AHF-Information Nr. 56 vom 17.9.2001

Kirchliche Reformimpulse des 14./15. Jahrhunderts in Ostmitteleuropa

Arbeitstagung des Instituts für Ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte
vom 30. Juli bis 2. August 2001 in Magdeburg

Das Schlagwort von der „Krise des Spätmittelalters“ und Mißständen in der Kirche zu dieser Zeit ist weit verbreitet. Gab es jedoch auch Anläufe zur Behebung der Krise und Reformbemühungen in der Kirche, bevor das Reformationszeitalter eine Kirchenspaltung brachte? Dieser Frage ging nunmehr das Institut für Ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte e.V. (Sitz Regensburg) mit seiner diesjährigen Arbeitstagung zum Thema „Kirchliche Reformimpulse des 14./15. Jahrhunderts in Ostmitteleuropa“ in Magdeburg vom 30. Juli – 2. August nach.

Rund 50 Teilnehmer aus der Bundesrepublik, Österreich, Tschechien und Polen konnte der 1. Vor­sitzende des Instituts, Msgr. Dr. Paul Mai (Regensburg), im Tagungszentrum des Bistums Magde­burg, dem Roncallihaus, begrüßen. International besetzt war auch das Referentenkollegium, das von Konstanz bis Lublin,von Gießen bis Prag angereist war. Die Moderation der Tagung hatten Archiv­direktor i.R. Prof. Dr. Franz Machilek (Bamberg) und Prof. Dr. Winfried Eberhard, Leiter des Geisteswissenschaftlichen Zentrums (Leipzig) übernommen.

Machilek belegte in seiner quellenfundierten Einführung in die Thematik der Tagung mit zahlrei­chen Autorenzitaten, daß es ein ausgeprägtes Bewußtsein zur „Reform an Haupt und Gliedern“ in der Kirche bereits zu Zeiten des Konstanzer Konzils (1414-1418) gab. Der anonyme Autor einer Königsberger Handschrift beispielsweise forderte angesichts dreier sich bekämpfender Päpste die Überwindung des Hauptübels dieser Zeit, des Schismas, darüber hinaus aber eine Beseitigung ein­gerissener Mißstände, angefangenen beim Fiskalismus des Papsttums bis zur Pflichtvergessenheit der Laien bei Fasten- und Abstinenzvorschriften.

Die große Bandbreite tatsächlich aufgetretener Reformbemühungen des 14. und 15. Jahrhunderts suchte die Tagung durch Bildung von vier Themenkreisen in den Griff zu bekommen. Ein erster Komplex umfaßte „Bischöfe und Reformen der Kirchenorganisation“. Daß auch Bischöfe eine gezielte Verbesserung der kirchlichen Verhältnisse in ihrem Verantwortungsbereich anstrebten, zeigten mehrere Referenten auf. Einen weitgespannten Hintergrund für Böhmen lieferte Prof. Dr. Zdênka Hledíková (Prag) mit ihrem Vortrag „Strukturelle Reformen der Prager Erzbischöfe im 14. Jahrhundert: Geistlichkeit, Bistumsverwaltung, Reform“ Die Prager Erzbischöfe gingen dem­nach mit dem Doppelinstrument der Schaffung neuer Behörden (Offizialat, Generalvikariat, Cor­rektor Cleri = Visitator und Strafrichter der Geistlichkeit) und der Abhaltung von Provinzial- und Diözesansynoden für ihre Epoche wegweisend vor, um eine Versorgung ihrer Gläubigen mit einem pflichtbewußten, sittlich möglichst untadeligen Klerus zur Norm zu machen. Das Musterbeispiel eines reformbewußten Bischofs führte Hochschuldozent Dr. habil. Thomas Wünsch (Konstanz) vor: „Der Krakauer Bischof Petrus Wysz (1392-1414)“, Vertreter Polens auf dem Konzil von Pisa 1409, hatte mit seiner Schrift „De reformatione ecclesiae“ ein eigenes Reformprogramm auf dem Pisaner Konzil vorgelegt, das den Konziliarismusgedanken mit der Forderung nach Abhaltung von Konzilien alle 15 Jahre favorisierte und die Stellung der Bischöfe insgesamt stärken wollte. Auf den Zusammenhang von Reform und Bildung machte Prof. Dr. Alfred A. Strnad (Innsbruck) aufmerk­sam: „Die Erneuerung von Bildung und Erziehung durch Humanistenbischöfe in Mähren, Schlesien und Ungarn“. Im ausgehenden 15. Jahrhundert sei die Promotion oder das Lizentiat in Kirchenrecht Voraussetzung für die Übernahme einer Kanonikerstelle geworden. Humanistische Gelehrsamkeit war im Ansatz der Versuch, die Quellen des Christentums in ihrer Ursprache lesen zu können. Her­ausragende humanistische Vertreter auf Bischöfsstühlen waren beispielsweise die Breslauer Bischöfe Johannes IV. Roth (1482-1506) und Johannes V. Thurzó (1506-1520), die Olmützer Bischöfe Protasius (Tas) von Boskowitz und Černohora (1457-1482) und Stanislaus Thurzó de Béthlenfalva (1497-1540), der Graner Erzbischof János Vitéz der Ältere (+1472). Eine Universität als Keimzelle des Reformdenkens im Sinne des Konziliarismus entwickelte sich speziell auch mit der 1397 im Kontext der Litauenmission zur Heranbildung von Missionspriestern gegründeten Theologischen Fakultät der Universität Krakau. Hedwig von Anjou, Gemahlin des litauischen Großfürsten und polnischen Königs Jagiełło, war die Initiatorin dieser Gründung, wie Prof. Dr. Urszula Borkowska (Lublin)in ihrem Vortrag „Die Organisation und Spiritualität der Litauenmis­sion in Polen“ aufwies.

