AHF-Information Nr. 24 vom 23.3.2001

Strukturen der Textauslegung in europäischen und asiatischen Traditionen

Arbeitsgespräch in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 
vom 6. bis 7. September 2000

Am 6. und 7. September 2000 fand im Bibelsaal der Bibliotheca Augusta ein Interdisziplinäres Arbeitsgespräch zum Thema “Strukturen der Textauslegung in europäischen und asiatischen Tradi­tionen” statt. Unter der Leitung des Sinologen Prof. Dr. Michael Friedrich (Hamburg) diskutierten Prof. Dr. Barbara Bauer (Neuere Deutsche Literatur, Marburg), Prof. Dr. Tilman Borsche (Philo­sophie, Hildesheim), Prof. Dr. Reinhard Brandt (Philosophie, Marburg), Prof. Dr. Almuth Sh. Bruckstein (Jüdische Philosophie, Jerusalem), Dr. Navid Kermani (Islamwissenschaft, Köln), Prof. Dr. Inge Mager (Evangelische Theologie, Hamburg), Prof. Dr. Alexander L. Mayer (Sinologie, Urbana / USA), Prof. Dr. Friedrich Niewöhner (Philosophie, Berlin / Wolfenbüttel), Dr. Jörg Plas­sen (Koreanistik, Bochum), Prof. Dr. Lambert Schmithausen (Indologie, Hamburg), PD Dr. Ulrich Johannes Schneider (Philosophie, Wolfenbüttel), Mehdi Zamanian (Germanistik, Shiraz / Iran). Das Arbeitsgespräch wurde in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Projekt “Hermeneutik interkultu­rell” veranstaltet, das durch Prof. Dr. Wolfgang Reinhard (Neuere Geschichte) und Prof. Dr. Peter Walter (Katholische Theologie) vertreten war.

Ausgangspunkt war eine doppelte Überlegung: Zum einen befindet sich der institutionelle Rahmen vieler der mit Texttraditionen befaßten Wissenschaften in einem Umbruch (von Nationalphilologien hin zu systematischer oder regionaler Gliederung), zum anderen hat die Spezialisierung innerhalb einzelner Disziplinen bereits einen solchen Grad erreicht, daß die Verständigung  mit anderen Fächern zunehmend schwieriger wird. Vor allgemeinen Aussagen über Hermeneutik, die sowohl der historischen Pluralität von Traditionen als auch systematischem Anspruch gerecht werden, sind daher methodische Überlegungen zu stellen. Die Forschung hat bislang nur unzureichend Kenntnis von außereuropäischen Traditionen genommen, deren Kenntnis möglicherweise zu Revisionen bislang als universal erachteter Positionen führen könnte. Ziel des Gespräches war es darum, zu einer gemeinsamen Sprache der beteiligten Fächer zu gelangen, Fragestellungen von gemeinsamem Interesse zu erarbeiten und methodische Hinweise zu geben.

Das bewußt offen gehaltene Thema wurde in Vorträgen über Texte und Auslegungstraditionen behandelt. Philosophische Voraussetzungen von Textauslegung kamen ebenso zur Sprache wie Überlegungen zu kulturinvarianten Strukturen, etwa im Gefolge von Säkularisierungen. Deutlich wurde, daß mindestens drei grundverschiedene Ansätze in den Wissenschaften zu berücksichtigen sind: Neben dem philologisch-historischen ‚Blick von außen‘ stehen der systematisch-begründende Anspruch der Philosophie und der religiöse, der innerhalb des je eigenen Horizontes von Vorausset­zungen auf diesen hin auslegt. So kann, was für den einen Geschichtsklitterung ist, für den andern legitimes Mittel des Diskurses sein, wie am Beispiel des Critical Buddhism in Japan klar wurde. Im Laufe des Gespräches kristallisierten sich mehrere Schwerpunkte heraus:

Leben wir in einer Welt? Die Frage wurde in systematischer Hinsicht und unter Rückgriff auf alt­griechische Logosstrukturen sowie auf Kant programmatisch bejaht, mit Hinweis auf die Pluralität von Traditionen oder auf das jüdische Selbstverständnis ebenso emphatisch verneint. Zu klären wäre hier, ob nicht eine Äquivokation vorliegt.

Wahrheit oder Bedeutung? Textauslegung wurde als Meinungskultur bestimmt, die auf Bedeutung gehe. Sie sei keine Wissenschaft, entsprechend habe die Hermeneutik die Praxis zu beobachten. Die Textinterpretation sei von Wahrheitsüberzeugungen zu trennen. Hieraus ergab sich die Frage nach der Rolle von Wahrheit in Traditionen: Verändert sich die Textauslegung, wenn eine Tradition Wahrheit beansprucht? Schon der Begriff der Wahrheit erwies sich als schwierig, denn die gemein­hin so übersetzten Wörter sind etwa im chinesischen Buddhismus oder im Judentum eher als Bewahrheiten oder Bezeugen zu verstehen.

Hat der Siegeszug Europas seit der frühen Neuzeit in fremden Auslegungstraditionen vergleichbare Reaktionen ausgelöst? Der Vorschlag, idealtypisch ein Paradigma zu konstruieren, welches mit den Oppositionen religiös – säkular, Tradition – Wissenschaft sowie Textauslegung – Weltauslegung arbeitet, stieß auf großes Interesse. Modifikationen wären allerdings erforderlich (der Konfuzianis­mus ist keine Religion, wenigstens nicht in dem Sinne wie das Christentum etwa).

Hermeneutik der Macht? In eine andere Richtung zielte der Vorschlag, für jede Tradition die Machtverhältnisse zu untersuchen, wobei zwischen institutionalisierter und mikropolitischer Ausle­gungsmacht sowie dem anonymen Diskurs in Foucaults Sinne zu unterscheiden sei. Damit rückte erneut die Praxis in den Blick: Steht doch auch die institutionalisierte Wissenschaft mit ihren Aus­legungstraditionen in gesellschaftlichen Kontexten.

Das Gespräch zwischen Vertretern verschiedener Disziplinen und Traditionen wurde als ungemein anregend empfunden. Neu hieran war vor allem, daß – ebenso wie im Freiburger Projekt – erstmals außereuropäische Traditionen vernehmlicher zu Wort kamen, freilich immer noch nicht mit dem Gewicht, das ihnen zustünde. Schnell stellte sich heraus, wie viel in diesem Bereich noch zu tun ist, denn die ‚orientalischen‘ Schrifttraditionen sind kaum bearbeitet und gehören nicht zum Bil­dungskanon europäistischer Gelehrsamkeit. Die Teilnehmer waren sich einig, daß der Austausch fortgesetzt werden solle. Als Thema wurde die Begrifflicheit von Textauslegungstraditionen vor­geschlagen.


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