AHF-Information Nr. 53 vom 18.9.2000
Über Kulturgeschichte wird in Deutschland seit einiger Zeit heftig diskutiert. Wie Peter Wende und Andreas Fahrmeir (beide DHI London) in ihrer Einleitung zu dieser Tagung, die das Deutsche Historische Institut London in Bad Homburg veranstaltete, ausführten, sollte hier bewußt keine weitere Theoriedebatte um die Meriten der Kulturgeschichte als methodisches Paradigma geführt werden. Es ging vielmehr darum, neuere empirische Forschungen aus dem Bereich der Kulturgeschichte unter dem Gesichtspunkt vorzustellen und zu diskutieren, welchen besonderen Beitrag sie zur inhaltlichen Entwicklung der Geschichtswissenschaft leisten, und welche Probleme sich in der empirischen Forschungspraxis ergeben.
In der jüngeren deutschen Debtatte ist Kulturgeschichte häufig als anglo-amerikanische „Erfindung“ behandelt worden, die durch die deutsche Geschichtswissenschaft rezipiert werden müsse, um einen jenseits von Kanal und Atlantik erzielten ‚Vorsprung’ aufzuholen. In seinem Einführungsvortrag „Why is Germany different? Notes on the Recent Discussion on Kulturgeschichte“ machte Eckhart Hellmuth (München) einige Probleme und Besonderheiten der deutschen Debatte um ‚Kulturgeschichte’ kenntlich. Wegen der großen Zahl der Veröffentlichungen und der zahlreichen unterschiedlichen theoretischen Entwürfe sei es schwierig, einen umfassenden Überblick über das Gebiet zu erreichen. Es sei aber deutlich, daß die deutsche Kulturgeschichte eher die Kulturgeschichte des Alltags, kaum den Bereich der Hochkultur in den Blick nehme, und daß die Diskussion sich durch eine „theoretical top-heavyness“ auszeichne. Dagegen folgten die erfogreichsten englischen und amerikanischen Kulturhistoriker wie Simon Schama und John Brewer (dessen Werk Hellmuth detailliert würdigte) stärker persönlichen Neigungen. Sie suchten auch weniger bemüht nach übergreifenden Strukturen, sondern praktizierten eine „descriptive history“, die dennoch in ihren Implikationen durchaus eine „critical history“ sei. Ferner sei Interdisziplinarität in der von sozialwissenschaftlichen Ansätzen Weber’scher Prägung dominierten deutschen Historiographie ein besonderes Problem, während im englischsprachigen Raum die auf eine ganze Reihe semantischer Systeme anwendbare Methodologie der Cambridge School das Überwinden von Fachgrenzen erleichtere.
Die erste Sektion beschäftigte sich mit „Cultural History and the Arts“. Im seinem „Music and the Representation of Monarchy“ überschriebenen Vortrag beschrieb T. C. W. Blanning (Sidney Sussex College, Cambridge) am Beispiel des sächsischen Hofs unter Kurfürst Friedrich August II. und des preußischen unter Friedrich II. unterschiedliche Formen der Instrumentalisierung der opera seria für die Zwecke des Absolutismus. Während der sächsische Hof durch eine ostentative Zurschaustellung künstlerischer Modernität in einem nur dem Hof zugänglichen und von den Regeln des Hofes bestimmten Theater seinen Anspruch auf einen besonderen Rang im Konzert der europäischen Mächte darzustellen und zu begründen suchte, integrierte Friedrich II. die Hofoper in die öffentlich zugängliche Architektur Berlins. Daran werde deutlich, daß auch der von Habermas beschriebene öffentliche Raum für die Zwecke des Absolutismus ausgenutzt werden konnte, und daß am Ende des 18. Jahrhundert neue Formen der „legitimation of power through cultural artifacts“ entwickelt wurden. An einer anderen Fallstudie – der Malerei der Epoche der französischen Revolution – diskutierte Mark Ledbury (Manchester) ebenfalls das Problem der Beziehung künstlerischer Entwicklungen und politischer Ereignisse: „Art History and Cultural History: A Revolutionary Model?“ Er hob zunächst hervor, daß es bei Historikern und Kunsthistorikern inzwischen üblich sei, eine enge Verzahnung beider Bereiche anzunehmen. An englischen Universitäten gebe es inzwischen regelmäßige Lehrveranstaltungen zu Kunst und Revolution. Der Vorteil dieser Entwicklung sei, daß Historiker genauer auf die formale Ausführung von Kunstwerken und Kunsthistoriker präziser auf den ereignisgeschichtlichen Hintergrund der Bilder eingingen. Faktisch habe diese Perspektive aber zu einer dramatischen Verengung des Spektrums der betrachteten Werke geführt. David habe eine seiner tatsächlichen Bedeutung kaum entsprechende Stellung erhalten, die Überprüfung der Echtheit der ihm zugeschriebenen sei völlig in den Hintergrund getreten. Ledbury deutete abschließend den Nutzen einer systematischen Untersuchung der Frage „how people made meanings“ auf der Grundlage der kunstkritischen Pamphletliteratur der Zeit an.
Die zweite Sektion war einer Reihe von Themen gewidmet, die der traditionellen Geschichtswissenschaft eher fern standen. Nils Freytag (München) zeigte an der Entwicklung der „Superstition in the Nineteenth Century“ Ambivalenzen des Modernisierungsprozesses auf. An der unterschiedlichen Wertung und Entwicklung verschiedener Arten von Aberglauben (religiösem Aberglauben, medizinischem Aberglauben) machte er deutlich, wie der polemisch aufgeladene Begriff benutzt wurde, um bestimmte religiöse und medizinische Praktiken zu diskreditieren. Die Auswahl zwischen legitimen und illegitimen Praktiken wurde aber, besonders im Bereich der Medizin, nicht ausschließlich auf der Grundlage rationaler Kriterien, sondern auch aufgrund von Perzeptionen von „Sittlichkeit“ und „Verläßlichkeit“ vorgenommen, die von den Patienten, die sowohl Laienheiler als auch wissenschaftlich ausgebildete Ärzte aufsuchten, nicht nachvollzogen werden konnten.
Martina Kessel (Bielefeld) skizzierte in ihrem Paper „Out of Control: Problems in Writing the History of Emotions“ die Schwierigkeiten, die sich bei der Bearbeitung eines so wichtigen, aber gleichzeitig so komplexen Gebiets ergeben. Die Ergebnisse der Psychologie erwiesen sich als prinzipiell kaum nutzbar, da dieses Fach seinem Gegenstandsbereich keine historische Dimension zugesteht. An ausgewählten biographischen Texten aus dem 19. Jahrhundert machte Kessel die diversen Widersprüche und Spannungen kenntlich, die bei einer ersten Bestandsaufnahme auftreten. Für bürgerliche Männer war einerseits Selbstbeherrschung ein wichtiger Wert, andererseits konnte dieses Gebot gelegentlich ausgesetzt werden, um entspannend wirkende cholerische Ausbrüche zu gestatten. In der Literatur wurde eine Kultur der „Authentizität“ befürwortet, die ungehemmten Gefühlsausdruck nicht nur erlaubte, sondern geradezu forderte, und die in deutlichem Gegensatz zu den üblichen Normen bürgerlichen Zusammenlebens stand.
Christoph Heyl (Frankfurt/Main) betonte in seinen Ausführungen über „Kulturgeschichte and English Studies“ die Bedeutung der Organisation des Fächerkanons für die Forschung. In der modernen Anglistik besitzen „cultural studies“, die unter anderem Kulturgeschichte umfassen, erhebliche Bedeutung. Heyl schilderte in einem Abriß der Geschichte der Anglistik an deutschen Universitäten, in welchem Maße das Fach vom bestehenden politischen Klima beinflußt wurde. Die Instrumentalisierung von „cultural studies“ für politische Zwecke führte nach dem zweiten Weltkrieg zu ihrer Diskreditierung, was zur Trennung von Literaturwissenschaft und einer Betrachtung nationaler Kulturen führte. Erst der Einfluß englischer und amerikanischer Entwicklungen seit den 1980er Jahren machte „cultural studies“ in der deutschen Anglistik wieder populär. Die Probleme dieser Entwicklung seien Bruchlinien innerhalb eines Faches: „cultural history“ und „cultural studies“ existieren nun nebeneinander; ferner eine „unilateral interdisciplinarity“ – während Literaturwissenschaftler häufig historische Themen bearbeiten, ist das umgekehrt kaum der Fall. Heyl warnte vor der Gefahr des „Amateurismus“ und plädierte dafür, die besondere Kompetenz der Literaturwissenschaftler, die Interpretation von Texten, verstärkt auf nicht-literarische Textgattungen anzuwenden, um Mentalitäten und Denkmuster zu rekonstruieren.
Der anschließende Vortrag von Jane Caplan (Bryn Mawr) wandte sich an einem konkreten Beispiel – der Beschreibung von Tätowierungen im Deutschland des 20. Jahrhunderts – einer anderen Nachbardisziplin der Kulturgeschichte zu, nämlich der Volkskunde. Anhand der Arbeiten von Adolf Spamer, der 1933/4 eine Untersuchung von Tätowierungen in deutschen Hafenstädten veröffentlichte, erläuterte Caplan die Unterschiede zwischen seinem Ansatz und dem Zugriff der modernen Kulturgeschichte. Spamer habe sich zwar von der in der Volkskunde seiner Zeit verbreiteten Romantisierung des Landlebens distanziert, aber sein psychologisch-anthropologisches Konzept des „Primitiven“ machte ihn für die Ideologie des Nationalsozialismus anfällig. Seinen Studien der Arbeiterschaft verdankte er schließlich seine Rehabilitierung in der DDR. Von einer reflektierten Untersuchung des Verhältnisses von „mass culture and transgression in a German disciplinary context“, die für die weit verbreitete, aber von der Wissenschaft kaum beachtete Praxis der Tätowierung weitgehend noch aussteht, sind seine Arbeiten demnach nur wegen ihres empirischen Inhalts, kaum wegen ihrer Methodik, von Bedeutung. Die Geschichte von Tätowierungen, die aus verschiedene Gründen – so dem zunehmenden Interesse an Körper und Körperlichkeit – Beachtung verdient, müsse sich anderer Inspirationen bedienen.
Die dritte Sektion der Tagung war der „Political Culture“ gewidmet.
Im ersten Vortrag, „The Age of Theatre, or How to Write a Cultural History of the European State System before the First World War?“ beschrieb Johannes Paulmann (München) am Beispiel von Staatsbesuchen die Bedeutung der kulturellen Dimension internationaler Beziehungen. Er betonte erstens die Bedeutung, die Diplomaten und Minister der Kontrolle der Deutung solcher Begegnungen zuwiesen: nur durch ein bis in alle Details ausgearbeitetes Programm konnte der Charakter des Besuchs und seine Funktion (Entspannung, Wettbewerb) eindeutig einem großen Publikum vermittelt werden. In einem zweiten Abschnitt erläuterte er die Implikationen der hohen Zahl von Staatsbesuchen vor allem im Zeitalter des Imperialismus als Form des internationalen „peripatetic rule“, der Gelegenheit zur Aufführung von „world dramas performed by real actors“ bot, die politische Entwicklungen für breite Bevölkerungsschichten entschlüsseln sollten. In einem dritten Abschnitt beschrieb er die Begleiterscheinungen der „international variety show“: eine Vielzahl von Publikationen, Pamphleten und Anzeigen, in denen Bilder von Monarchen und Monarchenbegegnungen in die Öffentlichkeit gerieten, und die eine starke Wechselwirkung von wirtschaftlichen Interessen – etwa von Metzgern, die Schinken mit den Portraits gekrönter Häupter anboten – und politischen Ambitionen der Monarchen selbst deutlich machten. Diese theatralische Form der Außenpolitik wurde durch den ersten Weltkrieg abrupt beendet.
Maiken Umbach (Manchester) widmete sich in ihrem „The Enlightenment and its Images“ überschriebenen Beitrag einer weiteren Form der symbolischen Darstellung politischer Bedeutung: dem Wörlitzer Landschaftsgarten. Nach allgemeinen Überlegungen über die Schwierigkeit der Entzifferung von künstlerischen Symbolen des 18. Jahrhunderts angesichts des andauernden Einflusses der Kunsttheorien des 19. Jahrhunderts zeigte sie an einzelnen Beispielen, wie Zeitgenossen und spätere Beobachter die intendierte Bedeutung des Gartenaufbaus nicht verstanden, und welche politischen Aussagen bestimmte Teile des Gartens nach den Vorstellungen seiner Planer vermitteln sollten. Sie hob hervor, daß die Ideen der „Aufklärung“ nie nur in Texten, sondern vor allem in kleineren deutschen Territorien durch künstlerische Formen (Literatur, Malerei, Gebäude, Gartenanlagen) vermittelt werden sollten. Bei diesen Werken handelte es sich oft um „Metatexte“, die ältere Stile benutzten und zugleich unterminierten. Dadurch wurde ihre Bedeutung „deliberately vague and inherently pluralist“.
