AHF-Information Nr. 28 vom 7.5.2001
Vom 10.-13. Dezember, 2000, fand in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel ein internationales philosophisches Symposion zum Thema “Jüdische Hermeneutik” statt. Gemeinsame Veranstalter waren das Franz Rosenzweig Zentrum für deutschjüdische Literatur und Kultur in Jerusalem und die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Unter der Leitung von Almut Sh. Bruckstein (Jerusalem) und Friedrich Niewöhner (Wolfenbüttel) und fanden sich zu diesem Anlaß 25 Wissenschaftler ein, um gemeinsam über die theoretische Bedeutung des jüdischen hermeneutischen Umgangs mit traditionellen Texten zu diskutieren. Die Arbeit an der jüdischen Hermeneutik erweist sich bei näherem Hinsehen als die Aufgabe einer systematischen Kritik an der Rezeptionsgeschichte der jüdischen Traditionsliteratur selbst. Diese erscheint vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Literatur kultur- und textgeschichtlich so komplex, daß die Frage nach Inhalt und Bedeutung der jüdischen Hermeneutik längst nicht mehr das Forschungsgebiet eines einzelnen Wissenschaftlers ist. Das Desiderat einer kollektiven kulturwissenschaftlichen und philosophischen Arbeit an dem Thema der “jüdischen Hermeneutik” zeichnet sich ab, zu der das Symposion in der Herzog August Bibliothek unter Teilnahme führender Forscher aus den verschiedensten Gebieten der jüdischen Traditionsliteratur für den deutschsprachigen Raum einenAnfang gesetzt hat.
Das allgemeine kulturgeschichtliche und philosophische Interesse an der Frage nach den Strukturen jüdischer Überlieferung liegt auf der Hand: ein vertieftes Verständnis der Bedeutung jüdischer hermeneutischer Umgangsformen mit traditionellen kanonischen Texten ist für das christlich geprägte Europa nicht zuletzt deswegen von zentralem Interesse, weil sich die zweieinhalbtausendjährige Geschichte literarischer jüdischer Kreativität zu grossen Teilen im Innersten der europäischen Kulturgeschichte selbst abgespielt hat. Schon vor rund einhundert Jahren haben jüdische Wissenschaftler aus aller Welt - damals in deutscher Sprache und dem Projekt einer “Gesamtwissenschaft des Judentums” verplichtet - die Verflechtung und Integration jüdischer und nichtjüdischer literarischer Traditionsstränge zu ihrem Thema gemacht. Friedrich Niewöhner betonte in der Begrüssung seiner Gäste, daß ein Symposion zur jüdischen Hermeneutik in Wolfenbüttel für die moderne jüdische Wissenschaftsgeschichte ein Ereignis darstelle, da die Ursprünge der “Wissenschaft des Judentums” über die Geschichte ihrer Gründungsväter, Isak Marcus Jost und Leopold Zunz, selbst auf den Ort Wolfenbüttel zurückführten.
Das Arbeitsprogramm des Symposions folgte dem Versuch einer typologischen Erarbeitung zentraler Fragestellungen jüdischer Hermeneutik, und hielt sich dabei an die klassische Einteilung der jüdischen Traditionsliteratur in Biblisches Schrifttum, Übersetzungen, Midrasch, rabbinische Literatur, Halacha Kabbala, jüdische Mystik, sowie mittelalterliche und moderne Philosophie. Über die hermeneutische Bedeutung der Übersetzung sprachen Robert Gibbs aus Toronto und Yossef Schwarz aus Jerusalem, zur Theorie des Midrasch Michael Fishbane aus Chicago und Galit Hasan-Rokem aus Jerusalem. Den Versuch der Rekonstruktion einer neuen judeo-christlichen Tradition unter dem Stichwort „Logos-Theologie“ machte Daniel Boyarin aus Berkeley. Haym Soloveitchik und Judith Hauptman aus New York gaben lebendige Lehrbeispiele in der rabbinischen Hermeneutik an Hand der Auslegung rabbinischer Texte. Über die hermeneutische Komplexität kabbalistischer und mystischer Traditionsliteratur sprachen Moshe Idel aus Jerusalem und Elliot Wolfson aus New York, über das hermeneutische Ethos der jüdischen Philosophie und seine sozialpolitische Bedeutung sprach Shmuel Trigano aus Paris und über die Wissenschaft des Judentums als kulturpolitische Aufgabe Rachel Freudenthal-Livne aus Jerusalem. Den öffentlichen Abendvortrag hielt Stephane Moses aus Jerusalem über das Thema: „Die Rückkehr zum Text: Zur Typologie der jüdischen Moderne“. In diesem zeichnete Moses in einer großen philosophischen Geste die moderne Geschichte der jüdischen Philosophie neu nach. Dabei hob er einen normativen, apologetischen Traditionsstrang, der sich der jüdischen Tradition als ganzer verpflichtet wisse, von seinem kritischen sekulären Gegenpart ab, der mit den Splittern der Tradition nur noch auf lyrisch-poetische Weise spielen könne, ohne dabei einen letzten Sinnhorizont verbürgen zu wollen. Ersterem Traditionsstrang rechnete er Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, und Emmanuel Levinas zu, letzterem Walter Benjamin, Franz Kafka, Gershom Scholem, Paul Celan, und Jacques Derrida. Anwesend als aktive Teilnehmer des Symposions waren darüberhinaus Günter Stemberger aus Wien, Dieter Adelmann aus Bonn, und Michael Mach aus Jerusalem.
Die elf Hauptvorträge (auf englisch) und der Abendvortrag von Stephane Moses haben die unterschiedlichsten Perspektiven auf die Thematik der jüdischen Hermeneutik eröffnet. Dabei ist deutlich geworden, wie sehr die jeweiligen religiösen, nationalen, und kulturpolitischen Standpunkte der Wissenschaftler die systematische Arbeit an der jüdischen Hermeneutik selbst mitbestimmen. Almut Sh. Bruckstein eröffnete die erste Sitzung mit einem kurzen philosophischen Plädoyer für mögliche Methoden einer gemeinsamen Erarbeitung der jüdischen Hermeneutik. Dabei hob sie hervor, daß dieses Symposion im Zusammenhang mit einem größeren Forschungsprojekts zur interkulturellen Bedeutung der religiösen Hermeneutik steht, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft getragen wird. Der wissenschaftliche Leiter des Projekts, Wolfgang Reinhard aus Freiburg, war ebenfalls aus diesem Anlaß Gast der Herzog August Bibliothek.
Michael Fishbane hielt den Eröffnungsvortrag über „Hermeneutics, Midrash, and Modern Jewish Theology“. In diesem entwickelte er eine methodische Korrelation zwischen moderner und zeitgenössischer literaturwissenschaftlicher Theorie und rabbinischem Midrasch, eine Korrelation, die zum Nachdenken über eine neue jüdische Theologie anregen solle. Rainer-Maria Rilke und Sigmund Freud, Johann Georg Hamann, Thomas Mann und Hans-Georg Gadamer, sowie Ferdinand de Saussure und Paul Ricoeur waren der philosophische Rahmen, innerhalb dessen sich die hermeneutischen Besonderheiten des rabbinischen Midrasch abzeichneten. Die unendliche Bedeutung des biblischen Textes und seiner kanonischen Ausfaltung standen im Zentrum von Fishbanes Ausführungen. Fishbane benannte die jüdische Hermeneutik im affirmativen Sinne als Arbeit an einem unendlichen Text innerhalb der spezifischen Rahmenbedingungen seiner kanonischen Entwicklung, innerhalb dessen sich alle jüdische literarische Kreativität entfalte.
Die Frage nach der Möglichkeit einer „wesensmäßigen“ Definition dessen, was jüdische Hermeneutik ist, wurde in der anschliessenden Diskussion der beiden Vorträge von Robert Gibbs und Yossef Schwarz zu einer Streitfrage. Gibbs hatte in seinem Vortrag „An Ultimate Mistrust of the Power of the Word: On Jewish Translating“ die jüdische Hermeneutik im wesentlichen Sinne als eine Hermeneutik der Übersetzung definiert. Lektüre jüdischer Texte, jüdische Kommentartradition, mündliche Überlieferung seien dem Grenzgang der Vermittlung verpflichtet, der Übersetzung des Fremden ins Eigene, und des Eigenen ins Fremde. Gibbs vertrat die These, jüdisches Denken sei im wesentlichen ein Akt der kulturellen Übersetzung vom „Hebräischen“ ins „Griechische“, eine These, die er an Hand der philosophischen Tradition des 20. Jahrhundert nachzuweisen suchte, von Hermann Cohen, über Rosenzweig und Benjamin bis hin zu Emmanuel Levinas und Jacques Derrida.
