AHF-Information Nr. 6 vom 1.3.2001
Am 15. Dezember 2000 trafen sich in Potsdam zum 14. Mal WissenschaftlerInnen verschiedener Universitäten der neuen Bundesländer zu einem eintägigen Workshop.Ein Schwerpunkt des 1991 gegründeten Arbeitskreises liegt auf der DDR-Frauengeschichte. Daneben wird, den Forschungsprojekten der beteiligten WissenschaftlerInnen entsprechend, eine breite Palette von Themen von der Frühen Neuzeit bis zur Zeitgeschichte diskutiert. Beides, sowohl die thematische Vielfalt als auch die kontinuierliche Diskussion zur Geschichte der Frauen in der DDR, machen den Workshop zu einem der interessantesten Gesprächskreise der Historischen Frauen- und Geschlechterforschung in den neuen Bundesländern.
Im ersten Vortrag untersuchte Ingrid Miethe (Universität Greifswald) in einer biographischen Rekonstruktion die Frauenfriedensbewegung der DDR. Sie ging am Beispiel einer Gruppe "Frauen für den Frieden" der DDR der Frage nach, wie es dazu kommt, daß Frauen sich in bestimmten Situationen zusammenschließen und gemeinsam politisch handeln.
Die "Frauen für den Frieden" (Ost) gründeten sich 1982 in Protest gegen die Verabschiedung des neuen Wehrdienstgesetzes der DDR, das im Falle der Mobilisierung auch die Einbeziehung von Frauen vorsah. Empirische Basis der Untersuchung sind lebensgeschichtlich-narrative Interviews, die als hermeneutische Fallrekonstruktionen (Rosenthal) ausgewertet wurden, sowie eine Gruppendiskussion.
Mit ihrer Aktivität in der Frauenfriedensgruppe, so die These, setzten die Frauen sich indirekt mit ihrer Familiengeschichte in deren jeweiligen zeitgeschichtlichen Bezügen auseinander. Mit dieser unterschiedlichen Bedeutung der Familiengeschichte und damit verbunden des DDR-Systems korrespondiert dann auch die - teilweise sehr verschiedene – politische Verortung der Frauen nach 1989. Es wurden drei Typen rekonstruiert:
Erster Typus: Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ("68er des Ostens"):
Zu diesem Typus zählen in erster Linie die Kriegskinder, aber auch noch jüngere Frauen, die dieselbe Elterngeneration wie die Kriegskinder haben. Die politische Aktivität stellte die indirekte Bearbeitung eines Generationenkonfliktes zwischen den Frauen und deren in den NS involvierten Elterngeneration dar. Zentral ist das Verständnis der DDR als "Diktatur", da nur in einem System, das als strukturell mit dem NS verbunden gesehen werden kann, das eigene Handeln eine Bedeutung im Hinblick auf den NS erhält. Entsprechend sind die Repräsentantinnen dieses Typus konstitutiv an das System gebunden, das sie eigentlich bekämpften. Die Wende und der damit verbundene Wegfall der DDR stellt einen Bruch dar, der zum Rückzug aus weiterer politischer Betätigung führte.
Zweiter Typus: Auseinandersetzung mit stalinistischen Repressionen:
Zu diesem Typus zählen in erster Linie Frauen der 50er Geburtsjahrgänge und es sind sozialisatorische Erfahrungen, wie z.B. Repressionen gegen die Eltern oder auch das eigene Erfahren der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität des DDR-Systems zentral. Da sie sich sehr viel stärker als die Vertreterinnen des ersten Typus mit dem Pro und Contra des DDR-Systems auseinander gesetzt haben, waren sie nach 1989 schneller in der Lage, veränderte Handlungsstrategien zu entwickeln.
Dritter Typus: Auseinandersetzung mit familialer Gewalt:
Für die Vertreterinnen dieses Typus stellt die politische Aktivität die Auseinandersetzung mit familialer Gewalt dar, die diese sowohl innerhalb der Herkunftsfamilie als auch der eigenen Familie erlebt haben. Politische Aktivität ermöglichte, einen aktiven Umgang mit der erlebten Gewalt zu finden und sich als handlungsfähig zu erleben. Die Wende und der damit verbundene Systemwechsel hat für die Repräsentantinnen dieses Typus die geringste Bedeutung, da die politische Aktivität nicht mit dem politischen System verbunden war.
Den zweiten Vortrag hielt Renate Hürtgen (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) zum Thema FrauenWende - WendeFrauen - Frauen in den ersten betrieblichen Interessenvertretungen der neuen Bundesländer. Sie griff dafür einige Ergebnisse aus ihrem Forschungsprojekt zur Transformation von Gewerkschaftsstrukturen nach 1990 und ihrer Publikation zum Thema (s.u.) heraus. Der Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Sozialisationserfahrung der Frauen sowie ihrer bis zum Untersuchungszeitraum ausgebildeten Werte, Normen, Einstellungen und Verhaltensweisen.
Im Projekt war gefragt worden, welche Frauen sich 1990/91 in die ersten Betriebsräte der neuen Bundesländer haben wählen lassen; gab es Typisches, Gemeinsames in dieser "ersten Generation" von weiblichen Betriebs- und Personalräten? Im Ergebnis zeigte sich, daß die 30 interviewten Frauen aus 5 Betrieben a) aus verschiedenen Generationen kamen b) 50% von ihnen eine Hoch- oder Fachschulqualifikation hatten c) 13 Frauen in der SED waren d) 21 eine ehren- oder hauptamtliche Funktion im FDGB hatten e) nur eine Frau 1995 arbeitslos war. Die Dominanz von Funktionsträgerinnen und Mitgliedern der Partei weist die Frauengruppe einerseits als besondere Gruppe aus, andererseits führte die vergleichbare Sozialisation aller Frauen in der DDR auch zu gleichen bzw. vergleichbaren Werten und Verhaltensmustern.
Die meisten Frauen des Samples waren in der Kindheit zu Neutralität und Anpassung erzogen worden, sie hatten schon in der Familie, später im Beruf hart arbeiten müssen. Zu ihren größten Tugenden rechnen sie, dabei nicht aufbegehrt und trotz aller Widrigkeiten alles durchgestanden zu haben. Sie verstehen sich als unpolitisch, auch dann, wenn sie eine Funktion in der Gewerkschaft übernommen haben. Sie verbanden ihre Funktion vor allem damit, Freundlichkeit und Harmonie zwischen den Kolleg/innen, aber auch zwischen diesen und der staatlichen Leitung zu verbreiten. Konfliktverhalten lehnten sie ab. Ihr Einsatz für die sozial Schwachen im Kollektiv geschah nie konfrontativ.
Mit eben diesem Selbstverständnis und den entsprechenden Fähigkeiten ausgestattet, übernahmen die Frauen 1990/91 ihre Funktion im Betriebs- bzw. Personalrat. Sie fühlten sich auch hier sogleich für die sozialen Belange der Kolleg/innen zuständig, die im Zuge der Massenentlassungen zu regeln waren und sind besonders häufig in den Sozialausschüssen tätig. Nachdem diese Aufgabe am Ende der Entlassungswelle "gelöst" war - so eine These des Projektes - gaben die meisten Frauen die Betriebsratsarbeit auf.
Im Vortrag wurde auf einen Aspekt des Verhaltens der Frauen im Betriebsrat besonders verwiesen: das Konfliktverhalten. Hier dominierten a) die Konfliktvermeidung und b) die Konfliktdeutung als Personenkonstellation, nicht als Interessenkonflikt. Hervorhebenswert ist jedoch, daß es für einige Frauen möglich wurde, c) Konflikte zu erleben, auszutragen und Konfliktverhalten positiv zu werten. Nicht nur an diesem Beispiel wird sichtbar, daß sich die einst sehr homogene Frauengruppe mit einer veränderten Praxis ausdifferenzierte.
Am Ende des Vortrages wurde beschrieben, mit welchem Selbstverständnis von Emanzipation die Frauen 1990/91 ihre Betriebsratsfunktion angetreten hatten, was nicht unerheblich das Verhältnis der West- und Ostgewerkschafterinnen prägen sollte. So war allen aus der DDR kommenden Frauen gemeinsam, daß sie den Grad ihrer Emanzipation am Grad der Anerkennung messen, die sie von der Familie, den Kollegen, den Vorgesetzten, "der Gesellschaft" erhalten hatten: Wie gut sie den Anforderungen gewachsen gewesen sind, die das Leben stellte, wie "verwendbar" sie gewesen waren, wie bestmöglich sie die ihnen zugedachte Rolle erfüllten. Umgekehrt verbindet sich ihnen mit Emanzipation eher ein privates als politisches Verhalten. Sie wollen nicht zu den "ewigen Meckerern" gehören.
Unschwer wird erkennbar, daß die Frauen (wie die Männer) die Werte einer arbeitszentrierten Gesellschaft für sich angenommen haben, daß mit der Erwerbstätigkeit wohl ein Selbstbewußtsein gewachsen ist, jedoch keines, daß die gesellschaftlichen Strukturen, auch nicht die patriarchalischen, in Frage stellt. Ein solcher Befund wirft die Frage nach den Effekten von Erwerbsarbeit unter diktatorischen Bedingungen auf, aber auch die nach der kritischen Verwendung von Emanzipation gekoppelt an Erwerbsarbeit unter heutigen aktuellen Entwicklungstendenzen.
Eva Pietsch (Technische Universität Chemnitz) fragte in ihrem Vortrag "Just a comic figure?" nach der Entwicklung von Frauenbild und Geschlechterstereotypen in visuellen Darstellungen U.S. amerikanischer Gewerkschaftszeitungen 1910-1940.
Der Ausgangspunkt dieses Beitrags waren die methodischen Probleme, denen kunstgeschichtlich eher unbewanderte (Sozial-)HistorikerInnen der Arbeiter- und Arbeiterbewegungskultur beim Versuch begegnen, Bildillustrationen als historische Quellen zu erschließen. Das Hauptaugenmerk lag auf sogenannten Comics und Cartoons. Dieses Genre humoristischer Zeichengeschichten fand ab dem zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wachsende Verbreitung in einigen progressiven amerikanischen Gewerkschaftszeitungen. Die Analyse stellte Illustrationen aus der Zeitung The Advance vor, dem offiziellen Organ des Industrieverbands der Herrenkonfektionsarbeiter (Amalgamated Clothing Workers of America), aus dem Zeitraum 1917-1940. In einer anfangs männlich dominierten Industriearbeiterschaft mit handwerklichen Wurzeln, die sich mit zunehmender Arbeitsteilung und Elektrifizierung der Arbeitsprozesse stark verweiblichte, galt der Entwicklung von Frauenbild, Weiblichkeitsvorstellungen und Geschlechterstereotypen im vorfindlichen Bildrepertoire besondere Aufmerksamkeit.
Die Ergebnisse der Bildquellenanalyse sind sicher nicht ohne weiteres über industrielle Branchengrenzen oder gewerkschaftliche Organisationsprinzipien hinweg vergleichbar oder verallgemeinerbar. Dennoch eröffnet das ab 1917 in der Gewerkschaftspresse neu eingesetzte visuelle Angebot einen detaillierten Einblick in zeitgenössische Norm- und Wertvorstellungen der Arbeiterschicht, die sich in den vorgefundenen Motiven, Themen und Darstellungsmustern spiegeln. Der Cartoon setzte die Kritik an kapitalistischer Ausbeutung, an einwanderer- und sozialismusfeindlicher Klassenjustiz ebenso ins Bild, wie das Lob der internationalen Arbeitersolidarität und die Segnungen der industriegewerkschaftlichen Organisationsform. Die anschließende Diskussion des Beitrags ergab zudem, daß ein Vergleich ikonographischer Präsentationen der amerikanischen und sowjetischen bzw. europäischen Arbeiterbewegung sicherlich spannende Einsichten über den Grad ihrer Übereinstimmung zutage fördern würde.
Angesichts der tendenziellen Verflachung und konservativen Ausrichtung, die das Genre der von "comic codes" kontrollierten Comistrips in den USA im Zuge seiner massenhaften Verwendung als "eye catcher" im Tageszeitungsgeschäft der Presseimperien von Hearst und Pulitzer ganz überwiegend bestimmte, ist es bemerkenswert, daß die Strichzeichnungen der Labor-Cartoonisten im Verlauf der Zwanziger und Dreißiger Jahre zu ihrer ursprünglich gesellschaftskritischen Tonart zurückfanden. Sie erfüllten auf diese Weise den Anspruch der gewerkschaftlichen Blattmacher, eine "aufklärende" und "erzieherische" Funktion auszuüben, die sich in das Projekt einer "education of the industrial worker" bruchlos einfügte, ohne auf Witz, Häme oder Spott, mithin den "Unterhaltungswert", dieser Illustrationen als Mitnahmeeffekt zu verzichten.
Eine genauere Betrachtung des Wandels, den die Darstellung von Frauen in diesen Zeichnungen diverser Vertragszeichner des Advance durchlief, läßt jedoch auch die Kehrseiten dieses Mediums erkennen. Die Comiczeichnungen lassen sich als ein Spiegelbild der gewerkschaftlichen Haltung gegenüber seiner weiblichen Mitgliedschaft und potentiellen Anhängerinnen lesen. Wurden die Illustrationen anfangs von allegorischen Frauengestalten dominiert, die als göttinnenhafte Wesen, Verkörperungen von "Freiheit", "Gleichheit" oder "Solidarität", um weibliche Mitglieder warben, und mit denen sich die Zeichner in die Bildtradition der sozialistischen Arbeiterbewegung stellten, näherte sich der Stil der Labor-Cartoons über Phasen einer vielsagenden "Ausblendung" weiblicher Figuren schließlich vielbekannten Frauenportraitierungen der "commerical comics" an, wie etwa der Serienheldin "Blondie". Während die Arbeiterin, im Gegensatz zu ihrem männlichen Kollegen, in den Comics kaum präsent war, wurde die weibliche Gewerkschafterin in den Dreißiger Jahren mit Vorliebe ironisierend als "Fronthelfer" oder "Mädchen für alles" dargestellt, und damit auf ein weibliches Rollenverhalten festgelegt, daß den männlichen Führungsanspruch in der Gewerkschaftsorganisation weitgehend unangetastet ließ.
Der Arbeitskreis trifft sich zweimal jährlich. Der nächste Workshop findet voraussichtlich im Juni in Greifswald im Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Ernst-Moritz-Arndt-Universität statt. Alle WissenschaftlerInnen, die an einer Universität der neuen Bundesländer im Bereich der Historischen Frauen- und Geschlechterforschung arbeiten, sind herzlich zur Teilnahme eingeladen.
Informationen zur Regionalgruppe Neue Bundesländer:
Dr. Gisela Mettele, Lehrstuhl Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Technische Universität Chemnitz, 09107 Chemnitz, Tel. 0371-531-4062, Email: gisela.mettele@phil.tu-chemnitz.de
Informationen zum bundesweiten Arbeitskreis:
http://www.tu-bs.de/institute/geschichte/AKFrauForsch/index.html
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2001. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |