AHF-Information Nr. 5 vom 28.2.2001
Die Zeit um 1700 (ca. 1680–1720) ist in der Forschung immer noch nahezu eine terra incognita. Sie war das Thema des Wolfenbütteler Arbeitsgesprächs „Kulturelle Orientierung um 1700” vom 29.11. bis 1.12. des zurückliegenden Jahres. An der Veranstaltung beteiligten sich vor allem Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler verschiedener deutscher Universitäten und unterschiedlicher kulturwissenschaftlich ausgerichteter Fachrichtungen. Ein Förderprogramm der Fritz Thyssen Stiftung und die freundliche Unterstützung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel ermöglichten den Initiatoren (Sylvia Heudecker, Dirk Niefanger, Jörg Wesche) die Organisation des Arbeitsgesprächs. Diskutiert wurde auf der Grundlage von zuvor versendeten Exposés und je etwa halbstündigen Vorträgen.
In den Blick kamen sowohl die kulturelle Vielfalt als auch Offenheit, die für den Zeitraum um 1700 spezifisch sind. Sie repräsentieren verschiedene Orientierungsversuche einer sich im Wandel befindlichen Kultur und haben neue Gestaltungsmöglichkeiten aller Kulturbereiche eröffnet. Insofern folgten die Veranstalter weder dem gängigen Epochenschema, das die Zeit um 1700 als Zeit des Bruches zwischen ‚Barock‘ und ‚Aufklärung‘ begreift, noch der Auffassung – wie in der einschlägigen Forschungsliteratur verbreitet – es handele sich um eine Zeit des kulturellen Verfalls. Vielmehr war es eine Grundüberlegung des Arbeitsgesprächs, die Jahre um 1700 als produktive Übergangszeit jenseits von Epochenbezeichnungen (galante Zeit, Frühaufklärung etc.) zu begreifen. Entsprechend wurde dem Nebeneinander in verschiedenen Teilfeldern des kulturellen Lebens exemplarisch nachgegangen.
Im einleitenden Beitrag Dirk Niefangers (Göttingen) ging es neben einem konzeptionellen Aufriss der kulturwissenschaftlichen Idee der Tagung um das Potential des Orientierungskonzepts. So habe die Diversifizierung kulturellen Wissens um 1700 zu Orientierungsverlust geführt. Gefragt wurde daher nach dem Spektrum möglicher Verfahren und Ordnungen der Orientierung (alphabetisch, systematisch, topographisch, kalendarisch, hierarchisch usw.), etwa in Orientierungsbüchern ganz verschiedener Bereiche (Hausväterliteratur, Sammlungen, Relationen, Lexika). Um 1700 sei anhand solcher Verfahren ein Konzeptionswechsel in der Wissensbewältigung evident. Orientierung sei für diesen Zeitraum vor allem im Sinne von orienté (Selbstverortung) zu verstehen. Vor dem Hintergrund dieses Konzepts seien kulturelle Innovationsmöglichkeiten gerade zugestanden und positiv bewertet worden.
Gestützt auf die zeitgenössische Wahrnehmung des eigenen Jahrhunderts sowie sozialhistorische Faktoren argumentierte Markus Meumann (Halle-Wittenberg) dafür, das 17. Jahrhundert als Einheit aufzufassen. Bislang herrsche in der Geschichtswissenschaft eine an politikgeschichtlichen Ereignissen ausgerichtete Periodisierung vor, für die der Wechsel vom 17. zum 18. Jahrhundert keinerlei Relevanz besitze und die dadurch zentralen kulturellen Phänomenen nicht gerecht zu werden vermöge. Meumann verwies insbesondere auf Zeitvorstellungen, die sich im Lauf der Frühen Neuzeit grundsätzlich wandelten, so z. B. die Konzeptionen von Vergangenheit und Zukunft. Die innere Kohärenz des 17. Jahrhunderts zeige sich deutlich in der Ablösung eines eschatologischen („Endzeiterwartung“) durch ein perpetuierendes Geschichtsbild.
Andreas Gardt (Heidelberg) beleuchtete die Funktion der deutschen Sprache als Mittel kultureller Identitätskonstruktion in ethnischer Hinsicht zur kulturellen Abgrenzung gegen andere europäische Nationen sowie in sozialer Hinsicht als Moment der ständischen Differenzierung. Das Deutsche erscheine als ‚Band‘ der politischen Einheit, vornehmlich da der deutschen Sprachnatur ein Volks- bzw. Nationalcharakter zugeschrieben werde. Um 1700 würden diese Identitätsentwürfe offener gegenüber fremden Sprachen und Kulturen. Christian Thomasius und Gottfried Wilhelm Leibniz thematisierten die lexikalischen und stilistischen Fähigkeiten des Einzelnen als Voraussetzung, sich in Gesellschaft zu bewegen und zugleich die nationale Identität zu bilden und zu stärken.
