AHF-Information Nr. 2 vom 22.2.2001

Memoria, Communitas, Civitas.
Formen und Funktionen des städtischen Gedächtnisses
und Selbstbewußtseins in der spätmittelalterlichen Stadt

Kolloquium am Deutschen Historischen Institut Paris vom 31. März bis 1. April 2000

Am 31. März und am 1. April 2000 fand im Deutschen Historischen Instituts in Paris ein Kolloquium zu den Formen und Funktionen des städtischen Selbstbewußtsein in der spätmittelalterlichen Stadt statt. Die Tagung wurde durch das Deutsche Historische Institut, das Max-Planck-Institut für Geschichte und die ‚Mission Historique Française en Allemagne‘, beide in Göttingen, organisiert. Hanno Brand (DHI-Paris), Martial Staub (MPIG) und Pierre Monnet (Direktor des MHFA) waren für die Gestaltung dieses internationalen Treffens verantwortlich. Dank der finanziellen Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung (Düsseldorf) konn­ten 16 Vortragende aus Frankreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und England eingeladen wer­den. Den etwa 70 Teilnehmern wurden 16 Vorträge präsentiert, die nach folgenden Themen geordnet waren: 1. Gedächtnis und städtische Identität; 2. Gedächtnis und städtische Gesellschaft, 3. Gedächtnis und Instituti­onen und 4. Gedächtnis, Repräsentation und städtischer Raum. Christiane Klapisch-Zuber, Joseph Morsel, Colette Beaune, Henri Platelle und Jean-Marie Moeglin leiteten die verschiedenen Sitzungen und anschlie­ßenden lebhaften Diskussionen.

Ziel dieses Kolloquiums war es, durch eine Präsentation des aktuellen Forschungsstandes in verschiedenen westeuropäischen Länder eine Lücke in der Geschichtsforschung zum „kulturellen Gedächtnis“ teilweise auszufüllen. Erst seit der Mitte der 1980er Jahre haben die Historiker die Bedeutung dieses Gegenstandes als konstitutiv für das gesellschaftliche Zusammenleben wiederentdeckt. In Frankreich dreht sich die neuere Diskussion im Anschluß an den Durkheim Schüler Maurice Halbwachs um die „Lieux de mémoire“, um die „Gedächtnisorte“. Hauptträger des derart formulierten Gedächtnisses ist der Staat. In Deutschland hat sich das Augenmerk zunächst auf die „Memoria“, jenes Netz von sozialen Beziehungen gerichtet, die im alten Europa aus der „Gegenwart der Toten“ (Otto Gerhard Oexle) hervorging. Lange stand dabei die liturgische Memoria im Mittelpunkt. Inzwischen wurden jedoch weitere Medien der Memoria ausgemacht, wodurch die Gruppenstruktur der alteuropäischen Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt ist. Als „Paradigma“ bleibt die Memoria allerdings auf die Analyse der Vormoderne beschränkt. Bisher hat die Stadt in der internationalen Diskussion eine besondere Rolle gespielt.Die Aktualität der Frage nach dem sozialen Gedächtnis und dem Selbstbewußtsein im städtischen Kontext wird aber dann deutlich, wenn man sich die Rolle vor Augen führt, die die Städte in unserer Wahrnehmung der Vergangenheit einnehmen. Es ging den Organisatoren einerseits darum, die Auswirkungen der Vorstellung von Urbanität, mit der sich die Städte jener Zeit zu schmücken begannen, auf das soziale Gedächtnis und das Selbstbewußtsein zu erkunden. Andererseits wird man nach einer eventuellen Eigenart des Gedächtnisses im städtischen Umfeld fragen müssen. Es liegt auf der Hand, daß die Bezugnahme auf die Stadt im Zusammenhang mit dem Gedächtnis nur dann zu verstehen ist, wenn man auch die Wechselwirkungen mit dem außerstädtischen Umfeld berücksichtigt, einerlei ob aus Eigenin­teresse auf die Stadt Bezug genommen oder ob dabei das Interesse der Stadt angeführt wird.

Diese Überlegungen führten die drei Organisatoren zu nachfolgenden Fragen, die sie den vorgesehenen Teilnehmern zur Orientierung vorlegten: 1.Wie ist der Einfluß der Schriftlichkeit und der Bilder auf die Gestaltung des Gedächtnisses einzuschätzen? 2. Im Hinblick auf die Bedeutung der Stadt im “Rationalisie­rungsprozeß des Okzidents” stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den Formen des Gedächtnisses und den Unternehmen und Handelsgesellschaften im Bereich der Wirtschaft sowie den städti­schen Regierungen und Verwaltungsinstanzen auf dem Gebiet der Politik und den Universitäten und den gebildeten Laienkreisen auf der Ebene des Wissens. Daran knüpft ebenfalls die Frage nach den Individuali­sierungstendenzen innerhalb des sozialen Gedächtnisses im städtischen Kontext an. 3.Wie hat sich die sowohl räumliche wie auch gesellschaftliche Koexistenz von unterschiedlichen sozialen Gruppen auf deren Gedächtnis ausgewirkt? 4. Gibt es ferner einen Zusammenhang zwischen der hierarchischen Stellung der Individuen und der Gruppen innerhalb der städtischen Gesellschaft und der Form ihres Gedächtnisses? Den Veränderungen, die in diesem Zusammenhang auftreten würden, wäre selbstverständlich besonders Rech­nung zu tragen, wobei vor allem die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum Beachtung verdient. 5. Kann von einer Konfiszierung des städtischen Gedächtnisses durch bestimmte soziale Gruppen die Rede sein? Die Frage des ‘städtischen Patriziates’ hängt eng damit zusammen. 6. Hat sich eine städtische Identität bzw. ein städtisches Selbstbewußtsein jenseits der Unterschiede und der Gegen­sätze herausbilden können? Hier wäre an Untersuchungen über die städtische Geschichtsschreibung und Rituale anzuknüpfen 7. In welchem Verhältnis stehen die städtischen Formen des Gedächtnisses zu höfi­schen oder aristokratischen, die sich zum Teil unabhängig davon entwickelt haben, gleichzeitig aber einen vergleichbaren Anspruch auf Integration erhoben.

