AHF-Information Nr. 32 vom 11.6.2001

Grand Tour.
Adliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert.
2. Tagung: Einheit und Vielfalt der europäischen Adelskultur

Internationales Kolloquium
veranstaltet vom Deutschen Historischen Institut Paris in Zusammenarbeit mit dem Institut für Europäische Geschichte Mainz, dem Kunsthistorischen Institut Florenz, der Bibliotheca Hertziana Rom und den Deutschen Historischen Instituten in London, Rom und Warschau,
Paris vom 24. bis 25. November 2000

Die Veranstaltung setzte das zweiteilige Kolloquium über den Grand Tour fort, dessen erste Tagung (Chronologie, Form und Funktion der Adelsreise) vom 19.-20. November 1999 im Deutsch-Italienischen Zentrum von Loveno di Menaggio stattgefunden hatte. 20 Vorträge waren in vier thematischen Arbeitssitzungen organisiert:

Die erste Sitzung unter der Leitung von J. Ehlers (Berlin) und H. de Ridder-Symoens (Gent) wurde von einem Vortrag von D. Péricard-Méa (Paris) zur Bedeutung Santiago de Compostelas als Station auf Adelsreisen des späten Mittelalters eingeleitet. Die Referentin stellte heraus, daß die Fahrt nach Santiago im allgemeinen zwar nicht alleiniges Ziel, sondern Element eines umfassender angelegten Unternehmens war, die Motivationen zur Einplanung dieser Etappe aber immer in Beziehung zum Gesamtunternehmen stand, ob dieses nun konkreten Zielen (etwa einer Teilnahme französischer Ritter am Kampf gegen England) oder solchen ideeller Natur diente (etwa eine Reise auf den Spuren Karls des Großen). Spanien als Reiseziel nahm auch K. Herbers (Erlangen) anhand der Aufzeichnungen des Nürnberger Arztes und Humanisten Hieronymus Münzer in den Blick. Bemerkenswert an Münzers Reise ist, daß er als einer der ersten die „ganze“ Hispania, also auch die muslimischen Gebiete, besuchen konnte. Wie Herbers deutlich machte, läßt die Darstellung Mün­zers zwar vielerorts noch die Orientierung an bestimmten Traditionen der Spanienreise erkennen, wie sie von adligen Vorgängern wie Leo von Rozmital oder Nikolaus von Popplau geprägt worden sind, deutet aber zugleich schon auf die zeitgenössischen Umbrüche hin: Münzer war gleichzeitig Diplomat und wissenschaftlicher und ökonomischer Beobachter, der den Mittelmeer- und auch den beginnenden Atlantikhandel und die fortschreitenden Entdeckungen genauestens registrierte. H.J. Bömelburg (Warschau) referierte im Anschluß daran über den Grand Tour im polnischen und litauischen Adel zwischen 1400 und 1700. Er kennzeichnete die Adelsreise als ein wesentliches Instrument für die Angleichung der heimischen Eliten an die fortgeschrittene west- und südeuro­päische Adelskultur nach der polnisch-litauischen Personalunion und Großreichsbildung des Jahres 1386. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts zeichnete sich in Polen-Litauen allerdings ein Nachlassen der Attraktivität der Adelsreise ab, die ihren Grund in ökonomischen (Einkommensrückgang), gesellschaftlichen (Intensivierung des Klientelsystems) und politischen Faktoren (Bürgerkrieg und Krieg) hatte. Eva Bender (Marburg) widmete sich dem Reiseverhalten der Landgrafen von Hessen zwischen 1500 und 1800 und hierbei besonders der Bedeutung der Vereinigten Niederlande als Reiseziel. Hierbei wurde deutlich, daß die Hauptlinien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt kei­neswegs immer konform gingen: Vor allem die Angehörigen des ersten Hauses begaben sich immer wieder auf die Reise nach den Niederlanden, wobei diese von einer wichtigen Durchgangsstation zunehmend zum eigentlichen Hauptziel der Kavalierstour wurden. Die Angehörigen des Hauses Hessen-Darmstadt hingegen streiften die Niederlande allenfalls auf dem Weg nach den britischen Inseln und zogen Frankreich, Italien oder den Wiener Hof als Reiseziel vor. Zur Erklärung dieser Unterschiedlichkeiten lassen sich gemäß Bender konfessionelle und dynastische Motive, aber auch eine Divergenz im Bildungsideal beider Häuser heranziehen. Sizilien als ein erst (spät) entdecktes Reiseziel, das den schwieriger durchzuführenden Besuch Griechenlands ersetzen konnte, geriet mit dem Vortrag von Eva Faber in den Blick. An den Berichten Karl v. Zinzendorfs und Johann v. Riedesels über ihre fast zeitgleich (1767 bzw. 1768) stattfindende Sizilienreise wurden unter­schiedliche Wahrnehmungsweisen zweier sozial gleichrangiger Personen verdeutlicht: Stand für Zinzendorf die „Kommerzreise“, d.h. das Einholen von Informationen über wirtschaftliche Zusam­menhänge im Vordergrund, so war für Riedesel als Schüler Winckelmanns die Begegnung mit der Antike entscheidend: Auf lange Sicht lag hier der Ausgangspunkt für zwei in der Folge wirksame unterschiedliche Sizilien-Mythen.

Die zweite Arbeitssitzung stand unter der Leitung von P. Moraw (Gießen) und A. Màczak (Warschau). R.C. Schwinges (Bern) kam einleitend auf die Rolle der Universität zu sprechen und zeigte, daß diese zunehmend zu einem „sozialen Ort“ des Adels wurde, wobei der Erwerb eines Grades eher selten ein erklärtes Ziel war, das am ehesten noch von niederrangigen Aristokraten verfolgt wurde. Der Studienaufenthalt sollte in vielen Fällen auch mit einem Kennenlernen der höfi­schen Welt verbunden werden, weshalb bei der Auswahl auf eine gewisse Nähe der Universitäten zu Höfen geachtet wurde. Unter dem Gesichtspunkt des adligen Studiums liefen auch aus diesem Grund die hofnahen Landesuniversitäten den städtischen Gründungen schnell den Rang ab. Wie das Kölner Beispiel stichprobenartig belegen kann, entsprach der Anteil adliger Studenten mit 2,5 % schließlich in etwa dem Anteil des Adels an der Gesamtbevölkerung. Den Stellenwert des Dresdner Aufenthalts des Großprinzen Cosimo di Medici für die Beziehungen zwischen dem sächsischen und dem florentinischen Hof (1668) stellte dann Barbara Marx heraus. Dieser Besuch bestätigte gleich­sam die nach dem Ende des 30-jährigen Krieges intensivierte kulturelle Orientierung des Dresdner Hofs auf das italienische Modell hin. Zu den personalen Trägern der Verbindung zwischen beiden Höfen wurden aus Italien stammende Hofkünstler in sächsischen Diensten (z.B. der Kastrat de Melani). Die Reise als Schlüssel zu Anstellung und Position, zu einer „höfischen Karriere“ also, behandelte im Anschluß K. Keller (Wien). Als besonders aussagekräftige Quelle für diesen Zusammenhang stellte die Referentin die in großer Zahl erhaltenen Leichenpredigten aus dem säch­sisch-thüringischen Raum heraus, die in der Regel Angaben zu Lebensläufen und somit auch Auf­schlüsse über die Funktionalität des Reisens bieten. Um die Funktionalität des Reisens ging es auch in dem Beitrag von M. Weidner (Münster) über den stiftsfähigen Adel des Hochstifts Münster. Die Adelsreise, der sich zumindest die Haupterben der untersuchten Familien regelmäßig unterzogen, erwies sich auch an diesem Untersuchungssegment ebenso als Mittel zur Statussicherung durch Distinktion und Oligarchisierung wie auch als Instrument zum Erwerb von lukrativen und prestige­trächtigen Posten in der Territorialverwaltung, wo der Adel sich vielfach gegenüber nichtadeliger Konkurrenz durchsetzen mußte. Mathias Leibetseder (Paderborn) verfolgte anschließend den Zusammenhang von Kavalierstour und Karriere am konkreten Beispiel dreier Adelssöhne aus sächsischen und fränkischen Grafenhäusern, die kurz nach 1730 reisten und erinnerte in diesem Zusammenhang an die Bedeutung spezifischer und individueller Dispositionen für das Gelingen eines Karriereplans. Trotz der ähnlich strukturierten sozialen Netzwerke, auf die sie während ihrer Reise zurückgreifen konnten, waren sie beim anschließenden Versuch, in die Dienste des dänischen Königs zu treten, nicht gleichermaßen erfolgreich: Über die durch Standeszugehörigkeit geprägten Personenbeziehungen hinaus waren offensichtlich auch andere Affinitäten (wie in einem Fall etwa das Bekenntnis zum Pietismus) entscheidend.

