AHF-Information Nr. 36 vom 18.6.2001

Archiv- und Sammlungsgut zur Zwangsarbeit in Deutschland 1939 bis 1945 - Topographie und Erschließungsstrategien

Tagung des Nordrhein-Westfälischen Staatsarchivs und des Westfälischen Archivamts Münster
vom 26. bis 27. März 2001 in Bochum

Wie kaum ein anderes zeitgeschichtliches Thema findet in letzter Zeit die Zwangsarbeit, die mehrere Millio­nen Menschen aus dem europäischen Ausland während des Zweiten Weltkrieges für deutsche Unternehmen und Einrichtungen ableisten mußten, öffentliche Beachtung. Durch die von der Stiftungsinitiative „Er­innerung, Verantwortung, Zukunft“ geschaffene Möglichkeit, den ehemaligen Zwangsarbeitern eine Ent­schädigung auszuzahlen, erreichen die Archive viele tausend Anfragen nach Nachweisen für die erbrachte Arbeit. Diese Erfordernisse riefen bei zahlreichen Archivträgern den Wunsch hervor, detailliertere Kenntnis über das Ausmaß der Zwangsarbeit im jeweiligen Zuständigkeitsbereich zu erlangen. Vielerorts trug dies zu einer intensiveren Erschließung der zeitgenössischen Quellenbestände bei. Darüber hinaus greift die histo­rische Forschung seit einiger Zeit verstärkt die Thematik auf: Zahlreiche regional oder überregional aus­gerichtete Projekte tragen dazu bei, diesen Aspekt der Geschichte des Nationalsozialismus detailliert aufzu­arbeiten.

Um einen Überblick über die insgesamt disparate Quellenlage, die durch z.T. bewußte, z.T. unbewußte Zer­störungen vor und nach 1945 entstanden ist, zu bekommen, die vorhandenen Quellen qualitativ einordnen zu können und Möglichkeiten der Informationsvernetzung einerseits und der Aufbereitung für die Forschung andererseits aufzuzeigen, veranstalteten das NRW Staatsarchiv Münster und das Westfälische Archivamt, Münster, gemeinsam am 26./27. März 2001 eine Tagung im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets. Mehr als 220 Teilnehmer aus Deutschland und zahlreichen europäischen Staaten verfolgten die angeregte Diskussion.

Während der Tagung wurde ein Reader mit Thesenpapieren verteilt, die die meisten Referenten dankens­werterweise zur Verfügung stellten. Als weiterführende Information zu diesem Tagungsbericht ist der Reader unter der Internet-Adresse http://www.archive.nrw.de/dok/tagung-zwangsarbeit01/ abrufbar.

Michael Vesper, Minister für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen; unterstrich in seinem Grußwort deutlich die wichtige Rolle der Archive als Träger der Rechtssicherheit in der Demokratie. Ohne die Tätigkeit der Archivare wäre es heute nur schwer möglich, den noch lebenden Zwangsarbeitern im Rahmen des Entschädigungsverfahrens zu ihrem Recht zu verhelfen

Auch Landesrat Karl Teppe vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) betonte die besondere Kom­petenz im Umgang mit der disparaten Quellenlage, die - auch angesichts der drängenden Zeit - von den Archivaren gewährleistet wird. Der LWL als Nachfolger des Provinzialverbandes erforscht einerseits den Einsatz von Zwangsarbeitern im Dienste dieser Institution. Andererseits unterstützt das Archivamt als Einrichtung des LWL die kleinen Stadt- und Gemeindearchive in fachlichen Fragen zur Zwangsarbeiter­thematik.

Ulrich Herbert (Universität Freiburg) sprach die einleitenden Worte aus der Sicht der Forschung. Unter Ein­beziehung der neuesten Forschungsergebnisse skizzierte er zum einen den derzeitigen Kenntnisstand zur Thematik, machte aber auch die offenen Fragen und Probleme der Forschung deutlich. Trotz einiger Ansätze gibt es sicher noch Defizite, so z.B. in der Erforschung der Zwangsarbeit in der Landwirtschaft oder der Lebenssituation der Zwangsarbeiterkinder.

Wilfried Reininghaus (NRW Staatsarchiv Münster) skizzierte einen Überblick über den Gesamtbestand der vorhandenen Quellen. Die zersplitterte und lückenhafte Überlieferung insgesamt und das mangelhafte quellenkundliche Handwerkszeug für das Schriftgut des 20. Jahrhunderts bilden dabei ein besonderes Problem, insofern kann ein solcher Überblick z.Zt. nur eine Zwischenbilanz über das gesamte Spektrum der Archivbestände zur Zwangsarbeit in Deutschland sein. Grundsätzlich steht zu erwarten, daß auf allen Stati­onen, die die Zwangsarbeiter durchlaufen mußten (von der Rekrutierung im Heimatland über den Transport und die Sammelstellen bis hin zu der Verteilung auf die Arbeitsplätze und die Rückkehr in die Heimatländer 1945) Quellen entstanden sein müssen. Trotz einer großen Bandbreite an Quellen (Melderegister, Lohnlisten, Arbeitsbücher, Quittungskarten der Sozialversicherungsträger, Gefangenenbücher, Betriebsakten, Arbeits­amtsakten usw.) haben Kriegs- und Nachkriegsverluste zu großen Überlieferungslücken geführt, die nur z.T. durch Ego-Dokumente von Seiten der ehemaligen Zwangsarbeiter ergänzt werden können. Perspek­tivisch könnte eine Topographie der Quellen einen Überblick über das erhaltene Archivgut leisten.

Klaus Oldenhage (Bundesarchiv) schließlich umriß die Möglichkeiten, von Seiten der Archive und des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen Aufenthalts- bzw. Beschäftigungsnachweise für die noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter zu erstellen. Um dieses Nachweisverfahren effizient zu gestalten, werden zur Zeit organisatorische Rahmenbedingungen geschaffen, nach denen über die Partnerorganisatio­nen der Stiftungsinitiative die Anfragen zunächst in Bad Arolsen gebündelt eingehen. Die Anfragen, die dort nicht beantwortet werden können, sollen an zentrale Clearingstellen in den einzelnen Bundesländern verteilt werden, um von dort aus an die zuständigen Archive vor Ort weitergeleitet zu werden.

Charles Claude Biedermann (Internationaler Suchdienst Bad Arolsen) erläuterte im Anschluß daran die Vor­gehensweise und Möglichkeiten des Suchdienstes. Aus der Suchtätigkeit des Roten Kreuzes ab 1943 bzw. der UNRRA und der IRO nach 1945 sind dem Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen Bestände er­wachsen, die bis heute stetig ergänzt und erweitert werden. Aufgrund des mandatsgemäßen Auftrages der Suche nach vermißten Personen sind so hier im Laufe der Jahrzehnte personenbezogene Unterlagen zusam­mengetragen worden, die heute ca. 47 Millionen Einzelinformationen zu ca. 17 Millionen verschiedenen Personen umfassen. Über eine alphabetisch sortierte Datenbank lassen sich mittlerweile sämtliche Namen auch nach phonetischen Varianten recherchieren. Aufgrund der aktuellen Erfordernisse durch die Zwangs­arbeiteranfragen wurde der Mitarbeiterstab in Bad Arolsen im vergangenen Jahr auf ca. 440 Personen aufge­stockt, um die Antragsbearbeitung zeitlich deutlich zu verkürzen. Perspektivisch sollen die Bestände des Suchdienstes der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden - eine Beständeübersicht wäre aber jetzt schon wünschenswert, wie die angeregte Diskussion zeigte. Die Tätigkeit des Suchdienstes spielte nicht nur im Anschluß an dieses Referat immer wieder eine wichtige Rolle in der Diskussion, zumal sowohl von Seiten der Forschung als auch der Archive Unklarheit über die konkreten Bestände in Arolsen besteht.

Die anschließenden Sektionen der Tagung waren in fünf Bereiche unterteilt:

A. Überlieferung durch die Betroffenen (Moderation: Dr. Alexander von Plato, Fern-Universität Hagen)

Insgesamt müssen die schriftlichen und mündlichen Selbstzeugnisse der ehemaligen Zwangsarbeiter als wichtige Ergänzungsüberlieferung zu dem von behördlicher Seite überlieferten Schriftgut angesehen werden, das die individuellen Erlebnisse der Opfer oft nur unzureichend dokumentiert und nur ansatzweise Einblicke in zahlreiche noch offene Fragen gewährt. Katharina Hoffmann (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) erläuterte quellenkritisch Grenzen und Möglichkeiten von Zeitzeugeninterviews vor dem Hintergrund der schriftlichen Überlieferung. Mit den Anfragen, die von Seiten der ehemaligen Zwangsarbeiter schriftlich an die Archive gestellt werden, stellte Annette Hennigs (NRW Staatsarchiv Münster) eine weitere Überliefe­rung von Selbstzeugnissen dar, die im Rahmen der gebotenen Quellenkritik eine qualitativ sehr disparate, insgesamt jedoch interessante und auf Dauer auch archivwürdige Ergänzungsüberlieferung zu den münd­lichen Selbstzeugnissen bilden. Karl Reddemann (Stadtarchiv Münster) berichtete über ein Projekt der Stadt Münster, das Lebensgeschichten der Betroffenen wissenschaftlich dokumentieren und die Entwicklung von Materialien für die historisch-politische Bildungsarbeit ermöglichen soll. Zu diesem Zweck werden Zeitzeu­geninterviews in der Republik Belorus durchgeführt und intensive Briefkontakte gepflegt.

Deutlich kam in den Beiträgen dieser Sektion heraus, wie wichtig die Zeitzeugenaussagen für die Forschung sind. Unter Berücksichtigung der Problematik, daß hier Erlebnisse nach mehr als fünf Jahrzehnten und durch den Filter, den Erinnerung nun einmal beinhaltet, berichtet werden, eröffnet sich hier doch ein wesentlicher Zugang zu den Lebenswelten der ehemaligen Zwangsarbeiter. Insbesondere für die lokale Forschung bietet sich hier eine große Chance.

B. Staats- und Kommunalarchive, ihre Bestände und Sammlungen (Moderation: Dr. Norbert Reimann, West­fälisches Archivamt, Münster)

Der Blick auf die Überlieferungssituation auf der mittleren und unteren Verwaltungsebene verdeutlichte anschaulich die Bandbreite der Recherchemöglichkeiten, machte aber auch die Grenzen sichtbar. Hermann Niebuhr (NRW Staatsarchiv Detmold) stellte heraus, daß die Aussagekraft der im Bereich der staatlichen Behörden und Gerichte erwachsenen Quellen keine differenzierte Darstellung der Thematik ermöglicht, aus­sagekräftiges Schriftgut stammt z.T. von den Stellen, die nicht zwangsläufig an die staatlichen Archive abgeben müssen, es aber glücklicherweise dennoch getan haben: Kommunen, Kreise und NSDAP. Günther Högl (Stadtarchiv Dortmund) beleuchtete die Problematik aus der Sicht eines Kommunalarchivs, das für die Nachweisführung auf serielle Quellen (Hausstandsbücher, topographische und personenbezogene Melde­registerunterlagen, usw.) zurückgreifen kann und auf dieser Basis auch ehemalige Lagerstandorte ermittelt und Plausibilitätsnachweise führt. Ergänzt wird dieser Überlieferungsstrang durch Akten, die im Rahmen der NS-Verfolgung entstanden sind (Verhaftungen, Haftbücher, Prozeßakten, usw.). Im Stadtarchiv Schwerin hat sich mit den Akten des Kriegsschädensamtes ein besonderer Bestand erhalten, den Bernd Kasten vorstellte. Seit Januar 1942 hatten Ausländer, die durch Kriegseinwirkung Schaden erlitten hatten, per Gesetz Anspruch auf Entschädigungsleistungen. In diesem Zusammenhang sind Inventarlisten entstanden, die zwar nur zu einem geringen Teil zu Zwangsarbeitern im engeren Sinne gehören, insgesamt jedoch einen interessanten Einblick in die Lebensumstände der Zwangsarbeiter und auch der übrigen in der deutschen Kriegswirtschaft tätigen Ausländer gestatten.

Allgemein wird die Überlieferungssituation auf die einzelnen Archive bezogen als sehr fragmentarisch gese­hen - in der Zusammenschau zeigt sich aber auch die Vielfältigkeit der Forschungsmöglichkeiten und der sich ergänzenden Bestände. Dieses Fazit konnte in den Diskussionen der weiteren Sektionen unterstrichen werden.

C. Kirchliche Archive (Moderation: Prof. Dr. Jochen-Christoph Kaiser, Philipps-Universität Marburg)

Kirchliche Einrichtungen stehen insgesamt vor der besonderen Problematik, daß sich die Geschichte der Zwangsarbeit im kirchlichen Rahmen nicht aus der kirchlichen Überlieferung heraus allein aufarbeiten läßt. Für die evangelische Kirche berichtete Michael Häusler (Archiv des Diakonischen Werkes der EKD in Berlin) über die spezielle Überlieferungssituation in kirchlichen Archiven, insbesondere im kirchlich-diako­nischen Bereich, dessen Schriftgutbildung nicht - wie bei der Amtskirche - dem staatlichen Vorbild folgt und entsprechend unstrukturierter ist. Nur zum Teil erlauben Akten der kirchlichen Einrichtungen (Kranken­häuser, Landwirtschaft etc.) bzw. aus dem seelsorgerischen Bereich die Aufarbeitung der Thematik, unver­zichtbar ist der Blick in staatliches und kommunales Archivgut (Meldelisten, Sozialversicherung etc.).

Ulrich Helbach (Historisches Archiv des Erzbistums Köln) erläuterte die ähnlich problematische Überliefe­rungssituation in den Archiven der katholischen Kirche, die sich zur Aufgabe gestellt hat, alle ehemaligen Zwangsarbeiter, die in Einrichtungen der katholischen Kirche eingesetzt waren, zu ermitteln, um ihnen direkt eine Entschädigungsleistung zukommen zu lassen. Die aufwendigen Recherchen werden erschwert durch das Problem, daß in den zentralen Beständen der bischöflichen Verwaltungen in der Regel nur allgemeine Informationen zur Regelung der Zwangsarbeit stecken, während in den potentiell ergiebigeren lokalen Beständen der konkreten Landwirtschafts- und Fürsorgeeinrichtungen die Quellenlage häufig sehr schlecht ist.

D. Ausländische Archivbestände (Moderation: Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, NRW Staatsarchiv Münster)

Durch die Aktivitäten der Alliierten in der Nachkriegszeit entstanden serielle Quellen, die im großen Umfang namentliche Nachweise der Zwangsarbeiter ermöglichen. Joachim Schröder (Stadtarchiv Düsseldorf) fand im belgischen Archiv des Services des Vicimes de la Guerre in Brüssel Fragebögen, mit denen der Belgische Nationale Suchdienst nach dem Zweiten Weltkrieg in der ehemaligen britischen Besatzungszone die Stand­orte, Größe und nationale bzw. personelle Zusammensetzung der Lager ermittelte, in denen während des Krieges Zwangsarbeiter untergebracht waren. Die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe konnten diese Fragebögen auf Mikrofilm aufnehmen und in naher Zukunft allen betroffenen und interessier­ten kommunalen Archiven zur Verfügung stellen. Albert Oosthoek (Gemeentearchief Rotterdam) berichtete über die Überlieferung im Informationsbüro des Niederländischen Roten Kreuzes in Den Haag, die ebenfalls durch Suchaktionen der Alliierten entstanden ist. Die Daten einer dort lagernden Zentralkartei mit ca. 650.000 namentlichen Nachweisen gesuchter bzw. verstorbener Personen konnte inzwischen elektronisch erfaßt werden. Oosthoek geht davon aus, daß auf dieser Quellenbasis bis zu 95 % der niederländischen Zwangsarbeiter ermittelt werden können.

Wolfgang Weber (Vorarlberger Landesarchiv Bregenz) erläuterte die Überlieferungssituation für Vorarlberg, das 1939 seinen Status als eigenes Bundesland verlor, so daß für die folgenden Jahre keine schriftliche Überlieferung der Landesverwaltung vorhanden ist. Dagegen hat sich auf der Ebene der Landräte eine lückenhafte Überlieferung erhalten, so daß für einige tausend ehemalige Zwangsarbeiter biographische Daten ermittelt werden konnten, die grundsätzlich in eine digitale biographische Datenbank eingearbeitet werden könnten. Dies geschieht in St. Pölten (Niederösterreich) bereits seit dem letzten Sommer.

Barbara Stelzl-Marx (Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung Graz) hatte im Rahmen ihrer Forschungen die Möglichkeit, das Archiv von Memorial in Moskau einzusehen. Nach einer Zeitungsente, die 1990 über angeblich zu erwartende Entschädigungszahlungen berichtete, erreichten die Moskauer Einrich­tung ca. 440.000 Briefe, in denen ehemalige Zwangsarbeiter ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkrie­ges in Deutschland offenlegten. Hier ist auf diese Weise eine parallele Überlieferung zu den Anfragen entstanden, die heute die deutschen Archive erreichen und als Ego-Dokumente eine wichtige Ergänzungs­überlieferung bilden.

Stefan Schröder (Stadtarchiv Greven) erarbeitete im Rahmen seiner Dissertation die Geschichte der Displa­ced Persons und hat dafür international in Archiven recherchiert. Aufgrund der verwaltungstechnischen Erfassung der DPs durch die (West-)Allierten im Zuge der Repatriierungsmaßnahmen und aufgrund der hohen Mobilität der DPs sind hier umfassende listenförmige Erhebungen gemacht worden, von denen Kopien in verschiedene Archive gelangt sind (u.a. in unbekannter Vollständigkeit nach Bad Arolsen) und die heute eine wesentliche Grundlage für die Erbringung von Namensnachweisen für die ehemaligen Zwangs­arbeiter durch die Archive bilden. Ergänzt wird dies durch die Überlieferung der staatlichen und kommuna­len Verwaltung der DP-Lager.

Insgesamt hat die internationale Recherche nach weiteren Quellen zur Zwangsarbeit eine erhebliche Erweite­rung der bisherigen Erkenntnisse erbracht, wobei aber auch hier mit Lücken zu rechnen ist.

E. Wirtschaft (Moderation: Prof. Dr. Ottfried Dascher, NRW Hauptstaatsarchiv Düsseldorf)

Der Bereich der Wirtschaftsarchive birgt insofern Besonderheiten, als die Bestände der Privatunternehmen nicht dem Archivgesetz unterliegen, so daß kein juristischer Anspruch auf Einblick besteht. Insgesamt ist hier aber eine Überlieferung zu erwarten, die zumindest ansatzweise die bundesweit großen Überlieferungs­lücken in der staatlichen Arbeitsverwaltung aufgrund von Zerstörungen während und unmittelbar nach dem Krieg ersetzen.

Klaus Müller berichtete über die Wirtschaftsüberlieferung im Sächsischen Staatsarchiv Chemnitz. Aufgrund der Zuständigkeit der Staatsarchive in der ehemaligen DDR für das Schriftgut der staatlichen Wirtschaft haben sich hier umfangreich Bestände erhalten, die Müller nach Quellen über Beziehungen der Betriebe zu Behörden und Institutionen und nach Quellen zur innerbetrieblichen Organisation der Zwangsarbeit unter­scheidet. Quellen der ersten Gruppe bilden die Ersatzüberlieferung für die mangelhafte Arbeitsamtsüber­lieferung. Quellen der zweiten Gruppe lassen Erkenntnisse über die Lebenssituation der Zwangsarbeiter erwarten. Branchenspezifische Arbeitsgruppen organisierten firmenübergreifend bestimmte Bereiche wie Unterbringung, soziale Betreuung, Freizeitgestaltung usw. Müller betont, daß es gerade über die Betriebs­akten möglich ist, die Schicksale der einzelnen Zwangsarbeiter individuell nachzuvollziehen und hier deutlich über die Möglichkeiten der Überlieferung hinauszugehen, die durch die Organisation des Arbeitseinsatzes entstanden ist.

Zur Quellensituation in Bezug auf den Steinkohlenbergbau, der aufgrund des hohen Arbeitskräftebedarfs eine besondere Bedeutung beim Einsatz von Zwangsarbeitern hatte, berichtete Evelyn Kroker (Bochum). Die Verteilung der Quellen auf die verschiedenen staatlichen Archive und Archive der Wirtschaft ließ im Rah­men eines Forschungsprojektes zum Thema den Gedanken aufkommen, ein Spezialinventar zu erstellen. Trotz der insgesamt nicht umfassenden Überlieferungssituation konnte Kroker die Möglichkeiten für künf­tige Forschungsvorhaben skizzieren.

Jutta Hanitsch (Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg) hob noch einmal die Bandbreite der Überlieferung, die insgesamt für die 1940er Jahre gesichtet werden muß, hervor. Da es im Wirtschaftsarchiv Baden-Würt­temberg nur acht Bestände gibt, die eine dichte Überlieferung zu den 1940er Jahren aufweisen, liegt die Notwendigkeit auf der Hand, neben den Unternehmensbeständen auch die der Industrie- und Handelskam­mern und der Handwerkskammern ebenso zu durchleuchten wie die Nachlässe von Personen aus der Wirt­schaft.

Zusammenfassend zeigte die Tagung für die Archivare und die Historiker die dringende Notwendigkeit zur Vernetzung ihrer Informationen. Die Diskussion kreiste immer wieder um die Fragen, die die alltägliche Praxis der Beschaffung von Nachweisen für die ehemaligen Zwangsarbeiter aufwirft. Es besteht große Un­sicherheit über die Anerkennung und die Formulierung der Plausibilitätsnachweise, die von den meisten Archivaren erstellt werden, wenn sie keinen direkten namentlichen Nachweis erbringen können. Insgesamt erbrachte die Tagung zahlreiche Hinweise zu weiterführenden Quellen, die die Recherchetätigkeit der Archi­vare unterstützen können. Die Aktenvernichtungen bei Kriegsende erschweren Beweise, die dezentralen Strukturen in der Bundesrepublik Deutschland haben jedoch oft Bestände vor der Vernichtung bewahrt, die z.T. durch die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik heute wieder ans Tageslicht kommen. In Österreich wurden schon zeitiger zentrale Clearingstellen geschaffen, in denen z.T. Datenbanken erstellt werden (Niederösterreich), die die Recherchetätigkeit erleichtern. In Deutschland befinden sich solche Clea­ringstellen noch im Aufbau.

Gleichzeitig konnten Forschungsdesiderate und Möglichkeiten für künftige Forschungsprojekte aufgezeigt werden. Weil die NS-Zeit auf Dauer ein Thema bleiben wird, das die Nachgeborenen beschäftigt, ist die Erschließung und wissenschaftliche Aufarbeitung der Kriegs- und Kriegsfolgeakten nötig.

Insgesamt kann der gewonnene Überblick über die vorhandenen Quellenbestände zur Zwangsarbeit in Deutschland sicher nicht als vollständig bezeichnet werden, der Tagungsband wird aber einen wichtigen hilfswissenschaftlichen Beitrag zur Quellenkunde des 20. Jahrhunderts liefern. Die Deutsche Forschungsge­meinschaft hat die Bochumer Tagung gefördert und damit gezeigt, daß sie den Austausch von Historikern und Archivaren auf diesem Gebiet unterstützt.


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