AHF-Information Nr. 56 vom 22.9.2000
In Zusammenarbeit von Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde, Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas und dem Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Volker Leppin) fand in der Leucorea-Stiftung (Wittenberg) eine Tagung zur Geistes- und Kulturgeschichte des 16. Jahrhunderts in Siebenbürgen statt. Moderiert wurde die Tagung durch Volker Leppin (Universität Jena) und Ulrich A. Wien (Universität Koblenz-Landau).
Eingangs referierte Harm Klueting (Universität Köln) zu dem Thema: „Reformierte Konfessionalisierung in West und Osteuropa“. Er gab einen Überblick über die jüngste Konfessionalisierungsdebatte und zeigte die Problematik der Begrifflichkeit anhand der regional differierenden Entwicklungsgänge auf, um abschließend auf die Spezifik der siebenbürgischen „Gruppenkonfessionalisierung“ hinzuweisen.
Gedeon Borsa (Ungarisches Nationalarchiv Budapest) zeichnete anhand konkreter Beispiele „die Konfessionalisierung im Spiegel der Druckorte und Typographen“ nach, wobei er auch auf die orthodoxe Literatur siebenbürgisch-sächsischer Offizinen als Geschäftsgelegenheit verwies.
In ihrem Beitrag „politische Ursachen und Motive der Konfessionalisierung in Siebenbürgen“ untersuchte Krista Zach (Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, München) anhand des Rechtskompendiums „Approbatae constitutiones Regni Transylvaniae“ die Leitmotive der Konfessionsbildung anhand zeitgenössischer Quellentexte. Sie wies darauf hin, dass für die siebenbürgische Sonderentwicklung die geographische Peripherie, die politische Situation unter osmanischer Oberherrschaft, die Reziprozität von zeitweiliger Schwächung der politischen Spitze sowie der Stärkung des Ständepartikularismus, der Konfessionenpluralismus, das Fehlen der katholischen Hierarchie und nicht zuletzt die auf Grund fehlender Millet-Struktur gezeigte Religionsindifferenz des Sultans bestimmende Faktoren waren.
Manfred Schulze (Wuppertal) untersuchte unter dem Thema Kirchliche Hochschule „Spaltung der Kirchen – Eintracht der Fürsten“ die Neutralitäts- und Vermittlungsposition der deutschen Kurfürsten bezüglich der Reformarbeit des Basler Konzils, die politischen Gewinne aus der habsburgischen, mainzischen und brandenburgischen Oboedienzerklärung gegenüber dem Papst. Bewusst offengelassen wurden abschließende Fragen, ob es danach überhaupt noch den Willen und universale Grundlagen sowie Träger für Reformen gegeben habe.
Die Klausenburger Promovendin Edit Szegedi hatte ein Referat geschickt zur „Klausenburger Stadtreformation“. Sie distanzierte sich von ideologischer Vereinnahmung der reformatorischen Pioniergestalten Kaspar Helth und Franz Davidis. Die zweisprachige Stadt hatte seit der Union von 1468 ein paritätisch besetztes Stadtregiment. Erst nach 1556 wurde sie zu einem reformatorisch innovativen Zentrum Siebenbürgens unter Führung von Davidis, der sowohl erster lutherischer Superintendent der Ungarn als auch der Calvinisten sowie schließlich Protagonist der nonadorantistischen Unitarier wurde. Die differierenden theologischen Positionen bedeuteten eine Diversifikation reformatorischer Bewegung Siebenbürgens, aber nicht streng konfessionsbildende Richtungen, denn die vermittelnden Strömungen hätten noch am Ende des 16. Jahrhunderts größeres Gewicht gehabt. Allerdings habe die Stadtobrigkeit die konfessionelle Geschlossenheit der Stadt Klausenburg nach der Verkündung der Gewissensfreiheit durch den Landtag 1568 durchzusetzen verstanden.
Über die „Reformation in Oberungarn bei den Zipser Sachsen“ trug Miklos Czenthe (luth. Landeskirchenarchiv Budapest) ein Überblicksreferat vor. Er verwies auf die wichtigsten Quellen und die Ereignisgeschichte der Zipser Reformation: 1546 wurde die Zipser Bruderschaft evangelisch, doch wurde der Kathedralzins weiterhin an den katholischen Propst abgeliefert. Insgesamt war die deutsche Bürgerschaft der ungarischen Städte dem Luthertum zugeneigt und führte in der Zips die städtische Reformation durch, nachdem 1548 der Landtag den Lutheranern gegenüber eine Duldung ausgesprochen hatte. Auch gegen die habsburgische Gegenreformation konnte sie sich 1608 behaupten. Die Synode von Kirchdrauf 1614 konsolidierte die lutherische Kirche institutionell in den nordostungarischen Freistädten.
Ernst Hofhansl (Neunkirchen) skizzierte in einem Beitrag die Beziehungen des Wiener Humanismus’ zur Reformation in Siebenbürgen und verwies auf die „Wendung zur Verantwortung“, den Einsatz des reformatorischen geprägten Humanismus für die Pädagogik.
Über „Christian Schesäus als humanistischer Dichter“ legte Lore Poelchau (Heidelberg) eine dichte Analyse der neulateinischen religiösen Dichtung des Schülers von Valentin Wagner und Leonhard Stöckel vor. Der bei Melanchthon ausgebildete Theologe pflegte ein gepflegtes klassisches Latein, das der perspicuitas (Klarheit) verpflichtet war, und eine souveräne Beherrschung des obligatorischen Repertoires der Stilfiguren erkennen lässt. Dabei steht der didaktische Hauptaspekt seines Schaffens im Vordergrund.
Für die Sammlung und Edition von siebenbürgischen Gelehrtenbriefen ab dem 16. Jahrhundert plädierte Thomas Wilhelmi (Heidelberger Akademie der Wissenschaften) in seinem Referat. Dabei skizzierte er die Bedeutung und den gegenwärtigen Stand der Bearbeitung. Er verwies auf den methodischen und sachlichen Klärungsbedarf eines zu planenden Editionsprojektes, das ein lohnendes Ergebnis verspreche.
Mikhai Gherman (Staatsarchiv Klausenburg) zeigte in seinem Vortrag „Aspekte der rumänischen Kultur in Siebenbürgen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts“ auf, dass erst jüngst gefundene Handschriften auf eine durch die italienische Renaissance angeregte „byzantinische Renaissance“ hindeuten, die wohl in Beziehung zu der Nilus-Edition durch Johannes Hontarus gesetzt werden könnten. Dabei sei festzustellen, dass das höchste orthodoxe Kulturniveau in Siebenbürgen dieser Zeit im Verbreitungsgebiet der griechischsprachigen Texte erreicht wurde.
Über die frühe Periode des in Kronstadt geborenen „Valentin Bakfark, siebenbürgischer Musiker im europäischen Horizont“ referierte in einem sehr klaren und differenzierten Vortrag Peter Király (Kaiserslautern). Trotz etwa einhundert Quellen zu seinem Gesamtleben gebe es nur spärliche Informationen zu des Lautinisten Ausbildungszeit. Seine Virtuosität und innovative Kompositionsweise, (insbesondere der unmittelbaren Aufnahme von Solo-Ricercari außerhalb Italiens) weise auf die – auch sonst belegte – Anstellung fremder Musiker im besetzten Ungarn sowie am Hof zu Weißenburg hin, die auch die vermutliche Ausbildung Bakfarks durch den gelehrten Musiker Mariano nahe legen.
Der Hartensteiner Kantor Erhard Franke führte mit einem materialreichen und substantiellen Referat in die Thematik „Kirchliches und schulisches Musizieren der Siebenbürger Sachsen im 16. Jahrhundert“ ein.
Das auf breiter Quellenbasis gearbeitete Referat korrigierte in Teilen bisherige Forschungsergebnisse und zeigte u.a. die Differenz des liturgischen Gebrauchs unterschiedlicher Gesangbuchausgaben auf.
„Reflexionen über den Kulturaustausch mit dem Südosten in den deutschen Flugschriften des 16. Jahrhunderts“ stellte Andras Balogh (Universität Budapest) vor. Im Zusammenhang von Reformation und „Türkengefahr“ habe die Bedrohung durch das Osmanische Reich – vorwiegend in Süddeutschland – zum Nachdenken über die eigene – vernachlässigte – christliche Moral führen wollen: Deswegen hatte den Türken das Hauptaugenmerk gegolten. Durch den Kulturaustausch, dessen Träger vornehmlich Studenten und Prediger gewesen seien, habe sich eine Verschiebung der virtuellen Grenze ergeben.
Die Konfessionspolitik von Mihail Viteazul zugunsten der siebenbürgischen ostkirchlichen Orthodoxie stellte Radu Mârza in einem luziden Vortrag vor. In einer ersten Phase 1593-99 hätten unter der Jurisdiktion der muntenischen Metropolie Târgoviste kleine Privilegien erreicht werden können. In einer zweiten Phase 1599-1601 habe sich eine - unter Einsatz radikaler Maßnahmen angestrebte - Modifikation des Systems der vier rezipierten Konfessionen ergeben, womit sowohl eine Verbesserung des sozialen Status’ des orthodoxen Klerus wie eine Eindämmung des rumänisch-calvinistischen Bistums einhergegangen sei, weswegen die ostkirchliche Orthodoxie gestärkt aus den Auseinandersetzungen hervorgegangen sei, obwohl sie ihr General-Ziel der vollen Anerkennung verfehlt habe.
Durch den Beitrag von Mikhály Balázs (Universität Szeged) zum Thema „Gab es eine unitarische Konfessionalisierung im Siebenbürgen des 16. Jahrhunderts?“ werden die bisherigen Forschungsergebnisse zur siebenbürgischen unitarischen Bewegung weitgehend überholt und mit völlig neuen, auf vielfältigen Handschriftenquellen basierenden Erkenntnissen konfrontiert. Insbesondere gab es ab den 1580er Jahren sehr bedeutende non-adorantistische Literatur unter anderem auch eine Fülle handschriftlicher antitrinitarischer Katechismen unterschiedlicher Nuancierung. Die Vielfarbigkeit – im Unterschied zur sehr vereinheitlichten polnischen Katechismusliteratur - habe aber stark zur Isolation der siebenbürgischen - Unitarier beigetragen.
„Das Osmanische Reich und Siebenbürgen im Reformationszeitalter“ stellte Ernst Petritsch (Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien) in seinem Beitrag vor. Die Christen als Bekenner einer Buchreligion waren durch Kopfsteuerabgabe geschützt und frei, doch gab es Einschränkungen in der Religionsfreiheit (z.B. Zwangssimultaneen aufgrund osmanischer Restriktionen, z.B. in Ofen). Auch war in Siebenbürgen keine eigenständige Außenpolitik möglich, eine Einmischung des Sultans in Fürstenwahlen sowie die Bestätigung der Gewählten war eine Prärogative Istanbuls. Die Tributleistung von 10.000 Dukaten p.a. von „Erdel“ an die Hohe Pforte wurde bei Regierungsantritt Stefan Báthoris sogar auf 15.000 Dukaten erhöht, später jedoch wieder ermäßigt. Unfreiwillige Konversionen von Christen zum Islam waren quantitativ sehr gering.
In der Abschlussdiskussion, der vier Teildiskussionen vorangegangen waren, wurde nochmals die Skepsis bekräftigt, ob der Begriff der „Konfessionalisierung“ sowohl im Deutschen Reich als auch in den unterschiedlichen Regionen West– wie Ostmitteleuropas wirklich tragfähig sei.
Ulrich Wien
Die Tagungsergebnisse werden voraussichtlich im kommenden Jahr publiziert unter dem Titel „Konfessionsbildung und Konfessionskultur in Siebenbürgen im 16. Jh.“, herausgegeben von Volker Leppin und Ulrich A. Wien. Informationen sind bei beiden erhältlich.
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2000. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |