AHF-Information Nr. 53 vom 13.9.2001
Im ersten Jahr des neuen Jahrtausend fand das 17. Bayreuther Historische Kolloquium statt, das zum ersten Mal von den Historikern und Theologen der Universität Bayreuth unter der Leitung des Historikers Prof. Dr. Jörg A. Schlumberger und des evangelischen Religionspädagogen Prof. Dr. Dr. Werner H. Ritter gemeinsam getragen und organisiert wurde. Im Zentrum der Tagung stand die Frage nach den verschiedenen Bestimmungen und Erscheinungsformen des Bösen in der Geschichte. „Geschichte“ ist hier in einem umfassenden Sinne zu verstehen, da sich die Beiträge und Überlegungen sowohl zeitlich vom altorientalischen Kanaan bis hin zu der zeitgenössischen literarischen Figur eines Harry Potter als auch räumlich von Deutschland bis in die ferne Südsee erstreckten. Dabei war das Kolloquium geprägt von seiner interdisziplinären Ausrichtung, da hier neben Historikern evangelische und katholische Theologen, Ethnologen und Psychologen ihre Forschungsergebnisse zur Diskussion stellten.
Das Kolloquium wurde eröffnet durch den Neutestamentler Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Bayreuth) mit dem Thema „Euer Widersacher: Der Teufel. Frühchristliche Konzeptualisierung des Bösen am Beispiel des 1. Petrus-Briefes“. Er stellte heraus, daß sich im 1. Petrusbrief beispielhaft die Vielfalt der biblischen Rede über das Böse zeige, die nicht auf einen einheitlichen Begriff verengt werden dürfe. Zudem könne das Böse auch nicht einfach mit dem Bösen, dem Teufel, identifiziert werden, da vom Bösen in der Bibel häufig ohne Bezug auf den Teufel die Rede sei. Zwar ließe sich im Frühjudentum eine Entwicklung des Teufels vom Werkzeug Gottes zum Widersacher erkennen, ohne dass er allerdings ganz selbständig würde, im Neuen Testament zeige sich aber eine generelle Zurückhaltung gegenüber dem Teufel. So werde er in konkreten Erfahrungen gesehen, nicht aber zu einer allgemeinen Erklärung des Bösen. Grundsätzlich sei festzuhalten, daß es sich beim Bösen in der Bibel um keine eigenständige Größe handele, sondern diese als immer durch Gott eingegrenzt zu denken sei. Insofern Leben als mit Gott verbundene, relationale Existenz bestimmt werde, sei das Böse das, was sich gegen diese Gemeinschaft richte, der „Drang in die Verhältnislosigkeit“ (Eberhard Jüngel).
Der Altphilologe und Patristiker Prof. Dr. Edgar Früchtel (München) ging in seinem Beitrag „Einige Beobachtungen zur Geschichte der augustinischen Erbsündenlehre als dem im Christen zu überwindenden Prinzip des Bösen“ von der philosophischen Erkenntnis aus, daß der Mensch nicht so ist, wie er sein sollte, und gab einen Überblick über philosophische Positionen zur Frage des Bösen von der jüdischen Vorstellung des Bösen bis hin zu Augustins Lehre von der Erbsünde. In der jüdischen Vorstellung sei das Böse verbunden mit dem Mythos der Schöpfung, in dem vom Verlust des Paradieses erzählt werde. Dieser Mythos zeige Spuren einer dualistischen Weltsicht, das Böse werde zu dem Bösen, das „Warum“ zur Frage des „Woher“. Dies zeige sich auch in der Erzählung vom Sturz der Engel. Im griechischen Denken sei das Böse nicht eine sittliche Verfehlung, sondern die Verfehlung des von den Göttern gesetzten Zieles, die damit auch für Gutes wie Böses verantwortlich würden. Für Augustin bestehe das Böse in der Loslösung des Menschen von seinem Urgrund und beinhalte eine falsche Selbsterhöhung. Die Aufgabe für den Menschen wäre deshalb, für die Wahrheit der menschlichen Existenz zu „erwachen“ und die Verantwortung zu übernehmen, die in der Potenz des Menschen begründet sei.
