AHF-Information Nr. 7 vom 1.3.2001
Der seit März 1991 zum sechsten Mal durchgeführte Arbeitskreis für Sozialgeschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart griff die Thematik des Alterns und des Alters auf, das bekanntermaßen in der aktuellen sozialpolitischen Diskussion für einige Schlagzeilen sorgt. In Stuttgart trafen sich 15 Wissen- schaftler/innen der Sozial-, Medizin- und Rechtsgeschichte sowie der Soziologie aus der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und Finnland, um zwei Tage über verschiedene Aspekte der Sozialgeschichte des Alterns in der Frühen Neuzeit sowie im 19. und 20. Jahrhundert zu diskutieren. Bis auf eine Ausnahme waren es Nachwuchswissenschaftler/innen, die ihre begonnenen oder soeben abgeschlossenen Projekte einem Expertenkreis (Prof. Dr. Peter Borscheid aus Marburg, Prof. Dr. Gerd Göckenjan aus Kassel, Priv. Doz. Dr. Hans-Joachim von Kondratowitz aus Berlin, Prof. Dr. Leopold Rosenmayr aus Wien und Prof. Dr. Reinhard Spree aus München) vorstellten.
Nach der Begrüßung durch den Institutsleiter, Prof. Dr. Robert Jütte, der kurz den besonderen Charakter der Veranstaltung skizzierte und auf die Themen der vorangegangenen fünf Arbeitskreise zurückblickte, hielt Gerd Göckenjan (Kassel) das Eingangsreferat. Der Titel „Reden über das hohe Alter“ deutet seinen Zugang zu dem Themenkomplex bereits an: die Perspektive der Diskursanalyse. Obwohl es den Anschein habe, das Thema „Altern“ sei selbstevident, stellte Göckenjan die Frage, warum überhaupt über das Alter geredet werde bzw. warum dieses Thema wissenschaftlich interessant sei. Die äußeren Gründe (die große und wachsende Zahl alter Menschen, die Renten- und Pflegediskussion, Altersarmut etc.), die für das Interesse angegeben werden, werfen nach Göckenjan mehr Fragen auf, als sie Antworten geben und übergehen die eigentlichen, vielfältigen Motive, über das Alter zu reden. Der Diskurs über das Alter(n) werde von Voraussetzungen und Vorannahmen geleitet, die nicht mitreflektiert würden. Das Polarisierungs-Konzept des Alters sei eigentlich nicht Gegenstand, sondern Basis der sozialgeschichtlichen Analysen. Dem hielt Göckenjan entgegen, daß „Alter“ wie beispielsweise „Gesundheit“ Ergebnis einer sozialen Konstruktion ist. Danach sei „Alter“ bzw. „Altern“ kein biologisches Dasein, sondern Deutungsmuster, Idee und soziale Praktik. Deshalb müßten auch die jeweiligen Diskursziele analysiert werden.
Dieser theoretischen Einführung folgten Beiträge zur Frühen Neuzeit.
Daniel Schäfer (Köln) stellte sein Habilitationsprojekt unter dem Titel „Medizinische Konzepte zum Greisenalter in der Frühen Neuzeit“ vor. In einem ersten Teil sollen medizinische Konzepte zum Greisenalter in der Frühen Neuzeit ermittelt werden. Als Quelle dafür dienen vor allem Hochschulschriften aus dem Zeitraum 1650 bis 1800, die unter dem Einfluß der Iatromechanik entstanden. Der zweite Teil umfaßt ergänzende Einzelstudien zur medizinischen Sichtweise des Alters und die Untersuchung literarisch-philosophischer, theologischer sowie juristischer Einflüsse auf den medizinischen Diskurs. Ein weiteres Kapitel über die „alte Frau“ und eventuell eines über die Hospitalisierung des Alters sollen folgen. Das Ziel des Projekts ist zum einen die Erfassung der thematischen Inhalte der Texte, wobei die Konzentration auf dem „mainstream“ in der Medizin liegt, zum anderen die Darstellung der Rezeption der medizinischen Texte in anderen Lebensbereichen.
Timo-Pekka Joutsivuo (Helsinki) legte mit seinem Beitrag „Old Age in Medical Theory in the Early Modern Europe“ eine Fallstudie anhand der 1594 erschienenen Arbeit „Discours de la conservation de la vie“ von André du Laurens (1559-1609) vor. Medizinische Werke zur Altersthematik gehörten im frühneuzeitlichen Europa zu den populären Genres. Nach einem kurzen Rückblick auf vorhergehende „gerontologische“ Arbeiten (z. B. von Guido da Vigevano, Roger Bacon, Arnold de Villanova, Bernard de Gordon) befaßte sich Joutsivuo mit einigen typischen Aspekten der Gerontologie, die mit der zeitgenössischen medizinischen Theorie verknüpft waren. Dazu gehörten Überlegungen zu den Ursachen des Alterns, die Definition von hohem Alter sowie die Mittel, vorzeitigem Altern vorzubeugen. Durch die Zunahme gebildeter Laien und die wachsende Zahl medizinischer Handbücher wurden nicht nur medizinische Theorien über das Alter verbreitet, sondern auch der Glaube, daß bei Altersbeschwerden jeder sein eigener Arzt werden könnte, fand immer mehr Anhänger.
Der Rechtshistoriker Thomas Duve (München) referierte zum Thema „Der alte Mensch in der Frühen Neuzeit. Zu den Möglichkeiten einer rechtshistorischen Perspektive“. Die Ziele des Projekts, das von der DFG gefördert wird, sind zum einen die Rekonstruktion der Rechtsstellung alter Menschen vor allem im bisher vernachlässigten privatrechtlichen Bereich, zum anderen die Analyse des Altersdiskurses im Recht. Als Quellen dienen ihm dabei hauptsächlich Regelungen des sogenannten „gemeinen“ oder „gelehrten Rechts“ (ius commune), die den Vorteil haben, nicht nur die obrigkeitliche Norm zu zeigen und auch nicht nur eine jeweils besondere Lage zu dokumentieren, wie beispielsweise die individualvertraglichen Vereinbarungen. Hinsichtlich des spezifischen Altersdiskurses sind die sogenannten „iura singularia“ sehr ergiebig. Dabei handelt es sich um eine unter dem Oberbegriff „Privilegien“ bezeichnete Gruppe von rund 72 besonderen Rechtsbestimmungen. Die Frühe Neuzeit ist durch eine grundlegende Umwandlung des Rechtssystems charakterisiert, in der sich auch bezüglich der Stellung des Alters einiges geändert hat. Eine Untersuchung dieser Veränderungen kann seiner Meinung nach eine wichtige Facette des großen Transformationsprozesses deutlich machen.
Mit dem Referat von Simone Moses (Stuttgart) „Ältere Patienten in der Medizinischen Klinik der Universität Tübingen 1880-1914“ näherte sich die Tagung dem 19. und 20. Jahrhundert. Nach einer kurzen Skizzierung der Entwicklung der Medizinischen Klinik der Universität Tübingen und der Darstellung der Quellen präsentierte Moses erste Ergebnisse der quantitativen Analyse der Patientenschaft im Zeitraum von 1880 bis 1914, und zwar des Anteils der Patienten über 55 Jahre, Alters- und Geschlechterverteilung, soziale und regionale Herkunft, Familienstand, Kostenträger des Krankenhausaufenthaltes, Verteilung der alterstypischen Diagnosen und durchschnittliche Aufenthaltsdauer. Durch ihre bisherigen Untersuchungen wurden einige Tendenzen deutlich. Ein wesentlicher Faktor für die Zunahme älterer Patienten in den Krankenhäusern war die Einführung der gesetzlichen Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung in den 1880/90er Jahren. Der Prozentsatz der kostenlos aufgenommenen armen Kranken, der vor der Jahrhundertwende hoch war, ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts zugunsten sozialversicherter Patienten zurück. Der Anteil der gebildeten Schichten an der Klientel der Medizinischen Klinik war über den gesamten Untersuchungszeitraum hoch. Nach der Jahrhundertwende kam es zu einer weiteren Zunahme von wohlhabenden weiblichen Patienten. Die Universitätsklinik hatte in diesen Gesellschaftsschichten einen so guten Ruf, daß selbst weite Anreisewege die Patienten nicht abschreckten. Die sinkenden Sterbezahlen während des Untersuchungszeitraumes könnten nach Moses ein Hinweis auf die besseren Behandlungsmöglichkeiten sein. Um Besonderheiten in der Versorgung ausmachen zu können, müssen allerdings die Tübinger Patientenakten noch ausgewertet und vergleichende Studien durchgeführt werden.
Ulrike Thoms (Münster) befaßte sich mit dem Thema „Ernährung im Alter. Der historische Wandel von Konzepten und Realitäten“. Ihr Beitrag zeigte die Entwicklungslinien der Ernährungswissenschaft vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart auf. Mitte des 19. Jahrhunderts rückten die Ernährung der Säuglinge (Säuglingssterblichkeit) und junger gesunder Erwachsener (Arbeitsproduktivität und Militärtauglichkeit) ins Zentrum staatlichen Interesses. Mit den Eßgewohnheiten älterer Menschen beschäftigten sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nur vereinzelte Arbeiten. Der gegenwärtige Forschungsstand weist ähnliche Lücken auf: Während die Ernährung der Säuglinge mittlerweile gut erforscht ist, gibt es kaum Untersuchungen zur Ernährung im Lebenslauf. Nach Thoms waren bis zum 19. Jahrhundert die Konzepte zur Ernährung durch die Humoralpathologie bestimmt. In Fragen der individuellen Ernährung hinsichtlich Alter, Geschlecht, Klima etc. herrschte große Liberalität, für ältere Menschen galt vor allem der Grundsatz der Mäßigkeit. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entstand ein neues Jugend- und Körperbild, das sich unter anderem am „idealen Körpergewicht“ orientierte. Zum selben Zeitpunkt begannen die Lebensversicherungen, Gewichtstabellen aufzustellen, um die Risiken festzulegen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde allerdings das Untergewicht als Risikofaktor gestrichen. Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts lancierten die Versicherungen Artikel über den Zusammenhang von Fettsucht und Mortalität, die den Risikofaktor Alter an den Rand drängten. Die Zunahme der degenerativen Erkrankungen rechtfertigte die sich entwickelnde Ernährungswissenschaft und schien die Versicherungen zu bestätigen. Als Quellen einer Untersuchung über die Ernährung alter Menschen kommen medizinische Schriften, Haushalts- und Anstaltsrechnungen sowie Statistiken zur Ernährung bzw. Kalorienzufuhr in Betracht. Bei der Diskussion über „Alterskost“ stellt sich allerdings die Frage, ob dies nicht auch ein Konstrukt ist.
Bärbel von Börries-Pusback (Hamburg) referierte über „Bildungsbürgerliche Alterungsprozesse aus männlicher Sicht“ anhand der Briefe des Kieler Nationalökonomen, Reichs- und Landtagsabgeordneten Wilhelm Seelig (1821-1906) an seine Frau. Die Äußerungen Seeligs zum Alterungsprozeß, die bislang für die Jahre 1862 bis 1906 ausgewertet wurden, beziehen sich nicht auf das eigene Älterwerden, sondern gründen auf Beobachtungen anderer Menschen. Dabei wurden die normativen Vorstellungen vom Alter nicht ausgesprochen. Er schätzte sich selbst als „rastlos“ bis ins hohe Alter ein und pflegte ein Männlichkeitsideal, das sich unter anderem darin zeigte, daß Krankheiten erst Erwähnung fanden, wenn sie bereits vorbei waren. Eine Untersuchung über das Alter der Reichstagsabgeordneten und Professoren hat gezeigt, daß Seelig, als er mit 50 Jahren in die Politik ging, im Durchschnitt lag. Das eigene Alter war für ihn kein Problem, solange er leistungsfähig war. Dadurch, daß er alle seine Tätigkeiten kontinuierlich bis kurz vor dem Tod ausüben konnte, blieb er sich selbst in seiner Selbstwahrnehmung und –darstellung nahezu gleich.
„Alte Menschen in Rostock. Eine historisch-demographische Analyse auf Basis der Volkszählung von 1819“ war der Titel des Beitrags von Matthias Manke (Rostock). Zum Zeitpunkt der Volkszählung lebten 15.460 Menschen in Rostock, davon waren rund 7,6 % älter als 60 Jahre. Die Zählung umfaßte Angaben zum Geschlecht, Familienstand, Geburtsdatum und -ort, Ortsanwesenheitsdauer, Konfession, Stand und Gewerbe sowie Vorhandensein von Grundbesitz. Mankes Darstellung spezifischer Merkmale der Sozialgruppe der alten Menschen in Rostock thematisierte die Herkunft, also die Gewichtung von Einheimischen und Zuwanderern, den Familienstand der über 60Jährigen nach Geschlecht und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit im Alter anhand einer Statistik von Steuer- und Armengeldzahlern und Empfängern von Armengeld. Dabei wurde deutlich, daß zwischen wachsendem Lebensalter und steigendem Verarmungsrisiko ein direkter Zusammenhang bestand. Zu den damaligen Möglichkeiten der Altersvorsorge gehörten neben Pensionen vor allem die Erwerbstätigkeit bis ins hohe Alter sowie die Rücklagenbildung (Kapital und Immobilien), der Erwerb einer sogenannten „Hospitalexpectans“ oder die Finanzierung aus fremden Mitteln (Kinder, Armenamt, besondere Gnadenakte).
In der Schlußdiskussion stellten die Teilnehmer/innen fest, daß die Disziplinen der historischen Altersforschung (Medizin-, Rechts- und Ernährungsgeschichte), die bislang als Nachbarwissenschaften der Sozialgeschichte des Alterns ein Schattendasein führten, inzwischen aufzuholen beginnen. Außerdem war man sich einig, daß die von Göckenjan in Anregung gebrachte Diskursanalyse sehr hilfreich sein kann. Aufgrund der Quellenlage blieb auch bei dieser Tagung das weibliche Alter noch weitgehend außen vor. Die Frage des „realen“ Lebens im Alter, also die Alltagsgeschichte, ist ebenfalls noch lückenhaft untersucht. Insgesamt wurden die Beiträge und die sich daran anschließenden Diskussionen als sehr produktiv und anregend für weitere Forschungen eingeschätzt.
Dr. Sylvelyn Hähner-Rombach
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
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