AHF-Information Nr. 42 vom 21.8.2000

Schwabenkrieg – Schweizerkrieg 1499.
Ereignis und kollektive Identitäten

Tagung des Testprojekts "Ausbildung kollektiver Identitäten im Renaissance-Humanismus“
des Sonderforschungsbereichs 541
vom 12. bis 13. Mai 2000 an der Universität Freiburg

Zunächst gab Joachim Gehrke, der Sprecher des Sonderforschungsbereichs, einen kurzen Überblick über die Thematik des Gesamtprojektes, das von der zentralen Bedeutung kollektiver Identität für die innere Kohärenz von Gruppen ausgeht. Er betonte die Rolle der Alterität bei der Konstitution insbesondere von nationaler Identität, die häufig stark durch eine auf Feindbilder aufbauende Abgrenzung geprägt sei. Außerdem wies er noch eindrücklich auf die Einbettung des Nationalis­mus in andere Identitätsdiskurse, einen Untersuchungsschwerpunkt des Teilprojektes B 5, hin. Anschließend ging Dieter Mertens, der Teilprojektleiter, in seiner Einführung auf die neue Heran­gehensweise an den Schwaben- / Schweizerkrieg ein. Während in den früheren Gedenkjahren die Trennung vom Reich als wesentliches Ergebnis dieses Krieges im Vordergrund gestanden und der Krieg zur Stiftung staatlicher eidgenössischer Identität gedient hätte, werde neuerdings, insbeson­dere im letzten Gedenkjahr 1999, der Krieg mit seinen Rahmenbedingungen und den Mechanismen der Abgrenzung stärker in den Blick genommen. Bei der Tagung gelte es deshalb zu untersuchen, welche kollektive Identitäten in diesem Ereignis sichtbar würden, und zu beachten, inwieweit der Krieg Brüche innerhalb der beteiligten Gruppen provoziert habe.

Bernd Marquardt, St. Gallen, sah in seinem Vortrag „Verfassungsentwicklung und Identitätsbildung im Bereich von Bodensee und Alpenrhein zwischen 1400 und 1800“ den Schwaben- / Schweizer­krieg als ein Element einer längerfristigen, verfassungsgeschichtlichen Entwicklung. In betonter Absetzung von der Sichtweise der Historiker des 19. Jahrhunderts wies er nach, daß auch nach dem Krieg die entscheidenden Herrschaftsträger in der Ostschweiz, nämlich das Fürstbistum Chur, die Fürstabtei St. Gallen, die Stadt St. Gallen und die Landgrafschaft Thurgau, sich stark auf Kaiser und Reich bezogen, weil sie von diesen Institutionen ihre Privilegien und Hoheitsrechte ableiteten. Die gleichzeitig bestehenden Beziehungen zur Eidgenossenschaft hatten, so Marquardt, deshalb keinen Identitätskonflikt zur Folge, weil Eidgenossenschaft und Reich zwei unterschiedliche, miteinander vereinbare Identitätsebenen darstellten.

In seinem Vortrag über „Basel und der Schwabenkrieg“ behandelte Werner Meyer, Basel, die Neu­tralität der Stadt vor dem Hintergrund der europäischen Dimension dieses Krieges und im Zusam­menhang mit der instabilen, durch alte Konfliktherde geprägten Situation am Oberrhein. Insbeson­dere stellte er die Entscheidung für eine neutrale Position als zwangsläufig aus den inneren und äußeren Bedingungen resultierend dar. Dabei verwies er unter anderem auf die gespaltene Haltung der städtischen Bevölkerung, auf Basels Mitgliedschaft in der Niederen Vereinigung und auf die große Bedeutung des Basler Lebensmittelhandels mit den Eidgenossen.

Thomas A. Brady, Berkeley, sprach in seinem Vortrag „Turning Swiss: The Swiss Sonderweg in South German Eyes“ über das „Schweizer werden“ in dem zweifachen Sinne einer Nachahmung des Schweizer Modells bzw. eines Anschlusses an den Bund der Eidgenossen, wobei er seine bereits früher zu diesem Thema publizierten Aussagen modifizierte. Anhand einer Straßburger Familie, der Peter Schott d. Ä., Peter Schott d. J. und Jakob Sturm angehörten, und der mit dieser Familie eng verbundenen Geiler von Kaysersberg und Jakob Wimpfeling dokumentierte Brady unterschiedliche, aus den jeweiligen Rahmenbedingungen resultierende politische Einstellungen gegenüber den Schweizern in den Jahren 1475 bis 1525. Diesen Einstellungswandel machte er ins­besondere an dem unterschiedlichen Gebrauch der Begriffe „Reich“, „Nation“ und „Vaterland“ fest.

