AHF-Information Nr. 34 vom 13.6.2001

Funktion und Form.
Die mittelalterliche Stiftskirche im Spannungsfeld von
Kunstgeschichte, Landeskunde und Archäologie

Wissenschaftliche Fachtagung vom 16. bis 18. März 2001 in Weingarten,
ausgerichtet vom Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften
der Universität Tübingen und der Akademie der Diözese Rottenburg - Stuttgart

Angeregt durch ein Forschungsvorhaben des Instituts für Geschichtliche Landeskunde der Universität Tübin­gen, das an einer katalogartigen Erfassung aller Stiftskirchen in Baden-Württemberg arbeitet, ist das Projekt einer begleitenden Tagungsreihe entstanden. Ihren Auftakt hatte sie im März 2000 mit der ersten Stiftskirchen­tagung zum Thema Aufgaben und Perspektiven der Forschung genommen.

Tagungsleiter Sönke Lorenz (Tübingen) erläuterte eingangs, dass der Tagungszyklus zum einen den Aus­tausch unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Projektes ermögliche, zum anderen als Forum für Wissen­schaftler unterschiedlicher Disziplinen diene, die Forschungen zum Themenkreis „Stift und Stiftskirche“ betrieben. Im Mittelpunkt der diesjährigen wissenschaftlichen Fachtagung stehe Die mittelalterliche Stifts­kirche. Form und Funktion im Spannungsfeld von Kunstgeschichte, Landeskunde und Archäologie. Damit soll­ten die bislang in der Stiftskirchenforschung vernachlässigten Ergebnisse der Kunstgeschichte und Archäologie in den Forschungsdialog eingebracht werden. Im Zusammenspiel mit Schriftquellen vermögen die Kenntnis und Analyse der materiellen Überlieferung wesentliche Erkenntnisse zum Forschungsstand beizusteuern.

Eine interdisziplinäre Herangehensweise sei gerade bei dem Thema der diesjährigen Tagung unerlässlich, behandle sie doch eine Institution, die vielgestaltige Spuren hinterlassen habe, die in ihrer Gesamtheit nur durch das Zusammenwirken verschiedener Forschungszweige erfasst werden könne.

Als Einführung in die Forschungsproblematik und -methodik stellte Thomas Packeiser (Dresden) die Ge­gebenheit und Perspektive eines kunsthistorisch-geschichts­wissenschaftlichen Dialogs (in und vor der Stifts­kirche) vor. Ein Blick auf die Forschungsgeschichte verdeutliche, dass sich das Verhältnis der Disziplinen zueinander kompliziert gestaltet habe und sich auch heute noch ambivalent darstelle. Von Seiten des älteren Faches, der Geschichtswissenschaft, sei die Kunstgeschichte oftmals zu einer Hilfswissenschaft degradiert worden, welche sich mit Stil- und Datierungsfragen beschäftige. Auf der anderen Seite habe die Kunst­geschichte beklagt, dass sich die Bildbehandlung durch Historiker auf eine eindimensionale Instrumen­talisierung als Geschichtsillustration beschränke. Für eine differenzierte Selbst- und Fremdwahrnehmung der Fachbereiche und damit auch für eine Annäherung der Disziplinen seien die Arbeiten der Kunsthistoriker Aby Warburg und Ernst Panofsky wegweisend gewesen. Warburgs Kontextualisierung der Kunst sowie Panofskys ikonologisches Interpretationsmodell hätten Geschichte und Kunstgeschichte in Relation zueinander gesetzt, indem sie bei der Deutung von Bildinhalten den historischen Zusammenhang als interpretationsrelevanten Faktor stärker berücksichtigt hätten. Daraus habe sich für die Geschichtswissenschaft abgeleitet, das Bild als historisches Dokument zu begreifen, dessen Aussagemöglichkeiten gleichrangig neben denen schriftlicher Quellen stünden. Besonders in der Architektur, die ganzheitlich auf ihren Betrachter wirke, seien historische und kunsthistorische Deutungsansätze wirkungsvoll zu vereinbaren. Ausgehend von einer gemeinsamen kogni­tionspsychologischen Grundlage könne sich die Interpretation von Architektur an Rezeptionsformen der Betrachter orientieren. Für die Stiftskirchenforschung sei diese Vernetzung besonders bei der soziologischen Erforschung des Phänomens sowie der Anknüpfung von institutionsgeschichtlichen Aspekten relevant; Ansatzpunkt für die Kunstgeschichte bliebe aber nach wie vor die Formanalyse.

Eines der einflussreichsten preußischen Hochstifte, das Domkapitel zu Frauenburg in Ostpreußen. Der gotische Dom und seine Ausstattung im 15. und 16. Jahrhundert, stand im Mittelpunkt des Vortrags von Eva Mazur-Keblowski (Tübingen). Aus dem Kreis des 1260 gegründeten ermländischen Stiftes seien bedeutende Bischöfe und hochrangige politische Berater des polnischen Königshofes hervorgegangen. Mit der kon­tinuierlichen Besetzung des ermländischen Bischofsamtes durch Frauenburger Kanoniker habe das Hochstift eine souveräne Stellung gegenüber dem Deutschen Orden behaupten können. Für das 15. Jahrhundert sei Frauenburg als eine Blütestätte des Humanismus zu beschreiben, deren Bedeutung und Ausstrahlung ihr berühmtester Gelehrter Nikolaus Kopernikus repräsentiere. Die Architektur der im 14. Jahrhunderts erbauten Stiftskirche - die trotz des Bischofssitzes in Heilsberg auch als Kathedrale diente - gelte als bedeutendstes Beispiel sakraler Baukunst in Ostpreußen. Von der reichen gotischen Ausstattung seien nach den schwedischen Plünderungen des 17. und 18. Jahrhunderts nur wenige Objekte erhalten. Als zwei herausragende spätgotische Werke wurden von Eva Mazur-Keblowski das Epitaph des 1426 verstorbenen Domherren Bartholomäus Boreschow sowie der nach seinem bischöflichen Auftraggeber benannte „Watzenroder“ Altar von 1504 vorge­stellt. Die meisterhaften Objekte zeugten von der Rolle Frauenburgs als kulturelles Zentrum Ermlands sowie von den intensiven Kontakten des Domstiftes mit führenden Kunstzentren Europas.

Die Kunstdenkmäler der drei schlesischen Kollegiatstifte Breslau, Glogau und Brieg wurden von Janusz Keblowski (Tübingen) vorgestellt. Besonders mittels Stifterfiguren, -gräbern und -wappen seien Aussagen über die politisch-kulturelle Funktion der Stifte zu gewinnen.

Im Chor der 1288 gestifteten zweigeschossigen Heiligkreuz-Kirche in Breslau befinde sich das Grab des Stifters Heinrich IV., dessen Grabplatte ein politisches Programm, die Tumba jedoch religiöse Motive zeige.

In der Kollegiatkirche des Stiftes Glogau dagegen, das seit Anfang des 12. Jahrhunderts überliefert ist, seien die Stifter vor allem als Skulpturen präsent. Ende des 13. Jahrhunderts seien an privilegierter Stelle im Chor der Kirche die Statuen der vermutlichen Stifter, des Fürsten Konrad und seiner Gattin Salomea, später auch die anderer weltlicher Herrscher auf Initiative der Stiftsherren errichtet worden.

Eine enge Verbindung zwischen Stiftsherren und Stifter sei auch beim 1377 gestifteten Kollegiat in Brieg gegeben, wo Fürst Ludwig I. die Kleriker an der Kapelle seiner Residenz angesiedelt habe. Die Fassaden­gestaltung mit einer Monumentalskulptur der heiligen Hedwig und den Wappen des Fürstengeschlechts verdeutliche das Bemühen der Stifter, sich durch Berufung auf heilige Protektion der Memoria durch die Kanoniker zu versichern.

Nicht Ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch auserwählt eröffnete Roman Janssen (Herrenberg) die ikonographische Entschlüsselung des Bildprogramms des Chorraumes der Herrenberger Stiftskirche. Auf Betreiben des Propstes Johannes Rebmann habe die spätmittelalterliche Kollegiatskirche ab 1510 durch Verglasung des Chors, Einrichtung des Chorgestühls und Neufassung des Altars eine einheitliche Umge­staltung des Innenraumes erfahren, die einen geschlossenen Rahmen für die Liturgie der Kleriker, Brüder vom gemeinsamen Leben, habe schaffen sollen. Im radikalsten Bildersturm Württembergs 1537 sei der Großteil der Ausstattung vernichtet worden, nur das Chorgestühl und vier Tafelflügel des Altars von Jörg Ratgeb hätten überlebt. 1548 sei das im Interim auseinandergebaute Chorgestühl falsch wieder zusammen gesetzt worden, in dieser Form jedoch bis zum heutigen Tage bestehen geblieben. Anhand biblischer Belege, verknüpft mit komplexen liturgischen Bestimmungen, gelang es Roman Janssen, die Originaldisposition des Chorgestühls wieder herzustellen: Die nördliche, den Evangelien gewidmete Seite, und die südliche, hierarchisch unter­geordnete Epistelseite, bildeten mittels vielschichtiger Querbezüge ein liturgisches Ensemble, dessen Sequen­zen sich der Messialität Christi widmeten.

Das Chorgestühl wiederum habe aber erst mit dem Flügelaltar und der Chorverglasung eine Einheit gebildet. Während die Glasfenster heute vollständig zerstört seien, könne die Disposition des Altars und sein Zusam­menwirken mit dem Chorgestühl noch rekonstruiert werden. Die Chorgestaltung in ihrer Gesamtheit spiegele die Selbstbetrachtung der Brüder vom gemeinsamen Leben als Apostelnachfolger wider. Da sich heute aber weder die Glasfenster noch der Altar an ihrem ursprünglichen Platz befänden, sei es, so Janssen, vergebens, das Chorgestühl in seine Originalanordnung zurückzuführen, da es isoliert ohnehin nicht seine liturgische Bedeutung wiedergewinnen könne.

Der Vortrag von Barbara Scholkmann (Tübingen) über den Stand der archäologischen Forschung zu Stiftskirchen in Baden-Württemberg musste leider ausfallen. Ihr Beitrag wird jedoch mit den anderen Referaten im zweiten Tagungsband veröffentlicht werden.

Einen „Werkstattbericht“ wolle er über Die Ausgrabungen in der Stuttgarter Stiftskirche geben, so Hartmut Schäfer (Stuttgart). Im Zuge der architektonischen Umgestaltung der Stuttgarter Stiftskirche seit 2000 seien neue archäologische Befundhorizonte zutage getreten, die Schlüsse auf die Entwicklung der Kirche im frühen und hohen Mittelalter zuließen. Für das 7. und 8. Jahrhundert sei an der Stelle der späteren Kirche ein aleman­nisches Gräberfeld nachzuweisen, auf dem - wohl im 10. oder 11. Jahrhundert - ein erster Kirchenbau entstan­den sei, dessen absidialer Ostabschluß Reste der frühmittelalterlichen Gräber umschließe. Ihm folge der erste basilikale, wohl spätromanische Bau, von dem nur wenig Bausubstanz erhalten sei, da er durch die gotische Kirche überbaut worden sei.

Die archäologischen Befunde der Stuttgarter Stiftskirche hätten ermittelt, dass bereits vor Verlegung des Beutelsbacher Stifts nach Stuttgart Sakralbauten an diesem Ort bestanden hätten. Diese seien jedoch nicht Pfarrkirchen, sondern vielmehr repräsentative Eigenkirchen gewesen. Unter Einbeziehung der jüngsten archäologischen Befunde zur Anlage des Alten Schlosses in Stuttgart könne vermutet werden, dass die Kirche bis zum 13. Jahrhundert eine Eigenkirche des Schloßherren gewesen sei. Das ausgedehnte Ensemble von Schloß und Kirche möge die Verlegung des Stiftes von Beutelsbach nach Stuttgart begünstigt haben, mit der die Geschichte der Stuttgarter Kanoniker ihren Anfang gefunden habe.

Aussagemöglichkeiten der archäologischen und bauhistorischen Forschung zu Funktion und Form von Kirche und Konventbauten des Damenstiftes Säckingen im frühen und hohen Mittelalter legte Felicia Schmaedecke (Liestal) dar. Auf der einstigen Rheininsel habe sich im 8. Jahrhundert am Grab des Heiligen Fridolin eine Gemeinschaft von Chorfrauen gebildet.

Die früh- und hochmittelalterlichen Kirchen seien durch den Bau der heute noch bestehenden gotischen Kirche (1343-1360), die im Barock mehrmals umfangreiche Veränderungen erfahren habe, weitgehend zerstört wor­den. Im Rahmen von bautechnischen Sanierungsarbeiten der Jahre 1970-1994 sei es jedoch möglich gewesen, an verschiedenen Stelle der Kirche anhand von Grabungen Aufschlüsse über Vorgängerbauten zu erhalten.

Die ältesten archäologisch nachzuweisenden Gebäude seien Reste der Konventbauten aus dem 9. und 10. Jahr­hundert. Ein basilikaler Kirchenbau sei für das frühe 11. Jahrhundert zu fassen, dessen zentralen Raum die an traditionellen Bautypen orientierte Krypta mit den Reliquien des heiligen Fridolin verkörpert habe. Der Platz der Stiftsdamen sei im Sanktuarium nahe der Krypta zu vermuten. Im 12. Jahrhundert seien Chorzone und Altarraum im Niveau einander angeglichen und damit deutlich vom Schiff abgetrennt worden; gleichzeitig seien ein gewaltiges Westwerk sowie neue Konventbauten als Flügelanlage an der Südseite der Kirche entstan­den. Die umfangreichen baulichen Umgestaltungen des 12. Jahrhunderts spiegelten eine Aufwertung des Wallfahrtsortes wider, seien aber möglicherweise auch als Zeichen der Umwandlung des Stiftes in eine Ge­meinschaft weltgeistlicher Chorfrauen zu verstehen, wie sie ab 1260 urkundlich belegt sei. Die archäologischen Befunde ermöglichten also, die an Schriftquellen arme Frühzeit des Stifts zu erschließen.

Am Beispiel der Klosteranlage Heiligenberg bei Heidelberg warf Peter Marzolff (Heidelberg) die Frage auf: Observanz-Wechsel - auch ein archäologisches Phänomen? In benediktinischer Ordenstradition in Höhenlage errichtet, sei das Kloster mit seinen Kirchen Sankt Stephan und Sankt Michael im 13. Jahrhundert an den Prämonstratenserorden übergegangen, welcher die Betreuung der Wallfahrt auf den Heiligenberg fortgeführt habe. Angesichts der mageren schriftlichen Überlieferung des Klosters, später Stiftes, sei Ziel der archäologi­schen Grabungen gewesen, anhand der Baugeschichte mögliche Auswirkungen des Observanzwechsels von monastisch zu kanonial zu erschließen. Die umfangreichsten Veränderungen an den Kirchen seien im 14. und 15. Jahrhundert erfolgt, wobei die baulichen Maßnahmen vorwiegend eine Behebung von nicht genau fass­baren Schäden darstellten. Die Kanonikergemeinschaft habe sich in ihrer Bautätigkeit stark an traditionellen Bauformen wie der benediktinischen Architektur orientiert und in historisierender Tendenz hochgotische For­men verwendet. Dabei habe sich kein spezifischer, dem Prämonstratenserorden eigener Stil herausgebildet.

Nach einem Erdbeben 1534 habe eine letzte Umbauphase des Stiftes begonnen, die durch eine „Profani­sierung“ des Pilgerzentrums an der Sankt-Michaels-Kirche geprägt sei. Der architektonische Wandel verdeutliche, wie die Kanonikergemeinschaft zunehmend als Dienstleistungsbetrieb für das Pilgerwesen fun­giert habe und daher nur noch saisonal an der Pilgerstätte geweilt habe. Bis zur Klosteraufhebung 1556 ließe sich in keiner der zahlreichen Umbauten des Stiftsensembles ein Merkmal einer charakteristischen Ordens­architektur erkennen. Für Heiligenberg gelte also wie für zahlreiche andere Stifte der Prämonstratenser, dass sich die Baukunst an regionalen Traditionen orientiert habe.

Klaus Gereon Beuckers (Stuttgart) stellte Überlegungen zur Frage einer Bautypologie der romanischen Stiftskirchen in Baden-Württemberg an. Vor dem Hintergrund des monastischen und kanonialen Aufbruchs im 11. Jahrhundert, der sich in vielfältigem Schriftgut niederschlage, stelle sich die Frage nach einer parallelen Herausbildung eines Bautypus Stiftskirche in Südwestdeutschland. Ausgehend von Rottenburg, Marbach und Springiersbach hätten sich Kanonikerreformen im deutschen Südwesten verbreitet. Gemäß der Bestimmungen zur vita communis in den Regelwerken der Kanonikergemeinschaften seien bauliche Veränderungen an Stifts­kirchen vorgenommen worden, die sich vor allem im Sanktuarium als dem Platz der Kanoniker zeigten. So sei beispielsweise der Zuwachs an Chorgestühlen auf die Wiedereinführung des gemeinsamen Stundengebets zurückzuführen. In der jeweiligen Disposition des Chorraums unterschieden sich Stiftskirchen jedoch beträcht­lich: In einigen Kirchen sei das Sanktuarium als eigener Raum gegenüber dem Chor ausgezeichnet (Faurndau, Denkendorf), in anderen existiere dagegen wegen der räumlichen Situation ein Sanktuarium nicht (Sindel­fingen), oder fehle das Gestühl für die Chorherren (Bad Wimpfen). Neben dem Platz der Chorherren seien auch Anzahl und Aufteilung der Altäre als Orte sakraler Handlungen zu Aussagen über typologische Phänome­ne heranzuziehen. Als einzig gesicherte Gemeinsamkeit ließe sich jedoch festhalten, dass regulierte Stifte im allgemeinen über mehr Altäre verfügten als Kirchen von Säkularkanonikern. Andere Unterschiede seien eher auf lokale Gegebenheiten denn auf übergreifende stiftische Charakteristiken zurückzuführen.

Der Vergleich diverser südwestdeutscher Stifte habe vor Augen geführt, dass ein Bautypus Stiftskirche nicht existiere. Vielmehr seien die konkreten architektonischen Gegebenheiten oder das Vorbild anderer, nicht unbe­dingt stiftischer Kirchen - besonders die der Benediktiner - prägend für die Gestaltung südwestdeutscher Stiftskirchen gewesen.

Unterhalb der Stadt Bad Wimpfen liegt im Tal die Stiftskirche St. Peter zu Wimpfen, die Peter Kurmann (Fribourg) unter dem Aspekt Gotik als Reformprogramm vorstellte. Der Vorgängerbau des 11. Jahrhunderts sei ab 1269 komplett durch den heute noch bestehenden repräsentativen Bau der gotischen Stiftskirche ersetzt worden. In einer Chronik des späten 13. Jahrhunderts als opus francigenum bezeichnet, präsentiere sich die Kirche in einer vollentwickelten Gotik, die an den Pariser style rayonnant erinnere. Ein konkretes Vorbild scheine jedoch weder für die Architektur noch für die Bauplastik bestanden zu haben; vielmehr hätten sich Baumeister und Bildhauer auf einem Typenvorrat bezogen, welcher der lothringischen Gotik verwandt sei. Der Bau der im schwäbischen Raum einzigartigen Kirche sei als Zeugnis der von Richard von Deidesheim ab 1250 eingeleiteten geistigen und ökonomischen Reform der Gemeinschaft zu verstehen. Mittels neuartiger Architek­tur sei von den Kanonikern zu Wimpfen bewusst versucht worden, die tiefgreifende innere Erneuerung des Stiftes nach außen darzustellen. Das künstlerische Programm von gotischer Architektur, Skulptur und Glas­malerei sei in Wimpfen also analog zum Reformprogramm des Stiftes entwickelt worden und führe die enorme Dimension der vielfältigen Umstrukturierungen vor Augen.

Der Frage nach Stiftischer Identität in Konstanz? ging Andreas Bihrer (Freiburg) anhand von Wandmalereien im Chorherrenhof „Zur Kunkel“ des Stifts St. Johann nach. Das Haus „Zur Kunkel“, Residenz des Stifts­kustoden, habe im Zuge seiner Neukonstruktion nach 1320 im zweiten Obergeschoß repräsentative Fresken­zyklen erhalten. Wegen häufiger Abwesenheit des Propstes habe der Kustos im 14. Jahrhundert weitreichende Kompetenzen in seinen Händen gehalten, die sich auch in der Ausgestaltung seiner Wohn- und Arbeitsstätte widerspiegelten. Die mondäne Umgestaltung des Hauses „Zur Kunkel“, möglicherweise im Auftrag des Kusto­den Walter von Neunkirch, zeuge von Veränderungen der Identifikationsmodelle für den Weltklerikerstand. Trotz eines geistlichen Hausherren seien die Fresken ausschließlich profanen Themen - wie dem Leben des Parzival oder weiblichen Tugenden und Fertigkeiten - gewidmet. Die vielfältigen Darstellungen adelig-höfi­scher Lebensweise verdeutlichten das Selbstverständnis des Kustoden, dessen eminente Position sich an der bildlichen Anlehnung an den Adel erkennen lasse. Die Konstanzer Fresken seien somit nicht als Medium der an Einfluss gewinnenden Bürgerschaft zu verstehen, sondern als Ausdruck der Mentalität einer geistlichen Oberschicht in der Stadt. Dabei verkörperten sie kein spezifisch stiftisches Wertesystem, sondern legten viel­mehr Zeugnis ab über die gewollte Annäherung der Kanoniker an höfische Kultur und damit über eine zuneh­mend elitäre Selbstwahrnehmung der Stiftsherren.

Die Stiftskirchen in Urach, Tübingen und Herrenberg aus kunsthistorischer Sicht stellte Marc Carel Schurr (Fribourg) vor. Für den Bau dieser Kirchen im 15. Jahrhundert seien die württembergische Landesteilung, die reformerische Tätigkeit der Brüder vom gemeinsamen Leben sowie der persönliche Einfluss des Grafen Eber­hard im Bart bestimmend gewesen. Die Stiftskirchen in Urach und Tübingen seien nach dem Modell der Stuttgarter Stiftskirche als dreischiffige Staffelhallenkirchen mit Einsatzkapellen geplant gewesen. Vorbild für den Stuttgarter Bau und damit Prototyp aller drei Kirchen sei jedoch keine Chorherrenkirche, sondern eine Kapelle, die Esslinger Frauenkirche, gewesen. Als Konkurrenzbauten zur prachtvollen Stuttgarter Stiftskirche seien mit den Kanonikerkirchen von Tübingen und Urach in der südlichen Landeshälfte ebenfalls aufwendige spätgotische Bauten realisiert worden. Der Chor der Tübinger Stiftskirche Sankt Georg, in dem die an der Uni­versität lehrenden Kanoniker saßen, sei besonders aufwendig ausgestattet worden, wohingegen die Einrichtung des Langhauses als Platz der Gemeinde einfachere Formen aufgewiesen habe. In Urach sei mit der Amandus­kirche ein schlichter Bau entstanden, dessen an Mendikantenkirchen erinnernde Architektur die gräflichen Re­formbestrebungen widerspiegle.

Auch die Architektur der Herrenberger Stiftskirche orientiere sich nicht an einer Stiftskirche; Vorbild sei mit der Reutlinger Marienkirche eine Pfarrkirche gewesen. Weder etymologisch noch typologisch seien die behan­delten Kirchen also unter einer spezifischen Architekturgattung zu fassen. Vielmehr veranschaulichten die Bauten eine auf Reformprestige bedachte gräfliche Politik, die jedoch in unterschiedlichen architektonischen Formen ihren Ausdruck gefunden habe.

Matthias Untermann (Heidelberg) widmete sich in seinem Vortrag Südwestdeutschen „Stadtkirchen“ und ihren stiftskirchenartigen Bauformen im 13. und 14. Jahrhundert, welche, so Untermann, in etlichen Fällen die liturgischen Ansprüche einer Pfarrgemeinde weit überstiegen. Im Auftrag des städtischen Rats habe bei­spielsweise die Pfarrkirche von Esslingen mit einem Langchor und einem Lettner typische Elemente einer Stiftskirche erhalten. Die „Münster“ genannte gewaltige Pfarrkirche Ulms sei mit einem Gestühl im Langchor ausgestattet worden, dessen Nutzung durch große Bürgerfamilien nicht ausgeschlossen worden sei. Als weitere Beispiele monumentaler Kirchenarchitektur seien Freiburg, Villingen, Breisach zu nennen, deren Stadtkirchen in den Dimensionen und mit der Ausstattung von großen Stiften versehen worden sein.

In ihren Bauformen wiesen Stadtpfarrkirchen also keine signifikanten Unterschiede zur Stiftskirchenarchitektur auf. Kennzeichen stiftischer Architektur wie lange Chorräume und Chorschranken bzw. Lettner seien ebenfalls in vielen Gemeindekirchen zu finden, wobei oft die Frage nach der Nutzung nicht habe geklärt werden können. Zusammenschlüsse von Kaplänen gemäß dem Modus von Chorherren erschienen erst seit dem 14. und 15. Jahrhundert, als die Kirchen bereits in ihrer stiftsähnlichen Architektur bestanden haben. Eine Bezeichnung als „Minderstift“ wegen der Existenz einer Kaplankongregation sei dennoch nicht zu rechtfertigen. Die architekto­nische Anlehnung an Stiftskirchen beim Bau einer Stadtpfarrkirche könne als gewollte Aufwertung des Baus verstanden werden. Bei der kunsthistorischen Untersuchung von Stiftskirchen müssten Stadtkirchen also als Vergleichsbeispiel beachtet werden.

Überlegungen zum Verhältnis der Architektur von Pfarrkirchen und Stiftskirchen im Spätmittelalter stellte Klaus-Jan Philipp (Stuttgart) an. Objekt seiner Untersuchung sind große Kirchen - Pfarrkirchen wie Stifts­kirchen - in Reichstädten. Als wichtiges Kriterium einer architekturhistorischen Beurteilung sei der räumliche Zusammenhang von Chorraum und Langhaus heranzuziehen. In Stiftskirchen zeuge die architektonische Tren­nung zwischen dem Chorraum als Sitz der Kanoniker und dem Schiff als Platz der Gemeinde vom hierarchi­schen Gefälle zwischen den Bereichen. Die aufwendige Ausstattung der Chorräume habe sich primär nach den Bedürfnissen des kanonialen Dienstes ausgerichtet, der Gemeindekirchenraum dagegen habe für die architek­tonische Achsenführung und Einrichtung nur eine marginale Rolle gespielt.

Anders als bei Stiftskirchen sei bei Stadtpfarrkirchen die Relation zwischen Chor und Langhaus im allgemeinen durch eine Harmonisierung der Bereiche gekennzeichnet, welche die hierarchische Ordnung auf­hebe und den Innenraum als Einheit fasse. So antworte die Raumdisposition auf veränderte Anforderungen an einen multifunktionalen Kirchenraum, der sowohl auf die Chorgeistlichkeit als auch auf die Gemeinde ausge­richtet sei, und somit aus einer Vierzahl von Blickpunkten zu erschließen sei. Am deutlichsten trete dieses Phänomen an Hallenkirchen wie der Pfarrkirche in Dinkelsbühl zutage, deren Gewölbe eine einende Funktion besitze und allen Blickrichtungen gleiche Bedeutung einräume. Ebenso trage der gleichmäßige Lichteinfall dazu bei, den gesamten Kircheninnenraum hell und zugänglich erscheinen zu lassen und eine einende Raum­wirkung zu schaffen. Im Gegensatz zur programmatischen Raumtrennung in Stiftskirchen sei in städtischen Hallenkirchen mittels der Gleichgewichtung der Blickpunkte ein vereinheitlichter Kirchenraum entstanden.

Zum Abschluss der Tagung wandte sich Ulrich Köpf (Tübingen) der Terminologie des Stifts und der Stifts­kirche in schriftlichen Quellen zu. Schon die Bezeichnung „Stift“ selbst könne verschiedene Institutionen mei­nen: In ihrer ursprünglichen Bedeutung benenne sie ein Chorherrenstift, doch sei der Begriff auch vereinzelt für Klöster zu finden; ebenso könne er das Territorium eines Bistums bezeichnen. Stifte und Klöster seien jedoch durch ihre Verfasstheit zu unterscheiden, auch wenn die Begrifflichkeit in vielen Fällen gleich sei. Aus mittelalterlichen Quellen spreche zudem eine indifferente Verwendung der Terminologie, die präzise Defini­tionen noch erschwere. Besonders die Frühzeit der Stifte im 10. und 11. Jahrhundert, in der „Regular­kanoniker“ erstmals zu fassen seien, stelle eine terminologische Grauzone dar. Als Quelle für das hochmittel­alterliche Stiftswesen dienten die in Anlehnung an die benediktinische Regula entstandenen Consuetudines für regulierte Chorherren. Einige ambivalent gebrauchte Termini seien anhand ihrer Erklärungen in den Consuetudines zu beleuchten. Für die Institution des Stiftes selbst sowie die Gesamtheit seiner Räumlichkeiten sei der Begriff monasterium verwendet worden, für die Kirche ecclesia oder oratorium. Auch conventus, capitulum und chorus folgten der Terminologie benediktinischer Klöster und seien ebenso wie bei ihrem Vorbild als personen- und raumbezogene Begriffe verwendet worden. Beispielhaft für hochmittelalterliche Quellen verdeutlichten die Consuetudines also die Schwierigkeit, anhand der Terminologie Merkmale von Stift und Kloster zu unterscheiden. Erst im 13. Jahrhundert habe sich die Begrifflichkeit geklärt und differenziert. Als sinnvolle Ergänzung eines „Stiftskirchenhandbuches“ könne ein Glossar dienen, das ebendiese ambivalen­ten Begriffe erläutere.

Funktion und Form. Die mittelalterliche Stiftskirche im Spannungsfeld von Kunstgeschichte, Landeskunde und Archäologie - Dethard von Winterfeld (Mainz) oblag es, die Ergebnisse der Tagung zusammenzufassen.

Zunächst sei herauszuheben, dass sich ein interdisziplinärer, überregionaler Forscherkreis aus Kunsthistori­kern, Archäologen und Historikern zusammengefunden habe, um der Tagungsproblematik nachzugehen. Mit unterschiedlichen Quellen und unterschiedlichen Methoden sei ein gemeinsames Ziel verfolgt worden: die historische Realität einer untergegangenen Institution wiederzugewinnen.

Nach der ersten Tagung zum Themenkomplex Stiftskirchen im März 2000, die im Zeichen der Geschichts­wissenschaft gestanden habe, sei es bei der diesjährigen Tagung primär um die dingliche Überlieferung von Stiftskirchen und kunsthistorische Forschungsergebnisse gegangen. Aufgabe der Kunsthistoriker sei es, histori­sche Funktionen des Stiftes, vor allem der Kirche, durch die Studie seiner Baukunst zu erschließen, zu der, wie die Referenten demonstriert hätten, unterschiedliche Heransgehensweisen möglich seien. In den Vorträgen seien Einzelbeispiele und Gruppenphänomene gleichermaßen thematisiert worden, wobei spezifische Raumfor­men der Stiftskirchenarchitektur wie Langchor, Gestühl und Lettner besondere Beachtung gefunden hätten.

Durch die interdisziplinäre Diskussion der Tagungsbeiträge sei es möglich gewesen, aus Einzelerscheinungen Prinzipien abzuleiten und zu allgemeinen Schlußfolgerungen zu gelangen. Aus der Vielfalt an Themen hätten sich zentrale Ergebnisse ergeben, unter denen hauptsächlich festzuhalten sei, dass keine spezifische Stifts­kirchenarchitektur existiere, weder in der Raumdisposition noch in der Ausstattung. Die Tagungsbeiträge hätten Strukturen aufgedeckt, die oftmals der in den Schriftquellen überlieferten Institution widersprächen; Stiftskirchen wiesen Elemente von Pfarrkirchen auf, originär stiftische Elemente dagegen seien wiederum an Stadtkirchen zu finden. Ein Stiftskirchenbau sei daher nur mittels eines Ausschlußverfahrens in einer Negativ­denition zu fassen. In ihren vielgestaltigen architektonischen Ausprägungen verdeutliche die Institution Stifts­kirche, dass sich innerhalb eines einheitlichen juristischen Rahmens individuell ganz unterschiedliche Inhalte entwickeln könnten.

Das Zusammenspiel von Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte habe gezeigt, dass die Ergebnisse der auf Schriftquellen basierenden historischen Forschung mit den Resultaten der an dinglicher Überlieferung orientierten Disziplinen Kunstgeschichte und Archäologie in Einklang gebracht werden müssten. Nur eine interdisziplinäre Arbeit könne es ermöglichen, zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen.

So sei auch für die folgenden Tagungen, die sich den Bereichen „Stift und Schule“ sowie „Wirtschaft der Stifte“ widmen sollen, eine enge Verzahnung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen unerlässlich, um den Themenkreis „Stift und Stiftskirche“ umfassend zu erforschen.

Als Tagungsergebnis sei zudem festzuhalten, daß es gelungen sei, die Stiftskirchen im südwestdeutschen Raum in einen überregionalen Zusammenhang zu stellen. Das Phänomen Stiftskirche, das in unterschiedlichen Ausprägungen im gesamten christlichen Abendland erscheine, werde ebenfalls Thema einer internationalen Tagung im Juni 2001 in Neustift/Tirol sein.

Ebenso wie die Beiträge der ersten Stiftkirchentagung werden auch die Referate des diesjährigen Symposions veröffentlicht werden.

Kontaktadresse:

Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften
Universität Tübingen
Wilhelmstraße 36
72070 Tübingen
Tel.: ++49/7071/2972387
Fax.: ++49/7071/295785

Frauke Michler


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