AHF-Information Nr. 48 vom 28.8.2000
Der 60. Südwestdeutsche Archivtag begann am Freitag, den 2. Juni 2000, mit einer fachkundigen Stadtführung durch Stadtarchivar Roland Schurig, die er am Abend mit einem Diavortrag über die Geschichte der Stadt Aalen vom R bis zur Großen Kreisstadt abrundete. Die weit über den Kreis der Archivtagsteilnehmer hinausreichende zahlreiche Zuhörerschaft belegte, daß die Stadtgeschichte in Aalen einen festen Platz im städtischen Kulturangebot hat und die Arbeit des Stadtarchivs auf eine ausgesprochen positive Resonanz stößt.
Etwa 130 Teilnehmer besuchten vom 2. bis 4. Juni 2000 den Archivtag, der in der Stadthalle Aalen unter der Leitung des Tagungspräsidenten Bodo Uhl von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns stattfand. Die Referenten zogen eine Bilanz des Archivwesens im 20. Jahrhundert und entwickelten Perspektiven für das kommende. Durchgängig wurde die hohe Bedeutung der Kooperation der Archive untereinander und mit Dritten betont.
Unter dem Stichwort “Kulturverträglichkeitspolitik” skizzierte die Abgeordnete des Europäischen Parlaments Karin Junker im einleitenden Vortrag die europäische Kulturpolitik im anbrechenden Informationszeitalter. Sie betonte die zunehmende Bedeutung auch der archivischen Dienstleistungen im Prozeß des kulturellen Zusammenwachsens Europas.
Wilfried Schöntag, Präsident der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, beschrieb die “Aufgaben der Staatsarchive in einer strukturierten Archivlandschaft”. Diese bestehe aus allen Archiven einer Region, welche die Probleme der Überlieferungsbildung in einer pluralen Gesellschaft arbeitsteilig lösen müssten. Während des 20. Jahrhunderts haben die Staatsarchive Aufgaben sukzessive an die neu entstehenden Archivtypen anderer Sparten abgegeben. Mit Rückblick auf die Diskussion um das archivarische Berufsbild – der Archivar zwischen archivischen Fachaufgaben und historischer Forschung – sprach Schöntag von der “Janusköpfigkeit” des Archivwesens, die sich aus dem Eingebundensein der Archive in die komplexen Strukturen von Gesellschaft, Politik, Verwaltung und Forschung ergebe. Er plädierte für eine funktionale Analyse der archivischen Arbeitsfelder innerhalb dieses Systems, da die Überlieferung des gesamten gesellschaftlichen Spektrums nicht allein durch die Staatsarchive, sondern nur in Zusammenarbeit sichergestellt werden könne. Dabei bestehe die Aufgabe der Staatsarchive darin, die Einrichtung eigener Archive nichtstaatlicher Stellen, Körperschaften und Verbände durch Beratung zu fördern sowie generell in Politik und Öffentlichkeit für archivische Belange zu werben. Hierzu könne beispielsweise die angestrebte Internet-Portallösung für alle baden-württembergischen Archive einen wichtigen Beitrag leisten. Die Archivverwaltung will darüber hinaus auch die partnerschaftliche Kooperation mit Museen und Bibliotheken suchen, damit Kulturgut künftig vernetzt für die Nutzung erschlossen werden könne.
Ernst Otto Bräunche, Leiter des Stadtarchivs Karlsruhe, referierte über “Gegenwart und Zukunft der Stadtarchive in der Verwaltungsreform”. Neben einer verstärkten Kundenorientierung verlange letztere auch von den Archiven eine betriebswirtschaftliche Orientierung, insbesondere durch Einführung der Kosten-/Leistungsrechnung, welche zunächst die Definition von Produkten erfordert. Seit 1995 wurde von verschiedenen in der “Produktbörse Baden-Württemberg” zusammengeschlossenen Städten und Gemeinden an einem kommunalen Produktplan gearbeitet, der auch die Stadtarchive als Teil der Kommunalverwaltung einbezog. Diese Arbeit wurde seit 1997 in der Arbeitsgemeinschaft “Produktkennzahlen” fortgesetzt; in einem weiteren Schritt wurden den einzelnen Leistungen Kennzahlen zugeordnet, mit dem Ziel, die Kosten der Produktbereitstellung vergleichbar zu machen. Im Archivbereich sei die Möglichkeit des Vergleichs allerdings nur eingeschränkt gegeben. So könnten beispielsweise geringere Verzeichnungskosten eines Archivs durch eine mindere Qualität erkauft worden sein. Grundsätzlich sieht Bräunche im Städtevergleich aber auch eine Chance, auf die personelle und materielle Unterbesetzung einzelner Archive hinzuweisen und diesen Mißständen abhelfen zu können. Dazu müssten die Archive sich allerdings in der Öffentlichkeit präsentieren und ihre Doppelfunktion als Dienstleister und Partner der Verwaltung sowie als zentrales städtisches historisches Forschungs- und Informationszentrum herausstellen. Auch Stadtarchive bedürften zur Lösung ihrer zukünftigen Aufgaben über die bestehende Kooperation z. B. in der Arbeitsgemeinschaft hauptamtlicher Archivare beim Städtetag Baden-Württemberg einer verstärkten Kooperation mit anderen Archiven.
Wolfgang Kramer, Leiter des Kreisarchivs Konstanz, blickte auf die nahezu flächendeckende Einführung von Kreisarchiven in Baden-Württemberg seit 1951 zurück. Diese folgten den traditionellen ehrenamtlichen Archivpflegern bei der Betreuung der Gemeindearchive nach. Die Übernahme von staatlichem Archivgut, d.h. von Akten der Landratsämter, wurde ihnen erst durch das Landesarchivgesetz von 1987 ermöglicht. Den dritten Schwerpunkt ihrer Tätigkeit bilden Öffentlichkeits- und historische Bildungsarbeit. Letztere wird als Dienstleistung von Kreis und Gemeinden gefordert und sollte nicht vernachlässigt werden. Die Kreisarchivare müssen sich jedoch zugleich mit den archivischen Herausforderungen der Zukunft, wie beispielsweise mit Problemen der Bestandserhaltung oder der Übernahme digitaler Daten, aber auch mit den allgemeinen Anforderungen der Verwaltungsreform auseinandersetzen. Kramer zog eine positive Bilanz der Entwicklung der Kreisarchive, forderte aber die Fortführung der Professionalisierung ihrer Arbeit und die verstärkte Kooperation mit anderen Archiven.
Helmut Baier, Leiter des Landeskirchlichen Archivs Nürnberg, beschrieb die Jahrhunderte währende Geschichte der Kirchenarchive beider Konfessionen und ihren bedeutenden Entwicklungsschub im 20. Jahrhundert. Die endgültige Trennung von Kirche und Staat nach 1918 machte im evangelischen Bereich die Gründung eigener Archive notwendig, da die Übernahme kirchlicher Unterlagen nun nicht mehr in die Zuständigkeit der Staatsarchive fiel. Eine professionelle Besetzung der Kirchenarchive erfolgte zumeist allerdings erst nach 1945, was in Verbindung mit einem schnellen Anwachsen der Bestände vielerorts zu mehr oder weniger großen Ordnungs- und Verzeichnungsrückständen führte. Weniger problematisch gestaltet sich hingegen die mittlerweile analog zu den Bestimmungen im staatlichen Bereich geregelte Benutzung. Eine Schwerpunktaufgabe der Kirchenarchive stellt nach wie vor die arbeitsintensive Archivpflege in den vielen Pfarrarchiven ihres Sprengels dar. Um die vielfältigen Aufgaben auch bei rückläufiger finanzieller Ausstattung auf gleichbleibend hohem archivfachlichen Standard erfüllen zu können, wird auch im kirchlichen Bereich die nationale und internationale überkonfessionelle Kooperation gesucht. Voraussetzung sei jedoch grundsätzlich, daß die Kirchenleitungen den Wert ihrer eigenen Überlieferung und damit der Arbeit ihrer Archive nicht zu gering achten.
Die reichhaltige Adelsarchivlandschaft im Süden Deutschlands machte Martin Dallmeier, Leiter des Fürst Thurn und Taxis Zentralarchivs in Regensburg, zum Thema seines Vortrages. Die größeren Adelsarchive werden oft hauptamtlich betreut, kleinere nebenamtlich, wenn sie nicht als Deposita oder durch Kauf in staatliche Archive gelangt sind. Vielfach ist der Erschließungszustand mangelhaft, nicht zuletzt weil die Adelsarchivare sich oft eher als auswertende Historiker denn als Archivare betätigt haben. Erst in den letzten vier Jahrzehnten konnten hier mit staatlicher Hilfe erhebliche Fortschritte erzielt werden. Finanzielle Engpässe erschweren jedoch die fachgerechte Unterbringung und die Restaurierung bereits geschädigter Stücke. Noch drängender ist das Problem der Zugänglichkeit. Trotz der hohen Bedeutung, die Adelsarchive oft für die regionale Geschichtsschreibung haben, fehlt es an zufriedenstellenden Nutzungsmöglichkeiten, deren Bereitstellung die privaten Eigentümer überlasten würde. Als Lösung schlug Dallmeier die Schaffung vernetzter Benutzungssysteme – wie beispielsweise die Einrichtung zentraler Lesesäle – mit staatlicher finanzieller Unterstützung vor. Auf diese Weise sei der Vernachlässigung der Privatarchive abzuhelfen.