Dem Phänomen „Spiritualität: Intensivierung und Intensionen“, der Wurzel einer starken Erneue­rungskraft im Spätmittelalter, waren als zweitem Themenkreis drei weitere Vorträge zugeordnet: Pavlina Rychterova (Konstanz/Prag) betrachtete „Die ‚böhmische Devotio moderna‘ vom Ma­logranatum bis Johann von Jenstein“. Bei der „Devotio moderna“ als Ausdruck einer individuellen Religiosität besonders bei Laien konzentrierte sich Rychterova vor allem auf die religiöse Frauen­bewegung Böhmens und betonte, daß diese im Unterschied zu West- und Nordeuropa keine volks­sprachlichen Werke hervorgebracht und keine größere Öffentlichkeitswirkung erzielt habe. Der südböhmische Adelige Thomas von Stitny habe bei der Übersetzung der Werke der Birgitta von Schweden deren Kirchenkritik bewußt weggelassen. Wie aber stand es mit dem spirituellen Gehalt der Predigten Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts? Bei der Untersuchung der „Reform- und Bußprediger in Prag von Konrad Waldhauser bis Jan Hus“ durch Prof. Dr. Jana Nechutova (Brünn) – der Vortrag wurde wegen Verhinderung der Referentin durch ihren Assistenten Pavel Černuska verlesen – schälte sich heraus, daß die Prediger häufig unter Verwendung der biblischen Bilder vom „guten und schlechten Hirten“, der „Schafe und Wölfe“, weniger eine moralische Ermahnung der Gläubigen, als vor allem ein Leitbild für einen verantwortungsvollen Priesterstand geben wollten. Allerdings scheint hier die Untersuchungsbasis allzu eng auf wenige „Topoi“ ange­setzt gewesen zu sein, denn die zweifellos auch vorhandene Kirchenkritik – etwa eines Jan Hus – kam hier nicht in den Blick.. „Liturgische Reformbemühungen der Prager Domherren in nachhus­sitischer Zeit“ beleuchtete Prof. Dr. Katherine Walsh (Salzburg-Innsbruck), vor allem anhand von Prager Missaledrucken der Jahre 1489 bis 1508. Erklärte Absicht der Prager Domherren, die seit 1420 als Administratoren für den verwaisten Prager Erzbischöflichen Stuhl wirkten, war es – laut Walsh -, mit diesen liturgischen Drucken den hussitischen Sonderweg zu verlassen und Prag wie auch das Königreich Böhmen wieder in den Schoß der Gesamtkirche zurückzuführen.