Der Ethnologe Prof. Dr. Thomas Bargatzky (Bayreuth) ging in seinem Vortrag „Peccatum actuale und peccatum essentiale. Ein ethnologischer Versuch zur Erklärung der Entstehung der Vorstellung von Seinssünde“ von der traditionellen Unterscheidung von Tatsünde und Seinssünde aus, wobei aber die Seinssünde nicht einfach dem Bereich der Hochkultur und die Tatsünde dem außer-hochkulturlichen Bereich zugeordnet werden könnten. Vielmehr sei auch beispielsweise in „urproduktiven“ Gesellschaften mit Motiven zu rechnen, die der Seinssünde zuzurechnen sind. Im Vergleich zur Tatsünde sei die Seinssünde abstrakter und weniger mythisch als vielmehr philosophisch. Bargatzky verwies auf die interessante Beobachtung, dass das historische Verbreitungsgebiet der Vorstellung der Seinssünde offenbar mit dem Gebiet zusammenfiele, in dem die monetäre Tauschwirtschaft verbreitet war (von Hellas bis in den fernen Osten). Offenbar ermögliche erst die grundsätzlich unbegrenzte Geldwirtschaft ein grenzenloses Ausgreifen und das Überwinden des Relationalen und eröffne damit ein abstrakteres und philosophisches Denken, in dem auch die Seinssünde ihren Platz habe. Dabei sei die Geldwirtschaft zwar nicht kausal, sie schaffe aber die Bedingungen, in denen sich derartige Ausdrucksmöglichkeiten entfalten könnten.
Seine Überlegungen zum Thema „Der Ursprung des Bösen – neue Evidenzen aus Afrika, Kanaan und Israel“ stellte der Afrikahistoriker Prof. Dr. Dierk Lange (Bayreuth) vor. Dabei ging er von einem neuen Bild der Entwicklung Afrikas aus, das gegen einen post-kolonialen Afrikazentrismus mit der Einwirkung von bedeutsamen Einflüssen von außerhalb Afrikas rechnet. Lange stellte seine These zur Diskussion, daß ursprünglich aus dem altorientalischen Kanaan stammende Vorstellungen eines kultischen Chaoskampfes bis weit nach Nord- und Schwarzafrika hineingewirkt haben. So zeige das in Kanaan und in den ältesten Schichten Israels aufzuweisende Motiv einer kultdramatischen Neuinszenierung eines Chaoskampfes zweier Kultparteien, wie sie noch heute in Afrika als Tradition des Chaoskampfes zwischen verschiedenen Göttern beispielsweise bei dem Stamm der Yoruba zu beobachten sei, noch keine deutliche Unterscheidung und Zuordnung von Gut und Böse. Erst im Verlauf des sich in Israel durchsetzenden Monotheismus sei der Anführer der einen Kultpartei zum Teufel als der Verkörperung des Bösen geworden.
Über die Entstehung der mittelalterlichen Vorstellungen von „Ketzern und Hexen“ als den „Agenten des Bösen“ berichtete der Historiker Prof. Dr. Peter Segl (Bayreuth). Er betonte dabei den Zusammenhang mit den Ketzerbestimmungen der Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten, der prägend für den mittelalterlichen Umgang mit Ketzern geworden sei: Insofern als der Teufel, dessen Macht erst mit der Wiederkunft Christi endgültig gebrochen werde, die Ketzer im Kampf gegen die Kirche anführe, ginge es in der Ketzerfrage um den Kampf zwischen Gut und Böse, und die Ketzer seien dementsprechend als Agenten des Bösen gesehen worden. Segl zeigte an mehreren mittelalterlichen Texten wie beispielsweise dem Dekret von Papst Gregor IX. über die Ketzer in Deutschland von 1233 auf, wie sich die Beschreibungen und Charakterisierungen dieser „Agenten des Bösen“ und ihrer Riten im Laufe des Mittelalters immer weiter konkretisierten und verfestigten. Demnach könne es als plausibel gelten, dass die im 14. Jahrhundert einsetzende Verbindung dieser Charakterisierungen mit volkstümlichen Vorstellungen in Verbindung mit einer Frauenfeindlichkeit einen entscheidenden Beitrag zur Hexenverfolgung geleistet habe.
Unter dem Titel „Conciliabulum papistarum – concilium antichristi“ zeichnete der Historiker Dr. Thomas Brockmann (Bayreuth) das „Bild des päpstlichen Konzils in der deutschen protestantischen Publizistik in den Jahren 1533–1563“ nach. Obwohl das Konzil ursprünglich den Konflikt zwischen den Parteien lösen sollte, sei es bald selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung geworden. Die protestantische Publizistik habe das Konzil mit verschiedenen Argumenten abgelehnt, die über die protestantische Position in der Sache hinausgegangen wären. Brockmann stellte als zentrale Kritikpunkte einerseits die reichsrechtliche Argumentation mit dem Rekurs auf allgemein anerkannte Verfahrensgrundsätze wie beispielsweise Parteilichkeit heraus. Zum anderen sei das Konzil als ein Werkzeug des Bösen charakterisiert und der Sphäre des Bösen zugeordnet und besonders nach dem Beginn des Konzils von Trient (1546) als Geselle des Bösen bzw. als Antichrist gezeichnet worden.
Mit der Problematik des Verhältnisses des Bösen in unterschiedlichen Kulturen der Kolonialzeit befaßte sich der Historiker Prof. Dr. Hermann J. Hiery (Bayreuth) unter dem Thema „Neuguinea, das ‚Böse’ und die Deutschen“. Er berichtete von den ständigen blutigen Auseinandersetzungen der Melanesier und ihren Praktiken, Frauen, Kinder, Alte, Kranke oder Witwen offenbar ohne jedes Mitleid zu töten, die den Europäern als tiefste Barbarei erschienen seien. Im melanesischen Denken gäbe es aber keine dem europäischen Denken vergleichbare prinzipielle Unterscheidung von Gut und Böse. Vielmehr sei das Böse immer personal gedacht, wobei das Eigene, beispielsweise die eigene Gruppe, als gut, das Fremde als böse angesehen werde. Hiery verdeutlichte dies an der Entwicklung der christlichen Mission in Melanesien: Da der Schutz vor dem gegenwärtigen Bösen eine zentrale Bedeutung im Leben der Melanesier einnähme, sei die Mission erst dann erfolgreich gewesen, als sie, statt den Melanesiern die nicht vermittelbare Sündenerkenntnis zu predigen, die christliche Religion als den Schutz vor dem Bösen bzw. Fremden verkündet habe, den eine erweiterte Gruppe bzw. Gemeinschaft (der Christen) bieten konnte.
Einen Höhepunkt des Kolloquiums stellte der öffentliche Vortrag des renommierten, vormals Bochumer Zeithistorikers Prof. Dr. Hans Mommsen (Feldafing) unter dem Titel „Der Verlust der moralischen Dimension im nationalsozialistischen Gewaltsystem“ dar. Der ausgewiesene Fachmann für die Geschichte des Nationalsozialismus kam vorweg zu der Feststellung, dass sich der Begriff des Bösen zwar dem Instrumentarium des Historikers entziehe, er sich aber der Frage nach den Ursachen für das Schwinden moralischer Normen unter dem Nationalsozialismus stellen müsse. Dabei wurde die Problematik deutlich, die sich durch das Ausmaß der nationalsozialistischen Greueltaten sowohl der historischen Beurteilung als auch dem menschlichen Begreifen stellt. Mommsen zeichnete einen zunehmenden Verfall der gesellschaftlichen Moral in der Zeit des Nationalsozialismus bis hin zu einer „Atomisierung der Moral“ nach. Der Nürnberger Gerichtshof habe zurecht den verbrecherischen Charakter des gesamten nationalsozialistischen Systems über individuelle Greueltaten hinaus zur kriminellen Kategorie gemacht, die neben dem Holocaust auch den vielfachen Mord an russischen Kriegsgefangenen, Behinderten und Regimegegnern umfaßte. Zwar sei ein extremer Antisemitismus nur vor einer Minderheit der NSDAP-Mitglieder geteilt worden, aber die auf die Judenfrage umgeleitete sozialrevolutionäre Energie, die auf eine fortwährende Revolutionierung der NSDAP hinzielte, habe schließlich eine nicht mehr beherrschbare Eigendynamik entwickelt, die endgültige Lösungen propagierte und schließlich – begünstigt noch durch die Kriegssituation – auf deren Realisierung drängte.