„Schwäbischer Bund und Schweizerkrieg“ hieß der Titel des von Horst Carl, Tübingen, gehaltenen Vortrags. Carl konzentrierte sich zunächst auf die Frage, ob es überhaupt eine ständeübergreifende kollektive Identität des Schwäbischen Bundes gegeben hat. Für die Zeit vor dem Schweizerkrieg bejahte er diese Frage, indem er das „Land Schwaben“ (Graf) als Träger und Bezugsrahmen dieses Bundes und die Eidgenossen als gemeinsames Feindbild nachwies. Anhand der weiteren inneren Entwicklung des Schwäbischen Bundes machte er dann aber deutlich, daß diese kollektive Identität den nach 1499 veränderten Rahmenbedingungen nicht standhielt, so daß der Bund sowohl seinen schwäbischen wie auch seinen ständeübergreifenden Charakter verlor. Außerdem wies Carl darauf hin, daß die Beteiligung des Schwäbischen Bundes am Krieg insgesamt gering war und die Bezeichnung dieses Krieges als Schwabenkrieg daher ungerechtfertigt erscheine.

Klaus Graf, Freiburg, ging in seinem Vortrag „Schwaben und Schweizer - regionale Identitäten im Konflikt“ von einem Vorfall an der Basler Universität 1501 aus und stellte damit den Konflikt in den Rahmen landsmannschaftlicher Kontroversen. In einer Gegenüberstellung des schwäbischen und schweizerischen Selbstverständnisses umriß Herr Graf unter den Aspekten Erosion und Revita­lisierung die Bedeutung Schwabens in nachstaufischer Zeit. Die Distanzierung der Schweizer und Schwaben wird als ein Prozess des Fremdwerdens im 15. Jahrhundert. begriffen. Der Spott der Schwaben über die Schweizer , wie im Begriff des „Kuhschweizers“, findet auf Schweizerischer Seite kaum ein Gegenstück. Der Schwabenkrieg verschärfte und vertiefte wesentlich die Entfrem­dung zwischen Schweizern und Schwaben.

Guy Marchal, Luzern, stellte in seinem Vortrag „Stigmatisierung und Stigmamanagement: Eidge­nössische Selbstrepräsentation um 1500“ den jahrhundertelangen Prozess, der Ausbildung kollekti­ver schweizer Identität und die Abgrenzung vom Reich diskursanalytisch dar. Dabei nahm Herr Marchal eine breitere eidgenössische Öffentlichkeit an, um dieses soziologische Konzept auf die mittelalterliche Eidgenossenschaft anwenden zu können. Im interaktionalen Prozess des Stigma­managements führt der Spott über das grobe Bauernvolk zum Selbstbild des frommen edlen Bauern. Der Vorwurf an die Schweizer, ihren Dominus naturalis ermordet zu haben, kulminiert um 1500 in der Gleichsetzung der Schweizer mit den Türken und ihrem Ausschluß aus der Christenheit. Die Schweizer setzen dagegen den Vorwurf der vom Adel verletzten Ständeordnung und ihr Selbstbild als auserwähltes Volk Gottes, das durch seine Schlachtensiege bestätigt wird. An dem Konflikt in Basel um das Beten mit zertanen Armen, nach dem Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft, demon­strierte Marchal die Bedeutungsebenen der Auseinandersetzung und ihre Verwendung im Konflikt zwischen Wimpfeling und den Baslern.

„Landsknechte und Reisläufer im Kontext kollektiver Identitäten“ bildeten den Untersuchungsge­genstand von Matthias Rogg, Potsdam. Anhand einer Vielzahl von zeitgenössischen Darstellungen von Reisläufern und Landsknechten konnte er eindrucksvoll belegen, daß diese sowohl auf eidge­nössischer als auch auf habsburgisch-deutscher Seite wichtige Identifikationsfiguren darstellten und besonders wichtig für das „staatliche“ Selbstverständnis waren.