Solch eine „wesensmäßige“ Definition der jüdischen Philosophie und der jüdischen Hermeneutik wurde von Yossef Schwartz mit Hinweis auf die Praxis mittelalterlicher Übersetzung bestritten. Schwartz' Beitrag "The Political and Cultural Significance of medieval Translating" betonte den universalen Charakter der Kommentar- und Übersetzungstradition: nach Schwartz sei die Kommentar- und Übersetzungspraxis der jüdischen, christlichen, und muslimischen mittelalterlichen Gemeinschaften in vollkommen gleicher Weise Ausdruck einer hermeneutischen Grundhaltung der horizontalen Vermittlung von Philosophie und Wissenschaft, die für alle Beteiligten in gleicher Weise grenzüberschreitend gewesen sei. Im Gegenteil, so betonte Schwartz, die philosophische Vereinnahmung jenes grenzüberschreitenden hermeneutischen Gestus der Übersetzung als etwas wesentlich „Jüdisches“ sei eine Selbstüberhebung, die vor dem Hintergrund der modernen jüdischen nationalistischen Selbstbestimmung, die sich von den Idealen der Universalität abgewendet habe, zutiefst problematisch sei.
Im Zeichen der Infragestellung jüdischer „Wesentlichkeit“ standen auch die Beiträge Moshe Idels, Daniel Boyarins und Galit Hasan-Rokems. Erstere entwickelte eine hermeneutische Linie, die von dem chassidischen Lehrmeister R. Levi Izhak von Berdichev über Gerschom Scholem bis hin zu Umberto Ecco und dem französischen post-Strukturalismus reichte. An Hand des mythologischen Topos der „schwarzen und weißen Buchstaben“ (eine kabbalistische Chiffre für das Verhältnis der „schriftlichen“ zur „mündlichen“ Lehre) zeigte Idel die verschiedenen Spielarten auf, in denen dieser Topos vom 18. Jahrhundert an bis in die Gegenwart diskutiert worden ist. Dabei zeichnete er eine Entwicklungslinie nach, die von den konservativ-fundamentalistischen Paradigmen des chassidischen Gelehrten R. Levi Izhak von Berdichev über Scholems anarchistische Lesart des Chassidismus bis hin zu den dekonstruktivistischen literaturtheoretischen Ansätzen eines Umberto Ecco reichte. Die Grundvoraussetzung dieser These einer zunehmenden Radikalisierung jener hermeneutischen Grundfigur der „schwarzen und weißen Buchstaben“ wurde von Haym Soloveitchik bestritten, indem er den von Idel behaupteten fundamentalistischen hermeneutischen Grundgestus des chassidischen Gelehrten von Berdichev in Frage stellte.
Eine interessante Pointe jüdischer Kulturkritk bot Daniel Boyarin in seinem Vortrag zur hellenistisch-jüdischen Logos-Theologie Philons von Alexandrien und der rabbinischen Reaktion auf diese. Boyarins Lektüre der ersten fünf Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung kommt einer innovativen Rekonstruktion der judeo-christlichen Tradition gleich, dessen monolithischen Voraussetzungen in der Affirmation jüdischer Ursprünglichkeit und jüdischer Authentizität nach der Shoa aus guten Gründen in Frage gestellt worden war. Der kulturpolitische Hintergrund dieses neuen kritischen jüdischen Interesses an der judeo-christlichen Kultur ist die Infragestellung der rabbinischen Tradition als allein-tragendes Narrativ der jüdischen nationalen Kultur. Nach Boyarin sei Logos-Theologie urspünglich eine jüdisch-hellenistische theologische Grundaussage gewesen, die von den frühen Christen christologisch interpretiert wurde. Der Prolog des Johannes-Evangeliums sei hellenistischer Midrasch in christologischem literarischem Rahmen. Die hermeneutische Usurpation des Logos durch den Christos sei der eigentliche Grund für die rabbinische Ablehnung aller Logos-Theologie als Häresie gewesen. Die rabbinische Überlieferung in ihrer Arbeit an einem unendlich offenen Text erscheint somit als reaktionäre Bewegung gegen die christologische Fixierung des Textes: die Kirchenväter seien damit die eigentlichen Schöpfer des rabbinischen Judentums.