Den Abschluß dieser Sektion bildete der Beitrag von Chandra Mukerji (San Diego), „The Modern State as Material Accomplishment: Territorial Culture and the Canal du Midi“. Sie näherte sich der Natur absolutistischer Staaten anhand von Bauwerken anderer Art an. Durch zentral geplante Großprojekte wie den Canal du Midi sollte der Herrschaftsanspruch des Monarchen sichtbar gemacht und zugleich verewigt werden: die bewußte Umgestaltung ganzer Landschaften machte die Zugehörigkeit zu einem Machtstaat konkret sichtbar. An solchen zentral geplanten Projekten wurde deutlich, wie stark die Zentralisierung im Laufe des Absolutismus voranschritt, aber auch wie viel weiter sie noch voranschreiten konnte. Bei der Planung des Kanals mußte erst die Vorstellung von mit den räumlichen Gegebenheiten offenbar nicht vertrauten Kartographen, es gelte, unterwegs eine Gebirgskette zu überwinden, widerlegt werden. Solche Projekte erforderten mithin eine Kombination der finanziellen Ressourcen des absolutistischen Staates mit „local knowledge“.
Die letzte Sektion trug den Titel „Culture and Society“. Im ersten Referat, „Waging a People’s War: Popular Culture and World War I“, zeigte Martin Baumeister (Berlin) die politischen Implikationen der kulturellen Repräsentation des Krieges am Beispiel von Filmen auf. Er diagnostizierte zwei Phasen der filmischen Darstellung des Krieges: patriotische Filme und Dokumentarfilme, die in den ersten Kriegsjahren dominierten, verloren bald an Popularität und machten zumindest halbfiktiven Filmen, die das Kriegsgeschehen in traditionelle narrative Muster einbetteten und Vorläufer der modernen Hollywood-Produktionen waren, platz. Entscheidend sei aber nicht das Auseinanderfallen von „Realität“ und „Fiktion“, sondern der Versuch, die Realität so darzustellen, daß in der Öffentlichkeit der größtmögliche Effekt erzielt wurde.
Andreas Fahrmeir (London) diskutierte das Problem von „Culture and Class – the Case of the Bürgertum“ am Beispiel der jährlichen Lord Mayor’s Show der Corporation of the City of London. An diesem seit dem Mittelalter praktizierten, betont bürgerlichen Ritual, beschrieb er zuerst die Wandlung der Selbstdarstellung der City Corporation im Verlauf des 19. Jahrhunderts und warf dann die Frage auf, ob diese Veranstaltung der symbolischen Beschwörung einer Gruppenidentität, die schon lange nicht mehr existierte, diente, oder die fortbestehende Einheit einer bürgerlichen Mittelschicht zum Ausdruck bringen sollte. Insgesamt zeigt sich an diesem Beispiel aber, daß solche Fragen ohne Rückgriff auf sozialgeschichtliche Angaben in diesem Fall nicht zu beantworten sind.
Den Abschluß dieser Sektion und zugleich der Tagung lieferte Patrick Bahners’ (Frankfurt/Main) Beitrag zu „Jan Assmann’s Theory of Cultural Memory and the History of Historiography“. Ausgehend von der Einleitung zu Rankes Weltgeschichte erläuterte er die Schwierigkeiten, die Ranke bei der Eingliederung von Epochen und Kulturen, die keine eigene Historiographie hinterlassen haben, in die Weltgeschichte hatte. Ihre Hinterlassenschaft rechnete er zwar zur Schatzkammer historischer Überlieferungen großer menschlicher Leistungen, sie ließen sich seiner Meinung nach aber nicht in eine narrative Weltgeschichte einordnen – dafür sei eine eigene historische Erzählung notwendig. Bahners zeigte, daß auch Jan Assmann dieses Problem letztlich nicht lösen würde, sondern daß dieser ebenfalls einen Unterschied zwischen den „Erinnerungskulturen“ der orientalischen Hochkulturen und der Antike postuliere.
Bei aller Divergenz der empirischen Fallstudien wurden im Rahmen dieser Tagung eine Reihe von zentralen Problemfeldern der Kulturgeschichte immer wieder – zum Teil kontrovers – diskutiert. Zwei Bereiche traten vor allem in den Vordergrund. Erstens die Deutbarkeit von Kust für historische Fragstellungen. So wurde erörtert, welcher Stellenwert z. B. der Musik bei der Betrachtung von Opern zukommt, und ob es legitim sei, diese ohne musikologische Spezialkenntnisse zu interpretieren. Daran schloß sich ein zweiter Komplex an: die ungewisse Grenze zwischen Interdisziplinarität und „Amateurhaftigkeit“. Einige Referenten gaben zu bedenken, daß für die Kulturgeschichte der Zukunft eventuell interdisziplinäre Studiengänge notwendig sein könnten, andere plädierten dafür, die Tätigkeit von „Amateuren“ nicht negativ zu sehen, sondern die Erweiterung der Perspektive durch neue Zugänge zu begrüßen.
Eine Veröffentlichung der Tagungsbeiträge wird erwogen.
Andreas Fahrmeir
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
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