Die Ergebnisse eigener empirischer Untersuchungen zum Thema „Gut und Böse in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen“ stellte die Psychologin und Soziologin Prof. Dr. Gertrud Nunner-Winkler (München) vor. Sie ging von der Beobachtung aus, dass das Wort „böse“ heute von Kindern bereits ab dem 6. Lebensjahr kaum mehr verwendet wird, da es mit Negativem verbunden bzw. religiös konnotiert sei. Das moderne Moralverständnis betone dagegen die Unterscheidung von Gut und Schlecht; so sei beispielsweise die Homosexualität von einer Frage der Moral zu einer Frage des guten Lebens geworden. Mit dem Alter von etwa 6 Jahren hätten fast alle Kinder das moralische Wissen erworben; danach werde das Verständnis im Hinblick auf die differenzierte Anwendung dieses Wissens entwickelt. Im Vergleich zu früher habe sich die Struktur der moralischen Argumentation erweitert und ausdifferenziert: Während früher bzw. in Gruppen älterer Menschen mit der unbedingten Geltung moralischer Regeln argumentiert worden sei, so werde heute bzw. bei jüngeren Menschen autoritätsunabhängig und mit Hilfe verschiedener Kriterien in differenzierter Weise argumentiert. Dies ließe sich auch als Entwicklung von einer Gesinnungs- zu einer Verantwortungsethik beschreiben.
Über „Das Böse ist immer und überall.“ Praktisch-theologische Beobachtungen zum Vorkommen des Bösen in der populären Kultur“ referierte der evangelische Religionspädagoge Prof. Dr. Dr. Werner H. Ritter (Bayreuth). In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts habe die Theologie weitgehend „Abschied vom Teufel“ genommen, allenfalls sei noch „das Böse“, überwiegend humanwissenschaftlich verstanden, behandelt worden. Erst in den 90er Jahren lasse sich eine erneute theologische Beschäftigung mit dem Bösen beobachten, vor allem über die Reflektion der modernen Popularkultur, in der seit den 70er Jahren verstärkt der und das Böse thematisiert und inszeniert wurden. Ritter zeigte an den Beispielen der Harry-Potter-Romane und des Endzeitfilms „End of Days“ auf, dass das Böse in der gegenwärtigen populären Kultur eine immer wichtigere Rolle spielt und deutete dies als eine Konsequenz der Abkehr von Kirche und Theologie vom Bösen. Die moderne Popularkultur biete damit Sinnzuschreibungen und Sinnstiftung; diese Kultur müsse von der Theologie als eine „Kultur der Leute“ ernstgenommen werden, und das Christentum sollte sich als ein Teil dieser Popularkultur verstehen.
Der katholische Religionspädagoge Prof. Dr. Dr. Robert Ebner (Bayreuth) berichtete in seinem Beitrag über „Das Böse und der Böse in den neuen evangelischen und katholischen Katechismen“. Zunächst ging er auf die unterschiedliche Bedeutung der Katechismen in beiden Kirchen ein, die in der katholischen Kirche mehr auf der lehramtlichen Darlegung des Glaubens liege. In der Reformationszeit habe es in Bezug auf den Teufel kaum Unterschiede gegeben: Alles Böse käme vom Teufel, dessen personale Existenz unbestritten war, von dem allein Gott den Menschen erlösen könne. In der Moderne habe es dann einen „leisen Abschied“ vom Teufel gegeben, während die katholischen Katechismen in den letzten Jahrzehnten (Katholischer Erwachsenenkatechismus, Weltkatechismus) wieder deutlicher von ihm redeten. Gemeinsam sei aber den neuen evangelischen wie katholischen Katechismen, dass im Zentrum des Christentums nicht die Rede von „der“ oder „das“ Böse stünde, sondern die Gottesherrschaft.
