AHF-Information Nr. 37 vom 19.6.2001
Den äußeren Stadtrand als 'locus amoenus' - Ort des Stillstandes von Raum und Zeit - zu rezipieren, blieb bis zum Beginn der Industrialisierung Literaten, bildenden Künstlern, wohlhabenden Landhausbesitzern - und im Zusammenhang mit der diesjährigen Tagung 'Die Stadt und ihr Rand' dem wissenschaftlichen Vorstand des Instituts, Peter Johanek, vorbehalten, der einleitend kurz die literarische Inszenierung dieses idyllenkonstitutiven Gegenortes zur Stadt treffend zitierte, um sogleich die realen Grundprobleme des von ihm konzipierten Tagungsthemas anzusprechen. Nur scheinbar knüpfe dieses an die Institutstagung von 1982 an, die 'Städtisches Um- und Hinterland' diskutierte. Habe seinerzeit die zentrale Rolle der Stadt im funktionalen Stadt-Land-Gefüge der vorindustriellen Zeit im Mittelpunkt gestanden, so gehe es diesmal um Wahrnehmung und Definition des Grenzraumes zwischen Stadt und Land, mit den zeitlichen Schwerpunkten Mittelalter und 19./ 20. Jahrhundert. Erst die Wahrnehmung der präzise umgrenzten mittelalterlichen Stadt, der drei Beiträge nachgingen, verdeutliche die mentalitätsgeschichtliche Tragweite der neuzeitlichen Entgrenzung und deren vielschichtigen Folgen. Den unterschiedlichen Ansätzen und Lösungen zu Stadtumbau und Stadterweiterung, zu inhaltlichen Leitlinien und Planungskonzepten, zur sozialräumlichen Strukturierung des Wachstums bis hin zu aktuellen Perspektiven zukünftiger Stadtentwicklung punktuell und auch überblickartig nachzugehen, sei das Hauptanliegen des Tagungskonzeptes.
Assoziiert man mit der mittelalterlichen Stadtmauer in der Regel die präzise Trennung von Stadt und Land so überzeugte die strukturierte Argumentation von Bärbel Brodt, Münster, von einer - über fortifikatorische Zwecke hinausreichenden - Bedeutung der 'Stadtmauer als Vermittler zwischen Stadt und Land' im mittelalterlichen England. Primär schützte auch hier die Stadtmauer vor äußerer Gefahr, markierte sie einen separaten Rechtsbereich und schloß die Bewohner als Gruppe ein und zu bestimmten Zeiten von ihrer ländlichen Umgebung aus. Gründete die Transparenz in erster Linie auf einer insgesamt geringeren Bedrohung englischer Städte, so war die Mauer schon per definitionem nicht undurchdringbar, wie die folgenden Thesen konkretisierten. Indikatoren für die Transparenz der Befestigung waren geistig-religöser und utilitaristischer Art. Der Präsenz von Kapellen, Altären, Kreuzen und Klöster der Bettelorden kam ebenso integrierende Funktion zu wie ökonomischen Elementen, etwa der Partizipation der ländlichen Bevökerung an Bau und Unterhalt der Mauern oder die Nutzung von Toren und Brücken als Gefängnisse, Speicher, Warenlager, Ladenlokale oder Hausstätten; insgesamt signifikante Aspekte, die am gewählten Beispiel eine Interpretation der Mauern eher als verbindendes denn als trennendes Element evident erscheinen lassen.
Die vorsichtig zu interpretierende Quellengattung der frühen druckgraphischen Stadtbilder und die topographisch noch diffizilere allegorische Meistergraphik zog Wolfgang Schmid, Trier, zu Rate, um sich der 'Freizeitbeschäftigung der Stadtbevölkerung im 15. und 16. Jahrhundert' zu nähern. Zwangsläufig blieb die Antwort auf die Ausgangsfrage nach der Rolle des Stadtrandes für 'Freizeitaktivitäten' eine Synthese aus Topoi, aus eigenen wie fremden Versatzstücken der entwerfenden Künstler und ausführenden Stecher. Auch unter zusätzlicher Betrachtung von Städtelob und Stadtbeschreibung lassen sich die Aussagen der druckgraphischen Stadtansichten des 15. und größtenteils noch des 16. Jahrhunderts nicht wesentlich differenzieren. Daß sie in der Regel auf ein inhaltlich rezipiertes Stadtbild, auf die Gattung Stadt mit sporadischen individuellen Architekturzitaten zielen, blieb insgesamt unklar. Analog zur Architektur deuten die Bilder den Bereich Müßigang und Kurzweil bestenfalls kursorisch an, lassen ihn kaum spezifizieren und nur hypothetisch lokalisieren.
Ebenfalls von den beiden umsichtig betrachteten Quellengruppen der bildlichen und textlichen Stadtdarstellungen ausgehend, stellte Frank Rexroth, Göttingen, in seinem Beitrag 'Grenzen der Stadt, Grenzen der Moral. Der urbane Raum im Imaginarium der spätmittelalterlichen Londoner Bürgergesellschaft' die Imagination in den Kontext des realen Londoner Stadtraum und seiner marginalisierten Vorstädte, auf die sich der zweite Teil der Ausführungen konzentrierte. Wie die Vorstellung von der urbanen Intaktheit der Kernstadt auf kollektiven Denkfomen und Identitätsmustern basiert, so resultiert aus diesen gleichermaßen die Verdammung der Vorstädte als Orte der Unmoral und Kriminalität; schließlich genügte schon die imaginierte Bedrohung durch die Vorstädte, um die intramurale Ordnung zu stabilisieren.
Wie Thomas Hill, Kiel, am Beispiel der Stadt Bremen ausführte, unterlagen die 'Ränder der Stadt' im Mittelalter einem vielfältigen, auf ökonomische Absicherung zielenden städtischen Einfluß. Zu unterscheiden sind in Bremen zwei Ränder, die innere und die äußere Landwehr, beide durch Gräben gesichert und unter dem rechtlichen Schutz der Stadt stehend. Diente die innere Landwehr, ein Vorgelände von einem Kilometer Tiefe, mit ihren Weiden, Nutzgärten, extramuralen Gewerben, Schiffbauanlagen und Umschlagplätzen für den Hafen anfänglich der Ökonomie, so bot sie darüber hinaus seit Ende des 14. Jahrhunderts Raum für die städtische Erweiterung, die an Kirchen, Klöstern und Außentoren ihre Kristallisationspunkte fand und die ein zweiter Ring, die äußere Landwehr, sicherte.
'Festungsstädte im Kaiserreich' und deren spezifische Eigenschaften mit ihren Auswirkungen auf die jeweilige Stadtentwicklung, untersuchten Bernhard Sicken und Thomas Tippach, Münster. Bis Ende des 19. Jahrhunderts hielten, ungeachtet aller waffentechnischen Neuerungen, die militärischen Entscheidungsträger an den anachronistischen Umwallungen einzelner, strategisch für wichtig erachteter Städte fest. Die vom Militär vor dem Hauptwall geforderte Sicherheitszone verhinderte die Ausbildung von baulichen Stadtrandelementen im unmittelbaren Anschluß an die Umwallungen. Erst in einem weiteren Abstand konnten unter Beachtung militärisch definierter Bauauflagen Wohn- und Gewerbegebiete entstehen. In den betroffenen Städten stießen die Rayonauflagen zunehmend auf Kritik, befürchtete man doch bei allgemein einsetzendem Wirtschaftsaufschwung und Bevölkerungswachstum in der Entwicklung hinter 'offenen' Städten zurückzubleiben. Vor allem die zögerliche Bereitschaft des Staates, den Städten entgegenzukommen, führte zur Gründung einer gemeinsamen Interessenvertretung der Festungsstädte, die zumindest in den 1870er Jahren eine recht erfolgreiche Interessenpolitik betrieb.
Den 'Wiener Vorstädten um 1900' und der 'Projektion des Fremden', thematisiert von Wolfgang Maderthaner, Wien, ging der rasante Aufstieg Wiens zur Weltstadt voraus, mit einem Bevölkerungswachstum von knapp einer halben Million um 1850 auf das Vierfache um 1900, bei einem Anteil von etwa 65 Prozent Zuwanderer, darunter zwei Drittel fremdsprachige. War der äußere Stadtrand bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine feudale Erholungslandschaft mit Landhäusern, Sommerpalästen und weitläufigen Parkanlagen, traten deren Nachfolge innere und äußere Vorstädte mit peripheren Industriestandorten an. Nach konzentrischem Muster legten sie sich, nach außen sozial abfallend, um die nach wie vor bürgerlich bis aristokratisch geprägte Kernstadt einschließlich der Ringstraße. Ihre Erschließungspunkte fand die spekulative Bautätigkeit an den Ausfallstraßen und dörflichen Ansiedlungen. Wie in einem zweiten Teil dargelegt, ignorierte die Literatur proletarische Vorstadt wie soziales Elend und konzentrierte sich auf die pompösen Aspekte der Metropole und die subtilen Facetten des Wiener Fin de siècle. Ihre verortete Identität fand die städtische Peripherie bestenfalls in populären Mythen, in der spärlichen Arbeiter- und Memoirenliteratur oder in Sozial- und Stadtreportagen.
Kaum ein anderes Städtebaukonzept fand planerisch und publizistisch so nachhaltige Resonanz und wurde gleichzeitig so mißverstanden wie Ebenezer Howards Gartenstadtidee von 1898, veröffentlicht 1902 unter dem Titel 'Garden Cities of Tomorrow'. Daß Howards sozialreformerisches Modell in seiner ursprünglichen Komplexität Utopie blieb, war eine der wesentlichen Feststellungen von Ursula von Petz, Aachen, zu '100 Jahre Gartenstadt'. Wenngleich nicht explizit angesprochen, so können Howards Ideen nur in der modifizierten Realisation unter das Tagungsthema subsumiert werden, jedoch nicht sein Gartenstadt-Konzept, denn das ging von einem autonomen Gegenmodell zur bestehenden Industriestadt aus, von einer Stadt im Garten (Landschaft), und nicht einer Stadt mit Gärten. Bereits der erste Realisierungsversuch -Letchworth bei London- scheiterte an der ökonomischen Heteronomie; die Neugründung war von Anfang an von der benachbarten Metropole abhängig. Howards utopisches Konzept mußte sich erst in ein sozialstaatliches Siedlungsprogramm verwandeln, getragen von den vielerorts gegründeten Gartenstadtbewegungen, um unter marktwirtschaftlichen Bedingungen bestehen und als Gartenvorstadt/Gartensiedlung zum populärsten Planungsmodell der Moderne aufsteigen zu können. Die Konkretisierung von Howards reduzierten Ideen veranschaulichte Frau von Petz unter anderen an den prominenten Beispielen Karlsruhe-Rüppurr (1911/19), Hellerau bei Dresden (1909/14) und der Gartenvorstadt Margarethenhöhe in Essen (1910/14).
Die rechtlich-politischen Rahmenbedingungen der 'Raum-/Zeitstrukturen und Handlungsformen bei der Stadterweiterung Groß-Berlins 1871-1933' eingangs kurz aufzeigend, umriß Christoph Bernhardt, Berlin, im Folgenden die räumlichen, zeitlichen und wirtschaftsgeschichtlichen Dimensionen der Wachstumsphasen. Verliefen erstere in Berlin sowohl konzentrisch und radial als auch tangential und polygonal in den Villenvororten, so lassen sich zeitlich drei Gründerwellen bis zur Immobilienkrise im Jahr 1912 feststellen. Bis dahin engagierten sich teils mächtige, private Terrain-Erschließungsgesellschaften bei der Bebauung profitabler Gebiete, vorzugsweise Villenviertel; die Entwicklung unterprivilegierter Wohngegenden blieb kleingewerblichen Bauunternehmungen und der Stadt überlassen. In der Stagnation zwischen 1914 und 1933 sah sich die öffentliche Wohnbauförderung für den Siedlungsbau auf die Nutzung kommunalen Baulandes angewiesen, während der Villenbau kontinuierlich prosperierte; in seiner popularisierten Fassung zukunftsweisend für einen epochenübergreifenden Aspekt, den 'Eigenheimbau'. Er überformt die herkömmliche Stadt und führt zumindest in Teilen zu ihrer Auflösung.
In der Nachkriegsentwicklung des Städtebaus lassen sich drei prägende Phasen unterscheiden. Der Wiederaufbau, ab den 60er Jahren gefolgt von ausufernden Stadterweiterungen mit Großsiedlungen und maßstabslosen Trabantenstädten und seit den 80er Jahren eine Phase der Besinnung auf bestehende Stadtstrukturen, auf Stadtumbau und identitätsstiftende Stadterneuerung sowie auf maßvolle, möglichst umwelverträgliche Stadterweiterungen. Die Grenzen der Flächenexpansion verdeutlicht u.a. das Phänomen der 'Zwischenstadt'; ein städtisches Gebilde, das aus der Überlagerung der Peripherien zweier Großstädte entstehen kann und das Jörn Weinhold, Weimar, als ein mögliches Ergebnis des Suburbanisierungsprozesses sah.
'Was kommt nach Suburbia?' formulierte fragend Joachim Burdack, Leipzig, den Titel seines die Tagung beschließenden Beitrags zu 'Entwicklungstendenzen in der Peripherie europäischer Großstädte', exemplifiziert an den Metropolen Paris, Moskau, Berlin, Madrid und Budapest. Nach einem knappen Diskurs zum gegenwärtigen Stand der Suburbanisierungsforschung sah er in der konzentrierten, funktionalen Spezialisierung (Administration, Konsum, Freizeit) neue Typen von Strukturelementen, die der Peripherie, unabhängig von der Kernstadt, eine eigene Identität verleihen und als sogenannte 'Netzstadt' ein Korrektiv zur 'zersiedelten Stadt' sein könnten.
Wie üblich werden die Tagungsbeiträge in einem Sammelband der Reihe 'Städteforschung' des Instituts publiziert.
Michael Schmitt
Kontaktadresse:
Institut für vergleichende Städtegeschichte
Syndikatplatz 4/5
48143 Münster
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