AHF-Information Nr. 44 vom 22.8.2000
Emden, 1. bis 3. Juni 2000
Die Jahrestagung der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen wurde in der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden abgehalten. Die thematisch eng verzahnten Vorträge sorgten, inspiriert vom Ort, einer gotischen Kirche in der Seestadt Emden, für eine meditative, doch konzentrierte Atmosphäre. Nach dem Stadtrundgang, der mit den Sehenswürdigkeiten Emdens bekannt machte, eröffneten Grußworte der Stadt, der Stiftung Johannes a Lasco Bibliothek und des Vorsitzenden der Kommission die Tagung.
Im ersten Vortrag beschäftigte sich Otto S. Knottnerus (Zuidbroek/NL) unter dem Obertitel „Glücksjäger, Unternehmer und Exulanten“ mit „Frühmoderner Mobilität in der nordwestdeutschen Küstenregion“. Er begann mit dem Exodus der Täufer nach der Eroberung Münsters. In den Niederlanden und Ostfriesland erschienen die Täufer als Träger und Repräsentanten des Wandels. Das Täufertum wirkte als gesellschaftliches Ferment auch auf andere Sozialgruppen. Schon früher hatten Söldnertruppen, so die Große Garde, die deutsche Nordseeküste beunruhigt; jetzt fanden Kriegsunternehmer und Piraten, deren Aktionen sich gegen Spanien richteten, Aufnahme und Unterschlupf in Ostfriesland. Knottnerus zeichnete Parallelen zwischen den Täufern und den Piraten auf, die Schwierigkeit, hier wie dort in einer als verkehrt empfundenen Welt den rechten Weg zu finden. Im Gefolge der Militärs formierten sich die Deicharbeiter als eine dritte mo bile Gruppe. Auch an ihnen ließ sich zeigen, wie um 1600 die alte Weltordnung als überholt angesehen wurde, eine neue sich aber noch nicht ausgebildet hatte.
Während Knottnerus mehr die Veränderungen sozialer Strukturen in der Region betrachtete, untersuchte Bernd Kappelhoff (Hannover) den Mikrokosmos Emden. Sein Thema lautete „Emden als Seestadt in der Frühen Neuzeit“. Er machte deutlich, wie die Stadt, die zu Anfang des 16. Jahrhunderts über einen kaum hinreichenden Hafen und wenig Kapazitäten verfügte, um Waren zu lagern und umzuschlagen, auf das überschnelle Wachstum reagierte. Nachdem der Herzog von Alba die Statthalterschaft der Niederlande übernommen hatte, setzte dort eine Massenflucht ein, die die weltlichen wie geistlichen Obrigkeiten in Emden mit ungekannten Herausforderungen konfrontierte. Die Bevölkerung stieg während des 16. Jahrhunderts von 4.000 auf 15.000 Einwohner; die Grenzen der Stadt dehnten sich weit aus. Kappelhoff illustrierte Fremdenfeindlichkeit und Integrationsprobleme und die Versuche, die sehr heterogenen Gruppen calvinistisch zu disziplinieren.
Den ersten Tag beschloss ein Abendvortrag von Heinrich Schmidt (Oldenburg). Er sprach über „Konstanz und Wandel regionaler Identitäten an der südlichen Nordseeküste während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“. Er skizzierte die verschiedene Ansätze der Identitätsfindung zwischen Zuidersee und Eider, charakterisierte die spezifische Handelsmentalität, die sich im frühen Mittelalter unter den Friesen ausbildete, und beschrieb das Stammesbewusstsein, das sich auf die friesische Freiheit zu gründen begann, nachdem Friesland Bestandteil des römischen Reiches geworden war. Daneben entstand ein ostfriesisches bzw. jeverländisches Zusammengehörigkeitsgefühl als Produkt dynastischer Herrschaft. Auf das Reich bezogen trat mehr und mehr die Randlage ins Bewusstsein; auch die sich hieran knüpfenden Befindlichkeiten bezeichnete Schmidt als „vorläufig wie alle kollektiven Identitäten“.
Den Morgen des zweiten Tages nahm — wie üblich — die Mitgliederversammlung ein. Im Anschluss daran referierte Rolf Uphoff (Marburg) über „Die Deicharbeit des 17. und 18. Jahrhunderts als Form vorindustrieller Massenarbeit“. Ende des 16. Jahrhunderts entstanden an den Deichen regelrechte Großbaustellen. Die Deicharbeit veränderte sich; sie wurde rationalisiert und professionalisiert. Die Arbeiter hat der Territorialstaat z. T. zwangsrekrutiert, ein Vorgehen, das mehr und mehr als ineffektiv erkannt wurde, z. T. beschäftigte man Tagelöhner. Die organisierte Arbeiterschaft versuchte ihre Interessen durch Streiks durchzusetzen, die immer wieder zu Unruhen führten. Uphoff beschrieb Arbeit und Arbeitsbedingungen der „Deicher“, untersuchte ihre Herkunft und ordnete sie in den sozialen Kontext ein.
Die Deicharbeiter sollten Schutz vor der Naturgewalt des Wassers bieten, die, wenn sie die Deiche durchbrach, das Verderben mit sich brachte. Mit der mentalen Bewältigung einer solchen Katastrophe beschäftigte sich Manfred Jakubowski-Tiessen (Göttingen); sein Thema: „‘Harte Exempel göttlicher Strafe‘ — Kirche und Religion in Katastrophenzeiten am Beispiel der Weihnachtsflut von 1717“. Er schilderte die Auswirkungen, die die Flut auf die Kirchenorganisation hatte. Gemeinden mussten zusammen gelegt werden, um angesichts der Bevölkerungs- und Landverluste die Geistlichen unterhalten zu können. Die nutzten das ganze kirchliche Instrumentarium, um Hilfe zu leisten und die Hoffnung zu stärken: In Ostfriesland waren tägliche Betstunden angeordnet, und die Sonntagsgottesdienste erfuhren großen Zuspruch. Hinsichtlich der Deutung wahrte die Geistlichkeit ihr Monopol; konkurrierende Erklärungen lassen sich nicht nachweisen. Prediger aller theologischer Ausrichtungen begriffen die Flut als Strafe Gottes; sie vereinten sich mit den Gemeinden in der Fürbitte und behaupteten doch eine deutliche Distanz.
Den Schlusspunkt des Vortragsprogramms setzte Christine van den Heuvel (Hannover), die — im Kontrast zu den Zuständen, die ihre Vorredner dargestellt hatten — einen neuen Blick auf’s Meer eröffnete. „‘Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?‘ Zu den Anfängen des Nordseebades Norderney“ war ihr Beitrag überschrieben. Eine veränderte Landschaftswahrnehmung ließ das Meer seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr nur als bedrohlich, sondern als ganz unterschiedlich genutzte Projektionsfläche erscheinen. Mit der im Titel zitierten, von Lichtenberg gestellten Frage erfuhren die medizinischen Wirkungen des Seebades ein breiteres Interesse. In diesen Zusammenhang gehört die Gründung des Seebades Norderney. Die ostfriesische Landschaft unterstützte das Unternehmen, und der Auricher Arzt von Halem propagierte es. So entstand das spezifische Modell des ostfriesischen Inselurlaubs.
Die Teilnahme des zahlreichen Publikums — wie immer waren die Vorträge öffentlich — zeigte sich in regen Diskussionen. Der Veranschaulichung des Gehörten diente am nächsten Tag eine Exkusion ins Reider- und Groninger Land.
Die Vorträge werden in erweiterter Form im Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte 73, 2001 erscheinen.
Brage Bei der Wieden
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