„Das theologische Interesse an der Sünde am Beispiel Werner Elerts“ untersuchte der evangelische systematische Theologe Prof. Dr. Wolfgang Schoberth (Bayreuth). Er betonte, dass es Aufgabe der systematischen Theologie sei, eine Reflexion der Grundlagen des Glaubens zu leisten. Hier könne eine Untersuchung der Überlegungen des Erlanger Theologen Elert (1885-1954) zur Sünde gegenwärtige Fragestellungen deutlich werden lassen. Elert versuche, dem skeptischen Zeitgenossen nachzuweisen, dass er Sünder sei, um ihn damit bereit zu machen für das Evangelium. Dabei betone er das Gesetz, um die gesamte, gute wie böse, Lebenswirklichkeit als eine durch Gott bestimmte wahrzunehmen. Da die Sünde unvermeidlich sei, wäre das gebotene Tun die Erfüllung der sich in der Welt verwirklichenden göttlichen Ordnungen. Gegenüber diesen Überlegungen Elerts hob Schoberth hervor, dass Sünde ein theologischer Begriff sei, der nicht allgemein, außerchristlich verständlich wäre. Ebenso wäre Verzweiflung nicht ohne weiteres mit der Verzweiflung vor Gott gleichzusetzen. Gegen Elert lasse sich die Sünde nicht durch das Gesetz Gottes, sondern erst von der Vergebung Gottes her erkennen. Das christliche Sündenverständnis ziele auf eine Verwandlung der Existenz und nicht auf dessen Bewertung. Schließlich könne der Rekurs auf die Ordnungen nicht genügen, sondern den Christen seien die Aufgaben der Unterscheidung und Prüfung aufgegeben.
Zum Abschluß zog der katholische Fundamentaltheologe Prof. Dr. Wolfgang Klausnitzer (Bamberg) anstelle einer Schlußdiskussion eine vorläufige Bilanz des Kolloquiums. Er stellte hinsichtlich des Wortes „böse“ fest, dass mit diesem Wort Verschiedenes bezeichnet werden kann: So könne „böse“ sowohl im allgemeinsprachlichen Sinne von „übel“ verwendet werden als auch der religiösen Sprache angehören. Demgegenüber sei der Begriff „das Böse“ deutlich religiös konnotiert und stehe in enger Verbindung mit dem Begriff der Sünde. Als eine Konsequenz sollte bei Verwendung des Wortes „böse“ der jeweilige Deutungszusammenhang mit angegeben werden. Im Rückblick auf das Kolloquium kristallisierten sich für Klausnitzer hinsichtlich der Thematik des Bösen drei verschiedene Problemfelder heraus, die der intensiven weiteren Erforschung bedürfen: Erstens sei dies die Fragestellung im Hinblick auf die Entstehung bzw. die Konzeption des Bösen als eines widergöttlichen Prinzips im Rahmen des jüdisch-christlichen Kontextes. Er wies darauf hin, dass Gut und Böse in allen drei Religionen, die sich auf Abraham zurückbeziehen, nie in einer dualistischen Weise gegenübergestellt worden seien. Zweitens sei hier die besonders ethnologisch und historisch, aber auch religionswissenschaftlich und theologisch-ethisch zu bearbeitende Fragestellung zu nennen, wie wir mit den Menschen umgehen, die andere moralische Vorstellungen als unsere eigenen besitzen. Hier wäre beispielsweise zu untersuchen, ob und inwieweit es ein gemeinsames Ethos aller Menschen gibt, oder aber, ob die Grenze zwischen Gut und Böse nicht auch innerhalb einer Gruppe oder innerhalb eines Menschen verläuft, wie es das lutherische simul iustus et peccator bestimmt. Und drittens sei dies die grundsätzliche religionswissenschaftlich, theologisch-ethisch oder soziologisch näher zu untersuchende Frage, was das Böse eigentlich ist, das heißt, was zurecht als „das Böse“ zu beschreiben sein könne. Ansatz zu weiterer Diskussionen wäre hier das christliche Verständnis der Sünde als der Verlust der relationalen Existenz.
Die Beiträge des Kolloquiums und ein Diskussionsbericht werden als Band 16 der „Bayreuther historischen Kolloquien“ im Verlag J.H. Röll, Dettelbach veröffentlicht werden.
Dr. Guy M. Clicqué (Bayreuth)
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