Eine ähnliche Sensibilität für die kulturpolitische Bedeutung der Eigen- und der Fremdwahrnehmung als konstitutives Element für die Herausbildung von autoritativen Traditionssträngen zeigte sich in dem Vortrag von Galit Hasan-Rokem mit der Überschrift „Literary Creativity, Collective Expression, and Intergroup Dialogue in Midrash: A Folkloristic Perspective“. Im Zentrum ihrer Ausführungen stand eine kritische Reflexion über das Verhältnis von Folkloretheorie und Herrschaftsnarrativ. Hasan-Rokem plädierte dafür, daß trotz der problematischen Verknüpfung von Volkstum und Faschismus im 20. Jahrhundert dennoch gerade an Hand der Lektüre „volkstümlicher Überlieferungen“ eine kritische Wahrnehmung für gewaltsame hermeneutische Strategien des Ausschlusses unbequemer „Anderer“ zu entwickeln sei. Sie demonstrierte dies an Hand einer Reihe von rabbinischen Wundergeschichten, wobei sie deutlich werden ließ, daß die Kategorien „Wunder“ und „Magie“ selbst Ausdruck einer kulturpolitischen Manipulation sind, mittels derer das Eigene vom Fremden geschieden und ein kultureller „mainstream“ in Szene gesetzt wird.
Haym Soloveitchik und Judith Hauptman gaben jeweils auf sehr verschiedene Art das Beispiel einer „Shiur“ (Unterrichtsstunde in einem jüdischen Lehrhaus) zu klassischen rabbinischen Texten. Der Wolfenbüttler Bibelsaal füllte sich für diese Zeit mit der für die Talmudakademien so charakteristischen Atmosphäre des „jüdischen Lernens“, eine Art und Weise des lauten gemeinsamen Lesens, bei dem der Text als Autorität im Zentrum steht, und alle Erklärung und Systematisierung im Dienste seiner Auslegung steht. Haym Soloveitchik diskutierte in seinem Beitrag „Martyrdom in Ashkenaz: Text, Logic, and Context“ das halachische, menschliche, und soziale Problem des Martyriums. Anhand talmudischer und anderer halachischer Texte, in denen die Frage aufgeworfen wird, unter welchen Umständen ein Jude für das Zeugnis Gottes und der Tora mit dem Einsatz seines Leben einstehen müsse, und unter welchen Umständen er die Tora verletzen darf, um des eigenen Lebens willen, demonstrierte Soloveitchik die Bedeutung des sozialen Kontextes für den Prozess der halachischen Urteilsfindung selbst. Anhand einschlägiger mittelalterlicher Glossen und Kommentare zu den talmudischen Texten konnte er zeigen, wie sehr die mittelalterliche Praxis jüdischen Selbstmordes und sogar Kindermordes in Fällen, in denen den jüdischen Gemeindemitgliedern ein Zwangsübertritt zum Christentum drohte, durch das halachische Urteil des „Martyriums“ nachträglich sanktioniert worden ist. Die halachische Sanktionierung einer Gemeindepraxis, die unter rein deduktiven Gesichtspunkten keine halachische Stringenz habe, sei ein Beispiel für die Kraft der kommunalen und sozialen Strukturen, die sich unmittelbar auf die halachische Urteilsbildung ausgewirkt und diese auf entscheidende Weise mitbestimmt hätten.
Eine ausgesprochene Sensibilität für die Verflochtenheit sozialer und halachischer Urteile zeichnete auch den Beitrag von Judith Hauptman mit dem Titel „‘Witches‘, ‚Spinners‘, and ‚Pitchers of Filth‘: Rethinking Rabbinic Characterization of Women“ aus. Hauptman zeigte an Hand ausgewählter Texte aus Mischna und Talmud, wie sehr das weibliche Urteil in der halachischen Gesprächsszene, insbesondere dort, wo es von Intelligenz, Schärfe, Witz und Weisheit zeugt, von den männlichen Lektoren der talmudischen Texte mittels literarischer Rahmensetzung abgeschwächt, marginalisiert, oder delegitimiert worden ist. Auch hier füllte sich der Bibelsaal mit „Lehrhausatmosphäre“: Textnähe und Kollegialität verbanden sich zu einer dichten, gemeinsamen hermeneutischen Arbeit an der von Judith Hauptman vorgetragenen feministischen Kritik.
Elliot Wolfson zeigte in seinem sehr poetischen Beitrag zur Hermeneutik der Kabbala mit dem Titel „Re/covering the Un/convered: Kabbalistic Hermeneutics and Taking-Hold of Letting-Go“ die geschlechtliche Struktur der mystischen Sprache auf, und berührte damit die Grenzen der menschlichen Sprache überhaupt. Auf lyrische Weise wurden die Aporien der menschlichen Sprache deutlich, durch die ein Grund des Schweigens durchscheint, das sich der Versprachlichung entzieht. Der Grund der Sprache offenbarte sich in Wolfsons Vortrag als ein verschleierter Ort, der von menschlicher Sehnsucht und Einsamkeit zeugt, und die Gesetze des Sprechens und der Erotik gleichermaßen bestimmt. Die hermeneutische Dialektik zwischen Aufdecken und Verhüllen, Verschleiern und Entschleiern, Offenbaren und Verbergen demonstrierte Wolfson an Hand der kabbalistischen Quellen des 12. Jahrhunderts, wobei sein eigenes Narrativ ein philosophisches blieb, Heideggers Überlegungen zur Poesie des philosophischen Denkens auf innovative Weise verpflichtet.
Shmuel Trigano versuchte, in seinem Vortrag „The Hermeneutical Ethos of Judaism and its Socio-Political Dimensions“ ein philosophisches Narrativ der gesamten jüdischen Philosophiegeschichte nachzuzeichen, in dem die Präsenz des Jüdischen als hermeneutische Figur der Abwesenheit, des Exils, der Verborgenheit, der Alterität, und des Grundes einer ontologiekritischen Differenz erscheint. Während der sich anschliessenden Diskussion wurde deutlich, inwieweit die Reflexion über die Bedeutung der jüdischen Hermeneutik selbst von dem Standpunkt derer, die über sie nachdenken, abhängig ist: Trigano sprach vor dem Hintergrund der Erfahrung des jüdischen Intellektuellen in der Diaspora, der einen partikularen jüdischen Denkgestus gegen die Usurpation des geistigen Raumes durch christliche und französisch-sekuläre Denktraditionen in den Raum zu stellen bemüht ist, während die israelischen Kulturkritiker jedem sich universal gebenden jüdischen Partikularismus ob der Gefahr seiner Gewaltausübung über andere gerade kritisch gegenüberstehen. Die philosophische Bestimmung der Begriffe Alterität, Abwesenheit, Exil, und Ontologiekritik als „jüdische Denkfiguren“ ist vielleicht selbst an die diasporische Positionierung des jüdischen Denkens gebunden, die Shmuel Trigano in eminenter Weise verkörpert. Aus der kontroversen Auseinandersetzung um die Tragfähigkeit der von Trigano ins Zentrum gestellten Begriffe, die von den Teilnehmern durch die verschiedensten Konstellationen der jüdischen Geschichte hindurchdekliniert wurden, mag der hermeneutische Begriff der „Ortsverschiebung“ als begriffliche Herausforderung für die zukünftige Arbeit an einer Philosophie der jüdischen Hermeneutik erwachsen sein.
Den Abschlussvortrag mit dem Titel „‘Wissenschaft des Judentums‘: Initial Paradigms“ hielt Rahel Livne-Freudental. In diesem wurden die kulturpolitischen Fragestellungen deutlich, die die Paradigmen der „Wissenschaft des Judentums“ von Anfang an bestimmt haben. Die Frage, inwieweit die gegenwärtige Arbeit an der jüdischen Hermeneutik sich dem wissenschaftlichen Ethos der Wissenschaft des Judentums verpflichtet weiß, und inwieweit die Fragestellungen der vorletzten Jahrhundertwende für die gegenwärtige jüdische Kulturkritik eine Inspiration darstellen, ist am Ende des Symposions offen geblieben. Eines ist sicher: eine deutschsprachige Herausgabe der hier diskutierten Beiträge wäre ein wesentlicher Schritt für die erneute philosophische und kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit jüdischen Traditionssträngen in der deutschsprachigen Öffentlichkeit. Ein Buch über „Kanonische Texte und ihre Auslegung an zwei Schwellen der Moderne“ könnte zu einer literarischen Plattform werden, in der jüdische traditionelle Denktraditionen als integraler Bestandteil der kulturellen literarischen Landschaft Europas gelesen und gelernt werden.
Almut Sh. Bruckstein
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2001. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |