AHF-Information Nr. 43 vom 22.6.2001

Die wirtschaftliche Bedeutung der kleineren Stadt seit dem 18. Jahrhundert

Jahrestagung der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen
vom 24. bis 26. Mai 2001 in Delmenhorst

Die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen folgte in diesem Jahr einer Einladung der Stadt Delmenhorst. Die ungewöhnliche Genese des Ortes legte es nahe, in einigen Punkten vom herkömmlichen Programmverlauf abzuweichen. Die Teilnehmer trafen sich daher nicht zum Stadtrundgang, sondern sie ließen sich das bauliche Ensemble einer Stadt neben der Stadt, das ehemalige Werk der Bremer Nordwolle, erklären. Im Zuge der Umnutzung dieses Geländes entstand im Maschinenhaus ein Stadt-, im Turbinenhaus ein Fabrikmuseum. Die weitläufige Wolllagerhalle, inzwischen zum Medienzentrum umgestaltet, diente dann als Tagungsort. Der Oberstadtdirektor, Dr. Norbert Boese, begrüßte die Anwesenden; der Vorsitzende der Kommission, Prof. Dr. Ernst Schubert, dankte für die Einladung, prägte das Wort von der Kommissions­versammlung als „Landtag der niedersächsischen Landesgeschichte“, und eröffnete die Tagung.

Im ersten Vortrag bot Wilfried Reininghaus, Münster, einen Überblick über die jüngsten Ergebnisse der Kleinstädteforschung in Europa und Nordwestdeutschland; der Titel: Kleinstädte am Ende des Alten Reiches: Politik - Gesellschaft - Wirtschaft. Er zeichnete das ambivalente Bild der öffentlichen Wahr­nehmung: Kleinstädte als Hort der Rückständigkeit, vor die sich seit 1800 die Stilisierung einer Idylle schiebt. Diese Sicht kulminierte um 1900. Ein Osnabrücker, Ludwig Bäte, hatte daran nicht geringen Anteil. Wenn die kleine Stadt mehr und mehr zum Forschungsthema wird, so sind fünf Argumente bzw. Diskus­sionszusammenhänge zu unterscheiden: 1. die tatsächliche historische Bedeutung der kleineren Stadt, 2. die Erweiterung der geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen, 3. die Diskussion um Theorie und Wirklich­keit absolutistischer Herrschaft, 4. die These von der Protoindustrialisierung, 5. der geografische Diskurs, der von der Bestimmung zentraler Orte seinen Ausgang genommen hat. Reininghaus leitete über zur Typisierung und zur Beschreibung von Städtelandschaften, skizzierte allgemeine Strukturen und stellte neuere demogra­fische Erkenntnisse vor.

Nach dieser Einführung in das Gesamtthema stellte Gerhard Kaldewei, Delmenhorst, die Theorie auf die landesgeschichtliche Probe. Er behandelte „Die Propfenschneidern bei Delmenhorst“ mit der Perspektive „Vom Handwerk zur Industrie am Beispiel der Korkverarbeitung im 18. und 19. Jahrhundert“. In einer Gegend, in der zu Ende des 18. Jahrhunderts „fast allgemeine Dürftigkeit“ herrschte, entwickelte sich das Schneiden von Flaschenkorken zu einem bedeutenden Gewerbe. Ausgangsort war das Dorf Hasbergen, wohin Bremer Kaufleute Kork, den sie von der iberischen Halbinsel importierten, lieferten, um Verschlüsse für die in Bremen abgefüllten Weinflaschen zu erhalten. Nach dem Bau der Eisenbahn verlagerte sich dieses Gewerbe in die Stadt Delmenhorst, die zum Hauptort der Korkverarbeitung in Deutschland wurde. Gegen 1900 setzte die Mechanisierung dem Heimgewerbe ein Ende.

Den Abendvortrag widmete Karl Heinrich Kaufhold, Göttingen, der Frage nach „Typen der Industriali­sierung kleinerer Städte in Niedersachsen“. Er unterschied unter dem genetischen Aspekt „gegründete Industrialisierung“ („Industrialisierung aus wilder Wurzel“) von „gewachsener Industrialisierung“. Unter die „gewachsene Industrialisierung“ sind zwei Untertypen zu subsumieren: Städte, in denen ein leistungsfähiges Gewerbe eine direkte Industrialisierung erfuhr, und Städte mit breitgefächerter gewerblicher Grundlage, die indirekte Voraussetzungen für Industrieunternehmen boten (Typ Einbeck). Fragt man weiter: Wer sind die Unternehmer, wo sitzen die Kapitalgeber?, ist es möglich drei Typen von Industrialisierungsanlässen zu benennen: 1. Ausgründungen aus Hamburg und Bremen, mit Kaufmannskapital finanziert und durch die Zollverhältnisse befördert, 2. Eisenbahnbau, 3. staatliche Eingriffe. Für den dritten Fall gibt es nur zwei niedersächsische Beispiele, und auch erst aus der Mitte des 20. Jahrhunderts: Salzgitter und Wolfsburg. Am Beispiel Lindens belegte Kaufhold abschließend, dass Typisierungen die Vielgestaltigkeit historischer Wirk­lichkeit nie vollständig einfangen können.

Der zweite Tag brachte ein Experiment. Um gerade der Vielgestaltigkeit näherungsweise gerecht zu werden, sollte versucht werden, unterschiedliche Städtelandschaften Niedersachsens in parallelen Ansätzen zu beschreiben. „Kleinstadt im 19. Jahrhundert“ hieß das Thema. In Kurzvorträgen behandelten ausgewiesene Kenner die Städte in vier Administrationsbezirken. Johannes Laufer, Göttingen, beschrieb die ganz eigene Situation der Bergstädte im Harz. Nach Einwohnerzahl gehörte z. B. Clausthal am Anfang des 19. Jahrhun­derts zu den Großstädten. Da aber das ganze Leben in der Berghauptmannschaft den Bedürfnissen des Bergbaus untergeordnet war, ergaben sich nur sehr eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten. Neben diesen Sonderfall stellte Dr. Peter Aufgebauer, Göttingen, den Normalfall: die Städte in der Landdrostei Hildesheim. Sie entsprechen ganz der verbreiteten Vorstellung kleinstädtischen Wesens: Privilegierung im Mittelalter, Stagnation seit dem Dreißigjährigen Krieg, vielfältige Gewerbe, aber nur vereinzelte Ansätze für eine Industrialisierung.

Deutlich anders verhielt es sich im Norden, im Landdrosteibezirk Lüneburg. Hans-Jürgen Vogtherr, Uelzen, zeigte die Schwierigkeiten auf, die es bereitet, selbst juristisch die lüneburgischen Städte und Flecken von den Landgemeinden abzugrenzen. Es gab gleitende Übergänge und gerade im 19. Jahrhundert, im Zuge der Einführung der hannoverschen Städteordnung, zahlreiche Umschichtungen. Wie wenig selbst­verständlich auch in Ostfriesland ein Rechtsakt die Stadt vom Land schied, verdeutlichte Dr. Paul Weßels, Aurich. Die zentralen Orte waren Küstenorte, deren Ökonomie die Konjunkturen der Landwirtschaft bestimmten; die Verleihung des Stadtrechts änderte daran nichts und wurde in Einzelfällen von der Kom­mune abgelehnt. Das zentralörtliche Bewusstsein gründete sich nicht auf die Privilegierung.

Zum Abschluss unternahm Michael Mende es, auf der konjunkturellen Spur eines traditionell bedeutenden Wirtschaftssektors, der Textilverarbeitung „Führung und Nachrangigkeit. Kleinere Städte auf ihrem Weg zum Industriestandort“ zu untersuchen. Der Übergang aus dem Handwerk in die „Verkehrswirtschaft“ setzte hier bereits im 18. Jahrhundert ein. Einen entscheidenden Einfluss hatte darauf die Kaufmannschaft der beiden nordwestdeutschen Metropolen Hamburg und Bremen; den Aufschwung der Textilherstellung an Standorten wie Göttingen oder Scharmbeck bewirkten daneben die regelmäßigen Aufträge, die das Militär vergab. Seit den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts führte die Maschinisierung der Produktion zum Auszug der Unternehmen aus den alten Stadtkernen; mitunter siedelten sie sich in kleineren Städten an. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts schließlich brachte die Kammgarnindustrie einen eigenen Typus Stadt hervor: die um das Werk gruppierte Industriestadt.

Abends empfing der Oberbürgermeister, Jürgen Thölke, die Teilnehmer der Tagung im Rathaus.

Am dritten Tag fand eine Exkursion statt. Sie rückte die eigentliche Stadt, das alte Delmenhorst, in den Blick Karl-Heinz Ziessow führte eindrücklich und plastisch die Reformbestrebungen der Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts vor Augen. Die anschließenden Erkundigungen zielten auf Formen und Folgen der Industri­alisierung auf dem Lande, sie endeten mit der Besichtigung einer florierenden Landmaschinenfabrik.

Die Vorträge werden in erweiterter Form im Nieders. Jahrbuch für Landesgeschichte 74, 2002 erscheinen.

Brage Bei der Wieden
Historische Kommisson für Niedersachsen und Bremen
Am Archiv 1
30169 Hannover


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