Die dritte Arbeitssitzung der Tagung unter dem Vorsitz von H. Schulze (London) und J.M. Valentin (Paris) wurde durch ein Referat von A. Tönnesmann (Bonn) zum Zusammenhang von Reisen und Bauen eingeleitet. Tönnesmann legte dar, daß Bauherren mit größerer Reiseeerfahrung in der europäischen Renaissance eher selten waren und die meisten Bauten infolgedessen kaum von der lokalen und regionalen Formentradition abwichen. Die Ausnahmen von dieser Regel stellte der Beitrag vor und fragte nach den Methoden der Aneignung und Verarbeitung fremder Formen: Enea Silvio Piccolominis Pienza oder Capidiferros Palazzo Spada etwa zeigten mit Hallenkirche, Loggienhof und Galerie einen Formentransfer von Norden nach Süden, während das Landshuter Stadtpalais aus den 1530er Jahren Mantuaner Vorbildern folgte. Die Verarbeitung von Reiseerfah­rungen war auch Hauptgegenstand der Ausführungen von Joachim Rees (Potsdam), der ein am For­schungszentrum für Europäische Aufklärung in Potsdam betriebenes Projekt zu den Europareisen der politischen Funktionträger des Alten Reichs zwischen 1750 und 1800 vorstellte. Rees regte in diesem Zusammenhang die Entwicklung einer Reisefolgenforschung an, welche nach den Wirkun­gen der Reisetätigkeit fragt und die durch diese induzierten Änderungen im wirtschafts-, kultur-, sozial- und institutionengeschichtlichen Bereich der Ausgangskultur untersucht. Gleich zwei Beiträge wandten sich der Grand Tour des englischen Adels nach Italien zu. Edward Chaney (Southampton) untersuchte die Wandlungen der Motivation für solche Reisen. Was früher als Pilgerfahrt nach Rom angelegt war, erhielt nach der Reformation eine neue Begründung: Jetzt ging es um die säkulare Erziehung, z.B. um Sprachenkenntnis, um ein Medizinstudium, um Unterricht in den höfischen Künsten wie Tanzen und Fechten. Nicht mehr das Sammeln von Reliquien und reli­giösen Gegenständen stand im Vordergrund, sondern der Erwerb kostbarer Drucke und das Anlegen von Sammlungen. Die Praxis des 18. Jahrhunderts nahm anschließend Tim Blanning (Cambridge) in den Blick, der ebenfalls darauf hinwies, daß in dieser Zeit die Italienreise im wesentlichen als Bildungsreise angelegt war. Im einzelnen legte der Referent die ganze Breite der englischen Rezep­tion des Neoklassizismus dar, wie sie im Bau von Landhäusern, der Gartengestaltung, Einrichtung von Museen und sogar der Landschaftspflege zum Ausdruck kam.

Die vierte Arbeitssitzung wurde von G. Klingenstein (Wien) und E. Bremer (Paderborn) geleitet und durch einen Vortrag von A. Stannek (Braunschweig) zu den Italien- und speziell den Romrei­sen protestantischer deutscher Fürsten eröffnet. Anhand ausgewählter Beispiele wurde untersucht, wie diese Reisenden ihre fremdkonfessionelle Umwelt wahrnahmen, wie sie sich in ihr verhielten und in welchem Verhältnis dies zu den Empfehlungen der apodemischen Literatur stand. Anhand von ungedrucktem Material aus den Vatikanischen Archiven berichtete I. Fosi-Polverini (Cosenza) über die Konversionen protestantischer Rom-Reisender: War das Verhältnis der römi­schen Behörden zu den „oltramontani“ zunächst von mißtrauischer Abneigung geprägt, so wurden doch ab der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert die Anstrengungen vermehrt, möglichst viele Konversionen zu fördern und - sofern es sich um Personen „von Stand“ handelte - auch propa­gandistisch zu nutzen. Vor allem die Gemeinschaft der Oratorianer sowie eigens gegründete Kongregationen nahmen sich der Neubekehrten an, die nach einer Rückkehr in ihre protestantische Heimat als gefestigte Zeugen des alten Glaubens dienen konnten. D. Nolde (Paris) widmete sich dem Verhältnis von Reisenden und ihren Gastgebern und damit Aspekten von Fremdheitserfahrung. Die Referentin stellte in diesem Kontext die überkommene Auffassung von einer mehr oder weni­ger einheitlichen europäischen Adelskultur insofern infrage, als sie auf die Tatsache hinwies, daß auch bei Standesgleichheit der Gast das Bewußtsein, sich in der Fremde zu bewegen, nicht verlor. Die Bewältigung kultureller Differenzen war von seiten der Reisenden wie der Gastgeber ein grundsätzlich offener Prozeß, in dessen Rahmen Hierarchie oder Gleichwertigkeit erst auszuhan­deln waren. Das Incognito als „Schutzmechanismus“ der Kavalierstour beschrieb Norbert Conrads (Stuttgart). Kavalierstouren waren grundsätzlich finanziell sehr aufwendig, incognito zu reisen, ersparte dem jungen Aristokraten hingegen teure Repräsentationsverpflichtungen. Gern wurde das Incognito auch von protestantischen Prinzen verwendet, die in katholischen Ländern unterwegs waren, um auf diese Weise konfessionellen Abwerbungsversuchen zu entgehen. Im Zeitalter der Aufklärung konnte es sogar dazu beitragen, ein neues Bild der Monarchie zu verbreiten (wenn etwa Kaiser Joseph II. als einfacher Graf von Falkenstein reiste). Die Kavalierstour in den Vereinigten Niederlanden untersuchte W. Frijhoff (Amsterdam). Der eigentliche Adel blieb nach der Trennung von der spanischen Monarchie hier ein abgeschlossener und nicht mehr zugänglicher Stand, jedoch eignete sich das bürgerliche Patriziat, das die politischen Schlüsselfunktionen in Stadt und Land besetzte, zunehmend adlige Verhaltensformen an. Die große Masse der niederländischen Grandtou­risten bestand aus den Söhnen dieser Schicht, für die die Kavaliersreise im allgemeinen mehrere Ziele hatte, die einander über- oder untergeordnet sein konnten: das Kennenlernen sehenswerter Stätten, den Erwerb von Wissen und Gelehrsamkeit durch den Kontakt zu berühmten Gelehrten, den Erwerb von Büchern, den Besuch von wichtigen Ausbildungsstätten und das Erlangen der für eine Karriere als politischer Entscheidungsträger notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten durch die Beobachtung politischer Etikette und höfischen Lebens. T. Grosser (Mannheim) wandte sich schließlich der bürgerlichen Kritik an der Adelsreise im Zeitalter des Aufgeklärten Absolutismus zu, die auch auf die Nachahmer adliger Verhaltensmuster aus den bürgerlichen Funktions- und Wirtschaftseliten ausgedehnt wurde. Den Untugenden der Adelsreise - der Unreife der jugendlichen Reisenden, der Betonung der Standeszugehörigkeit durch ostentativen Luxuskonsum etc. - wurde das Konzept einer Reise ohne standesgemäße Konventionen entgegengestellt, auf der gleichsam der Mensch als Mensch unterwegs sein und die Berührung mit dem Anderen auf allen Ebenen zur Bereicherung seiner eigenen Erfahrungen nutzen, dabei aber auch verwertbare Kenntnisse erwerben sollte: Durch den Erwerb breitgefächerten Wissens sollte etwa ein Transfer nützlicher volkswirt­schaftlicher Kenntnisse erzielt werden. Die zunehmende Bedeutung fachlicher Qualifikationen neben höfischer Bildung bei der Besetzung höherer Ämter führte schließlich zu einem gewissen Funktionsverlust der Adelsreise.

Das Fazit der Veranstaltung leitete W. Paravicini (Paris) mit der Feststellung ein, daß sich die Ausgangshypothese von der Existenz einer spezifischen Adelsreise bewahrheitet habe: Gereist wurde eben, um die Zugehörigkeit zu einem Stand zu zeigen und um für den adeligen Hofdienst typische Kompetenzen zu erwerben. Nicht zuletzt die Tatsache, daß die sichtbare Dokumentation der Reise durchgängig eine große Rolle spielte, darf als Bestätigung für diesen Zusammenhang gewertet werden. Wie Paravicini nachdrücklich hervorhob, war im Laufe der Tagung vor allem zweierlei besonders deutlich hervorgetreten: einmal der Wandel der inhaltlichen Erwartungen, die an eine Reise gestellt wurden, sodann - damit zusammenhängend - ihre chronologische Entwick­lung und geographisch zu differenzierende Struktur. Die Aufgaben künftiger Forschung faßte Paravicini in fünf Punkten zusammen: ein Ende der Konzentration auf den Reisebericht zugunsten einer intensiveren Berücksichtigung der archivalischen und monumentalen Quellen, eine genauere Erfassung der wenig bekannten Epoche zwischen 1500 und 1550, in der eine Adelsreise älteren Stils sich wandelte und sich durch die Verbindung von litterae und arma ein neues Ideal etablierte, eine weitere Präzisierung und Erschließung der Inhalte von adeligem Wissenserwerb und Adels­erziehung, eine stärkere Akzentuierung der Wirkungen von Adelsreisen (Reisefolgenforschung) und eine Klärung der Linien, die hin zu den modernen Reiseformen, zur Italienfahrt des 19. Jahrhun­derts, zum Orientalismus und zum Tourimus führen.

Die Veranstaltung schloß mit einem Dank an die beteiligten Institutionen. Die Veröffentlichung der Tagungsakten in den Schriftenreihen des Deutschen Historischen Instituts Paris ist geplant.

Rainer Babel, Paris


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