AHF-Information Nr. 52 vom 14.9.2000

Die Präsenz des Nationalen

29. deutsch-polnische Schulbuchkonferenz
vom 14. bis 17. Juni 2000 in Kreisau

Vom 14.-17. Juni trafen sich auf dem ehemaligen Gut der Grafen von Moltke in Kreisau (Polen) Schulbuchexperten und Schulbuchinteressierte aus Polen und Deutschland. Konzeptionsproblem der Schulbücher in beiden Ländern wurden unter dem Leitmotiv „Die Präsenz des Nationalen“ im Kreis von Historikern, Politologen und Literaturwissenschaftlern diskutiert, während Geographen sich mit dem Thema „Polen und Deutschland in einer erweiterten EU“ befaßten. Am zweiten Tag wurden die beiden Gesprächsrunden im Plenum zusammengeführt. Deutlicher noch als in der Planung wurde den Beteiligten bewußt, wie eng die beiden Themen zusammenhängen – die am Horizont erscheinende neue politische und wirtschaftliche Realität mit all ihren Unwägbarkeiten, Verunsicherungen aber auch Chancen sowie ein Geschichtsbewußtsein, das den geistigen Aneig­nungsprozeß dieser neuen Realität - und damit die Ausgestaltung dieser selbst – nicht unwesentlich steuert.

Die Historiker blickten zunächst zurück. Lediglich vier von jenen 37 Wissenschaftlern, die im Jahre 1982 auf der XV. Konferenz die Nationalgeschichte als Problem der deutschen und polnischen Geschichtsschreibung untersucht hatten, waren noch dabei. Dies belegt das umfassende Revirement der Kommission. Damals hatten übrigens – so eine am Rande geäußerte Reminiszenz – die polni­schen Teilnehmer gebangt, ob der Zug sie noch rechtzeitig nach Hause brächte, um nicht mit dem nächtlichen Ausgehverbot des kommunistischen Kriegsrechts in Konflikt zu kommen. W. Mertineit und K.-E. Jeismann hatten es als „Leistung eigener Art“ bezeichnet, dass ein derart brisantes Thema in einem deutsch-polnischen Arbeitskreis überhaupt behandelbar war. Ihre Vermutung, dass das Problem beide Völker noch lange begleiten wird, erwies sich als zutreffend, auch wenn im Jahr 2000 eine spürbare Gelassenheit in dieser Angelegenheit anzutreffen ist. Neben den veränderten Rahmenbedingungen, die beide Völker in eine stabile nationale Ruhelage gleiten ließen, war es der Nationalismusdiskurs der letzten beiden Jahrzehnte, der scheinbare Gewißheiten aufbrach, nationa­len Standpunkten in der Wissenschaft die Legitimation entzog, Mythen zerstörte und die „Nation“ respektlos dekonstruierte. Beiläufige Aufgabe der Konferenz war es, eine Bestandsaufnahme zu leisten, inwieweit dieser international geführte Diskurs die Schulbücher in den beiden Ländern erreichte und veränderte.

Konkreter Ausgangs- und Bezugspunkt der Konferenz war die Jacobmeyersche These, wonach Polen eher als eine gesellschaftsgeleitete, Deutschland hingegen mehr als eine staatsgeleitete Nation anzusehen sei. Plausibilität erhält die These durch den nachweisbaren obrigkeitsstaatlichen Le­galitätsfetischismus innerhalb der deutschen Tradition und die Erfahrung gesellschaftlicher Selbstorganisation (etwa zu Solidarnosc-Zeiten) in der polnischen Geschichte. Gelänge es – so Jacobmeyer – die jeweiligen Leitmodelle der nationalgeschichtlichen Profilierung in ihrer Unter­schiedlichkeit herauszuarbeiten, wäre man an den genetischen Ort gegensätzlicher Sichtweisen und antagonistischer Darstellungen vorgedrungen und bräuchte sich mit ihnen nicht mehr bloß „auf der Oberfläche“ auseinanderzusetzen.

