AHF-Information Nr. 57 vom 22.9.2000

Führungsdenken in europäischen und nordamerikanischen Streitkräften im 19. und 20. Jahrhundert

42. Internationale Tagung für Militärgeschichte, veranstaltet vom Miltärgeschichtlichen Forschungsamt vom 10. bis 14. Juli 2000 in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg

Es ist nicht das erste Mal, daß sich das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) im Rahmen seiner jährlichen internationalen Fachtagung mit Fragen des Führungsdenkens beschäftigt. Einzelne Facetten dieser vielschichtigen Thematik standen vor allem in den Achtziger Jahren mehrmals im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Diskurses. Neben Fragen zum Verhältnis von militärischer und politischer Führung ging es dabei unter anderem um den Aspekt der Menschenführung in der Ma­rine und im Heer, und schließlich um operatives Denken und Handeln in deutschen Streitkräften im 19. und 20. Jahrhundert (als Tagungsbände publiziert in den vom MGFA herausgegebenen „Vorträ­gen zur Militärgeschichte“).

Die leitende Fragestellung der diesjährigen Internationalen Tagung für Militärgeschichte griff über den oben skizzierten Rahmen hinaus, indem sie neben der europäischen auch die amerikanische Perspektive in den Blick nahm. Hier spiegelt sich, vielleicht noch mehr als in den vergangenen Jahren der Wunsch, eine Brücke zwischen historischer Erkenntnis und den Fragen und Anfor­derungen der politischen Gegenwart zu schlagen. Angesichts der jüngsten Entwicklungen im Krisenmanagement, neuen Wirkungsfeldern, wie dem Komplex „information warfare“, oder der Diskussion über zukünftige Wehrformen gewinnt die Frage nach den Grundsätzen militärischer Führung, ihren Denkmustern und Denkschulen, auch in der Öffentlichkeit zunehmend an Bedeu­tung.

Da moderne Krisenbewältigung in Zukunft nur noch auf der Basis enger multinationaler Zu­sammenarbeit möglich sein wird, ist das Wissen um die Besonderheiten der jeweiligen Füh­rungskonzeptionen von entscheidender Bedeutung. Gerade hier lassen sich zum Teil deutliche Differenzierungen zwischen den jeweiligen Streitkräften feststellen, Unterschiede, die in nicht un­erheblichem Maß von kulturellen und damit letztlich auch historischen Faktoren bestimmt werden.

Die Führungsakademie der Bundeswehr bildete als höchste Ausbildungseinrichtung der Streitkräfte mit ihrem internationalen Zuschnitt den idealen Rahmen für eine Tagung, die sich neben Fachhisto­rikern auch an militärisches Führungspersonal wendete. Der Amtschef des MGFA, Oberst i. G. Friedhelm Klein M. A., konnte unter den 100 Teilnehmern 25 Militärhistoriker aus Frankreich, Großbritannien, Israel, Kanada, Österreich, Rußland, der Schweiz den USA und Deutschland begrüßen.

In einem öffentlichen Vortrag zum Thema „Der ältere Moltke und militärisches Führungsdenken im 19. Jahrhundert“ verwies Prof. Dr. Manfred Görtemaker (Universität Potsdam) auf die sichtbaren Unterschiede zwischen der militär-politisch denkenden Führung Preußens in den Be­freiungskriegen und einem militär-pragmatischen Kurs in den Kriegen, die letztlich zur Reichs­gründung führten.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Wendt (Universität Hamburg) diskutierte die erste Sektion über „Vorstellungen vom Krieg in Abhängigkeit von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politi­schen Entwicklungen“.

Oberstleutnant i. G. Dr. Erich Vad (Auswärtiges Amt, Berlin) zeigte in seinem Beitrag „Militäri­sche Macht als Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik“, daß der von Clausewitz analysierte innere Zusammenhang von Politik, Diplomatie und militärischer Macht unter den geänderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen mehr denn je zu den tragenden Säulen modernen Krisenmanagments gehört.

Mit Blick auf den Vorabend des Ersten Weltkriegs beleuchtete Dr. Dieter Storz (Bayerisches Armeemuseum, Ingolstadt) die Auswirkungen der wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen auf die Vorstellung von einem zukünftigen Krieg. Dabei konnte er einen Widerspruch zwischen (rationaler) technischer Entwicklung und (irrationaler) Entschlossenheit zum Angriff feststellen. Folgt man dieser These, dann würden sich die furchtbaren Verluste des I. Weltkriegs nicht nur aus den mörderischen Materialschlachten, sondern auch aus dem „Willenskult“ einer kompromißlosen Angriffsideologie erklären.

Der Militärhistoriker Kurt Arlt (MGFA, Potsdam) verwies auf „Die Klassiker der sozialistischen Militärtheorie zum Führungsdenken“ und verglich sie mit der sozialistischen Gesellschaftslehre und –praxis.

In vergleichender Methode nahm der Historiker und Publizist Dr. Jörg Friedrich (Hamburg) am Beispiel des Zweiten Weltkriegs bezug auf mögliche Ursachen und Folgen einer „Ideologisierung und Barbarisierung der Kriegführung“. Danach könnte man in den Verrohungen des Zweiten Weltkrieges einen Reflex auf die Kriegserfahrungen des Ersten Weltkrieges erkennen. Der Krieg, so Friedrich, konnte nicht mehr durch Führungskunst entschieden werden, sondern nur noch durch das Bündeln sämtlicher wirtschaftlicher, personeller und ideologischer Ressourcen. Um diese Kraftquellen des Gegners zu zerstören, mußte der „rechtliche Schirm über der Zivilbevölkerung durchbrochen werden“.

Wie sehr das Kriegsbild von wechselnden politischen Vorgaben abhängt, zeigten die beiden Vor­träge von Dr. Gary L. Guertner (Dean of Academics, George C. Marshall European Center for security studies, Garmisch-Partenkirchen) über „Die nukleare Bedrohung: Politik der Abschreckung und Militärstrategie“ und Sebastian Cox (Head of Air Historical and Publication Clearance Branch, Großbritannien), der am Beispiel des Falklandkriegs (1982) „Die neue Herausforderung der low intensity conflicts“ veranschaulichte.

Generalmajor Walter Jertz, einer der NATO-Sprecher während des Kosovokriegs und zur Zeit Kommandeur der 1. Luftwaffendivision in Karlsruhe, betonte in seinem Vortrag „Information warfare: Medienarbeit als ein Mittel der Führung am Beispiel des Kosovokonflikts“, daß die Zusammenarbeit mit den Medien heute ein integraler Bestandteil militärischer Planung und Füh­rung ist.

Einen weiteren Schwerpunkt der Tagung bildete das Thema „Militärische Führung in Abhängigkeit von wechselnden Kriegsbildern“. Die Sektion stand unter der Leitung von Prof. Dr. Martin van Creveld (Hebrew University, Jerusalem).

Hauptmann Stephan Leistenschneider (Führungsakademie der Bundeswehr, Hamburg) erläuterte „Die Entwicklung der Auftragstaktik im deutschen Heer und ihre Bedeutung für das deutsche Füh­rungsdenken“. Der Begriff „Auftragstaktik“, der das Prinzip größtmöglicher Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Flexibilität auf dem Gefechtsfeld umfaßt, läßt sich seit Beginn der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts in preußischen Führungsvorschriften nachweisen. Anhand einer instruk­tiven ideen- und begriffsgeschichtlichen Ableitung konnte Leistenschneider nachweisen, daß die Auftragstaktik im preußischen Heer anfangs sehr umstritten war und sich als Führungsidee erst mit der Zeit durchsetzte.

Ein ganz anderes Führungsprinzip stellte der russische Oberst Michail Ljoschin (Institut für Militärgeschichte, Moskau) mit seinem Beitrag „Führungsdenken im russisch-sowjetrussischen Militärwesen – Genesis, Ansprüche, Grenzen“ vor. Ausgerichtet nach den Vorgaben der marxi­stisch-leninistischen Ideologie forderte die sowjetische Militärdoktrin bereits in der provisorischen Felddienstvorschrift von 1936 die Planung raumgreifender Angriffsoperationen – eine Dogmatik, deren Spuren sich im russischen Sicherheitsdenken bis in die jüngste Vergangenheit nachweisen lassen.

Mit Blick auf die Zeit zwischen den Weltkriegen untersuchte Lieutnant-colonel Frédéric Guelton (Service historique de l’armée de Terre, Château de Vincennes) „Die mechanisierte Kriegsführung im Ersten und Zweiten Weltkrieg und ihre Auswirkungen auf das französische Führungsdenken“. Guelton betonte, daß sich nur vor dem Hintergrund der traumatisch ver-innerlichten Erfahrungen des Stellungskriegs der scheinbar unlogische Spagat zwischen halbherzig betriebener Mechanisie­rung und dem statischen Denken der Maginot-Linie erkläre.

In Hinblick auf unterschiedliche Kriegserfahrungen und Bedrohungsvorstellungen verglich der Militärhistoriker Dr. Horst Boog (Freiburg i. Br.) in seinem Vortrag „Der strategische Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg und sein Einfluß auf das angelsächsische Führungsdenken“ die unterschiedli­chen Führungsvorstellungen im strategischen Bombenkrieg der Alliierten im Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Während die Briten auf einen „unterschiedslosen“ Bombenkrieg gegen das Deutsche Reich setzten („area-bombing“), konzentrierten die Amerikaner ihre Kräfte auf die wirtschaftlichen Ressourcen und die Infrastruktur („target-bombing“). Ungeachtet der verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung und des ausbleibenden „Erfolges“ setzten die Alliierten ihre Angriffe bis in die letzten Kriegstage unvermindert fort.

Weitere Vorträge zeigten, daß der militärische Erfolg entscheidend von der Effektivität und Beweglichkeit der Führungsstrukturen abhängt. Prof. Dr. Marc Milner (University of New Brunswick, Kanada) verwies mit seinem Beitrag „Führungskonzeption im Seekrieg. Die U-Bootab­wehr der Alliierten im Nordatlantik von 1939-1945“ auf die Schwierigkeiten, eine multinationale Seekriegsführung zu koordinieren. Am Beispiel „Partisanenkrieg und Guerillakampf in Indochina als Führungsproblem“ erläuterte Dr. Pascal Le Pautremat (Centre d’Études d’Histoire de la Défense, Château Vincennes) die Probleme der französischen Truppen im Indochinakrieg 1946-1954. Le Pautremat machte neben einer völlig unzureichenden Lagebeurteilung und unqualifizier­tem Führungspersonal vor allem die unbeweglichen Führungsstrukturen für das Desaster der fran­zösischen Kolonialtruppen verantwortlich.

Lieutenant colonel (ret.) Dr. Kalev Sepp (Harvard University) warf in seinem Vortrag schließ­lich einen Blick auf „Die atomare Gefechtsführung und ihre Auswirkung auf das amerikanische Führungsdenken 1952-1958.“ Am Beispiel der „pentomic divisions“ stellte Sepp anschaulich dar, wie die US-Army in der heißen Phase des Kalten Krieges sehr nüchtern die Ausrüstung, Führung und den Einsatz von atomaren Gefechtsfeldwaffen auf der untersten taktischen Ebene plante.

In der dritten Sektion moderierte Hofrat Prof. Dr. Manfried Rauchensteiner (Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, Wien) zum Themenkomplex „Auswirkungen unterschiedlicher Menschenbilder auf die Führung“.