In dem Vortrag über „Die Bilder vom Schwabenkrieg 1499“ verwies Dieter Mertens, Freiburg, zu­nächst auf die Ende des 15. Jahrhunderts zunehmende Produktion von Bildern und ihre Funktionali­sierung im Dienst der Herrschaftsrepräsentation. Die anschließend gezeigten Holzschnitte, Kupfer­stiche und gemalten Bilder, die teilweise abhängig voneinander waren, wurden entsprechend ihrer Entstehung eingeordnet und auf ihre Tendenz hin untersucht. Dabei konnte Mertens die unter­schiedliche Darstellung von Ehre und Schande detailliert aufzeigen. Während die eidgenössischen Schlachtenbilder die Schweizer überall siegreich zeigen, zeigt ein Holzschnitt aus dem Weißkunig Maximilians eine für die Habsburger erfolgreiche Schlacht. Im Vergleich mit diesen Bildern gelang ihm eine schlüssige Interpretation der sogenannten Bodenseekarte des Meisters P.W., die im Vor­dergrund (nördlich des Rheins) eine friedliche fürstlich-adelige Sphäre und im Hintergrund (südlich des Rheins) die kriegerische Welt der Eidgenossen darstellt. Diesen bedeutenden Kupferstich deu­tete Mertens als hochadlige Demonstration fürstlichen Daseins und Anspruchs, und er wies ihn dem Umkreis Maximilians zu.

Frieder Schanze, Tübingen, stellte in seinem Vortrag „Lied- und Reimpublizistik im Schwaben­krieg.“ die Überlieferung der Reimpublizistik zum Schwabenkrieg dar. Auf Grund der Nähe der Reimpublizistik zum Druck im Gegensatz zum Lied sind fast alle Reimpaargedichte als Einblatt­drucke veröffentlicht und überliefert. Am Anfang des Konfliktes stehen die Schwaben als Wortfüh­rer da, die Schweizer reagieren. Dieses Verhältnis kippt nach der Schlacht bei Schwaderloh und die Schweizer übernehmen die Rolle des Wortführers.

Antje Niederberger, Freiburg, sprach in ihrem Vortrag „Sebastian Brant und der Schwabenkrieg“ über das Verhältnis Sebastian Brants zur Eidgenossenschaft. An den Anfang stellte sie die Biogra­phie Brants und die beruflichen und politischen Gründe für den Umzug Brants von Basel nach Straßburg. Frau Niederberger sah die politische Einstellung Brants als ursächlich für seine Haltung zur Eidgenossenschaft an. Brant sah Maximilian als Friedenskaiser, der das Reich im Abwehrkampf gegen die Türken einte und sich selbst als poeata vates. Der Krieg mit der Eidgenossenschaft störte sein politisches Konzept, da unitas et pax die Voraussetzung für die Abwehr der Türken waren.

Markus Müller, Freiburg, stellte in seinem Vortrag „1386 - 1499: Adlige Erinnerung und Schwei­zerkrieg“ die kollektive Identitätsbildung des Adels nach der Schlacht bei Sempach dar. Dabei ver­folgte er die Stationen der habsburgischen Erinnerungskultur in Königsfelden, der Klingenberger Chronik bis zur Namensliste, der von den Eidgenossen getilgten Adeligen in Maximilians Manifest von 1499. Die Namensliste stellte den Versuch Maximilians dar, den Adel für den Krieg gegen die Schweizer zu motivieren. Er scheiterte an den veränderten Beziehungen zwischen Fürst und Adel und den anders gelagerten Interessen des Adels, die im Zürichkrieg zu einer Aktivierung des Adels führte, die im Schweizerkrieg so nicht mehr möglich war.

Thomas Zotz, Freiburg, gab eine Zusammenfassung der Tagung. Die Frage nach der Wahrnehmung dieses Krieges an der Schwelle von Mittelalter und Neuzeit durch die Zeitgenossen und des Ver­ständnisses seines doppelten Namens - Schweizerkrieg - Schwabenkrieg spielte auf der Tagung wiederholt eine Rolle. Herr Zotz sah das zentrale Anliegen der Tagung darin, den Zusammenhang von punktuellem Ereignis und Gruppenidentitäten in längerfristigen Traditionslinien herauszu­arbeiten. Nach der Zusammenfassung der Vorträge fragte Herr Zotz in Hinblick auf die folgende Diskusssion nach den identitätsstiftenden Heterostereotypen auf beiden Seiten vor 1499 und nach Messbarkeit des Schubes von 1499. Eine weitere Frage galt der Differenzierung der am Konflikt beteiligten Gruppen, wie dem Schwäbischen Bund, den Städten, den Gruppierungen innerhalb der Städte und der Reichsebene.

Günter Werner/Gregor Schopka

Internet: http://www.phil.uni-freiburg.de/SFB541/B5/schwabenkrieg/schwabenkrieg.html


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