Schon das erste Referat dämpfte diese Ambition deutlich. M. Cichocki stellte in Abrede, dass der Begriff des Nationalen in Polen durch die Denktradition des 19. Jahrhunderts hegemonisch geprägt sei. Das Bild des auf politischen Mißerfolg programmierten Rebellen, dessen Handlungsweise fern von politischem Kalkül steht, repräsentiere nur eine Strömung in der nationalen Tradition, die alles andere als homogen ist. Mit gleichem Recht und gleichem Gewicht müsse man das Nationskonzept der Rzeczpospolita und den modernen Nationalismus der polnischen Nationaldemokraten (aber auch der Sozialisten) dem verinnerlichten Nationsbegriff der Romantik zur Seite stellen. Selbst im Gebaren der Solidarnosc sei das gemeinschaftsbezogene Motiv der „sich selbst organisierenden Gemeinschaft“ mehr Wunschbild als repräsentative Idee gewesen. Ihre Anleihen am republikani­schen Konzept, das weder dem Ethnos noch der Konfession verbunden war, seien bedeutsamer. Überhaupt sei das Nationskonzept der Rzeczpospolita durch eine Aufhebung der Exklusivität der Träger vom Adel auf das Volk gedanklich sehr einfach zum modernen Nationalstaat hin zu überfüh­ren. Diesbezüglich bedeutete der Nationalismus der Zwischenkriegszeit mit seiner Ausrichtung an der ideologisierten Moderne und seinen Antisemitismen partiell einen Rückschritt. Der Rekurs auf die in der Neuzeit liegenden Wurzeln machte auf die stets latend vorhandene Europäizität des nationalen Denkens in Polen aufmerksam und korrigierte die falsche Vorstellung, Polen gehöre zu den „verspäteten Nationen“.

J. Hantsche stellte in ihrem Ko-Referat zunächst die Bedeutung der französischen Revolution für die Herausbildung des deutschen nationalen Bewußtseins heraus. Dies bestätige, dass Fremd­herrschaft ein wesentlicher Auslöser nationaler Entwürfe zu sein scheint. Ihre Differenzierung zwischen „national“ und „nationalistisch“, wobei ersteres mit legitimen Interessen, letzteres mit übersteigerten nationalen Affekten auf Kosten anderer Völker in Verbindung gebracht wurde, stieß in der Diskussion auf deutlichen Widerspruch. Ein Rückgriff auf den aus dynastischen Zeiten stammenden Begriff des Patriotismus helfe nach Ansicht der Referentin wenig weiter, da er durch synonymen Gebrauch angesteckt sei. Lediglich die ethnische Komponente sei darin abgemildert. Die Referentin verfolgte die Wandlungen des Begriffs des „Nationalen“ in der Bundesrepublik und der DDR um am Ende die Frage nach dem „neuen deutschen Nationalismus“ zu stellen. Die Indi­zien, anhand derer man diesen markieren kann, sind als ephemer anzusehen.

Den von W. Jacobmeyer vorgegebenen Fokus übernahmen K. Ruchniewicz und U. Becher bei ihrer Analyse polnischer und deutscher Geschichts- und Sozialkundebücher: Inwiefern konkurrieren in diesen Staat und Gesellschaft als Leitmotive nationalgeschichtlicher Betrachtung?

R. Ruchniewicz konstatierte, dass an polnischen Schulen die nationalen Inhalte die Darstellung der allgemeinen Geschichte deutlich überragen. Letztere bietet lediglich den Hintergrund, vor dem die „eigene“ Geschichte klarer hervortritt. Der Primat politischer Geschichte führe dazu, dass dem Staat eine hervorstechende Rolle im Geschichtsbuch zuteil werde. Schon ein Blick auf die Kapi­telüberschriften bestätige dies. Alles, was den Staat stärkte, hat berechtigte Aussicht, von Schul­buchautoren als positiv bewertet zu werden. Gebietsverluste werden tendenziell als nationale Kata­strophen gekennzeichnet. In erzieherischer Absicht erwähnt ein Schulbuch, dass als Folge der Er­fahrungen mit fremdstaatlicher Macht während der Teilungen und der kommunistischen Herrschaft die positive Rolle des Staates in heutiger Zeit „zu wenig geschätzt wird“. Die „Gesellschaft“ kommt hauptsächlich dann ins Blickfeld, wenn der polnische Staat als Akteur ausfällt. Und dann ist fast ausschließlich von ihrem ethno-polnischen Teil die Rede. Diese Verengung erschwere das Ver­ständnis der Minderheitenprobleme bis in die heutige Zeit hinein beträchtlich.

U. Becher gründete ihre Analyse der aktuellen deutschen Geschichtsbücher exemplarisch auf das Unterrichtswerk „Wir machen Geschichte“ (Diesterweg, Frankfurt 1998). Nur 5 von 13 Kapiteln sind darin der Nationalgeschichte gewidmet. Angesichts des starken Gewichtes der Kultur und Lebenswelt fällt es schwer, den Staat in der dort vorfindbaren Konzeption als ein bestimmendes Element der Geschichtsrekonstruktion aufzufinden. Vordergründig – gar als Akteur – tritt er nicht in Erscheinung. Gebrochen im Prisma von individuellen Lebenserfahrungen oder von Gruppen­wahrnehmungen wird er zuweilen schemenhaft erkennbar. Die Referentin gab in einer grundsätz­lichen Erwägung zu bedenken, ob sich heutige deutsche Geschichts- und Sozialkundebücher nicht schon aufgrund ihrer didaktischen Struktur dem Ansinnen versperren, Leitmotive herauszudestilie­ren. Das dem nicht immer so war, machte die Referentin deutlich, indem sie zum Vergleich Bücher aus den 50er und 60er Jahren vorführte. Die dort noch in geschlossener epischer Form dargebotene Geschichtserzählung ließ den Staat, oft personifiziert in einer Person, als dominantes Leitmotiv erscheinen. Die mindestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts dominante historistische Tradition währte bis in die 60er/70er Jahre des 20. Jahrhunderts, als sie paradigmatisch von der Sozialge­schichte abgelöst wurde. Mit ihr löste die „Gesellschaft“ den „Staat“ in seiner leitmotivischen Funktion ab. Die Referentin skizzierte, wie die Geschichtsdidaktik diesen Wandel aufgriff und ver­arbeitete, wobei sie auch auf die Gefahren aufmerksam machte, die in einem strikt kultur- und lebensweltlichen Konzept liegen (verflachte Wahrnehmung von Unterschieden, Zerfasern der „har­ten Fakten“).

Der Befund, dass polnische und deutsche Schulbücher in ihrem Bezug zu Staat und Nation so kraß unterschiedlich sind und quasi die Jacobmeyersche These im Ergebnis „umdrehten“ , trat erneut auf, als man sich den Schulbüchern für Sprache und Literatur zuwandte. M. Graszewicz konnte sich bei seinem Vortrag auf die Ergebnisse eines Forscherteams der Universität Breslau und der FU Berlin stützen. Er konzedierte, dass dem polnischen literarischen Erbe, das in die Schulbücher einfließt, negative stereotype Vorstellungen gegenüber dem Deutschen zwangsläufig inhärent sind. Andererseits sei unverkennbar, daß sich der Literaturunterricht dem Impuls der Schulbuchkommis­sion und dem Paradigmenwechsel in den deutsch-polnischen Beziehungen nicht versperren will. Dieser Widerspruch fördere Erscheinungen, wie sie generell für das Streben nach „politischer Korrektheit“ typisch sind, nämlich Halbheiten, Verschweigetechniken, Vermeidungsstrategien. Problematische literarische Passagen werden oft unkommentiert belassen, da man offensichtlich eine Beurteilung scheut. Merkwürdigerweise sind es dann aber doch die prekären Kapitel deutsch-polnischen Gegeneinanders, die vornehmlich thematisiert werden: amtliche Schikanen im preußi­schen Teilungsgebiet, der Volkstumskampf, der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der Terror während der Okkupation. Die am häufigsten genannten deutschen historischen Persönlichkeiten sind nach der etwas schwer nachzuvollziehenden Zählung Graszewiczs Martin Luther, Karl Marx, Friedrich Engels, Otto von Bismarck, Hitler und Ribbentrop. Der Referent monierte die Ange­wohnheit, geschätzte Deutsche, die in Polen wirkten, nicht als solche zu bezeichnen, sondern nur zu vermerken, dass sie „aus Deutschland stammen“. In ähnlich dubioser Weise werde die deutsche Kultur und Literatur des 19. Jahrhunderts in den Schulbüchern zwar rezipiert, ihr Einfluß auf die polnische Kultur jedoch minimiert. Dadurch werde eine kulturelle Autarkie suggeriert, die nicht nur im Gegensatz zur historischen Realität stehe, sondern auch der Einordnung und Reflexion heute stattfindender Prozesse interkulturellen Beeinflussung den Weg verbaue.

