AHF-Information Nr. 16 vom 16.3.2001
In Kooperation mit dem Stadtarchiv Heidelberg (Peter Blum) und dem stellvertretenden Vorsitzenden des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung (Hans-Peter Becht) fand vom 17. bis 19. November 2000 eine von Daniela Hacke (Zürich) und Bernd Roeck (Zürich) konzipierte interdisziplinäre Tagung mit dem Titel “Selbstzeugnisse frühneuzeitlicher Städterinnen” statt, an der über 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teilnahmen.
In der Eröffnung der Tagung umriß Bernd Roeck kurz das Forschungsfeld und formulierte grundsätzliche Überlegungen zur Genese des Individuums. Die erstmals in Italien und in den Niederlanden entstandenen Porträts wurden als eine Zunahme der Reflexion über das Selbst gedeutet – und nicht der Geburt des Individuums. Es setzte sich seit dem ausgehenden Mittelalter eine neue Auffassung des Selbst und der Welt durch, die – so die These – in einer komplexen Beziehung zum neuzeitlichen Säkularisierungsprozeß steht. Diese Entwicklungen traten zuerst in Städten und im höfischen Ambiente auf, da dort die Kommunikationsstrukturen, die Bildungsmöglichkeiten und die religiöse Infrastruktur intensiver entwickelt waren als in ländlichen Gesellschaften.
Die Historikerin Benigna von Krusenstjern (Göttingen) wies in ihrem Vortrag “Schreibende Frauen in der Stadt der Frühen Neuzeit” eindringlich darauf hin, daß wir von schreibenden Städterinnen noch keine ausreichenden Kenntnisse besitzen. Dies erklärte die Referentin mit der ungünstigen Überliefungssituation von Selbstzeugnissen im allgemeinen, von denen Selbstzeugnisse von Frauen im besonderen Maß betroffen waren. Die Gleichsetzung schreibender Frauen jener Zeit mit Dichterinnen und Schriftstellerinnen verengte überdies den Blickwinkel der Forschenden – „einfachere“, d. h. nicht literarische Formen weiblichen Schreibens blieben in einer solchen Perspektive weitgehend unbeachtet. Diesen einfacheren Formen weiblichen Schreibens ging die Referentin in ihrem Vortrag nach; anhand von Beispielen konnte sie überzeugend darstellen, daß Städterinnen trotz ihrer Benachteiligung bei Bildung und Ausbildung im 16. und 17. Jahrhundert eine von ihnen als selbstverständlich empfundene Schreibfähigkeit besessen und diese nicht anders als Männer in verschiedenen Gattungen (u. a. in Familienbüchern, Zeitchroniken, Lebensläufen und Briefen) angewandt haben.
Die Vormittagssektion wurde am 18. November von der Historikerin Ulrike Gleixner (Berlin) mit einem Vortrag über “Frauen in pietistischen Selbstzeugnissen” eröffnet. Die Referentin wies in ihrem Vortrag darauf hin, daß im Pietismus alle (auto-) biographischen Schreibformen Geständnis- und Bekenntnistexte sind (Tagebuch, Brief, Autobiographie, Biographie, Lebenslauf und Lebenslauf in der Leichenpredigt). Die Referentin entwickelte ein Textverständnis, in dem eine Trennung zwischen dem schreibenden Subjekt und dem Text aufgehoben wurde. Erst durch den Schreibprozeß erfährt, erkennt und konstituiert sich das Subjekt, schafft aber auch gleichsam (neue) Identifikationsstrukturen innerhalb einer frommen Genealogie und Gedächtniskultur. Zudem war pietistisches Schreiben geschlechterspezifisch geprägt. Der Pietismus ermöglichte Frauen zwar das Schreiben, ihre Teilnahme an der Schreibkultur unterlag jedoch erheblichen Einschränkungen. Lebensläufe oder Autobiographien, die immer auch einen beruflichen, akademischen Werdegang beschreiben, konnten sie nicht verfassen.
Der zweite geplante Vormittagsvortrag der Historikerin Brigitte Schnegg (Bern) “Tagebuchschreiben als Selbstprüfung. Das Beispiel der Bernerin Henriette Stettler-Herport” mußte wegen Krankheit ausfallen. Stattdessen referierte Olaf Schulze (Pforzheim) kurzentschlossen über das “Leben und das Werk der Dichterin Wilhelmine Müller, geborene Maisch (28. August 1767 – 12. Dezember 1807),” der ersten Frau des Karlsruher Buchhändlers und Verlagsgründers Christian Friedrich Müller. Im Mittelpunkt des Vortrags stand eine Analyse des Frauenbildes der Wilhelmine Müller. Auf der Basis von autobiographischen Notizen und Briefen, aber auch von Gedichten der Autorin (die der Referent zu den Selbstzeugnissen zählte), rekonstruierte Olaf Schulze die Reflexionen der Autorin über ihre Rollen als Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin.
Die Nachmittagssektion wurde von der Kunsthistorikerin Annegret Friedrich (Trier) mit einem Vortrag über “Selbstinszenierungen weiblicher Intellektualität in der Malerei des 18. Jahrhunderts” eröffnet. Im Mittelpunkt ihres Vortrags stand das 1779 von Richard Samuel geschaffene Gruppenrollenporträt neun englischer Damen (Bluestocking), The nine living muses of Great Britain. Anhand dieses Gemäldes diskutierte die Referentin das Selbstverständnis weiblicher Intellektueller jener Zeit, die Selbstpositionierung außerhalb männlicher Institutionen des Wissens und die Vorbildfunktion der klassischen Antike in Rolleninszenierungen und Maskeraden.
Die Nachmittagssektion endete mit einem Vortrag der Germanistin Eva Kormann (Karlsruhe), die über die “Selbstvergewisserung in einer verkehrten Welt. Zur Heterologie frühneuzeitlicher Subjektivitätskonstruktionen in autobiographischen Texten” sprach. Gegenstand ihrer Analyse waren Klosterchroniken aus dem 17. Jahrhundert (Maria Anna Junius, Clara Staiger und Sebastian Bürstner). In ihrem Vortrag ging die Referentin von einer heuristischen Definition der Autobiographik als Sammelbezeichnung für Selbst- beschreibungen einer Person im Sinne eines autobiographischen Pakts (nach Lejeunes) aus, die sich auf „Leben“ beziehen, also einen „referentiellen Pakt“ schließen, und die geschrieben, folglich konstruiert sind. Die Selbstbilder und die „Subjektivität“, die in autobiographischen Texten formuliert werden, können sich in ganz unterschiedlichen Formen zeigen, wie die Analyse der aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs stammenden chronikalen Texte bewies. Es lassen sich heterologe Selbstbilder finden, d. h. die Autorinnen (und der Autor) beschreiben sich selbst, indem sie anderes beschreiben und sich auf andere beziehen. Als die markantesten Beispiele für eine solche Heterologie galten der Referentin die Selbstbezeichnungen der Autorinnen im Titel ihrer Chroniken „ich schwester Maria Anna Juniusin“ und „ich S. Clara Staigerin“. Die Chroniken aus der Kriegs- und Krisenzeit werden, so die These des Referats, zu „Selbstvergewisserungen einer verkehrten Welt“.
Die Historikerin Gesa Ingendhal (Tübingen) referierte zum Tagungsabschluß “Zum Selbstverstädnis der ‚armen Witwe’ in der Frühen Neuzeit. Eigen-Sinn und Fremd-Sinn.” Gesa Ingendhal stützte sich in ihrem Vortrag auf Winfried Schulzes 1996 in die Diskussion eingeführten – erweiterten – Begriff der Ego-Dokumente, um in ihrem Vortrag auch illiterate Frauen, die keine selbstverfaßten Selbstzeugnisse hinterlassen haben, in den Prozeß der Individualisierung einbeziehen zu können. In diesem Sinne rekonstruierte die Referentin aus Heiratsverträgen, Bittschriften und Klagebriefen von Frauen Facetten des Selbst, die sich hinter administrativer Formelsprache und anderen außerindividuellen Zwängen verbergen. Die Referentin zeichnete ein streitbares Bild der „armen Witwe“ in der städtischen Gesellschaft der Frühen Neuzeit. Frauen, wie die Metzgerswitwe Katharina Schmiedin oder die Knopfmacherwitwe Elisabetha Jordanin, setzten sich selbstbewußt mit den Freiräumen und Grenzen ihres kulturellen Status auseinander und wußten den Topos der Bedürftigkeit taktisch klug zu nutzen.
In der sich anschließenden Schlußdiskussion wurden die einleitend von Bernd Roeck genannten Parameter für die Erforschung (weiblicher) Selbstzeugnisse (Genese des Individuums in Italien, zunehmende Säkularisierung = zunehmende Reflexion über das Selbst) kontrovers diskutiert. Eine Zunahme der Reflexion über das Selbst mit zunehmender Säkularisierung gleichzusetzen, sei problematisch, da von einem fortschreitenden Entwicklungsmodell ausgegangen werde, an dem vor allem in der Diskussion Kritik geübt wurde und in dem Brüche (oder auch eine „Abnahme“ von Selbstreflexion) nur schwer zu thematisieren seien. Abschließend wurde eine positive Bilanz der Tagung gezogen und betont, daß die Erforschung schreibender Frauen (im Sinne der Definition von Benigna von Krustenstjern) in der Frühen Neuzeit weiterhin ein Desiderat der Forschung darstellt. Die Tagung verstand sich als ein erster Schritt in diese Richtung. Ein erstes Fazit könnte lauten, daß sich Frauen in verschiedene Gattungen einschrieben, aber selber keine eigenen Formen entwickelten.
Daniela Hacke (Zürich)
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2001. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |