AHF-Information Nr. 17 vom 16.3.2001
Die Epikurrenaissance hat bekanntlich in der Entwicklung der Naturwissenschaften der frühen Neuzeit eine entscheidende Rolle gespielt. Im Rahmen einer Untersuchung der Rezeption der Antike vom Humanismus bis zur Aufklärung ist trotzdem die Rezeption der Schriften Epikurs und die Interpretation seiner Persönlichkeit und seiner Lehre in den Rechts-, Politik- und Moralwissenschaften ein weit weniger erforschtes Gebiet. Das Arbeitsgespräch hat sich vorgenommen, diese Lücke zu füllen. Unter der Leitung von Gianni Paganini und Edoardo Tortarolo (beide Università del Piemonte orientale) sind dazu eingeladen worden: Constance Blackwell (London), Emmanuel Bury (Paris), Guido Canziani (Mailand), Jean-Charles Darmon (Paris), Günter Gawlick (Witten), Martin Mulsow (München), Jean Salem (Paris), Claudia Schmitz (München), Winfried Schröder (Berlin), Sylvie Taussig (Paris), Ann Thomson (Paris). Die Referenten haben sich mit unterschiedlichen Aspekten der Rezeptionsgeschichte Epikurs auseinandergesetzt: wichtige Diskussionsbeiträge haben die eingeladenen Gäste (Marian Füssel, Alexej Gorin, Patricia Springborg) geliefert. Antony McKenna (Saint-Etienne) konnte nicht teilnehmen und hat seinen Vortrag geschickt, der vorgelesen wurde.
Im ersten Referat hat sich Salem die schwierige und für den weiteren Verlauf der Tagung wichtige Aufgabe gestellt, einen Überblick über die Philosophie Epikurs in ihrer Wechselwirkung mit den Fragestellungen der Antike darzulegen. Da die Rezeptionsgeschichte Epikurs schon mit den Zeitgenossen anfing, hat Salem die Kritik Epikurs an die Volksreligion seiner Zeit und seinen Begriff der Freundschaft erläutert: beide Merkmale der epikureischen Einstellung zum Leben sollten im Kontext der zeitgenössischen Begebenheiten gedeutet werden, denn einerseits die Vergöttlichung Alexanders, andererseits die Ablehnung der unumschränkten Herrschaft eines einzelnen waren die Voraussetzungen für wesentliche Aspekte der epikureischen Ethik: die Lehre eines entfernten Gottes, der das Schicksal der Menschen nicht beeinflußt, die Zurückhaltung gegenüber der Politik, der Ursprung der Gesetze aus den Verträgen unter den Menschen, die Freundschaft als Bestandteil einer freien Existenz. Salem hat die ganze Palette der Argumente gezeigt, die die späteren Generationen anhand der epikureischen Überlieferung reflektiert haben, und hat besonders hervorgehoben, wie die Epikur-Tradition mit dem Bezug auf den demokratischen und antireligiösen Diskurs zusammenpassen konnte. Die Analyse der epikureischen Elemente in der Philosophie der frühen Neuzeit haben Martin Mulsow und Claudia Schmitz unternommen. Aus der italienischen Philosophie des Humanismus und der Renaissance, am anschaulichsten aus Telesios Schriften über das Recht, sind, so die Vorträger, in die deutsche Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts wichtige Elemente der epikureisch-lukrezischen utilitas-Lehre eingeflossen: das Stichwort "Utilitarismus vor dem Utilitarismus" beschreibt die Problematik der Herauskristallisierung einer Epikur-Rezeption vor Gassendi. Canziani ist der Epikur-Rezeption in Cardanos Werken nachgegangen. Besonders im Antigorgias ist die Glückseligkeit (felicitas) das Hauptthema, wobei Cardano bewußt war, erstens daß das Vergnügen aus dem Schmerz stammt, und zweitens daß nur das Wissen (cognitio) die ununterbrochene Glückseligkeit hervorbringen kann. Aus diesen beiden Grundsätzen folgt Cardanos Schluß, daß die echte Glückseligkeit einen geistigen Inhalt hat, wobei die Vorstellungskraft jedes einzelnen eine Rolle spielt. Das Thema der Kompatibilität des Epikur mit der vielfältigen katholischen Kultur der Gegenreformation ist damit angesprochen worden: aus drei unterschiedlichen Gesichtspunkten haben Bury, Paganini und Taussig in ihren Beiträgen dieses Thema behandelt. Bury hat die Thematik der Übermittlung der epikureischen Texte und die damit verbundenen hermeneutischen Probleme erläutert. Mit Berücksichtigung der Auseinandersetzung Gassendis mit Epikur und der Benutzung Epikurs von Rechtsgelehrten ist Bury drei Hauptfragen nachgegangen: wie wurde das corpus der epikureischen Schriften festgestellt, was für ein philosophischer Wortschatz dem Epikur zugeschrieben wurde, wie kam man zu einem Verständnis des Textes. Die von den Rechtsgelehrten ausgeübte Philologie entlarvt sich in den Stufen dieses Prozesses als Voraussetzung einer Rezeption Epikurs, die, so Bury, weitreichende Wirkungen für die praktische Anwendung der juridischen Lehre hatte und als Paradigma für Gassendis Vorgehen diente. Taussig hat Gassendis Edition des Lebens Epikurs ausführlich untersucht. Im Interesse Gassendis für Epikur fällt der Versuch Gassendis auf, zugleich ein christlicher Philosoph und ein Bewunderer Epikurs zu sein. Für Gassendi erfüllte Epikur die Funktion, die positive Rolle der Leidenschaften und die Unhaltbarkeit des radikalen Stoizismus zu beweisen. Gassendi wollte die moralische Überlegenheit des epikureischen Lebens mit einer einfachen und verständlichen Sprache veranschaulichen und damit zu seiner Glaubwürdigkeit beitragen. Paganini hat Gassendi, Hobbes und ihrer Beziehung zu Epikur unter die Lupe genommen. Beide Philosophen haben sich intensiv mit Epikur beschäftigt: Hobbes hat sich bekanntlich in Paris von 1634 bis 1636 aufgehalten und hat aus Lukrez' De Natura die Eigenschaften des Menschen im Naturzustand geschöpft. Paganini beweist, daß Hobbes' intensive Auseinandersetzung mit Gassendi nach der ersten Edition des De Cive (1642) und der zweiten (1647) stattgefunden hat: denn nur in der zweiten Fassung sind Zeichen des epikureischen Einflusses auf Hobbes zu spüren. Überdies ist dem englischen Philosophen Epikur grundsätzlich fremd geblieben: denn utilitas kann für Hobbes nie zur Richtschnur der Gesetzgebung werden, sondern nur zur Quelle der Anarchie. Eine Wirkung der Epikur-Rezeption auf die politischen Lehren der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hat Darmon anhand der Betrachtungen Sain-Evrémonds über die Politik der Römer (1666-1669) ausführlich dargestellt. Der französische libertin hat in diesem Werk das Thema der Beziehung von Gerechtigkeit und Nutzen aus einer dezidierten neo-epikureischen Perspektive wiederaufgenommen und die von Gassendi ungelöste Frage nach der Natur des Gesellschaftsvertrags untersucht. Für Saint-Evrémond, der die Dialektik von moeurs und lois thematisiert, hebt die Kongruenz der Gesetze mit dem Geist (génie) eines Volkes hervor als Voraussetzung für seinen Erfolg. Dabei spielen der Schein und das Vorstellungsvermögen eine entscheidende Rolle, wie in Saint-Evrémonds Schrift das Beispiel des Kaisers Augustus beweist. Die Epikur-Rezeption hat aber auch andere Wege eingeschlagen: diese haben Gawlick und Blackwell beschrieben. Der erste hat einen Überblick der epikureischen Tradition bei den englischen Deisten geliefert, wobei vor allem Blount und Collins eine bedeutende Rolle spielten. Balckwell hat die gelehrte Tradition von Morhof bis Brucker dargestellt und ihr systematisches Interesse an Epikur als strategisches Element im Widerstand gegen den Neostoizismus. Einen kritischen Blick auf die Achillesferse der Epikur-Rezeption in der frühen Neuzeit hat Schröder geworfen. Er hat die Naturphilosophie Epikurs und Lukrez' im Kontext des Professionalisierungsprozesses der Philosophie untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß die Epikur-Rezeption zu fragwürdigen Ergebnissen in der Wissenschaftlichkeit des Wissens im 18. Jahrhunderts geführt hat. In Thomsons und Tortarolos Beiträgen wird exemplarisch nach der Rolle Epikurs in der französischen Aufklärung gefragt. Lamettrie, so Thomson, ist der Drehpunkt einer Geschichte der Epikur-Rezeption im 18. Jahrhundert. Es mangelt nicht an Beweisen für die Richtigkeit der Bezeichnung Lamettries als "Epicure moderne". Der Epikureismus Lamettries ist nichtsdestoweniger ambivalent und nicht uneingeschränkt einzuschätzen: denn Lamettrie hatte seine eigenen erkenntnistheoretischen Fragestellungen, die nicht unbedingt mit denjenigen Epikurs zusammenfielen. Lamettrie konnte z.B. Epikurs Lehre einer materiellen Seele nicht annehmen. Eine differenzierte Einstellung zu Epikur ist auch im Fall Diderots zu beobachten, der eher prinzipiell als Neostoiker einzuschätzen ist. Diderot entwickelte im Laufe seiner Tätigkeit als philosophe zunehmend Sympathie und Interesse für Epikur und für eine Interpretation des Stoizismus, die die Rolle der Leidenschaften anerkannte, wenn diese die Tugend selbst nicht in Frage stellten. Bezeichnend für diese ausgewogene Zusammenstellung von Tugend und Körperlichkeit ist die Wiederbelebung des Seneka und die Bewunderung der zugleich naturnahen und kultivierten Amerikaner der englischen Kolonien in den von Diderot verfaßten Kapiteln der Histoire des deux Indes.
Die Erträge dieses Arbeitsgesprächs werden demnächst in der Reihe der "Wolfenbütteler Forschungen" erscheinen.
Edoardo Tortarolo
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