Der dritte Themenkreis der Tagung wandte sich den „Ordens- und Klosterreformbewegungen“ zu. Dr. Andreas Rüther (Gießen) stellte „Die Reformkonzeptionen der Augustinerchorherren in Böhmen, Schlesien und Polen“, insbesondere anhand der Stifte Breslau am Sand, Sagan, Glatz, Raudnitz, Ölmütz und der Prager Neustadt vor. Rüther legte Wert auf die Beobachtung, daß bezüg­lich der Augustinerchorherren aus dem „Nehmerland Böhmen“ durch die Raudnitzer Reform „ein Geberland Böhmen“, mit Ausstrahlung nach Westen und Süden wurde. „Die Franziskanerobser­vanten zwischen der böhmischen und europäischen Reformation“ behandelte Magister Petr Hlavaček (Leipzig/Prag):Er wertetederen Wirken als einen Beitrag zum religiösen Nonkonfor­mismus in Ostmitteleuropa an der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert. Denn trotz energischer Bekehrungsversuche der hussitischen „Ketzer“ seitens der Franziskaner –Observanten, beginnend mit Johannes Kapistran1451-1454, neigte ein Teil der böhmischen Franziskaner-Observanten anschließend aus der Tradition der franziskanischen Spiritualität den böhmischen Utraquisten zu.

Ein vierter Themenkreis „Systemsprengende Reformen“ war Jan Hus und dem Hussitismus gewid­met. Prof. Dr. František Šmahel (Prag) umriß schlaglichtartig „Das Programm der hussitischen Reformation“. Hus‘ Forderungen von 1413 nach Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes und der Ablehnung der Ordnung des Antichrist seien durch ihre theologischen Implikationen, verbunden mit der Kritik an konkreten Mißständen in der Kirche, systemsprengend geworden. Nach Hus‘ Verbrennung in Konstanz 1415 formulierten seine Anhänger die wyclifitisch-hussitische Lehre 1420 in vier Artikeln als Magna Charta der böhmischen Reformation: 1. Freiheit des göttlichen Wortes; 2. Abendmahl für Laien unter beiderlei Gestalt; 3. Arme Kirche ohne weltliche Macht; 4. Bestrafung der öffentlichen Sünden. „Hussitische Bildpropaganda“ führte Dozent Dr. Jan Royt (Prag) in einem Diavortrag vor. Die radikale Partei der Taboriten habe – obwohl theoretisch gegen Bilder eingestellt – Bilder als Instrumente der ideologischen Propaganda eingesetzt: So seien Anhänger des Nikolaus von Prag mit dem antithetischen Bilderpaar „apostolische Kirche“ (=hussitische Kirche) / „verdorbene Hure“ (=katholische Kirche) durch die Straßen Prags gezogen. Im kultischen Raum oder auch in Handschriften – z.B. der sog. Martinizbibel oder dem Jenenser und Göttinger Kodex der Prager Nationalbibliothek) sei Hus schon sehr bald als Märtyrer oder Heiliger dargestellt worden.

In der abschließenden Generaldiskussion wurde als Ergebnis der Tagung festgehalten: Es gab durchaus ein Bewußtsein der Reformnotwendigkeit kirchlicher Zustände im 14. und 15. Jahrhundert auch in Ostmitteleuropa. Die Ansätze auf verschiedenen Ebenen – Diözesanverwaltung, Predigtpra­xis, Bischöfe, religiöse Orden, Laienfrömmigkeit, Universitätsbereich etc. - sind überraschend viel­fältig. Die Umsetzung der Reformeinsicht in die Praxis gelang allerdings nur streckenweise und ungenügend. Prof. Eberhard vertrat als Tagungsmoderator die These, daß kritische Reformforde­rung und Reform sich vor allem in Böhmen konzentriert hätten, wo mit der Metropole Prag und der Universität auch eine höhere Intellektualisierung für die Wahrnehmung der Krise vorhanden gewe­sen sei. In Böhmen hätten Reformer wie Hus eine erste Reformation vorbereitet und seien damit zu Vorgängern für die Reformation des 16. Jahrhunderts in Mitteleuropa geworden. – Ein Stadtrund­gang in Magdeburg und eine Exkursion nach Halberstadt und Quedlinburg rundeten diese Tagung ab, die nach Einschätzung der Tagungsteilnehmer frühere Institutstagungen – etwa über die Refor­mationszeit – in einer wichtigen Epoche ergänzte.

Dr. Werner Chrobak


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