Edgar Lersch, Leiter des Historischen Archivs des Südwestrundfunks in Stuttgart, wies auf die steigende Bedeutung der Rundfunküberlieferung für die zeithistorische Forschung hin. Die Bildung dieser Überlieferung sei jedoch nach wie vor durch erhebliche Defizite der archivwissenschaftlichen Diskussion in diesem Bereich, aber auch durch die mangelnde Rezeption archivischer Methoden durch die Rundfunkanstalten selbst erschwert. Rundfunkmaterial werde immer noch zumeist mit dokumentarischen Methoden behandelt, die dem laufenden Programmbetrieb, nicht aber der Endarchivierung dienten. Bewertung im archivischen Sinn finde kaum statt, ebensowenig eine Überlieferungsbildung, die audiovisuelles Material mit den zugehörigen Papierakten verknüpfe. Die seit etwa zehn Jahren laufende Kooperation zwischen Landesrundfunkanstalten und Archivverwaltung in Baden-Württemberg könne dazu beitragen, das “archivische Niemandsland” im Medienbereich zu überwinden.
Gert Kollmer-von Oheimb-Loup, Leiter des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg in Hohenheim, nahm die makro- und mikroökonomischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte mit ihren Auswirkungen auf die Wirtschaftsarchivlandschaft in den Blick. Faktoren wie Globalisierung, Konzentrationsprozesse, das Entstehen neuer Branchen bei gleichzeitigem Rückgang anderer, Firmenverkäufe und Konkurse beeinflussen sowohl die Entstehung von als auch den Umgang mit Archivgut. Kostendruck führt oft zu Einsparungen im Archivbereich. Vielfach hängt die Bereitschaft, in diesen zu investieren, vom Stellenwert der Tradition und der Identität im jeweiligen Unternehmen ab. Nur wenige große Firmen können sich hauptamtlich betreute Archive leisten. Die Ablieferung in das Wirtschaftsarchiv stellt hier eine kostengünstige Alternative dar. Auf diese Weise konnte sich Hohenheim zu einem zentralen Sammelpunkt für Firmenarchive entwickeln und zugleich mit Erfolg die Überlieferung der öffentlich-rechtlichen Wirtschaftsorganisationen sichern. Personal- und Finanzmittelknappheit begrenzen allerdings die Möglichkeiten des Wirtschaftsarchivs. Eine Herausforderung für die Zukunft ist daneben der Übergang zum papierlosen Büro, der in der Wirtschaft schneller als bei der öffentlichen Verwaltung erfolgen wird.
Dieter Speck, Leiter des Universitätsarchivs Freiburg, beschrieb die vielgestaltige süddeutsche Universitätsarchivlandschaft. Hinsichtlich ihrer Aufgabenstellung ähnelten Universitätsarchive – soweit sie mit professionellen Archivaren besetzt sind – den staatlichen Archiven. Allerdings sind mit ihrem Sprengel, der Universität, besondere Anforderungen verbunden, die unkonventionelles und flexibles Arbeiten erfordern. Da bei vielen Universitäten Aktenpläne unbekannt sind und sich in Professorennachlässen oft amtliches und privates Schriftgut mischt, stellen beispielsweise Aktenübernahme und Bewertung den Universitätsarchivar oft vor Probleme. Eine weitere Besonderheit ergibt sich im Bereich der Erschließung aufgrund des häufig personenorientierten Benutzerinteresses. Kundenorientierung bedeute daher auch bei der Verzeichnung von Sachakten eine vermehrte Berücksichtigung der in den Unterlagen erwähnten Personen. Angesichts des hohen geschichtlichen Wertes der universitären Überlieferung forderte Speck eine vermehrte – auch finanzielle – Unterstützung durch den Staat, nicht zuletzt in Form einer Kooperation mit der staatlichen Archivverwaltung.
In der abschließenden Diskussion zeigte sich nochmals die starke Bereitschaft der Archivare aller Sparten zur Kooperation, durch welche die Position der Archive in der kommenden Informationsgesellschaft gestärkt werden könne. Eine genaue Definition der Ziele und möglicher Formen der Kooperation – wie beispielsweise die Entwicklung gemeinsamer Standards – steht jedoch ebenso aus wie die Klärung der Frage, ob und inwieweit Partner außerhalb des Archivwesens einbezogen werden sollten.
Den Abschluss der Tagung bildete ein Empfang durch Oberbürgermeister Ulrich Pfeifle in historischer Umgebung im Limesmuseum sowie eine Exkursion am 4. Juni in das Besucherbergwerk Wasseralfingen und Schloß Fachsenfeld, wiederum unter der Leitung von Stadtarchivar Dr. Roland Schurig.
Birgit Hoffmann/Max Plassmann
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
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