AHF-Information Nr. 33. vom 13.6.2001
Haben die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland sowie der Wechsel in der europa- und weltpolitischen Konstellation seit 1990 Auswirkungen auf das Bild von Gustav Stresemann in der heutigen Fachwissenschaft und der Öffentlichkeit? Dies war eine der Leitfragen für ein internationales Symposion, das das „Archiv des Deutschen Liberalismus“ zusammen mit der Universität Kiel und mit Unterstützung der Fritz-Thyssen-Stiftung in der Gummersbacher „Theodor-Heuss-Akademie“ veranstaltete. Der Termin lag damit fast auf den Tag genau 100 Jahre nach der Übersiedlung Stresemanns nach Sachsen (23.3.1901) und mitten zwischen den jeweiligen 75. Jahrestagen des Vertrages von Locarno vom Oktober 1925 und der Verleihung des Friedensnobelpreises an den langjährigen deutschen Außenminister im Dezember 1926.
Ausgangspunkt der Tagung war das Projekt einer neuen Stresemann-Biographie, das Karl Heinrich Pohl (Kiel) nach der Begrüßung durch das Kuratoriumsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung, Bundesministerin a. D. Irmgard Schwaetzer, vorstellte. Trotz langjähriger Forschungen gäbe es einerseits noch eine Reihe von unbekannten Seiten an Stresemann, etwa zum Beginn seiner (partei-)politischen Karriere in Sachsen nach der Jahrhundertwende. Andererseits müsse die Stresemann-Forschung stärker mit der Bürgertums-Forschung verbunden und danach gefragt werden, inwieweit Stresemann ein Prototyp des wilhelminischen Bürgertums gewesen sei und welche Erkenntnisse aus seinem Wirken in der Weimarer Republik für die bis dato weitgehend unbekannte Geschichte des deutschen Bürgertums nach 1914/18 zu gewinnen seien. Schließlich werden wohl auch die Entwicklungen seit der „Wende“ von 1989/90 mit dem Ende der bipolaren Weltpolitik und die Infragestellung der - relativen - bundesrepublikanischen Stabilität nicht ohne Einfluß auf die Bewertung der Außen- und Innenpolitik Stresemanns sein.
Das erste Podium unter der Leitung von Simone Lässig (Dresden) befasste sich dann konsequenterweise mit Stresemanns Wirken vor dem Ersten Weltkrieg. Holger Starke (Dresden) ging dessen Einbindung in die Dresdner Stadtpolitik und Gesellschaft während seines Wirkungszeit als Syndikus beim Verband Sächsischer Industrieller nach und kam dabei zu einem etwas widersprüchlichen Bild: Auf der einen Seite gewann Stresemann schnell Einfluß bei den Wirtschaftsverbänden und den ihnen nahestehenden Nationalliberalen, deren kommunal- und landespolitische Position er mit großem Geschick binnen kurzem erheblich ausbauen konnte. Zur Dresdner Oberschicht entwickelte er dagegen nur sehr spärliche Kontakte; allerdings wurde sein Engagement in Sachsen seit 1907 zunehmend durch die Tätigkeit als Reichstagsabgeordneter überlagert. Überaus erstaunliche Fähigkeiten an Organisations- und Durchsetzungsvermögen konnte auch Michael Prinz (Münster/Bielefeld) nachweisen, der Stresemanns Rolle bei der Errichtung der speziellen Sozialversicherung für Angestellte 1911 untersuchte: Letztlich war es vor allem Stresemann, damals gerade 32 Jahre alt, der durch geschicktes Taktieren und eine kluge Regieführung die divergierenden Kräfte bündelte und dem entsprechenden Gesetz in der Öffentlichkeit und im Reichstag gegen vielfältigen Widerstand den Weg ebnete, weil er die zunehmende Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe erkannt hatte. Ohne ihn hätte es möglicherweise die fundamentale und langwirkende Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten in der deutschen Sozialpolitik nie gegeben, so Prinz.
Der weitaus bekanntere Stresemann der Weimarer Republik stand im Mittelpunkt des zweiten Podiums mit Henry A. Turner (New Haven, Conn.) als Moderator. Peter Krüger (Marburg) und Gottfried Niedhart (Mannheim) stellten aus unterschiedlicher Perspektive sein außenpolitisches Wirken dar. Krüger zog vor allem Parallelen zur Politik des britischen Außenministers Castlereagh nach dem Wiener Kongreß und seinen Bemühungen, den damaligen Kriegsverlierer Frankreich wieder in das Konzert der Europäischen Mächte zu integrieren. Stresemann waren die wissenschaftlichen Veröffentlichungen darüber, die Mitte der 1920er Jahre etwa von Charles Webster vorgelegt wurden, durchaus vertraut und wurden von ihm mit seinen eigenen Erkenntnissen aus dem Weltkrieg über den Zusammenhang von innerer und äußerer Politik in Verbindung gebracht. Krüger sah dementsprechend auch einen eindeutigen Paradigmenwechsel in der deutschen Außenpolitik unter Stresemann, der prinzipiell von der Möglichkeit der Verständigung und des Ausgleichs zwischen parlamentarisch regierten Nationalstaaten ausging. Ansatzweise ließen sich bereits mit dem Dawes-Plan, dem Vertrag von Locarno und dem Völkerbundeintritt die Fundamente einer neuen europäischen Ordnung erkennen. Krügers Ansichten wurden von Niedhart unterstützt, der fünf Komponenten des außenpolitischen Denkens Stresemanns ausmachte. Unter diesen hob er die „stilbildende“ Verbindung von Friedenssicherung und nationaler Interessenwahrung und die Annahme eines Zusammenhangs von Wirtschaftsmacht und Machtpotential hervor. Unübersehbar sei aber auch, daß Stresemann erstmals versuchte, auf ganz pragmatische Weise liberale Prinzipien auf die Außenpolitik zu übertragen. Allerdings handle es sich alles in allem bei seiner Außenpolitik zunächst einmal um „gelungene innovative Ansätze“, deren operative Umsetzung aber nicht konsequent genug erfolgte bzw. erfolgen konnte.
Erstmals systematisch untersucht worden sind von Thomas Krüger (Kiel) Stresemanns 118 Reichstagsreden. Er legte zunächst die methodischen Schwierigkeiten dar, die dieser Quellengattung eigen sind, und warf dann die Frage auf, ob und ggf. wann sich das berühmte „Damaskuserlebnis“ Stresemanns, nämlich seine Wandlung vom wilhelminischen Monarchisten zum Weimarer „Vernunftrepublikaner“, hieran nachweisen lasse. Obwohl sich zwischen 1917 und 1923 ein allmählicher Wechsel in den Anschauungen zumindest auf der rhetorischen Ebene konstatieren ließe, wollte Krüger doch mehr von einem „Methodenwechsel“ als von einer „echten Wandlung“ in der Politik Stresemanns sprechen.
Am Beispiel des Stresemann-Films aus dem Jahre 1957 stellte Andreas Körber (Hamburg) in einem Abendvortrag seine Forschungen zur öffentlichen Stresemann-Rezeption in der Bundesrepublik Deutschland vor. Für die politische Konstellation der 50er Jahre und die damals vorherrschende Betonung des Europäertums kam der „Weimarer“ Stresemann gerade recht; insofern war es nicht verwunderlich, daß das Filmprojekt, das bei derselben Filmfirma wie der Bismarck-Film von 1940 realisiert wurde, regierungsamtlich stark gefördert wurde. Allerdings erwies sich der Film als kein Zuschauermagnet, sondern verschwand rasch in den Depots der Schulfilme.
Die eingangs von Karl Heinrich Pohl eingebrachten Fragen nahm das dritte, von Eberhard Kolb (Köln/Bad Kreuznach) geleitete Podium wieder auf, das der Diskussion um eine zeitgemäße Lebensbeschreibung gewidmet war. Jonathan Wright (Oxford), der unmittelbar vor dem Abschluß einer eigenen Stresemann-Biographie steht, legte dabei eine „britische“ Sichtweise dar, die sich stark auf die Persönlichkeit Stresemanns konzentriert. Er regte einen Vergleich an zwischen Stresemann und anderen deutschen und britischen Politikern wie Erzberger, Rathenau, Lloyd George oder Churchill, deren Leben Ähnlichkeiten und Parallelen aufweisen würde. Ein wichtiges Moment zum Verständnis all dieser Persönlichkeiten sei ihr sozial oder familiär bedingtes Außenseitertum, das häufig durch einen ausgeprägten „Hunger nach Macht“ kompensiert worden wäre. Es müsse auch im Fall Stresemann noch mehr untersucht werden, welchen Einfluß persönliche Gefühlslagen auf seine Politik, etwa im Verhältnis zu seiner Partei, genommen hätten. Von Wolfgang Michalka (Freiburg) wurden dagegen mehr die Kontroversen um Stresemann in den Mittelpunkt gestellt, die schon bei den Zeitgenossen erkennbar seien, etwa in der Abneigung von Theodor Heuss einerseits und der Wertschätzung Lord D’Abernons anderseits. Die Widersprüche im Stresemann-Bild seien zwar inzwischen ziemlich eingeebnet worden, aber trotz zahlreicher Detailstudien sei wohl auf absehbare Zeit keine völlig neue Stresemann-Interpretation zu erwarten. Jedoch könne man jetzt anhand seiner politischen Biographie den historischen Ort der Weimarer Republik besser bestimmen. In einem Kommentar schlug Henry A. Turner vor, ein moderner Biograph solle auch danach fragen, was geschehen wäre, wenn Stresemann nicht vorzeitig der Tod ereilt hätte. Als Bereiche, in denen es aus seiner Sicht noch Forschungslücken gäbe, nannte Turner die Problemkreise Wiederaufrüstung, Ostgrenzen und Antisemitismus sowie das Spannungsverhältnis zwischen Stresemanns Liberalismus und seiner Einstellung zur Demokratie.
Zu allen drei Podien und zum Einführungsvortrag gab es ausführliche, zum Teil auch kontroverse Debatten. Sie drehten sich vor allem um die Fragen:
Erstens, welchen Stellenwert haben die sächsischen Erfahrungen für Stresemanns politisches Wirken gehabt, kommt ihnen ein grundlegender oder nur episodenhafter Charakter zu?
Zweitens, ob man wirklich von einem liberalen Modell der Außenpolitik bei ihm sprechen könne, das auch von anderen politischen Kräften wie der Sozialdemokratie unterstützt wurde?
Drittens, war Stresemann ein von liberalen Werthaltungen und Prinzipien geleiteter Politiker oder entsprang seine berühmte Flexibilität einem eher opportunistischen Charakter?
Schließlich, inwieweit entsprach Stresemann dem Liberalismus und anderen liberalen Politikern der Zwischenkriegszeit und inwieweit war er dabei modern und zukunftsweisend?
Allgemein herrschte trotz unterschiedlicher Auffassungen im Detail die Meinung vor, daß eine neue Biographie des „ganzen“ Stresemann unter Einbeziehung seiner Jugend und seiner Umwelt sehr wünschenswert sei. Als ersten Schritt dorthin sollen noch vor Jahresende die Referate dieser Tagung im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht publiziert werden.
Jürgen Frölich
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