H. Orlowski untersuchte, ob die Behandlung Polens in aktuellen deutschen Schulbüchern für Spra­che und Literatur Rückschlüsse auf nationalstaatliches Denken in Deutschland erlaubt. Der Referent lieferte dazu eine klare Antwort. Dies sei nicht der Fall. Weder stelle der deutsche Literaturunter­richt die eigene „nationale“ Literatur anderen Literaturen abwägend gegenüber, noch sei „Nation“ ein Themenkreis, der bei der Komposition von Lesebüchern bemüht werde. Demgegenüber ver­suche der Literaturunterricht in Polen, den Schülerinnen und Schülern einen der National- wie auch der Weltliteratur abgewonnenen Kanon zu vermitteln, der zudem nach linear-chronologischen Kri­terien geordnet ist. Die Nationalliteratur wird intentional und faktisch für die Legitimierung und Erhaltung nationaler Identität genutzt, die darin enthaltene „romantische“ Komponente nicht pro­blematisiert. Gewandelt habe sich nach 1989 das antifaschistische Selbstverständnis hin zu einem antitotalitären. Ein wesentliches Fazit des Referenten war, dass Polen und polnische Schriftsteller gemessen an anderen Nationen in deutschen Lesebüchern keinesfalls unterrepräsentiert sind. Die in ihnen vorherrschende Indifferenz gegenüber der Nationalität eines Autors ist lediglich beim Thema Holocaust, das ohne Rekurs auf Nationalität und Rasse nicht auskommt, aufgebrochen. Hintergrün­dig fließt dabei auf dem Weg über das Ostjudentum ein „polnischer Faktor“ mit ein.

Die Diskussion kreiste besonders um die Aufgabe des Kanonischen in deutschen Schulbüchern. Dem Diktum von H.-J. Pandel „wir leben in einem nachkanonischen Zeitalter“ wurde allerdings nicht nur von polnischer Seite widersprochen. Gegner des „Kanons“ wehrten sich gegen den Vorwurf der Entpolitisierung und Enthistorisierung. Dezidiert gefragt wurde nach der programmati­schen Festlegung des polnischen Erziehungssystems auf das Leitbild Patriotismus, nach der Nut­zung der „heilenden Wirkung“ von Literatur bei der Verarbeitung von Traumata, wie sie etwa das Thema der Vertreibung für Deutsche und Polen darstellt. Offenkundig wurde, dass man nach didaktischen Lösungen suchen muss, wie man eine „von negativen Deutschlandbildern getränkte Literatur“ (J. Holzer), deren völlige Preisgabe nicht zur Disposition stehen könne, unterrichtstaug­lich machen kann. Die vollkommene Eliminierung von Feindbildern, wie sie in deutschen Lese­büchern erfolge, wurde nur bedingt als Leitbild angesehen. Um einen reflektierten Umgang mit Negativstereotypen und deren literarischen Kolporteuren einzuüben, müssen sie doch immerhin namhaft gemacht werden – so ein Teilnehmer.

Robert Maier


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