AHF-Information Nr. 25 vom 23.3.2001
Die Tagung war die dritte Veranstaltung des Projektes „Kulturelle Pluralität, nationale Identität und Modernisierung in ostmitteleuropäischen Metropolen 1900/1930“, das aus den Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert wird. Im Unterschied zu den vorausgegangenen Konferenzen fokussierte diese Tagung ein mikrohistorisches Thema, was die beabsichtigte Erweiterung des Projektes in Richtung der Alltagsgeschichte widerspiegelt. Das Wohnen schien ein ergiebiger Tagungsgegenstand zu werden, da diese Problematik seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein international und interdisziplinär diskutiertes Thema war und die Wohnungsfrage in den Großstädten ihre sozial, technisch und hygienisch orientierten Lösungsansätze fand.
Die Perspektive der Tagung richtete sich auf die Wohnverhältnisse und Wohnreformen in verschiedenen kulturpolitischen Zusammenhängen einzelner ostmitteleuropäischer und westeuropäischer Großstädte. Themen der Betrachtung sind Wohnverhältnisse einzelner Bevölkerungsschichten; die Wohnsituation im Urbanisierungsprozeß; die Intervention im Wohnungsbau durch Kommune, Staat u.a. Dabei kamen bezüglich der ostmitteleuropäischen Region folgende Zentralen zur Sprache: Wie sind die einzelnen reformorientierten Ansätze in der Wohnpolitik zu beurteilen? Welche Interessen verfolgten sie? Welchen Stellenwert nahm die Wohnreform im jeweils spezifischen kulturpolitischen Kontext ein? Welche Rolle spielte die Zäsur des Ersten Weltkrieges und die Einwirkung unterschiedlicher Leitbilder und Organisationssysteme?
Unter diesen Gesichtspunkten ist die für ostmitteleuropäische Metropolen postulierte Ambivalenz von Modernisierung und Entwicklungsverspätung gerade im internationalen Vergleich zu hinterfragen. War die Wohnsituation hier durch die infrastrukturelle, soziale und nationale Problematik in besonderem Maße belastet? Hat das Wohnen einen „Modernisierungsschub“ mitgemacht, der gegenüber dem Umland Vorbildcharakter hatte? Inwiefern konnten planungsorientierte Vorstellungen des Wohnens Instrumente zur Eindämmung der sozialen Frage werden? Lassen sich überhaupt Unterschiede zwischen Ostmittel- und Westeuropa in der Wohnungsnot als Bestandteil der sozialen Frage feststellen?
Die Einführung in die Problematik bot der Vortrag von Adelheid von Saldern (Hannover), die den Stand der Forschung zusammenfaßte und auf die thematische Unterteilung der Tagung in die einzelnen Sektionen einging: 1. Großstädtische Stadtviertel und Wohnmilieus; 2. Kommunale Wohnpolitik und gemeinnütziger Wohnungsbau; 3. Modernisierung des Wohnens und 4. soziale Disziplinierung und schichtspezifisches Wohnen.
Die erste Sektion „Großstädtische Stadtviertel und Wohnmilieus“ begann mit dem Vortrag von Anna Żarnowska (Warschau), die die Veränderung der Wohnkultur in der Großstadt um 1900 anhand Warschau und Łódź und besonders die Rolle der Wohnkultur im Adaptationsprozeß der neuen Stadtbewohner behandelte. Sabine Rutar (Münster) sprach über das Wohnen in Triest um die Jahrhundertwende und stellte die Probleme vor, die mit der Multinationalität und dem besonderen Status dieser Stadt innerhalb der Habsburger Monarchie zusammenhingen. Agnieszka Kos-Zabłocka (Breslau) schilderte die Entwicklung der Breslauer Altstadt zur City und den Einfluß dieses Prozesses auf die Veränderung der Bevölkerungsstruktur in der Altstadt. Elżbieta Kaczyńska (Warschau) stellte die Entstehung sogenannter „verruchter Viertel“ in den ostmitteleuropäischen Städten vor (Warschau, Łódź) und ihre Bedeutung für die jeweilige Stadt. Gerd Kuhn (Stuttgart) schilderte die Entwicklungen an Stadträndern, wo sich von dem Traum vom Eigenheim beflügelt durch wildes und gefördertes Siedeln eine „stille Suburbanisierung“ vollzog. Der erste Tagungstag fand seinen Ausklang in der Aula der Alten Nikolaischule, wo der Referatsleiter des Denkmalschutzes im RP Leipzig Dr. Wolfgang Hoquél in einem reich bebilderten Vortrag die Wohnpolitik in Leipzig seit der Wende anschaulich schilderte.
Der zweite Tagungstag wurde vormittags den Problemen der „kommunalen Wohnpolitik und gemeinnützigem Wohnungsbau“ gewidmet. Christoph Kühn (Leipzig) sprach über Stadterweiterung, Wohnreform und hygienischen Städtebau in Leipzig, wobei er mehr Bedeutung in der Reformforcierung der Notwendigkeit der Stadterweiterung als Reformgedanken an sich beimaß. Anna Bitner-Nowak (Posen) sprach über Wohnpolitik und Wohnsituation in Posen 1900-1939, wobei sie sich hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Bedingungen konzentrierte. Hanna Kozińska-Witt (Leipzig) schilderte die Wohnungspolitik der Krakauer Kommunalselbstverwaltung 1900-1939, die zwar den Bau der Kleinwohnungen plante, aber finanziell nicht durchsetzen konnte. Wanda Kononowicz (Breslau) referierte über den Wohnungsbau in Breslau in der Zeit der Weimarer Republik. Julia Obertreis (Berlin) widmete ihren Vortrag Wohnexperimenten in der Sowjetunion, nämlich den Wohngenossenschaften, der Kommunalwohnung und dem Kommunenhaus in Petrograd/Leningrad 1917-1937. Schließlich schilderte Andreas Hofmann (Leipzig) den Arbeiterwohnungsbau von Unternehmen und Kommunen in Łódź und Brünn.
Die dritte Sektion „Modernisierung des Wohnens und soziale Disziplinierung“ begann mit dem Vortrag von Dieter Schott (Leicester), der den Zusammenhang zwischen der Modernisierung und Vernetzung am Beispiel ausgewählter deutscher Städte herausstellte. Anna Veronika Wendland (Leipzig) sprach über Stadthygiene und Sozialkontrolle in Lemberg und Wilna vor 1914 und betonte dabei die Rolle der Nationalitätenkonflikte. Martina Heßler schenkte am Beispiel Frankfurt/M. ihre Aufmerksamkeit den „Primitivsiedlungen“ 1926 und 1939, die ein politisch geforderter Gegenpol zur technisierten Wohnmaschine waren. Die Sektion schloß der Beitrag von Alena Janatková (Leipzig), die über die Wohnreformversuche in Prag und Brünn berichtete und diese sowohl im europäischen als auch nationalen tschechischen Kontext stellte.
Die Probleme des „schichtspezifischen Wohnens“ wurden am letzten Tagungstag diskutiert. Kazimierz Karolczak (Krakau) widmete seinen Beitrag der Residenz des Aristokraten Włodzimierz Dzieduszycki, wo sich verschiedene wissenschaftliche, kulturelle, politische und familiäre Aktivitäten konzentrierten. Hanna Grzeszczuk-Brendel (Posen) stellte den Mietshaus- und Villenbau in Posen vor, wobei sie auf die Bedeutung der Nationalitätenpolitik bei Förderung dieser Bautypen hinwies. Gabor Gyani (Budapest) besprach die Wohnwünsche und –realität des Budapester Bürgertums und wies dabei auf die Bedeutung der Nationalität, Konfession und des Ranges in der sozialen Hierarchie der bürgerlichen Familien hin. Iris Meder (Wien) besprach die Wiener Schule im Einfamilienhausbau 1910 –1938 und deren Einfluß in Böhmen. Håkan Forsell (Stockholm) besprach die Motivationen und Gründe für das Mietzahlverhalten der unteren Schichten in Stockholm, Berlin und Wien 1900-1939. Susanne Schmidt (Leipzig) schilderte den Alltag in Arbeitersiedlungen im oberschlesischen Industriegebiet.
Adelheid van Saldern faßte abschließend die Stärken und Defizite der Tagung zusammen. Sie unterstrich das hohe wissenschaftliche Niveau der Beiträge, den wissenschaftlichen Wissenszugewinn der u.a. wegen der Sprachkompetenz der Projektmitglieder enorm war, die gute Atmosphäre und Diskussionsfreude der Teilnehmer. Es gelang während der Tagung die Vielfalt des Wohnens zur Sprache zu bringen. Als weiterführende Perspektive nannte sie die Berücksichtigung der internationalen Kommunikation der Fachwelt, der gender Problematik und des ethnisch-anthropologischen Zugriffs der Stadtsoziologie. Sie wies darauf hin, daß weitere mikrohistorische Studien diesem Manko abhelfen könnten. Weiterhin wies sie darauf hin, daß es fruchtbar wäre, die Wege der Wohnreform in Ostmitteleuropa genauer nachzuzeichnen, weil man zwar die Internationalität der Problematik erwähnte, aber eine fokussierte Herausarbeitung dieses Themas vermißte. Weiterhin schien ihr der Aspekt der Modernisierung noch stärker reflektionsgeeignet, da diese im besonderen Maße im ostmitteleuropäischen Kontext nicht nur technisch verstanden werden sollte, sondern zugleich zur Ausgrenzung der kulturellen und nationalen Minderheiten instrumentalisiert werden konnte.
Die VeranstalterInnen planen die Publikation der Tagungsergebnisse.
Alena Janatková und Hanna Kozińska-Witt
Kontaktadresse:
Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas
(GWZO)
Luppenstraße 1B, 04177 Leipzig
E-mail: tomicka@rz.uni-leipzig.de
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