-Information Nr. 51 vom 12.9.2001

Lebensstile und Gruppenidentitäten in Sowjetrußland
während der Neuen Ökonomischen Politik

Tagung an der Universität der Bundeswehr Hamburg
vom 19. bis 20. Januar 2001

Die 1920er Jahre in Sowjetrußland waren als Folge von Revolution und Krieg einerseits gekennzeichnet durch einen Zusammenbruch überkommener Strukturen und andererseits durch eine krisenhafte Neuordnung der städtischen Gesellschaft. Die Erforschung dieser vielfältigen städtischen Lebenswelten bleibt bis heute in weiten Teilen ein Forschungsdesiderat. Dies war der Anlaß, am Lehrstuhl für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung Mittel- und Osteuropas der Universität der Bundeswehr Hamburg eine Tagung zu veranstalten, die einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke leisten und zugleich neue Aspekte in die wissenschaftliche Diskussion einbringen sollte. Dazu wurden Referentinnen und Refe­renten eingeladen, ihre Ergebnisse aus laufenden oder jüngst abgeschlossenen Arbeiten vorzutragen. Die Vorträge waren fünf Sektionen zugeordnet: Individuum und politischer Kontext; Fabrikarbeit und Alltag; Städtische Lebensräume: Wohnen und Freizeit; Jugend; Herrschaft und Peripherie. Nahezu alle Beiträge beruhten auf intensiven Archivstudien. Die Tagung wurde von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert.

In der Einführung von Nikolaus Katzer (Hamburg) wurden einige Leitfragen formuliert, die den Diskussi­onsrahmen absteckten. So war es ein vorrangiges Ziel der Tagung, zunächst unterschiedliche Lebensräume oder Gruppen im städtischen Umfeld Sowjetrußlands in den 1920er Jahren unter die Lupe zu nehmen. Auf der Basis dieser Mikrostudien sollte die Komplexität der Beziehungen, Konflikte und Machtverhältnisse innerhalb der frühsowjetischen Gesellschaft und ihrer vielfältigen Segmente ausgelotet werden. Insofern gehörte es auch zu den Anliegen der Diskussion, die Bedeutung von Herrschaft in der NEP-Gesellschaft zu untersuchen, d.h. zu fragen, auf welche Weise Herrschaftsausübung durch die Bolschewiki von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen rezipiert, internalisiert und instrumentalisiert wurde.

Um eine sinnvolle Synthese der Beiträge zu gewährleisten, wurden von den Veranstaltern als gemeinsame Analysekategorien die Begriffe Lebensstile und Gruppenidentitäten vorgeschlagen. Das vor allem von Pierre Bourdieu zur Beschreibung kapitalistischer Gesellschaften entwickelte Konzept der Lebensstile sollte dahin­gehend überprüft werden, ob es auch auf die komplexe russische bzw. sowjetische Gesellschaft der 1920er Jahre produktiv anwendbar ist. Den Veranstaltern erschien das Konzept deswegen sinnvoll, da es ermöglicht, auf empirischer Grundlage „die feinen Unterschiede“ der städtischen Milieus in ihrer identitätsstiftenden Funktion zu beschreiben. Soziale Kategorien wie z.B. Klasse, die in der Vergangenheit vielfach das begriff­liche Repertoire der Sowjetunion-Historiker bildeten, wurden abgelehnt, da sie keine analytischen, sondern politische Kategorien des zeitgenössischen Diskurses darstellen, die nicht durch den empirischen Befund gestützt werden können.

Der Vortrag von Daniela Tschudi (Basel) zeigte am Beispiel eines Nachbarschaftskonflikts mit Gewaltan­wendung in einem Randbezirk von Smolensk, daß der im offiziellen Sprachgebrauch übliche Terminus zur Beschreibung delinquenten Verhaltens „Hooliganism“ (chuliganstvo) den Bewohnern der Provinz nicht nur bekannt war, sondern von den Tatbeteiligten geschickt genutzt wurde, um den eigenen Handlungsspielraum in dem Streit zu erweitern. Maßgeblich war nicht die Bedeutung, die der Begriff im öffentlichen Diskurs hatte, sondern der Inhalt, der ihm individuell bei Bedarf und mit offenkundig hoher Signalwirkung gegeben werden konnte. In etwas anderer Weise beschäftigte sich Monica Wellmann (Marburg) mit dem Wechsel­verhältnis zwischen der Lebenswelt der Hooligans (chuligany) und den Behörden. Demnach waren sich die Beschuldigten ihres abweichenden Verhaltens häufig gar nicht bewusst, sondern reagierten mit Unverständ­nis auf Vorwürfe und Anklagen. Nach ihrem Selbstverständnis verhielten sie sich durchaus angemessen, wenn sie gegen eine rivalisierende Gruppe von Jugendlichen kämpften. Allerdings machten auch sie sich den von außen an sie herangetragenen Begriff zu eigen, indem sie sich nun bewußt mit dem Lebensstil eines Hooligans identifizierten.

Immer wieder kehrte die Diskussion der Tagung zu diesen Nahtstellen zwischen Regime-Ebene und indivi­dueller Lebensweise bzw. Gruppenidentität zurück. Thomas Reißer (Bochum) hatte im ersten Referat vor­geschlagen, zwischen „modernen“ und „traditionellen“ Elementen der gesellschaftlichen Entwicklung in den 1920er Jahren zu unterscheiden. Briefe von Arbeitern und Bauern an die Führung von Staat und Partei aus den Jahren 1925 bis 1927 bildeten die Grundlage seiner Ausführungen über die Vorstellungswelten einfacher Menschen. Diese begriffen Gesellschaft als „Familie“, übertrugen überkommene soziale Beziehungen und Hierarchien, die sich in Begriffen wie z.B. „Ältesten“ und „Oberen“ ausdrückten, in den sowjetischen Kontext und hatten ihre eigenen Vorstellungen von „Gleichheit“ und „Demokratie“. Diese Briefe seien als Dokumente zu lesen, die die Zugehörigkeit der NEP-Jahre zur revolutionären Zeitenwende in Rußland unter­strichen – einer Periode, in der herkömmliche Wahrnehmungsweisen, Regeln und Gebräuche mit Elementen der modernen Wirklichkeit, aber auch mit einer anachronistischen staatlichen Disziplinierungspolitik kolli­dierten. Die Reaktionen auf diesen „Zusammenprall verschiedener Zeiten“ manifestierten sich in Protest, vermehrtem Alkoholkonsum, Verweigerung oder auch dem „Ruf nach dem Sozialismus“.

Mehrere Beiträge widmeten sich unter verschiedenen Blickwinkeln diesem Neben- und Miteinander von „alten“ und „neuen“ Phänomenen, ohne die Formel von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ direkt aufzugreifen. Anhand von Zeugnissen aus der Voronežer Provinzpresse des Jahres 1927 beschrieb Malte Rolf (Berlin) „inszenierte Lebensstile“. Die bolschewistischen Akteure erwiesen sich hier als moderne Sen­sualisten, die vom Umerziehungseffekt gesetzter (Vor-) Bilder überzeugt waren. Ungeachtet der ungefügten gesellschaftlichen Realitäten vertrauten sie auf die Wirkungsmächtigkeit staatlicherseits vorgegebener Modelle im privaten Bereich. Die fortschreitende Typologisierung vorbildlicher Lebensläufe (einer Frau, eines Arbeiters, eines Jugendlichen) entwickelte sich zum Erzählmuster für Aufsteigerbiographien. In den 1920er Jahren bedurften in diesen offiziellen Darstellungen lediglich die Frau, insbesondere die bäuerliche, und die Jugend eines Mentors oder einer Mentorin. Dem männlichen Arbeiter wurde die Befähigung zuge­schrieben, sich eigenständig zu entwickeln. In den offiziellen Darstellungen der 1930er Jahre wurde der Mentor oder die Mentorin zum festen Bestandteil nahezu aller modellhaften Aufsteigerbiographien. Im Unterschied zu den dreißiger Jahren fehlten in den Erzählungen der 1920er Jahre noch weitgehend die Attri­bute des Heldenhaften.

Die Vielfalt der Lebensstile und Gruppenidentitäten in den 1920er Jahren rührte wohl vor allem daher, daß es keine „tonangebende Mehrheitsgesellschaft“ gab, wie Gabriele Freitag (Frankfurt) in ihrem Vortrag über die neuangesiedelten Juden in Moskau aufzeigte. Bei ihren Nachforschungen war sie auf einige über­raschende Tatbestände gestoßen: Bei den aus dem Ansiedlungsrayon nach Moskau gezogenen Jüdinnen und Juden erfolgte die gesellschaftliche Integration durch eine von ihnen gewollte „Russifizierung“, allerdings nicht im Sinne eines unmittelbaren Austauschs mit der russischen Bevölkerung, sondern über abstrakte Instanzen wie etwa die „russische Kultur“, die Bildungseinrichtungen oder den Arbeitsmarkt. Trotz offen­kundiger jüdischer Sozialmilieus in der Hauptstadt meinte die Referentin keine Anzeichen für eine ethnische Segmentierung oder sogar Ghettobildung erkennen zu können. Vielmehr unterschied sie mehrere jüdische Gruppenidentitäten, die insbesondere an der städtischen Peripherie stark traditionell geprägt waren. Die These, daß sich ethnische Konzentration und gesellschaftliche Integration nicht ausschlossen, sah die Refe­rentin auch dadurch bekräftigt, daß die jüdische Sektion der Kommunistischen Partei keinen nennenswerten Erfolg unter den Migranten hatte. Der rasche soziale Aufstieg der Zuwanderer erklärt sich daher weniger als „jüdisches Phänomen“, sondern ist eher ein Indiz für die Entfaltungsmöglichkeiten von Nichtrussen im jun­gen Sowjetstaat.

Nur wenigen Veränderungen im Vergleich zur vorrevolutionären Zeit war offenkundig die Arbeitskultur der Leningrader Industriearbeiter unterworfen, der sich Thomas Held (Osnabrück) zuwandte. Die traditionelle Vielfältigkeit der Sozialmilieus von Fabrikarbeitern setzte sich in die 1920er Jahre fort. Nach wie vor arbei­tete der Bauer, der mit Fabrikarbeit lediglich die heimische Wirtschaft unterstützte und eine bäuerliche Lebensweise beibehielt, neben dem städtischen Arbeiter. Versuche einer Umstellung der Produktionsformen zugunsten eines moderneren arbeitsteiligen Verfahrens rief besonders bei der Gruppe der Stammarbeiter, die als soziale Basis der Bolschewiki galten, Protest hervor, weil diese dadurch ihre traditionelle Arbeitsweise, Kompetenz und ihren Status in der Fabrik in Frage gestellt sahen. In der Heterogenität der Arbeitergruppen (Facharbeiter, Handwerker, Hilfsarbeiter u.a.) konnte sich das Konzept des Komsomol von einem verbind­lichen „Produktionsalltag“ nicht durchsetzen. Ein proletarisches „Klassenbewußtsein“ konnte sich aber vor allem daher nicht bilden, weil die konkrete Fabrik und nicht „das Proletariat“ Bezugsgröße des Einzelnen blieben.

Noch eindringlicher zeigte sich die Beharrlichkeit der „alten“ Lebensweise unter „Ehemaligen“ und den „Nepleuten“ (nepmany), über die Julia Obertreis (Berlin) am Beispiel des Kommunalwohnungsalltags in Leningrad berichtete. Öffentlich als „Kleinbürger“ und „Spießer“ (meščane, obyvateli) gebrandmarkt, be­haupteten diese Gruppen aus dem alten Adel, den Unternehmern und der Intelligencija, aber auch die Kaste der Aufsteiger eine auffällig private Lebenseinstellung gerade dort, wo die Kommunalwohnung einen „kollektivistischen“ Rahmen setzte. Der eigene Winkel blieb ein „heiliger Ort“ und wurde durch Status­symbole und Wohnungsausstattung individualisiert. Während im öffentlichen Raum solche materiellen Manifestationen des Lebensstils zunehmend angefeindet wurden, dauerte der staryj byt in der privaten Sphäre fort und fand seinen Ausdruck im Wunsch nach einer separaten Wohnung, beim Kartenspiel, „modernen“ Tanzvergnügen in den eigenen vier Wänden oder der traditionellen Pflege kirchlicher Feiertage. Hingegen wurden immaterielle Erkennungsmerkmale für eine nichtproletarische Herkunft (etwa Fremd­sprachenkenntnisse) auch im Kommunalwohnungsalltag vermieden.

Ein weiteres Beispiel für das komplexe Wechselverhältnis zwischen staatlichen und individuellen Interessen bot Susanne Schattenbergs (Potsdam) Vortrag über die „alten Ingenieure“. Viele Ingenieure begegneten dem neuen Regime von Beginn an mit Sympathie. Sie begrüßten die Technikbegeisterung der Bolschewiki und fühlten sich – nach den Einengungen in der späten Zarenzeit – als deren natürliche Verbündete im erhofften neuen Zeitalter technokratischer Weltveränderung. Tatsächlich erlebte diese „alte“ Elite, die sogen. bürgerlichen Spezialisten, die sich nach 1917 am Ziel ihrer Fortschrittsvisionen wähnte, in den 1920er Jahren die Blütezeit ihres gesellschaftlichen Einflusses, bevor ihr Selbstbewußtsein im Prozeß gegen die „Industrie­partei“, durch die öffentliche Stigmatisierung ihrer Erkennungsmerkmale, etwa der uniformartigen Kleidung, sowie durch die vom neuen Regime ausgebildeten „neuen“ Ingenieure gebrochen wurde. Für viele Bolsche­wiki waren die „bürgerlichen Spezialisten“ von vornherein lediglich vorübergehende Weggefährten, die man zwar brauchte, deren Loyalität jedoch angezweifelt wurde.

Im Bereich der Populärmusik, den Matthias Stadelmann (Erlangen) vorstellte, gerieten das individuelle Bedürfnis nach Unterhaltung und der offizielle didaktische Anspruch miteinander in Konflikt. Der Erfolg moderner Tänze oder auch des traditionellen „Zigeunerlieds“ führten in ein ideologisches Dilemma, weil die Kampagnen gegen das „Joch des Foxtrotts“ ebenso wie die gegen die „morbide Romanze“ der intensiven privaten Rezeption keinen Abbruch taten. Der gespaltenen rezeptiv-negierenden Wahrnehmung bzw. Identi­fikation mit dem Unzulässigen vor allem unter Parteimitgliedern bereiteten erst die „Gesundungsstrategien“ Anfang der 1930er Jahre ein Ende: Der „Nepmusik“ wurde der Kampf angesagt. Zugleich sollte eine „sow­jetische“ Unterhaltungsmusik Ersatz schaffen. Aus Mangel an tragfähigen Alternativen war jedoch auch die „sowjetische“ Unterhaltungsmusik auf die „alten“ Formen angewiesen, um die „neuen“ Inhalte zu transpor­tieren.

Die Wechselwirkung zwischen staatlich-behördlichen und individuell-gruppenspezifischem Handeln läßt sich, wie Eva Maeder (Zürich) am Beispiel von Altgläubigengemeinden um Verchnij Udinsk zeigte, bis an die Peripherie Sowjetrußlands verfolgen. Die dortige Einrichtung von Genossenschaften sollte im Kalkül der Bolschewiki das Ziel verfolgen, die Trennung zwischen Stadt und Land zu überwinden, die Parteiherrschaft auf dem Land sicherzustellen und durch die Zusammenführung ungenutzter Ressourcen der kleinbäuerlichen Betriebe die Versorgung der Städte mit landwirtschaftlichen Produkten zu verbessern. Aus Not traten zwar viele Altgläubige den Genossenschaften bei, versuchten jedoch dort, ihre privatwirtschaftlichen Interessen zu verfolgen und die Selbstversorgung sicherzustellen. Trotz des wirtschaftlichen Misserfolgs leisteten die Genossenschaften aber einen Beitrag zur Mechanisierung der Landwirtschaft und begünstigten besonders unter jungen Altgläubigen eine allmähliche Veränderung der traditionellen Lebensweise.