In seinem Eröffnungsvortrag griff Werner Paravicini (Paris) auf diese Fragestellungen zurück und fügte einige Annäherungsweisen des Themas hinzu. Insbesondere vertrat er den Standpunkt, daß die Funktionalität des städtischen Gedächtnisses auf drei Grundtypen zurückzuführen sei: auf eine Memoria für die Stadt, durch die Stadt und gegen die Stadt. Im ersten Fall geht es um die Entstehung eines Bewußtseins, das durch die Errichtung von Machtsymbolen und öffentlichen Gebäuden sowie die Entstehung eines lokalen Heili­genkults und einer städtischen Geschichtsschreibung als ein konstituierendes Element der Stadt und der städtischen Gesellschaft aufgefaßt werden kann. Mit dem zweiten Typus sind die Formen der Memoriakultur gemeint, die ausschließlich im städtischen Raum entstehen, vorrangig die Oberschicht betreffen und vor allem in gemeinsamen Repräsentationsformen der führenden Familien ihren Ausdruck finden. Zuletzt wies er auf die Entstehung eines Bewußtseins hin, das sich in den Kreisen des Adels, der Fürstenhöfe und der Kirche gestaltete und sich gegen die städtisches Gesellschaft wandte.

Elisabeth Crouzet-Pavan (Paris) eröffnete die Reihe der Beiträge mit einem Vortrag über Jeux d’identités: mémoire collective et mémoire individuelle à Venise à la fin du Moyen-Âge. In der Herausbildung einer kollektiven Identität der Stadt Venedig, nahm der Sankt-Marko-Platz bereits seit dem 12. Jht. eine domi­nierende Stellung ein. Der am Platz errichtete Dogenpalast und die Basilika entwickelten sich zu den wich­tigsten Symbolen der historischen Kontinuität der Stadt. Geschmückt mit Mosaiken, Erinnerungen an erfolg­reiche Schlachten, Statuen und Bilder repräsentierten die Basilika und der Palast ein sorgfältig kultiviertes gemeinsames Bewußtsein, das sich auf eine schmeichelhafte Rekonstruktion der historischen Realität grün­dete. Diese Neuinterpretierung der Geschichte Venedigs findet sich auch in den Familienchroniken wieder, die sich alle durch die Unterordnung der individuellen Familiengeschichte unter die Entstehung eines kollektiven Bewußtseins kennzeichneten. Die Einheit der lokalen Oligarchie wurde zum Leitfaden der Fami­lienchroniken, die in diesem Sinne oft angepaßt und manchmal grundsätzlich geändert wurden. Durch die Erstellung gemeinsamer Genealogien, die Betonung der legendären Rolle der wichtigsten Familien bei der Gründung der ersten Kirchen und die Versuche, die Folgen der gewalttätigen Auseinandersetzungen und Konflikte zwischen den Geschlechtern zu reduzieren, stellten die Familienchroniken Venedigs ein wichtiges Mittel zur Legitimierung der Machtverhältnisse und die Entstehung einer vereinheitlichten Geschichtsschrei­bung der Stadt dar.

In seinem Beitrag All for one: Constructing an Identity for the Republic of Genoa, bot Gervase Rosser (Oxford), einen Einblick in die wiederholten Versuche der aristokratischen Führungsgruppen Genuas, einen gemeinsamen Heiligenkult ins Leben zu rufen, der als Brennpunkt der Identitätsbildung der Republik dienen konnte Der mittelalterliche Senat versuchte solches vergeblich durch die Erhebung Johannes des Täufers zum Schutzheiligen der gesamten Republik. Der Versuch scheiterte auf Grund der weit verbreiteten Meinung, daß die Prozession der Reliquien Johannes des Täufers zu sehr mit der Gruppenbildung der städtischen Eliten verknüpft war. Die zweite Annäherungsweise, die sich erst im 17. Jht. herausbildete, unterschied sich darin vom mittelalterlichem Muster, daß die städtischen Eliten versuchten, bereits beste­hende populäre Heiligenkulte zu diesem Zweck zu benutzen. Es führte zur Entstehung eines durch die Regie­rung geforderten „Staatskultus“, der die Propagierung der Jungfrau Maria zum Emblem der Einheit des Machtgebietes der Republik Genua bezweckte. Jeder Versuch zur Vereinheitlichung stieß aber auf die sehr unterschiedlichen lokalen Verehrungsgewohnheiten, die einer Identifizierung der Bevölkerung der Republik mit dem durch die Obrigkeiten erwünschten gemeinsamen Heiligenkult und der Identitätsbildung im Wege standen.

Der Vortrag Les Juifs dans la ville en Allemagne du Sud à la fin du Moyen Âge. Les enseignements de la mémoire vomMartial Staub (Göttingen) war der Gedächtniskultur der jüdischen Diaspora in Nürnberg gewidmet. Anhand des im Jahre 1216 entstandenen Memorbuchs dieser Gemeinschaft ging der Referent nicht nur auf die Charakteristiken der jüdischen Memoriakultur ein, sondern versuchte gleichzeitig festzu­stellen, inwiefern diese Kultur zur Stabilisierung und Sozialisierung der jüdischen Gemeinschaft beitrug. Das Memorbuch, das die Einheit der am Memorienkult beteiligten Gruppen der jüdischen Gemeinschaft wider­spiegelt, enthält neben einem unvollständigen Nekrolog und einem Martyrolog Einträge von Geschenken und Überweisungen von Renten, die sowohl zur Verbesserung der Kultfeier als auch der Organisation des Unterrichts, der Unterstützung des Hospizes und der Armenfürsorge innerhalb der jüdischen Gemeinschaft dienten. Die Verknüpfung von religiösen und karitativen Investitionen ist Ausdruck der Solidarität der an der Memoriakultur beteiligten Gruppen. Der Gemeinsinn wurde ebenfalls durch die sich wiederholenden Lesungen des Nekrologs verstärkt, die zum Zweck hatten, die kontinuierliche Anwesenheit der jüdischen Gemeinschaft in Nürnberg hervorzuheben.. Auch dem Martyrologium muß eine konstitutive Wirkung zugeschrieben werden, da der gemeinsame Heiligenkult Ausdruck eines Gruppenbewußtseins war, das auf jeder neue Generation übertragen wurde. Es ist in dieser Hinsicht bemerkenswert, daß im Nekrologium die Mitglieder der jüdischen finanziellen Kreise Nürnbergs fehlen. In diesem Zusammenhang vertrat Martial Staub die These, daß dieses Ausdruck der Animosität zwischen den Mitgliedern der jüdischen Diaspora und der christlichen Umwelt war. Als Kreditgeber ihrer christlichen Mitbürger disqualifizierten sich die im Finanzbereich tätigen Juden als Mitglieder einer Gemeinschaft, wo die Erinnerung an die jüdische Kultur im Mittelpunkt stand.

In seinem Vortrag "Élites et conscience urbaine dans quelques villes allemandes de la fin du Moyen Âge" ging Pierre Monnet (Göttingen) anhand von Werken von u.a. Faber, Rorbach, Zinck und von Soest, auf einige zeitgenössische Beobachtungen zum Selbstverständnis des städtischen Patriziats in Frankfurt am Main und Nürnberg ein. Ausgangspunkt seines Referats war, daß die städtischen Eliten des ausgehenden Mittelal­ters nicht nur von ihrer Stadt und der Politik lebten, sondern auch zugunsten ihrer Stadt und zur Verstärkung ihrer Macht handelten. Es ist deshalb undenkbar, daß es ohne die Existenz eines Machtbewußseins ein dauerhaftes Patriziat gab. Also festigte sich dieses Gruppenbewußtsein aus dem kommunalen Bewußtsein heraus und suchten sich die Eliten im Rahmen des städtischen Raums Identifikationsmerkmale, die zur Unterstützung ihrer Machtposition dienten. Die Geschichte der Stadt hat die Entstehung eines Reservoirs hervorgerufen, aus dem gerade die Merkmale und Bezugspunkte geschöpft werden konnten, deren Wirkung am besten im konkreten Rahmen der Gemeinschaft zum Ausdruck kam. Aus diesem Grund nahm der Refe­rent Bezug auf einige Aspekte, die mit der Selbsdarstellung der Oberschicht zusammenhingen und durch die Erinnerung von Zwischenpersonen nicht so sehr mit einer abstrakten Vorstellung der Stadt, ohne daß hier von Soziotopographie die Rede wäre, sondern vielmehr mit dem konkreten Raum verknüpt wurden. Sowohl anhand der städtischen Geschichtschreibung als auch mit Hilfe autobiographischer Zeugnisse, die von Mitgliedern eines etablierten und manchmal sogar abgegrenzten Patriziats verfaßt wurden, entstanden spezifische Äußerungen des Selbsbewußseins der Eliten, die durch eine Neugliederung der Zeit und des städtischen Raums zu einer neuen Konturzeichnung der öffentlichen und privaten Räume führte.

Der Schwerpunkt des Vortrags von Sonja Dünnebeil (Wien) über Öffentliche Selbstdarstellung sozialer Gruppen in der Stadt lag in der Beobachtung vom repräsentativen Zweck und der Zusammensetzung von Umzügen und Prozessionen in den Städten des Spätmittelalters. Ausgangspunkt des Vorrags war, daß die Prozessionen seit dem 14. Jht. immer häufiger von der städtischen Obrigkeit reglementiert wurden mit der Absicht, die aktuelle politische und soziale Ordnung der städtischen Bevölkerung gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Prozessionen konnten Repräsentanten aller städtischen Verbände umfassen, beschränkten sich aber häufig, wie anhand der Beispiele von Lübeck, Köln und Bordeaux gezeigt wurde, auf den kleinen Kreis der Ratsmitglieder und ökonomischen Schwergewichte der Stadt. Es stellte sich heraus, daß in Bordeaux sogar die Wahl der neuen Ratsherrn Anlaß für einen jährlichen Umzug war. Derartige Umzüge und Prozessionen, die auch für Köln und Erfurt nachgewiesen werden können, dienten dazu, die neuen Macht­verhältnisse sichtbar zu machen. Die jährlichen Prozessionen in Lübeck, woran seit Mitte des 15. Jht. aus­schließlich die Räte und Mitglieder der aus Patriziern zusammengesetzten „Zirkelgesellschaft“ teilnahmen, müssen als ein Medium zur Repräsentation der politischen und ökonomischen Schwergewichte der Stadt aufgefaßt werden. Die Wege der Umzüge richteten sich bedeutungsvoll nach den Beweggründen der Teil­nehmer und beschränkten sich auf ein Itinerar, das die wichtigsten Macht- und Solidaritätsymbole der städti­schen Oberschicht, wie das Rathaus, die Kirche und die Gesellschaftshäuser der patrizischen Verbände umfaßte. Mit den Prozessionen, an denen die gesamte Stadtbevölkerung beteiligt war, wurde sowohl die Einheit der städtischen Gesellschaft als auch die Zuordnung der Mitbewohner im städtischen Gefüge öffentlich gekennzeichnet. Die Teilnahme beschränkte sich, neben den städtischen Eliten, meist auf die Angehörigen einer Handwerksgesellschaft oder einer Bruderschaft. Die Repräsentation der gesamten Gesell­schaft wurde ebenfalls im Itinerar der Prozession zum Ausdruck gebracht, da man die Stadt umrundete oder jedenfalls alle wichtigen Orte aufsuchte. Prozessionen hatten nicht nur für die verschiedenen Gruppen eine identitätsbildende Funktion. Umzüge, die zur Erinnerung an Krisen oder wichtige politische Ereignisse veranlaßt wurden, so wie in Köln, dienten zur Verstärkung der innerstädtischen Solidarität, die sich auf Grund gemeinsam erlebter einschneidender Erfahrungen gebildet hatte.

Der Vortrag von Hanno Brand (Paris) "Mémoire individualisée et conscience communautaire. Souvenir, charité et représentation au sein des élites de Leiden à la fin du Moyen-Âge" war der Memoriakultur innerhalb der Oberschicht dieser holländischen Stadt gewidmet. Kennzeichnend für die etwa 2000 Memo­riastiftungen, die zwischen 1350 und 1500 in den Leidener kirchlichen und karitativen Institutionen gegrün­det wurden, war, daß während der Feier das Gedächtnis des Stifters und der Mitglieder seiner Kernfamilie im Mittelpunkt standen. Die Einschränkung der Memoria auf zwei Generationen fand sich in den zahlreichen Malereien und Abbildungen auf den Fensterscheiben, die die lokalen Kirchen und Familienkapellen zierten, wieder. Anhand des Beispiels des "Memoriastücks" der Familie 'Van der Does' wurde auf die vielfältigen Deutungsschichten des Kunstwerks hingewiesen. Derartige Gemälde dienten nicht nur zur Vergegen­wärtigung der Toten, sondern hatten auch eine soziale und politische Dimension, die Charakteristiken der gesamten städtischen Oberschicht hervorrief. Außer den lokalen Kirchen spielten auch die Stiftungen in den Klöstern eine wichtige Rolle in der Selbstdarstellung der Leidener Eliten. Anhand des Beispiels des Klosters Marienpoel, das 1428 vom herzoglichen Schatzmeister der Grafschaft Holland, Boudijn van Zwieten, gegründet wurde, konnte gezeigt werden, daß derartige Stiftungen sich dank der Gaben und Stiftungen zahl­reicher Individuen zum 'lieu de mémoire' der führenden Geschlechter Leidens und einiger Mitglieder des niederen Adels Hollands entwickelten. Die privaten Stiftungen der städtischen Hospize und sogenannten "Höfe", wo arme alte Männer und Frauen Unterkunft fanden, waren nicht nur Ausdruck der Wohltätigkeit der städtischen Elite. Derartige Gründungen spiegelten auch das Bedürfnis nach sozialer Kontrolle, nach Betonung der erreichten Machtpositionen und Selbstdarstellung für die nachkommenden Generationen.

Die letzte Sitzung des ersten Tages war der Memoriakultur der Pariser Universität und den Bruderschaften der südniederländischen Städte gewidmet. In ihrem Vortrag "la mémoire des morts à l'université de Paris au XIIIe siècle" wies Natahalie Gorochov (Paris) darauf hin, daß die Erinnerung an die verstorbenen Studenten und Professoren im Rahmen der Universität eine untergeordnete Rolle spielte. Zwar wurden 1221 die Dominikaner im "Quartier Latin" mit der Seelsorge für die Verstorbenen beauftragt und wurden ab 1231 Ordnungen verhängt, die es den Studenten ermöglichten, innerhalb der eigenen Nation der Toten zu geden­ken, es führte jedoch nicht dazu, daß an der Sorbonne eine Institutionalisierung der Memoriakultur stattfand. Das Obituarium der Universität, das bis zum Jahre 1300 zurückgreift, wurde weder systematisch geführt, noch umfaßt es alle Namen der verstorbenen Studenten und Professoren. Für ihre Stiftungen waren die Akademiker der Sorbonne gezwungen, sich an die religiösen und karitativen Institutionen der Stadt zu wen­den. Es deutet darauf hin, daß um 1300 die Universität noch nicht in der städtischen Gesellschaft, wo es bereits lange eine Memoriakultur gab, verankert war. Trotz des Fehlens von ausgewachsenen Strukturen an der Sorbonne, war es seit dem 13. Jht. Brauch, die Toten, deren Werke für die Universität von besonderer Bedeutung waren, in Kondolenzbriefen zu gedenken. Auch enthalten Briefe und Werke der Pariser Akade­miker manchmal Epitaphe zum Gedächtnis der großen Gelehrten der Sorbonne. Dies verheimlicht die Schwäche der Memoriakultur an der Universität aber nicht, sondern weist vielmehr darauf hin, daß dieser vor allem die Elite der berühmten Gelehrten der Universität betraf.

In dem von Paul Trio (Courtrai) gehaltenen Vortrag "Les confréries comme expression de solidarité et de conscience urbaine aux Pays-Bas à la fin du Moyen Age" stand die Rolle der Zünfte und Bruderschaften bei der Entstehung der städtischen Solidarität in den südlichen Niederlanden im Mittelpunkt. Folgende Elemente haben die Entwicklung eines gemeinsamen Bewußtseins angeregt. Die Rekrutierung der Mitglieder beschränkte sich auf die gesamte städtische Gemeinschaft. Nur selten war die Mitgliedschaft von Individuen außerhalb der Stadt anerkannt. Auch wenn Bruderschaften bestimmte Schichten der Bevölkerung bevorzug­ten oder die Zugehörigkeit einer Pfarrei zur Bedingung der Mitgliedschaft erhoben, handelte es sich immer um Gruppen oder Kreise, die Teil des städtischen Rahmens ausmachten. Hinzu kam, daß oft die ganze städti­sche Oberschicht, inklusive Geistlicher und universitär Gebildeter, einer Bruderschaft angehörten und die Erstellung eines gemeinsamen Bewußtseins anstrebten. Als drittes Element muß auf die Namensgebung der Bruderschaften hingewiesen werden. Benennung nach dem Schutzheiligen der Stadt deutet darauf hin, daß die Bruderschaften die Symbolik der städtischen Einheit übernahmen und kultivierten. Viertens betonte Trio, daß die Bruderschaften Teil des städtischen Rahmens ausmachten und in dieser Hinsicht durch die Stadt finanziell getragen wurden, der Kontrolle der städtischen Regierung unterstellt waren und schließlich in Prozessionen und Umzügen an der öffentlichen Selbstdarstellung der Stadt und der Gemeinschaft der Einwohner teilnahmen. Schließlich spielten die Bruderschaften durch ihre sozialen und religiösen Aufgaben, die vor allem die Armen- und die Seelsorge für die verstorbenen Mitglieder betraf, bis zum 15. Jht. eine wichtige Rolle bei der Entstehung einer innerstädtischen Solidarität.

Der zweite Tag des Kolloquiums fing mit einem Vortrag von Adeline Rucquoi (Paris) an. Mit dem bemerkenswerten Titel "Les villes de Castille: de l'histoire à la généalogie" lenkte die Referentin die Aufmerksamkeit auf die bemerkenswerte Entwicklung der spanischen städtischen Historiographie, die relativ spät am Ende des Mittelalters entstand und erst im 16. und 17. Jht. ihren Höhepunkt erreichte. Dennoch nahm die Stadt bereits im Hohen Mittelalter eine vorrangige Stelle im gemeinsamen Bewußtsein der Spanier ein, die die Iberische Halbinsel als eine Zusammensetzung von rivalisierenden Städten auffaßten. In der "offiziellen Historiographie", die seit der Mitte des 13. Jht. auf Initiative der Fürsten entstand, wurde eine bewußte Vermischung von den Konzepten Stadt und Staat durchgeführt, wobei sich die von Philosophen und Juristen erfundene legendenhafte Entstehungsgeschichte der Städte, deren Gründung oft biblischen Figuren und mytholgischen Helden zu verdanken sei, in die von den Autoritäten veranlaßte Geschichtsschreibung integrierte und mit zahlreichen Beispielen der hervorragenden Rolle der Grenzstädte während der Recon­quista angereichert wurde. In die Periode des 14. bis zum 16. Jht. trat aber das Streben nach Nobilitas und den damit verknüpften Werten und Tugenden in den Vordergrund, eine Tendenz, die Äußerungen des städti­schen Bewußtseins einschneidend beeinflußte. Es führte zu Neufassungen der städtischen Historiographie, worin die Behauptung, daß die Stadt im übertragenen Sinne dem Adel ähnlich sei, zum Leitfaden wurde. Das Bild, die städtische Gemeinschaft wäre als eine aus dem Adel hervorgekommene Familie aufzufassen, wurde durch die weit in die Zeit zurückgreifende Entstehungsgeschichte der Stadt getragen. Im Hinblick darauf wurden die hervorragenden Taten der berühmten Söhne und Gründer der Communitas in den Mittelpunkt gestellt, welches es der Referentin ermöglichte, die damals verfaßten Chroniken als Genealogien der Städte zu kennzeichnen.

Ebenfalls dem Thema städtische Historiographie gewidmet war der Vortrag von Anne-Laure van Bruaene (Gent), die sich für den Titel "S'imaginer le passé et le présent. Conscience historique et identité urbaine en Flandre à la fin du Moyen Âge" entschieden hatte. Ihr Beitrag gliederte sich anhand einer Dreiteilung der städtischen Chronikkultur. Auf Grund von Beispielen, die vor allem die flämische Stadt Gent betrafen, wurde außer zwischen der offiziellen städtischen Geschichtsschreibung zwischen einer oppositionellen und einer individuellen Historiographie unterschieden. Zur ersten Kategorie muß das "Dagboek van Gent" gerechnet werden; ein Memorienbuch, das die Form von Annalen annahm und im Kreis der städtischen Regierung entstand. Die Genter "Dagboeken", worin neben den Namenslisten der Stadträte auch kürzere historiographische Notizen aufgenommen wurden, dienten zur Legitimierung der jeweiligen Regierung. Im Laufe des 16. Jht. entstand ein neuer Typus, der zum Zweck hatte, den Fürsten Karl V. von den hervorragen­den Qualitäten und der Loyalität der Räte zu überzeugen. Die zweite Kategorie, die der "Mémoire oppositio­nelle", entstand außerhalb des Kreises der Ratsmitglieder. Obwohl auch die offizielle Geschichtsschreibung die Spannungen zwischen der Stadtregierung und der Bevölkerung erwähnt, wurden die politischen und sozialen Spannungen in der Stadt in dieser Form der Historiographie viel stärker zum Ausdruck gebracht. Vor allem das Regime Jacobs van Artevelde wurde zu einem häufig wiederkehrenden Thema dieser Histo­riographen, die ihn sogar zum Volksheld erklärten, um sich um so effektiver gegen die traditionelle politi­sche Elite richten zu können. Die von Privatpersonen erfaßten Memorienbücher machen den dritten Typus aus. Im 15. Jht. fingen Privatpersonen damit an, die Listen der Ratsmitglieder abzuschreiben und mit Notizen bezüglich ihrer eigenen Erfahrungen zu kommentieren. Der Genter van der Stock veröffentlichte auf diese Weise eine ganze Reihe von Büchern, die einen Großteil des 15. Jahrhunderts umfaßten. Das Memorienbuch der Brügger Roland de Baenst, der sich in Gent niederließ und dort zum Ratsmitglied gewählt wurde, muß dagegen als eine persönliche Apologie aufgefaßt werden, die zur Legitimation seiner Position als Neuan­kömmling in der Stadt diente.

In seinem Beitrag zum Thema "Städtische Identität und politische Realität. Identitätsformen der spätmittel­alterlichen Staatsbildung in den Niederlanden" kritisierte Robert Stein (Leeuwarden) die Einseitigkeit der Quellengattung in den Chroniken der Deutschen Städte. Nicht nur werden ausschließlich edierte Texte aufgenommen, bemerkenswert ist auch, daß die dort aufgelisteten Chroniken ausschließlich das Deutsche Reich betreffen, wodurch der Eindruck vermittelt wird, daß jenseits der Grenzen des Reiches die mittelalter­liche städtische Historiographie eine unbedeutende Rolle spielte. Daß eine derartige Annäherungsweise irre­führend ist, zeigte der Referent anhand eines Überblicks der in den Städten der Niederlande verfaßten Chro­niken. Er stellte nicht nur fest, daß die Grenze zwischen Reich und Frankreich keine Gattungsgrenze dar­stellte, sondern zeigte auch, daß in den wichtigsten Städten Flanderns und Brabants ein beträchtlicher Korpus von Stadtchroniken entstand, von denen aber keine Edition vorliegt und die deshalb im CDS fehlen. Ein zweiter Vorwurf galt der Konzentration auf die Chroniken der Reichsstädte, welches dazu führt, daß die Beziehungen zwischen Stadt und Reich zu sehr in den Mittelpunkt gestellt werden. Dadurch entstehen nicht nur Probleme zur Definierung des Begriffes Stadtchronik und städtische Identität, auch andere Äußerungen der städtischen Geschichtsschreibung werden dadurch nur unzureichend in Betracht gezogen. Daß die Gattung der Stadtchroniken der Niederlande viel differenzierter war, als auf Grund der CDS behauptet werden kann, zeigte Stein anhand von Beispielen der holländischen und vor allem brabantischen Historio­graphie, die neben einer städtischen Identität auch ein "nationales" Bewußtsein proklamierte, das sich aber ausschließlich auf die eigenen Fürstentümer beschränkte.

Mit seinem Vortag "La mémoire disputée. Le souvenir de saint Ambroise, enjeu des luttes politiques à Milan au XVe siècle" nahm Patrick Boucheron (Paris) das bereits von Gervase Rosser behandelte Thema der kommunalen Schutzheiligen erneut auf. Anhand des Beispiels Mailand, wies der Referent auf die Multidi­mensionalität der Memoriakultur hin, die sowohl zur Vereinheitlichung als auch zur Spaltung der städtischen Gesellschaft führen konnte. Im Gegensatz zu Genua wurde die Verehrung des Heiligen Ambrosius durch die ganze städtische Bevölkerung getragen, diente aber gleichzeitig der politischen Propaganda der Fürsten des Stadtstaates. Trotzdem wurde in den unruhigen Jahren zwischen 1447-1450 der Bischof zum Schutzheiligen der revolutionären Bewegung proklamiert, die den Umsturz des Regimes der Visconti anstrebte. Das Gedächtnis des heiligen Bischofs wurde zum politischen Instrumentarium des neuen Regimes, das behaup­tete, die im Heiligenkult verkörperten alten Ideale der Stadt zu vertreten und sich bezeichnenderweise den Namen "Republica Ambrosica" anmaßte. Da aus dem Bischof ein Schutzheiliger einer revolutionären Bewe­gung gemacht wurde, die nur auf die Sympathie eines Teils der Bevölkerung rechnen konnte, wurde der anfänglich vereinheitlichende Kult zum Keil der städtischen Eintracht. Auch während des Regimes der Nachfolger der Visconti, das durch soziale Unruhe gekennzeichnet war, erfüllte das Gedächtnis des Heiligen Ambrosius die zweifache Rolle als Symbol der glorreichen Vergangenheit der Stadt einerseits und als Legitimierung der sozialen Anforderungen der Zünfte andererseits.

Die beiden Sitzungen am Samstagnachmittag waren deutschen Vorträgen gewidmet. Ein überraschender Blickwinkel wurde von Frank Rexroth (Bielefeld) gewählt. In seinem Vortrag "Die Topographie des Strafens und die Erinnerung der sozialen Ordnung. Die Londoner Gefängnisse im Spätmittelalter" unter­suchte der Referent, inwiefern die organisatorischen Änderungen in den städtischen Strafeinrichtungen einen Umbruch in der geltenden Normierung und der städtischen kollektiven Identität verursachten. Das Beispiel der Londoner Gefängnisse stellte sich als interessant heraus, da die Eröffnung eines zweiten Gefängnisses in den 1380er Jahren innerhalb der Londoner Gemeinschaft zu einer Differenzierung in den Ansichten über Kriminalität und Devianz führten. Dieses Gefängnis galt als bürgerliche Alternative zu dem alten New-Gate-Gefängnis, das gleichzeitig städtische und fürstliche Institution war, wo sowohl die kleinen Verbrecher der Stadt als auch die gefährlichsten Delinquenten aus dem gesamten Königreich ihre Strafen absaßen. Die Ein­richtung eines Gefängnisses bei dem Stadttor Ludgate, wo ausschließlich Inhaber des Londoner Bürgerrechts eingesperrt wurden, führte in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einer neuen Sichtweise auf Delinquenz. Im Gegensatz zu Newgate, war Ludgate Verhaftungsort für diejenigen, denen ein leichtes Vergehen angelastet wurde, wobei es meist um Devianz durch Verschuldung ging. Im gemeinsamen Bewußtsein der Londoner Bevölkerung war diese Trennung Anlaß, um Kapitalverbrecher von den "universitas civium" absondern zu wollen, und so wurde Newgate zum Symbol der Nichtzugehörigkeit der Londoner Gemeinschaft.

Der Kunsthistoriker Wolfgang Schmid (Trier)führte dem Publikum einen Vortrag zur "Memoria in der Kathedralstadt. Zu den Grablegen der Erzbischöfe von Trier, Köln, Mainz in späten Mittelalter" vor. Sich zeitlich konzentrierend auf das 14. bis frühe 16. Jht., eine Periode, worin die Grabdenkmäler, zumindest in Mainz und Trier nahezu einen seriellen Charakter entwickelten, zeigte der Referent anhand einer Reihe von Lichtbildern die verschiedenen Entwicklungphasen der Grabgedenkmalerei der drei erwähnten Kathedralen. Kennzeichnend für diese Monumente war, daß in den drei Städten nicht so sehr die persönliche oder dynasti­sche Memoria der Bischöfe im Vordergrund stand, sondern vielmehr die Erinnerung an deren Amtserfüllung lebendig gehalten wurde (Amtmemoria). Von den drei Städten zeigte Mainz die größte Kontinuität. Die sich vor Ort befindende lückenlose Reihe von prunkvollen, manchmal sogar mit Triumphbögen versehenen Grabdenkmäler, gab Ausdruck von der kontinuierlichen bischöflichen Herrschaft. Um die Bevölkerung von der vorrangigen Machtposition der Erzbischöfe zu überzeugen, wurde eine maximale Sichtbarkeit der Denkmäler angestrebt. Sowohl in Mainz als auch in Trier wurden viele Monumente an den Pfeilern ange­bracht und war der freie Zugang zu den reich ornamentierten Kapellen gesichert. Es muß als kennzeichnend für die Machtverhältnisse in den drei Städten aufgefaßt werden, daß die Memoriastiftungen der städtischen Eliten weniger monumental waren und sich meist auf Abbildungen auf Memoriastücken und auf den Glas­fenstern beschränkten. Nur in Köln trat eine gewisse Konkurrenz zur bischöflichen Herrschaft hervor, da dort auch Denkmäler von Kanonikern, Universitätsprofessoren und den wichtigsten Familien das Interieur der Kirche verzierten. Als um 1550 die Kölner Bischöfe die Stadtherrschaft aufgeben mußten, brach bezeichnenderweise auch die Reihe der Bischofsdenkmäler ab.

Mit seinem Vortrag "Erinnerungsfeste in der spätmittelalterlichen Stadt" knüpfte Klaus Graf (Freiburg) an die am vorherigen Tag von S. Dünnebeil behandelte Thematik an. Anhand von Beispielen aus vor allem deutschen Städten zeigte Graf, daß die Gedenktage von großer Bedeutung für die Einprägung einer gemein­samen Vergangenheit waren. Die jährlich wiederkehrenden Erinnerungsfeste müssen als eine rituelle Verge­genwärtigung der Vergangenheit der Stadt aufgefaßt werden, die der gesamten Bevölkerung vorgeführt wurde. Die Vielzahl an Erinnerungsfesten läßt sich nach drei Typen gliedern: 1. der Konfliktgedenken, das sowohl Schlachten und Belagerungen als auch Bürgeraufstände betraf; 2. das Katastrophengedenken, das Naturkatastrophen, Epidemien oder Stadtbrände kommemorierte und 3. das Stiftergedenken, das dem bedeutendsten Stifter und Wohltäter der städtischen Gemeinschaft galt. Die beiden letzten Typen waren aber kaum verbreitet. So beschränkte sich z.B. die in Soest begangene Philippsmemorie zu Ehren des Kölner Erzbischofs Philipp von Heinsberg auf ein Ratsessen. Die Erfurter Pestprozession ist eines der eher selten dokumentierten Katastrophengedenken, wozu auch die jährliche Kommemoration der Mainüberschwem­mung in Frankfurt oder der Straßburger Lukasprozession zum Gedenken an ein Erdbeben gerechnet werden müssen. Dagegen wurde jährlich in etwa 60 Städten im deutschsprachigen Raum die Erinnerung an Kon­flikte, Schlachten und Belagerungen ins Gedächtnis der städtischen Gemeinschaft gerufen. Die Verbreitung des Katastrophengedenkens läßt sich teilweise dadurch erklären, daß die Erinnerungsfeste durch die städti­schen Obrigkeiten inszeniert wurden. Sie galten als wichtige Intrumente zur Handhabung der sozialen Ord­nung und als Mittel zur Verstärkung des bürgerlichen Gemeinschaftssinnes. Die oft ursprünglich kirchlichen Feiern wurden aus diesem Grund seit dem späten Mittelalter laisiert. Ab dem 17. Jht. findet eine Ritualisie­rung der Erinnerungsfeste statt und werden diese mit weit in die Vergangenheit zurückliegenden Ereignissen verknüpft, mit der Absicht, den historischen Diskurs innerhalb der städtischen Gemeischaft zu intensivieren.

Der letzte Beitrag des Tages war der bildlichen Darstellung der städtischen Räte in der Periode vom 14. bis zum 17. Jht. gewidmet. Während seines Vortrages mit dem Titel "Ratsbilder" machte W. Poeck (Münster) das Publikum auf mehrere Formen der übrigens nicht sehr häufig vorkommenden Abbildungen sämtlicher städtischer Räte Deutschlands und Frankreichs aufmerksam. Eine erste Gruppe betraf das Memorialbild der Räte. Sowohl in Marburg als auch in Lübeck geht es dabei um realistische Abbildungen der Räte, wobei im ersten Fall die Porträts auch mit den Namen der abgebildeten Personen versehen wurden. Als zweite Gruppe können die idealisierten Abbildungen der Schöffen und Bürgermeister unterschieden werden, die nicht so sehr dem Gedenken an die Personen galten, sondern vor allem ihre Rolle als Stadtregierende und Richter betonten. Auf dem Hamburger Ratsbild, das um 1500 entstand, wurde aus diesem Grund das sogenannte "Rote Buch", das die Urteile der Räte enthält, abgebildet. Das Idealbild des Stadtrates findet sich auch in Toulouse wieder, wo gegenüber den 12 Räten die 12 Apostel abgebildet wurden, welches als Hinweis auf die ideale Stadt Jerusalem aufgefasst werden soll. Eine dritte Kategorie, die sich mit den beiden ersten oft über­schneidet, wird von den Abbildungen ausgemacht, die die genossenschaftliche Zusammensetzung des Stadt­rates betont. Beispiele dieser Auffassung findet man in Hamburg, Lyon, Riga und Nürnberg. Anhand von Beispielen aus Augsburg und Köln zeigte der Referent, daß erst seit dem Ende des Mittelalters die führende Position der Bürgermeister in der kommunalen Verwaltung auch im Bild zum Ausdruck gebracht wurde.

In seinem Schlußwort wies Werner Paravicini, der die Stelle des verhinderten Otto Gerhard Oexle vertrat, auf die zahlreichen Erscheinungsformen des Phänomens "Memoria" hin, bedauerte aber gleichzeitig das Fehlen einer umfassenden Defintion des Begriffes und einer klaren Abgrenzung des Themas. Er regte an, einen Vergleich mit der Rolle der Memoria in kirchlichen Kreisen und an fürstlichen Höfen zu ziehen und rief auf zu einer Forschung, worin die stabiliserende Rolle des Gedenkens in der städtischen Gesellschaft weiter untersucht würde. Doch demonstriere die Vielschichtigkeit der "Memoria" die Relevanz des erst unlängst betretenen Forschungsfeldes. Die Tagung habe der Forschung neue Wege gewiesen.

Die Beiträge werden in der Reihe der Beihefte der Francia erscheinen.

Hanno Brand


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