Prof. Dr. Eckhard Opitz (Universität der Bundeswehr, Hamburg) schlug einen weiten Bogen „Vom Söldner zum Wehrpflichtigen als Staatsbürger in Uniform. Der Wandel des Menschenbildes und dessen Bedeutung für die Führung“. Seine umfassende Betrachtung ließ an zahlreichen Stellen Brüche, zuweilen aber auch und Kontinuitäten des Führungsdenkens in Abhängigkeit zum Men­schenbild sichtbar werden – ein für das Traditionsverständnis deutscher Streitkräfte sensibler und daher stets aktueller Aspekt.

Colonel (ret.) Richard S.J. Cohen (George C. Marshall, European Center for security studies, Garmisch) verwies in seinem Beitrag „Berufsarmee als Phänomen der britischen Demokratie“ auf die historisch gewachsenen Besonderheiten britischen Sicherheitsdenkens. Maritimes Denken und globale Interessen forderten schnell verfügbare Einsatzkräfte, nach dem Muster: „first in, first out“. Diese Optionen, so Cohen, ließen sich am besten mit einer kleinen, höchst effektiven Berufsarmee realisieren.

Ein ganz anderes Bild zeichnete der Schweizer Militärhistoriker PD Dr. Hans Rudolf Fuhrer (Eidgenössisch-Technische-Hochschule, Zürich). In seinem Vortrag „Neutralität und Milizsystem. Grundlagen des Führungsdenkens der schweizerischen Streitkräfte“ verwies Fuhrer auf eine Vielzahl sich ergänzender Elemente, die in der Eidgenossenschaft zu einer „Führungskultur“ zusammenschmelzen. Dazu gehörten neben dem integrierenden Charakter des Milizsystems, dem ständigen und nicht immer spannungsfreien Wechselverhältnis von Politik, Privatwirtschaft und Armee, auch die Übernahme bestimmter, im Ausland bewährter Führungsstrukturen. Die Beson­derheit der „Vier Sprachkulturen“ schließlich bietet einen Reichtum an spezifischen Eigenschaften und Erfahrungen, der sich nicht zuletzt im militärischen Führungsdenken niederschlägt.

General de Brigade André Bach (Service historique de l‘ Armée de Terre) eröffnete schließlich die vierte Sektion „Führung auf dem Gefechtsfeld an ausgewählten Beispielen“. Eindrucksvoll wurde an zwei Beispielen demonstriert, wie unterschiedliche Führungssysteme die Planung und Durchführung von „joint and combined operations“ (‚teilstreitkraftgemeinsam‘ und multinational) beeinflussen können.

Prof. Dr. Nigel Hamilton (British Institute of Biography, London) verwies in seinem Vortrag „Zu Land, zu Wasser und in der Luft: ‚Joint and combined operations‘ am Beispiel der Invasion in der Normandie“ mit Blick auf Eisenhower und Montgomery auf die Bedeutung individueller Teamar­beit in multinationalen Kommandostrukturen.

Die Aktualität dieser Problematik unterstrich Dr. Edward J. Marolda (Naval Historical Center, Washigton) in seinem Vortrag „Zu Land, zu Wasser, in der Luft und in den Medien. ‚Joint and combined operations‘ am Beispiel des Unternehmens ‚Desert Storm‘“. Die allierten Operationen während des Golfkrieges zeigten, daß unterschiedliche Vorstellungen alleine darüber, welche Teil­streitkraft den Hauptschlag führen soll, ein Unternehmen schon während der Planungsphase zum Scheitern führen könne.

Ein Tagungsband mit allen Beiträgen wird zur Zeit vom MGFA vorbereitet.

Matthias Rogg

Kontakt:

Militärgeschichtliches Forschungsamt
Zeppelinstraße 127/128
14471 Potsdam
Tel.: 0331/ 9714 – 0
Fax: 0331/ 9714 - 507

Tagungsdurchführung und Organisation:

Kapitän z. See Dr. Jörg Duppler, App. 530
Oberstleutnant i. G. Dr. Gerhard P. Groß, App. 535
Pressestabsoffizier: Hauptmann Dr. Matthias Rogg, App. 566


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