Ein Modell für stärkere internationale Orientierung skizzierte Melanie Hong (Berlin). Als kulturelle und politische Orientierungshilfen für zukünftige ‚Politici‘ charakterisierte Hong die historischen Dramen Christian Weises. Der Zittauer Gymnasialrektor greife auf jüngste historische Ereignisse zurück und bearbeite sie detailgetreu für die Schulbühne. So würden theatralische Schulactus zur Vermittlungsinstanz für geographisches, historisches und politisches Wissen und transportierten darüber hinaus ein Bild anderer europäischer Völker. Die internationale Orientierung Weises werde als Gegenakzent zu einem zunehmend national ausgerichteten Bewusstsein erkennbar.
Jörg Wesche (Göttingen) lenkte den Blick auf das Feld der programmatischen Orientierung. Er verfolgte die Frage nach Umorientierungstendenzen der Poetiken um 1700, die er vor allem ausgehend von ihrer Machart zu beantworten versuchte. Herausgearbeitet wurden dabei spezifische Tendenzen (z. B. Didaktisierung, Gattungs- und Exempelorientierung der Poetiken), die als Reaktion auf die zunehmende Diversifizierung im Literatursystem zu deuten seien. Es handele sich dabei um Momente der Öffnung, die auf einen Funktionswandel im System schließen ließen. So trete neben der Restriktionsfunktion der Regelpoetiken um 1700 immer deutlicher die Orientierungsfunktion hervor, die Poetiken im Feld der schwerlich systematisierbaren Diversität der Dichtungsformen eingenommen haben.
Im Feld der Literatur beschäftigte sich Anke Detken (Göttingen) mit Gelegenheitsdichtung zwischen Günther und Zäunemann. Im Mittelpunkt standen dabei Strategien von Dichterinnen, die die gesellschaftlich anerkannte Zuweisung ihrer Rolle als Dichter bzw. als Frau in Frage stellen. Kontrastiert wurden vor allem Sidonia Hedwig Zäunemann und Christiana Mariana von Ziegler. Während Ziegler sich den männlich geprägten Erwartungen als Dichterin angepasst habe, sei bei der gesellschaftlich weniger gestützten Zäunemann (nicht adlig, keine gelehrte Bildung, unverheiratet) das Bemühen erkennbar, sich neue (weibliche) Freiräume zu eröffnen, indem sie etwa neue Materien für die Gelegenheitsdichtung erschlossen habe. Ziegler sei indessen anerkannter gewesen, was sich bis heute fortgesetzt habe. Die innovativere Zäunemann dagegen konnte kaum als weibliche Orientierungsfigur auf nachfolgende Dichterinnen wirken.
Stephan Kraft (Bonn) wandte sich dem Roman der Zeit um 1700 zu. Anzeichen eines sich aus eschatologischer Festgefügtheit lösenden Geschichtsbildes machte Kraft in Herzog Anton Ulrichs Römischer Octavia aus. Der ursprünglich als Allegorie angelegte Roman (Enstehungszeit 1673-1714) reagiere auf das aufkommende geschichtsphilosophische Konzept einer offene(re)n Zukunft. Das zunächst geschlossene barocke Geschichtsbild des Romans werde immer stärker mit Gestaltungselementen angereichert, welche die allegorische Form schließlich sprengten. So verblasse die Typenhaftigkeit einzelner Figuren zu Gunsten einer stärker individualisierenden Darstellung.
Eine theologiegeschichtliche Perspektive nahm Kai Bremer (Osnabrück) ein. In der Kirchen- und Ketzerhistorie (1699/1700) von Gottfried Arnold erkannte Bremer ein Dokument der Umorientierung der Kirchengeschichtsschreibung hin zu konfessioneller Unparteilichkeit. Wenngleich aus der protestantischen Sicht Arnolds die Jesuiten weiterhin als Feinde betrachtet würden, so finde der Autor doch zu einer ansatzweise differenzierten Darstellungsweise. Das Werk Arnolds habe der modernen Kirchengeschichtsschreibung den Weg geebnet, indem sie auf eine historische Beweisaufnahme der eigenen Legitimität verzichtet habe und somit die Relativität des eigenen Standpunktes offensichtlich habe werden lassen.
Auch Wilfried Barner (Göttingen) ging theologiegeschichtlich vor. Sein Thema war Traditionsverhalten als Element kultureller Orientierung. Barner erörterte das methodische Potential der Begriffe ‘Orientierung’ und ‘Traditionsverhalten’. Orientierung betone gegenüber dem ‘Traditions’-Begriff stärker die synchrone Vergleichsebene und sei zudem auch auf Subjekte zu beziehen, während Traditionen sich nur kollektiv verstehen ließen. Barner erarbeitete verschiedene Modi des Traditionsverhaltens im institutionellen Feld von Theologie und Kirche am Beispiel der Réunionsverhandlungen zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und Jacques Bénigne Bossuet. Deutlich werde an diesem Beispiel das Scheitern eines großen theologischen Umorientierungsmodells. Die theologischen Fronten hätten sich immer stärker verhärtet. So sei der eingreifenden Orientierungshaltung eines Leibniz mit Bossuet schließlich gallikanischer Tradionalismus par exellence gegenübergestellt gewesen.
Im Bereich der Literaturkritik konstatierte Steffen Martus (Berlin) eine Aufwertung des Tadels um 1700. Begünstigend für diese Entwicklung, die bis dahin sanktionierte negative Kritik nunmehr legitimiere, sei die zunehmende Distanzkommunikation des 18. Jahrhunderts. Die Positivwertung des Tadels schlage sich nieder in entsprechenden Autor- und Werkmodellen bei Neukirch, Canitz, Wernicke oder König. Martus lieferte einen medienhistorischen Interpretationsansatz für diese Entwicklung, der die relativ große Verbreitung von Literatur und die breite Kommunizierbarkeit kritischer Äußerungen (Buchdruck) in Anschlag brachte.
Sylvia Heudecker (Göttingen) wandte sich dialogischen Formen der literarischen Kritik um 1700 zu, als deren vorbildhafte Kompositionsmuster sich neben literarischen Exempeln zeitgenössische mündliche Gesprächsformen (höfische bzw. Salon-Konversation, gelehrte Disputation) ausmachen ließen. Eine zentrale Orientierungsfunktion, die solche Texte erfüllten, bildete die Anregung zu praktischer Nachahmung im geselligen, kritischen Gespräch. Zudem wiesen viele dieser literarischen Gesprächskritiken Literatur als wesentlichen Bestandteil geselligen Lebens aus und würden damit ein kulturelles Idealbild entwerfen.
Herbert Jaumann (Greifswald) konstatierte, Kultur sei nicht Gegenstand von Orientierung sondern selbst eine Form der Orientierung. Als ein Operationsfeld der kulturellen Orientierung um 1700 bestimmte er die in Paris erstmals manifest gewordene Querelle des anciens et des modernes (1687/90), die ihrerseits eine späte Variante eines kulturgeschichtlich weit zurückreichenden Alt/Neu-Diskurses sei. Im Gegensatz zu früheren Phasen dieser Problemgeschichte antik-christlicher Tradition trete in der deutschen Rezeption der Querelle das kulturpatriotisch-nationale Moment stark hervor. Seine Beobachtung verdeutlichte Jaumann anhand eines Vergleichs der Monatsgespräche des Thomasius mit dem dialogisch aufgebauten Großtraktat von Charles Perrault Parallèle des anciens et des modernes (1688-97).
Christian Freigang (Göttingen) beleuchtete die Querelle aus kunstwissenschaftlicher Perspektive. Eine Neuorientierung der Architekturtheorie um 1700 manifestiere sich einerseits in den Werken Christoph Leonhard Sturms, andererseits in den kaum beachteten Schriften Christian Wolffs. Sturm habe überbrachte Säulenordnungen im Hinblick auf neue architektonische Gattungen und Funktionen kleinteilig modifiziert und so eine nationale deutsche Architektur zu entwickeln versucht, allerdings mit geringer Berücksichtigung wirkästhetischer Qualitäten. Wolff hingegen habe mit seinem kaum auf Praktikabilität ausgerichteten naturgesetzlich-mathematischen Proportionsregelwerk den grundsätzlichen Nachweis erbringen wollen, dass auch die Architektur wissenschaftlicher Rationalität unterliege. Die Überlegungen beider Architekturtheoretiker seien angeregt durch die französische Architekturdebatte im Rahmen der Querelle des anciens et des modernes.
Die Beiträge sollen in einem Sammelband veröffentlicht werden, der voraussichtlich Ende 2001 erscheinen wird.
Sylvia Heudecker/Jörg Wesche
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2001. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |