AHF-Information Nr. 50 vom 12.9.2001

Wege aus dem Absolutismus.
Orientierungskrisen agrarischer Eliten 
in Nordeuropa, dem ostelbischen Deutschland 
und Ostmitteleuropa im 19. Jahrhundert

Tagung des Geisteswissenschaftlichen Zentrums für Geschichte 
und Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig und des Herder-Instituts, Marburg 
vom 3. bis 5. Mai 2001 in Marburg

Zur einer gemeinsamen Tagung des Geisteswissenschaftlichen Zentrums für Geschichte und Kultur Ostmit­teleuropas (Leipzig) sowie des Herder-Instituts (Marburg) traf sich vom 3. bis 5. Mai 2001 zum zweiten Mal eine internationale Arbeitsgruppe von Historikern, um unter der Leitung von Bo Stråth (Florenz), Heinz Reif (Berlin) und Michael G. Müller (Halle) über Fragen des Elitenwandels in überwiegend agrarischen Regionen Europas im 19. Jahrhundert zu diskutieren.

In der ersten Gesprächsrunde der Arbeitsgruppe (Marburg 1999) war es um eine Zwischenbilanz der sozial­geschichtlichen Forschung zum Thema in den jeweiligen nationalen Historiographien gegangen sowie darum, geeignete Leitfragen für einen transnationalen bzw. –regionalen Vergleich der Transformationsgeschichte agrarischer Eliten nach dem Ende des Ancien Régime zu diskutieren. Als eine solche Leitfrage, die neue komparatistische Einsichten versprach und sich auf der Grundlage der heterogenen nationalen Forschungs­stände auch vergleichend erkunden ließ, erwies sich die nach den Orientierungskrisen, welche die traditionale agrarische Elite, der Adel, auf dem Weg in die post-absolutistische Gesellschaft erfuhr und zu bewältigen hatte. Hier knüpfte die zweite Tagung jetzt an. Sie fragte: Welche wirtschaftlich-sozialen und politischen Veränderungen bildeten für die verschiedenen Adelsgesellschaften jeweils die größten Herausforderungen? Wann im Verlauf des 19. Jahrhunderts und mit welchen unmittelbaren Konsequenzen wurde der Adel damit konfrontiert? Wie nahm er die Herausforderung wahr, und wie reagierte er darauf?

Dabei stand nicht nur die Beziehungsgeschichte zwischen dem Adel und anderen sozialen Gruppen (Bauern, konkurrierenden Elitenformationen) zur Diskussion, sondern auch die Rolle des Staats als Agentur gesell­schaftlich-politischen Wandels wie als Kontrahent des Adels in Prozessen der Aushandlung von Elitenpo­sitionen. Im Blick auf das „Kräftedreieck“ Adel/Konkurrenzgruppen/Staat sollten insbesondere folgende Aspekte vergleichend erörtert werden: 1. Die Verlusterfahrungen des Adels im Prozeß gesellschaftlichen und staatlichen Wandels: Inwieweit wurde der Adel sozial segmentiert und in den Anpassungsprozessen trans­formiert, und mit welchen anderen Gruppen trat er in Konkurrenz? 2. Die Gesellschaftsentwürfe des Adels vor dem Hintergrund der Orientierungskrisen: Wie lange sah der Adel sich selbst als „natürliches Elitenre­servoir“ der sich wandelnden Gesellschaft, seit wann aber als eine Privilegiengemeinschaft auf dem Rückzug, die in einer durch andere Kräfte bewegten Gesellschaft um ihr „Obenbleiben“ kämpfte? 3. Der Bedeutungs­wandel von „Adligkeit“: Wie lange und in welchen Kontexten blieben adlige Geburt und adliger Habitus ein kulturelles Kapitel, das dem Adel soziale Chancen in den jeweiligen Gesellschaften eröffnete?

In einem Einleitungsvortrag stellte Michael G. Müller das Spektrum der Orientierungskrisen in Ostmittel­europa zur Diskussion. Dabei ging es zunächst um das soziale Profil des ostmitteleuropäischen Adels im Vergleich zum westeuropäischen und russischen Adel. Es wurde deutlich, daß Adel und Elite hier schon in der Frühneuzeit nicht deckungsgleiche soziale Größen gewesen waren; stets hatten große Teile des Geburts­adels rechtlich, nicht aber sozial zu agrarischen Herrenschicht gehört. Das 18. Jahrhundert hatte der Adel zudem bereits als fundamentale Krisenzeit erfahren – im Zusammenhang mit dem Niedergang der Gutswirt­schaft, der Pauperisierung des Kleinadels wie der Außerkraftsetzung der alten Ständeordnungen; die erste Orientierungskrise für den ostmitteleuropäischen Adel am Ende des Ancien Régime verband sich mit „dem Weg  i n  den Absolutismus“. Die Agrarfrage im 19. Jahrhundert (der Zeitpunkt und die Umstände von Bau­ernbefreiung und Grundentlastung) hatte für die Transformation des Adels in Ostmitteleuropa ähnliches Gewicht wie anderswo. Spezifisch für die Großregion erscheint einerseits jedoch das späte Auftreten von sozialen Konkurrenten um Elitenpositionen – die Tatsache, daß der Adel an sich seine soziale Herrenstellung lange bewahrte und Spannungen zunächst vor allem zwischen „obengebliebenen“ und deklassierten Gruppen innerhalb des alten Geburtsstandes erwuchsen. Andererseits hat das Spannungsverhältnis zwischen Adel und Staat die Abfolge der Orientierungskrisen und Wandlungsschübe anders und stärker bestimmt als anderswo: Nur in begrenztem Umfang boten die russische, habsburgische bzw. preußische Staatsmacht den Trägern der alten ostmitteleuropäischen Ständegesellschaften jetzt noch Herrschaftsbeteiligung und Privilegienschutz an, und der Umfang der in den einzelnen Ländern für den Adel erreichbaren „Elitenkompromisse“ wurde aus­schlaggebend dafür, ob der Adel sein Obenbleiben im Rahmen der bestehenden politisch-sozialen Ordnung betrieb oder ob er Brücken zu anderen sozialen Kräften und politischen Entwürfen (dem nationalen Projekt) schlug.

Einführend in die Orientierungskrisen des ostelbischen Adels nahm Heinz Reif auf die Eckpunkte des einlei­tenden Beitrags von Michael G. Müller Bezug. (1) Indem er auf die signifikante Tatsache hinwies, daß der ostelbische Adel im 19. Jh. 1% der Gesamtbevölkerung ausmachte, veranschaulichte er die Wichtigkeit der „Logik der Zahlen“: Je nach der Stärke der Korporation gab es für den Adel regional unterschiedliche Per­spektiven des Überdauerns. (2) Der Weg in den Absolutismus erfolgte im preußischen Staat über die Funk­tionsstände des 18. Jh., im Zusammenhang mit der inneren Staatsbildung und dem Ausbau des Militärwesens. Allerdings wurde der Adel dabei nicht eigentlich entmachtet, und der Anspruch des Adels, den Kern von Staat und Gesellschaft zu repräsentieren, blieb erhalten. Ideologisch kam es zur Überhöhung des adligen Grundbesitzes sowie der militärischen und politischen Tugenden des Adels. (3) Die relative Stabilität der agrarischen Ordnung und die Staatsnähe des Adels bedingten, daß dieser in der gesamten Epoche das Bewußtsein bewahrte, als erster politischer Stand eine unersetzbare Elite zu bilden. Der ostelbische Adel, obgleich auch in den Parlamenten bis 1914 erfolgreich, war das Gegenteil von partizipatorischem Adel. Frei­lich gab es Brückenschläge zum Bürgertum, und innerhalb der „Schattengesellschaft“ des deklassierten Adels entwickelte sich eine soziale und politische Dynamik, die ihrerseits zur Erosion traditionaler Adligkeit beitrug. (4) Der Ausgleich zwischen Agrar- und Industriestaat blieb im Hinblick auf die Positionierung des Adels unvollkommen. Mit den unausgetragenen Widersprüchen hatte es zu tun, daß Teile des Adels später den Weg zu Bündnissen mit dem rechtsradikalen politischen Lager einschlugen.

Über die parlamentarische Reformierung ständischer Rechte am Beispiel des Feudaleigentums sprach Dirk Müller (Berlin). Er konstatierte, daß sich die lang andauernde Auseinandersetzung um die Umwandlung des lehnsrechtlich gebundenen Familieneigentums auf die Entwicklung des ständischen Parlamentarismus hinderlich auswirkte. Die Reaktionen des mecklenburgischen Adels auf die Einschnitte in Politik und Wirt­schaft während des 19. Jahrhunderts schilderte Ilona Buchsteiner (Rostock). In dieser Region hatten die Anstrengungen des Adels hauptsächlich das wirtschaftliche Überleben zum Ziel. Im Kontext der Diskussion um die adlige und bürgerliche Gerichtsbarkeit in Preußen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts problema­tisierte Monika Wienford (Bielefeld) den Widerspruch zwischen dem Ehre-Begriff und den materiellen Inte­ressen des Adels.

In die Problematik der Orientierungskrisen der agrarischen Eliten in Nordeuropa leitete Bo Stråth ein. Er skizzierte die Besonderheiten in der politischen Entwicklung Schwedens und Dänemarks seit dem 18. Jahr­hundert: die Koalition der Krone mit den Bauern im Zeichen des Absolutismus sowie den politischen Rück­zug eines politisch wie militärisch diskreditierten Adels, die Pauperisierung des Kleinadels um 1815, der sich seitdem sozial vor allem „abwärts entfaltete“ und weitgehend in abhängigen Mittelschichten aufging. Zwar konnte sich der vermögende Adel im parlamentarischen System aufgrund des Zensuswahlrechts noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts behaupten. Doch kam es auch an der Spitze zur Verflechtung und Ver­schmelzung mit neuen Wirtschaftseliten. Umso bemerkenswerter erscheint vor diesem Hintergrund das lange Fortleben von Institutionen adliger Soziabilität (etwa des schwedischen Ritterhauses) nicht nur im 19., son­dern auch im 20. Jahrhundert.

Im Anschluß erörtete Niels Clemmensen (Kopenhagen) die geteilte Haltung agrarischer Eliten Dänemarks zu den Reformen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die zwischen Protest und Integration schwankte, und letztlich zur einer radikalen Demokratisierung führte. Auf die Differenzen zwischen Landbesitzern und besit­zendem Adel im späten 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging Ulf Jonsson (Stockholm) ein. Besonders seine Ausführungen über die Betätigungsfelder der politisch entmachteten Adligen regen zu weiteren Unter­suchungen an.

Die letzte Sektion eröffnete Matthias C. Mesenhöller (Berlin), der die Modernisierungsprozesse in Kurland als einer ostmitteleuropäischen Adelslandschaft in der Zeit von 1763-1825 thematisierte. Seine Ausführungen machten den Funktionswandel des Adels von einer Krieger- und Gutsbesitzerkaste zu einer Entwicklungselite und Mittelschicht deutlich. Beobachtungen zu einer parallelen Entwicklung des Adels und des katholischen Klerus in Bezug auf ihr Verhältnis zum Staat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Großherzogtum Posen stellte Eligiusz Janus (Marburg)zur Diskussion. Er wies darauf hin, daß sowohl der Adel als auch der Klerus u.a. mit Mitteln der gesellschaftlichen Kontrolle vor allem den Erhalt ihrer autonomen Institutionen und ihren inneren Zusammenhalt erreichen wollten. Miloš Řeznik (Prag) stellte sein Forschungsvorhabenüber denAdel in Böhmen der Wendezeit vom 18. zum 19. Jh. vor. Die Rolle des Adels in den Modernisie­rungsprozessen sollte dabei genauso Berücksichtigung finden wie die Mentalität und Identität der Korpora­tion. Anschließend skizzierte Wolfgang Kessler (Herne) in seinem Beitrag den Weg des kroatischen Adels von den ständischen Separatrechten zur bürgerlichen Gesellschaft (1790-1860). Dieser Weg mündete schließlich in ein Nationalprojekt, das der Adel gemeinsam mit dem entstehenden Bürgertum betrieb.

In ihrem Resümee der Tagung wiesen die Organisatoren auf zusätzliche Variablen hin, welche bei einer systematisch vergleichenden Betrachtung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Performanz des Adels in den drei Großregionen im 19. Jahrhundert zu berücksichtigen wären. Notwendig erscheint es, im Hinblick sowohl auf die absolutistischen Régimes als auch die post-absolutistischen Staaten nach dem allge­meinen „Personalbedarf“ von Staatlichkeit zu fragen – sowie danach, welche Funktionen der Adel gemäß seinem zahlenmäßigen Anteil an den gebildeten Schichten hier übernehmen konnte oder auch mußte. Ver­knüpft damit ist ferner die Frage nach den „Leistungen“ des Adels für den Staat sowie der daraus je abzulei­tenden Legitimation; wie kontrastierende Beispiele von Preußen und Schweden zeigten, konnten etwa kriege­rische Erfolge bzw. militärisches Versagen die gesellschaftlichen Positionierungsaussichten nachfolgender Adelsgenerationen maßgeblich prägen. Nicht zuletzt erscheint es komparatistisch ergiebig, gesondert nach den Institutionen und Normen zu fragen, welche die jeweiligen Adelsgesellschaften integrierten: Welche Rolle spielten die Höfe und andere Zentren adliger Vergesellschaftung; in welcher Form kommunizierten adlige Gruppen miteinander; dachte sich der Adel als Abstammungsgemeinschaft oder als Besitz- und Funk­tionselite und wie gestalteten sich die Beziehungen zwischen den „Obengebliebenen“ und der „Schattenge­sellschaft“ des deklassierten Adels etc.? Als ein allgemeines Desiderat stellte sich im Licht der Tagungs­diskussionen schließlich die intensivere Beschäftigung mit den Bedeutungen von Adel und Adligkeit im 20. Jahrhundert dar. So läßt sich einerseits deutlich erkennen, daß die Distinktion zwischen adlig und nicht-adlig auch dort über lange Zeit erhalten blieb, wo der Adel seine Elitenpositionen de facto wie auch dem eigenen Anspruch und der Fremdwahrnehmung nach geräumt hat – und daß sich, wie im polnischen Fall, Adelsge­sellschaften auch nach langen Phasen der rechtlichen und sozialen Nivellierung unter Umständen neu erfin­den. Andererseits bedarf es aber genauerer Klärung, an welche sozialen und kulturellen Bedeutungen von Adel die zum Teil lange Nachgeschichte adliger Elitenkultur geknüpft war und ist.

Die Beiträge der Marburger Tagung sowie einige das thematische und regionale Spektrum ergänzende Fall­studien sollen in eine Sammelpublikation einfließen, zu deren Vorbereitung die Arbeitsgruppe im kommen­den Jahr zu einer dritten und letzten Gesprächsrunde zusammenkommen wird.

Eligiusz Janus


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