AHF-Information Nr. 55 vom 21.9.2000
Tagung des Instituts für
ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte in Neisse
vom 31. Juli bis 4. August 2000
Im Jahr 1000 wurde das Bistum Breslau als Suffraganbistum des Erzbistums Gnesen von Kaiser Otto III. gegründet. In Würdigung dieses Jubiläums stellte das Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte (Sitz Regensburg) seine diesjährige Arbeitstagung unter das Thema "Tausend Jahre Bistum Breslau - Kirchen und Gesellschaft in Schlesien von der Revolution 1848 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs". In Vorbereitung darauf hatte 1999 bereits eine Tagung "Tausend Jahre Bistum Breslau - Das Zeitalter der Konfessionali-sierung" in Schmochtitz stattgefunden.
Der 1. Vorsitzende des Instituts, Msgr. Dr. Paul Mai (Regensburg), erinnerte bei der Begrüßung im Bildungszentrum Neisse/Nysa (Oberschlesien) daran, daß das Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte 1958 durch den letzten deutschen Direktor des Diözesanarchivs, -museums und der Dombibliothek Breslau, Prälat Dr. Kurt Engelbert (1886-1967), und seinen Bruder Msgr. Josef Engelbert (1891-1961) gegründet worden sei. Aus diesen Anfängen heraus habe sich das Institut stets auch schwerpunktmäßig - wenn auch nicht ausschließlich - der Kirchengeschichte des Bistums Breslau gewidmet. Der Einladung zur Tagung in Neisse waren 56 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland und dem Nachbarland Polen gefolgt. Der Institutsvorsitzende bezeichnete es als erfreulich, daß neben einem Stamm älterer Teilnehmer - darunter zwei gebürtigen Neissern - auch eine größere Anzahl jüngerer Leute präsent waren: Neben Kardinal-Bertram-Stipendiatinnen und -Stipendiaten auch Studentinnen und Studenten beider Länder.
Für die Auftaktveranstaltung konnte Weihbischof Prof. Dr. Jan Kopiec (Oppeln/Opole) gewonnen werden. Er referierte über Neisse als 'Vorort' des deutschen Katholizismus in Schlesien und die Bedeutung des heutigen Neisse im Bistum Oppeln. Neisse, seit dem 12. Jahrhundert im Besitz der Bischöfe von Breslau, hatte sich ab dem 14. Jahrhundert zum Hauptort des "Neisser Bistumslandes", des weltlichen Territoriums der Breslauer Bischöfe entwickelt. Während der Reformationszeit zogen sich einige Bischöfe von Breslau nach Neisse zurück und wurden hier in der gotischen St. Jakobus-Kirche begraben. 1575 bis 1656 beherbergte Neisse das Priesterseminar für Breslau. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde Neisse die Wiege der Kongregation der "Grauen Schwestern" von der hl. Elisabeth und der Quickborn-Bewegung mit ihren Gründervätern Hermann Hofmann, Bernhard Strehler und Klemens Neumann.
Die Konzeption der Tagung und ihre Moderation lag in den Händen von Prof. Dr. Joachim Köhler (Tübingen). Er verwies in seiner Einführung darauf, daß der Themenkomplex Kirche und Gesellschaft in Schlesien für das 19. Jahrhundert noch nie explizit behandelt worden sei. Dieses Forschungsdesiderat müsse in einem neuen Bewußtsein, dem Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils mit ausgeprägt ökumenischem Ansatz angegangen werden. Ein Schlüssel des Zugangs zum 19. Jahrhundert liege im Begriff des "Milieu-katholizismus", wie er in den historischen und sozialgeschichtlichen Untersuchungen von Franz Xaver Kaufmann und Karl Gabriel beschrieben worden sei. Als Pendent sei dem-gegenüber das "aggiornamento", die Öffnung auf die moderne Welt hin, des Zweiten Vaticanum zu sehen.
Über Das caritative und soziale Engagement der Laien in den Vinzenzkonferenzen des 19. Jahrhunderts referierte Dorote Schreiber-Kurpiers (Oppeln/Opole). Im Anschluß an die Gründung der ersten "Vinzenzkonferenz" 1833 in Paris entstand - so Schreiber-Kurpiers - in Breslau ein erster Vinzenzverein im November 1848. Orientiert am Beispiel des hl. Vinzenz von Paul (1581-1660), versuchten die Vinzenzvereine die krasse Armut breiter Bevölkerungsschichten aus dem Motiv christlicher Nächstenliebe zu lindern. In Schlesien leisteten mehr als 200 der von 1848 bis 1900 gegründeten Vinzenzvereine einen spürbaren Beitrag zur brennenden sozialen Frage der Industriegesellschaft, integriert in das kirchliche Pfarrsystem, jedoch mit Handlungsspielraum für tätige Laien, insbesondere auch Frauen.
Den Ausbau synodaler und vereinsmäßiger Strukturen in der evangelischen Kirche zwischen 1848 und 1918 beleuchtete Dr. Christian-Erdmann Schott (Mainz). Erste Ansätze einer Kreis- und Provinzialsynodenbildung mit rein theologischer Besetzung 1819 und 1844 seien - so Schott - durch die Impulse der Revolution von 1848/49 ab den 1860er Jahren durch wachsende Laienbeteiligung weiterentwickelt worden. Im Vereinswesen, wie dem 1831 gegründeten Missionsverein oder der Herrnhuter Brüdergemeine, habe die Verselbständigung der Laien bereits vorher konkrete Betätigungsfelder gefunden.
Die Folgen des 'Kulturkampfes' für die schlesische Kirche zeichnete Msgr. Dr. Paul Mai (Regensburg) nach. Am einschneidendsten sei die Kulturkampfgesetzgebung Bismarcks für die Seelsorge gewesen: Nach Schließung des Breslauer Alumnats 1876 sei die Zahl der offenen Seelsorgstellen von 64 (1876) auf 229 (1884) gestiegen. Rund eine halbe Million Gläubige, d.h. ein Viertel der Gläubigen des Bistums Breslau, sei ohne Priester geblieben. Im Bistum Regensburg seien damals 18 Breslauer Priester und Kapläne angestellt worden. Indirekt hätte also das Bistum Regensburg, das in dieser Zeit unter extremem Priestermangel litt, vom preußischen Kulturkampf profitiert.
Dem Themenkomplex "Kunst und Kirchenbau" als Ausdrucksformen der zeittypischen Geisteshaltung (Stichworte Historismus, Restauration, Neugotik, Neuromanik, konfessionelle Konkurrenz) sowie als Antwort auf die sozialen Veränderungen (Bevölkerungsexplosion, Industrialisierung) behandelten drei Vorträge: Prof. Dr. Józef Pater (Breslau/Wroclaw) unter-suchte den Zusammenhang von Seelsorge und Kirchenbau unter den Bischöfen Georg Kopp (1887-1914) und Adolf Bertram (1914-1945), Dr. Agnieska Zablocka-Kos (Breslau/Wroclaw) schilderte den Katholischen und protestantischen Kirchenbau in Schlesien im 19. Jahrhundert als Abbild der konfessionellen Konfrontation, Dr. Max Tauch (Neuss) legte die Auseinandersetzungen mit Fragen der christlichen Kunst auf dem Katholikentag in Breslau 1909 dar. Laut Tauch zeigte dieser Breslauer Katholikentag eine bemerkenswerte Aufgeschlossenheit für moderne Kunst mit der Forderung, diese für breite Schichten zu erschließen.
Eine Schlüsselfigur des schlesischen politischen Katholizismus führte Dr. Helmut Neubach (Zornheim) vor: Franz Graf Ballestrem (1834-1910) als Drahtzieher schlesischer Kirchen-politik. Ballestrem war - so Neubach - nicht nur die Eroberung der oberschlesischen Reichs-tagswahlkreise für das Zentrum von zunächst einem (1871) auf schließlich alle Sitze (1889) zu verdanken. Hinter den Kulissen versuchte er in geheimer Mission 1881 und 1886 in Rom Einfluß auf die Bischofsernennungen für Breslau zu nehmen, indem er gegen die Kandidaturen des Prinzen Gustav von Hohenlohe und Georg Kopps opponierte. Ungeachtet dessen setzte er sich nach der Ernennung Kopps auf Wunsch des deutschen Kaisers 1891 für die Erhebung Kopps zum Kardinal ein.
Die Orden und Kongregationen als Erneuerungselemente der Kirche im 19. Jahrhundert mit konkreten Antworten auf die Nöte der Zeit umrissen zwei Vorträge: Prof. Dr. Antoni Kielbasa SDS (Trebnitz/Trzebnica) zeichnete die Restauration der Orden unter Bischof Melchior von Diepenbrock (1845-1853) nach. Er berücksichtigte in seinem Spektrum die Franziskaner des hl. Petrus von Alkantara, die Barmherzigen Brüder, die Kongregation der Krankenschwestern vom Regulierten Dritten Orden des hl. Franziskus, die Vinzentinerinnen, die Armen Schulschwestern und die Jesuiten mit ihren Volksmissionen. Prof. Dr. Józef Swastek (Breslau/Wroclaw) lieferte ein Lebensbild von Robert Spiske (1821-1886), Gründer der Kongregation der St. Hedwigsschwestern. Die 1859 in Breslau gegründete Kongregation der Hedwigsschwestern nahm sich verwaister und sich selbst überlassener Kinder an und widmete sich der ambulanten und stationären Krankenpflege.
Politische und pastorale Motive bei der Gründung des Priesterseminars in Weidenau arbeitete Dr. Josef Stanzel (Bergisch-Gladbach) heraus: Die Existenz eines österreichischen Anteils des Bistums Breslau (seit 1742) mit besonderen pastoralen und nationalen Eigentümlichkeiten habe Georg Kardinal Kopp bewogen, 1899 ein eigenes Priesterseminar mit Philosophisch-theologischer Lehranstalt einzurichten. Auf den bisher weitgehend unbeachteten Aspekt der vielfältigen Wechselbeziehungen des schlesischen Dichters Joseph von Eichendorff (1788-1857) zum Diözesanklerus des Bistums Breslau wies Dr. Ernst Krzywon (Neubiberg) hin: Der vom Klerus ausgehende Einfluß auf Eichendorffs schriftstellerisches Werk und umgekehrt der Einfluß Eichendorffs auf die Geistlichkeit sei ein noch unerforschter Baustein in Eichendorffs Leben. Die Möglichkeit zum Besuch des Eichendorff-Grabes auf dem Jerusalemer Friedhof in Neisse und ein Ganztagesausflug nach Oppeln und zum Wallfahrtsort Annaberg rundeten die Tagung ab. Tagungsleiter Köhler wertete es als einen Erfolg in der Arbeit des Instituts, daß diese Tagung international, interdisziplinär und interkonfessionell gestaltet werden konnte: Die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus Deutschland und Polen und die Einbeziehung konfessionsverschiedener Referenten bedeute eine Grenzüberschreitung in mehrfachem Sinne und einen Gewinn für die Forschung. Die Tagung vor Ort, auf dem Gebiet des ehemaligen Bistums Breslau, mit teilweiser Inaugenscheinnahme der bei der Tagung angesprochenen Objekte - etwa des Mutterhauses der Grauen Schwestern in Neisse - erwies sich als besonderes Erlebnis für alle Teilnehmer.
Werner Chrobak
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2000. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |