AHF-Information Nr. 31.vom 10.5.2001
Bei den Heilbronner Symposien stehen jeweils Aspekte der mittelalterlichen Geschichte im Mittelpunkt. Nach „Region und Reich“ (1991) und „Weinwirtschaft im Mittelalter“ (1996) folgte auch das diesjährige, dritte Symposium dem bewährten Konzept, von einer für die Stadt Heilbronn relevanten Fragestellung auszugehen und diese dann im europäischen Vergleich zu betrachten. Vorbereitet und durchgeführt wurde diese Veranstaltung wieder in enger Zusammenarbeit von Professor Dr. Kurt-Ulrich Jäschke (Universität Saarbrücken) und dem Stadtarchiv Heilbronn unter seinem Direktor Dr. Christhard Schrenk. Als Referenten und Disputationspartner konnten 21 Spezialisten aus Belgien, Deutschland, Italien, Luxemburg, Österreich und Polen gewonnen werden, die das Thema „Ackerbürgertum und Stadtwirtschaft. Zu Regionen und Perioden landwirtschaftlich bestimmten Städtewesens im Mittelalter“ unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchteten.
Im Zentrum stand die Frage nach der Bedeutung der Landwirtschaft in den mittelalterlichen Städten. Eine Stadt unterscheidet sich vom Dorf u.a. dadurch, das ihr Wirtschaftsleben vorwiegend durch Handel und Gewerbe geprägt ist. Dennoch ist in ganz Europa zu beobachten, dass es in den Städten Bürger gibt, die hauptsächlich Landwirtschaft betreiben. Welchen Stellenwert nehmen diese „Ackerbürger“ in den Stadtgemeinden ein und wann bestimmen sie eine Gemeinschaft so stark, dass man von reinen Ackerbürgerstädten reden kann, wie sie Max Weber idealtypisch definiert hat? Gibt es Regionen, wo solche stärker verbreitet sind als in anderen, und verändert sich das im Laufe der Jahrhunderte? Ist die in Deutschland gängige Definition von Ackerbürgerstadt als einer Stadt, die eine nur geringe Zentralität aufweist, in der es keine ausgeprägte innerstädtische Verwaltung gibt und in der Landwirtschaft eine überproportionale Bedeutung hat, auch auf andere europäische Regionen zu übertragen?
Im Eröffnungsvortrag „Ackerbürger in Heilbronn? Stadtwirtschaft und Stadtverfassung im Südwesten des mittelalterlichen Reiches“ zog Dr. Kurt Andermann (Karlsruhe) folgendes Fazit: In Heilbronn lebten zwar bis zu 50 Prozent Ackerbürger - man denke nur an den bedeutenden Weingärtnerstand -, und die städtische Landwirtschaft war bis zum Zweiten Weltkrieg bedeutend. Dennoch kann die Stadt nicht als Ackerbürgerstadt bezeichnet werden. Dafür sind ihre städtischen Attribute zu ausgeprägt: Neben dem Reichsstadtstatus und den damit verbundenen Privilegien zählen als Indizien dazu vor allem auch die frühe Erwähnung eines Neckarhafens, die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde in der Mitte des 11. Jahrhunderts und die generelle Bedeutung von Gewerbe und Handel in der Stadt.
Auch das Fallbeispiel Villingen im Schwarzwald zeigt - so der Befund von Dr. Heinrich Maulhardt (Villingen-Schwenningen) -, dass dies keine Ackerbürgerstadt im eigentlichen Sinne gewesen ist, obwohl es dort ebenfalls Ackerbürger gegeben hat. Weitaus stärker geprägt war die Stadt aber durch eine breite Palette von Handwerksberufen, die über die Stadt hinaus ausstrahlten. Dadurch unterschied sie sich auch ganz deutlich von den ihr unterstellten Dörfern im Brigachtal.
Professor Dr. Roman Sandgruber (Linz/Österreich) und Dr. Walter Schneider (Frangart/Italien) charakterisierten die von ihnen vorgestellten Städte in Österreich und Tirol dadurch, dass sie in den Quellen nach Hinweisen auf Stallungen und Scheunen, Felder- und Viehbesitz, Weide- und Ackernutzungsrechte suchten. Dadurch ließen sich graduelle Unterschiede in der Bedeutung der Landwirtschaft für die einzelnen Städte herausarbeiten. In Österreich gab es Städte, in denen das Bürgerrecht nicht am Haus-, sondern am Ackerbesitz festgemacht wurde, was ein besonderes Licht auf den dortigen Status des „Ackerbürgers“ wirft. Für Trient und Bozen sind ackerbürgerliche Bruderschaften belegt, ebenfalls ein interessantes Indiz für das Selbstbewußtsein von „Ackerbürgern“, die sich selbst offensichtlich anders als die Bauern auf dem Dorf fühlten und einschätzten.
Um „Ackerbürger in sächsischen und thüringischen Städten an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit“ ging es in den Ausführungen von Dr. Katrin Keller (Wien). Sie stellte dabei noch einmal pointiert Fragen zur Begriffsbestimmung von Ackerbürgertum. Dies beschäftigte ebenfalls Dr. Bärbel Brodt (Münster) bei ihrem Vortrag über „Ackerbürgerstädte in Englands Mittelalter“ sehr stark. Lassen sich die deutschen Begrifflichkeiten überhaupt auf die englischen Befunde übertragen? Die dortigen industrial villages, die auch als „Städte ohne Mauern“ bezeichnet werden, hoben sich - anders als die reinen Ackerbürgerstädte in Deutschland - sehr wohl von ihrem ländlichen Umland ab und wiesen eine ausgeprägtere ständische Gliederung auf.
Mehr Probleme als Nutzen sah auch Professor Dr. Raymond van Uytven (Antwerpen/Belgien) in der gängigen Begriffsdefinition von Ackerbürgerstadt durch Max Weber. In den mittelalterlichen Niederlanden - so zeigen Untersuchungen über das Herzogtum Brabant und die Grafschaft Flandern deutlich - seien die Übergänge zwischen verschiedenen Typen von Städten und Zentralorten sehr fließend gewesen. Ackerbürgerstädte im strengen Sinn habe es dort nicht gegeben, sehr wohl aber Ackerbürger, die sowohl in den Städten wie Vorstädten lebten und Landwirtschaft betrieben.
An den Beispielen Düsseldorf, Lennep, Ratingen und Wipperfürth untersuchte Dr. Christian Reinicke (Düsseldorf) die „Nutzungsformen der Argarwirtschaft in rheinischen Städten während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit“. Als Vergleichskritierien wurden Bodennutzung, landwirtschaftliche Gebäude, Straßenreinigung und Entsorgung, Gartenbau, Viehhaltung und Weide- und Waldnutzung herangezogen. Vor allem in Düsseldorf waren sowohl große Ackerflächen wie auch Waldflächen vorhanden, und es gab ausgedehnte Gärten in der Stadt. Die landwirtschaftlichen Gebäude waren in allen vier Beispielen über die gesamte Stadt verteilt, das heißt die Wohnhäuser waren von Scheunen und Ställen umgeben. Es gab also keine Stadtviertel, in denen vor allem oder ausschließlich Ackerbürger gewohnt hätten. Auch die Gärten lagen zumeist unmittelbar bei den Häusern.
Auch Dr. Henri Trauffler (Luxemburg) zog drei Beispiele für seine Ausführungen über „Ackerbürger und Stadtwirtschaft im luxemburgischen Raum - mit vergleichendem Blick nach Frankreich“ heran. Die in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts im Umfeld der Grafenburg entstandene Siedlung Luxemburg, die ab dem 13. Jahrhundert urbane Qualität erreichte, zeichnet sich nicht durch eine besonders ausgeprägte in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung aus. Anders der im Schatten der Abtei gewachsene Ort Echternach, in dem trotz Mittelpunktsfunktion auch eine intensive Beteiligung der Bürgerschaft an der Land- und Weinwirtschaft festzustellen ist. Ganz stark agrarisch geprägt war Diedenhofen, das zum Zeitpunkt der Vergabe eines Freiheitprivilegs durch die Luxemburger Grafen (1239) lediglich aus einer Ansammlung von Bauern und Winzern bestand.
Abschließend berichtete Professor Dr. Henryk Samsonowicz (Warschau/Polen) über „Ackerbürger im östlichen Mitteleuropa während des Mittelalters“. Er deckte mit seinem Vortrag Polen und Litauen, die heutige Ukraine, Ungarn, die Slowakai, Kroatien und Teile Rumäniens sowie Pommern und Ostpreußen ab. Ackerbürger waren in dieser Region vor allem in kleinen bis sehr kleinen Städten zu finden. Sie gehörten den ärmeren Schichten der Stadtbewohner an und hatten auch nicht überall des Bürgerrecht, sondern nur das Recht in der Stadt zu wohnen und Landwirtschaft zu betreiben.
An alle Vorträge schlossen sich lebhafte Diskussionen an, die von den jeweils dazu eingeladenen Disputationspartnerinnen und -partnern angestoßen wurden. Dies waren: Adela Schneider (Stuttgart), Dr. Erich Landsteiner (Wien), Dr. Josef Nössing (Bozen), Professor Dr. Hans Schulze (Marburg), Professor Dr. Natalie Fryde-Freifrau Stromer von Reichenbach (Darmstadt), Dr. Jean-Marie Yante (Brüssel), Professor Dr. Franz Irsigler (Trier), Dr. Elisabeth Biesel (Trier), Professor Dr. Christian Lübke (Greifswald) und Direktor Christoph Langner (Stralsund).
In der von Professor Dr. Kurt-Ulrich Jäschke eingeleiteten Generaldiskussion wurde folgendes Fazit gezogen: Die Begriffe „Ackerbürger“ und „Ackerbürgerstadt“ sind hilfreiche Konstrukte zur Beschreibung eines in ganz Europa zu beobachtenden Phänomens. Was sie im einzelnen genau bedeuten, ist aber regional höchst unterschiedlich ausgeprägt. Das heißt, es kann keine generelle Definition dieser Begriffe geben, sondern man wird sich immer wieder neu darüber verständigen müssen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort Ackerbürger und Ackerbürgerstadt genau bedeuten. Der Aspekt des Bürgerrechtes, das die Ackerbürger von den dörflichen Bauern unterscheidet, schien einigen Teilnehmern wichtiger zu sein als der Grad der Abhängigkeit von landwirtschaftlicher Tätigkeit. Insgesamt gibt es deutlich mehr Hinweise auf die Existenz von Ackerbürgern (in allen erdenklichen Stadtformen) als auf reine Ackerbürgerstädte, als deren Charakteristikum nochmals vor allem eine geringe Größe und eine geringe Selbstverwaltung hervorgehoben wurde.
Die Vorträge (mit den eingearbeiteten Diskussionsbeiträgen) werden voraussichtlich 2002 in einem vom Stadtarchiv Heilbronn herausgegebenen Tagungsband veröffentlicht werden.
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