die Beherrschung der eigenen Methode mit der Offenheit gegenüber fachfremden Perspektiven verbindet – und nichts anderes meint ja ‚interdisziplinär’.

Sascha Käuper, Bonn und Jens Schneider, Paderborn

 

Anmerkungen

[1] Etwa Hans-Jürgen Häßler/Jörg Jarnut/Matthias Wemhoff (Hg.), Sachsen und Franken in Westfalen. Zur Komplexität der ethnischen Deutung und Abgrenzung zweier frühmittelalterlicher Stämme, Paderborner Kolloquium 1997 (Studien zur Sachsenforschung, 12), Oldenburg 1999.

[2] Ausstellungskatalog: Christoph Stiegemann/Matthias Wemhoff (Hg.), 799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Karl der Große und Papst Leo III. in Paderborn, 3 Bde, Mainz 1999.

 


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