Die Vielfalt der Lebensstile im städtischen Russland der 1920er Jahre war, wie Gabriele Freitag formulierte, sicher dadurch bedingt, daß es keine „tonangebende Mehrheitsgesellschaft“ gab, die als Vorbild hätte dienen können. Wenn auch die von Thomas Reißer zur Beschreibung der NEP-Gesellschaft vorgeschlagenen Begriffe „modern“ und „traditionell“ als ahistorisch kritisiert wurden, zeichnete sich doch in den meisten Beiträgen ab, daß noch in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre das „Alte“ und das „Neue“ unvermittelt nebeneinander gestanden haben, ohne daß dies zwingend als Widerspruch empfunden wurde. Angesichts dieses Befunds wurde die Frage diskutiert, ob die Entwürfe der Bolschewiki für eine „neue Lebensweise“ überhaupt in das Alltagsbewußtsein größerer Bevölkerungsteile durchsickerten. Möglicherweise ist die bolschewistische Propaganda, die uns heute aus historischer Sicht so einprägsam erscheint, von vielen Zeit­genossen kaum wahrgenommen oder nicht verstanden worden. Nahezu alle Referate machten deutlich, daß die Bolschewiki bis in die späten 1920er Jahre keineswegs kulturell dominant waren und sich die „alten Lebensweise“ als sehr beharrlich erwies. Dieser Befund trifft auch auf die Gruppe der städtischen Industrie­arbeiter zu, die die Bolschewiki traditionell als ihre Verbündeten betrachteten. Als Grund für die relative Wirkungslosigkeit der Propaganda vom „richtigen Leben“ wurde vermutet, daß die „alte Lebensweise“ in der Propaganda überwiegend bestimmten, als regimefeindlich eingestuften Gruppen wie z.B. den sogen. Nepleuten zugeschrieben wurde, wenngleich sie für viel umfassendere Kreise der Bevölkerung charakteris­tisch war. Diese haben sich möglicherweise durch die negativen Bilder nicht angesprochen gefühlt. Trotz aller Beharrlichkeiten des „Alten“ war die NEP-Gesellschaft bzw. ihre einzelnen Segmente, und das zeigten die Beiträge und die Diskussion auch, jedoch keinesfalls statisch. Eine allmähliche „Penetration mit ideolo­gischen Anforderungen“ fand, wie am Beispiel der Unterhaltungsmusik gezeigt wurde, durch die Nutzung alter Formen für die Vermittlung neuer Inhalte statt. Ebenso veränderten die Wechselbeziehungen zwischen dem offiziellen Diskurs und individuellen Lebensformen bzw. staatlichem und individuellem Handeln allmählich auch die Wahrnehmung und Lebensverhältnisse der Bevölkerung, wenngleich häufig nicht im Sinne der bolschewistischen Initiatoren, wie u.a. die Beiträge über die jugendlichen Hooligans zeigten. Die Frage nach der Bedeutung der vorgetragenen Ergebnisse für die Durchsetzung des Stalinismus als Herr­schaftsstil und soziale Praxis wurde mehrfach gestellt, aber nur ansatzweise diskutiert.

Auf der Tagung selbst und in der wegen Zeitmangel ins Netz verlegten Schlußdiskussion (siehe: www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/geschichte/kgdoe) wurden unterschiedliche Analysekategorien vorgeschlagen oder genutzt, die in der Regel am Forschungsgegenstand der TeilnehmerInnen orientiert waren. Neben dem von den Veranstaltern der Tagung vorgeschlagenen Begriff „Lebensstile“, der den Aspekt einer intentionalen Orientierung an bestimmten Verhaltensweisen und deren differentielle Genese betont, fand auch der von Rudolf Vierhaus als „wahrgenommene Wirklichkeit“ definierte Begriff „Lebenswelt“ Verwendung. Julia Obertreis schlug vor, den für die 1920er Jahre zentralen Begriff des „byt“ (annähernd zu übersetzen als Lebensweise, Alltagsleben) als Alternative zu prüfen. Das von Thomas Reißer vorgeschlagene Begriffspaar „modern“ vs. „traditionell“, das die NEP-Periode grundsätzlich kennzeichne, wurde als ahistorisch kritisiert. In den Referaten wurden vielfach die zeitgenössischen Begriffe „alt“ und „neu“ übernommen. Diese bieten möglicherweise, wie Julia Obertreis betonte, mehr Spielraum für die Bestimmung des Verhältnisses dieser beiden Pole zueinander.

Insgesamt hat sich auf der Tagung die mikroskopische Perspektive für die Erforschung der Interdependenzen kleinster Lebenswelten mit wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Prozessen als sehr fruchtbar erwiesen. Sie kann wesentlich dazu beitragen, ein verläßliches Bild von der vielschichtigen und wider­sprüchlichen sozialen Realität der 1920er Jahre zu vermitteln. Die Veröffentlichung der einzelnen Beiträge in einem Tagungsband ist geplant.

Sandra Dahlke

Universität der Bundeswehr Hamburg
Professur für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
u.b. Berücksichtigung Mittel- und Osteuropas
Holstenhofweg 85
22043 Hamburg
Tel. 040/6541-2878/-2550
Fax 040/6541-2047
E-Mail: katzer@unibw-hamburg.de / dahlke@unibw-hamburg.de


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