AHF-Information Nr. 39 vom 28.6.2000
Das Deutsche Historische Institut Warschau und das Herder-Institut Marburg führen seit drei Jahren mit finanzieller Unterstützung der Robert Bosch-Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit Workshops für fortgeschrittene deutsche und polnische Studierende der Geschichte durch. Ziel der im Frühjahr in Marburg von einem deutschen und im Herbst in Warschau von einem polnischen Hochschullehrer abgehaltenen dreitägigen Veranstaltungen ist es zum einen, sich in eine Fragestellung besonderer Relevanz einzuarbeiten und zum andern, das gegenseitige Kennenlernen junger Historikerinnen und Historiker aus Deutschland und Polen zu fördern.
Thema des vom 17. bis 20. April 2000 unter der Leitung von Prof. Klaus Ziemer, DHI Warschau, in Marburg durchgeführten Workshops waren die deutsch-polnischen Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei waren zunächst die Ausgangsgrößen zu bestimmen: Der deutsche Überfall auf Polen, die NS-Besatzungs- und Vernichtungspolitik, nach der moralischen und dann auch der militärischen Katastrophe Deutschlands der Verlust rund eines Viertels des bisherigen deutschen Territoriums und der Verlust der Heimat für Millionen Deutsche, aber im Ergebnis des Krieges auch für eine Vielzahl von Polen, die vorwiegend in den bisher deutschen Gebieten angesiedelt wurden – das deutsch-polnische Verhältnis nach 1945 war in einem Maße belastet, wie es schlimmer kaum vorstellbar ist.
Sodann waren die Determinanten herauszuarbeiten, die die deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt haben. Im Vordergrund standen dabei zunächst der diese Beziehungen überwölbende Ost-West-Gegensatz, aber auch die Verknüpfungen der „deutschen Frage“, die nach bundesdeutschem Verständnis anfangs sehr wohl auch die Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen einschloss, mit dem Ost-West-Gegensatz sowie die Veränderungen, die sich seit den fünfziger Jahren in diesem Verhältnis zuungunsten der bundesdeutschen Position ergaben (tendenzielle Ost-West-Entspannung ohne Lösung der „deutschen Frage“). Danach traten diejenigen Faktoren in den Vordergrund, die für das bilaterale Verhältnis maßgebend waren, das heißt insbesondere die Oder-Neiße-Grenze und ihre Bedeutung für die deutsche wie für die polnische Seite. Jenseits der zwischenstaatlichen („internationalen“) wurden dabei auch die transnationalen Beziehungen untersucht, also das Verhältnis gesellschaftlicher Akteure in beiden Ländern zueinander. Dies betraf zum Beispiel die vor allem in der alten Bundesrepublik sehr wichtige Rolle der Kirchen (z.B. EKD-Denkschrift und Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe 1965), die Vertriebenenverbände etc. Der Einstellungswandel in der Gesellschaft gegenüber Polen in den sechziger Jahren half die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition mit vorzubereiten. Deren Konzeption und Operationalisierung sowie die Entwicklung der bilateralen Beziehungen auf staatlicher wie transnationaler Ebene standen im Mittelpunkt der nachfolgenden Einheit.
Ein besonderes Kapitel bildeten die Beziehungen zwischen der DDR und Polen. Sie waren neben den – zumindest von der DDR mit ihrem Anspruch als von Anfang an antifaschistischem Staat geleugneten – Kontinuitäten der deutsch-polnischen Vergangenheit gekennzeichnet durch die jahrzehntelange Fixiertheit auf die Sowjetunion als Hegemonialmacht eines politischen, militärischen und wirtschaftlichen Vertragssystems, dem beide Staaten angehörten. Die Herausarbeitung der jenseits der offiziellen Freundschaftserklärungen existierenden Interessengegensätze und Konflikte zwischen der DDR und Polen zählte für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit zu den überraschendsten Erfahrungen des Workshops.
Dessen Abschluss bildete der Rückblick auf die neunziger Jahre, auf die sich unter völlig veränderten Rahmenbedingungen vollziehenden Beziehungen zwischen dem vereinten Deutschland und dem souveränen Polen. Die seit Jahrhunderten in diesem Ausmaß nicht festzustellende „Interessengemeinschaft“ zwischen Deutschland und Polen führt zwar zu einer weitgehenden positiven Einstellung gegenüber dem Partnerland bei den maßgebenden politischen Eliten. Diese findet allerdings zumindest in Deutschland noch keine Entsprechung auf der gesellschaftlichen Ebene.
Vorbereitet worden war der Workshop von Dr. Sophia Kemlein (DHI Warschau) und Dr. Hans-Werner Rautenberg (Herder-Institut) sowie PD Dr. Adalbert Kotowski (Universität Freiburg), der u.a. einen Reader mit Quellentexten zusammengestellt hatte. Sieben deutsch-polnische Tandems erarbeiteten zu einzelnen Fragekomplexen Arbeitshypothesen, die im Plenum in gemeinsamer Diskussion überprüft wurden. Deutsch und Polnisch waren gleichberechtigte Sprachen bei diesem Workshop, bei dem aufgrund der Sprachkompetenz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Dolmetscher verzichtet werden konnte.
Organisatorisch bot das Herder-Institut optimale Voraussetzungen für die Durchführung der Veranstaltung. Die Studierenden lernten bei Rechercheaufgaben für ihre Arbeitshypothesen die Bibliothek und das Zeitungsarchiv des Instituts kennen und schätzen. Nicht zuletzt sorgte ein schönes Rahmenprogramm auch dafür, dass genügend Zeit zum persönlichen Kennenlernen blieb.
Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren auf den Workshop gut vorbereitet. Lebhafte Diskussionen waren kaum durch unterschiedliche Positionen entlang der Linie deutsch-polnisch bedingt. Doch wurde auch sichtbar, wie sich in dem Untersuchungszeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert die gegenseitige Wahrnehmung teilweise erheblich verändert hat. Die gleichberechtigte Verwendung der beiden Sprachen während der Referate und Diskussionen, aber auch im Quellenmaterial hob eine sonst meist bestehende Asymmetrie auf und bildete ebenso einen Wert an sich wie die Begegnung zwischen jungen deutschen und polnischen Historikerinnen und Historikern, von denen etliche miteinander in Kontakt bleiben werden. Man kann nur hoffen, dass die Sponsoren ähnliche Veranstaltungen auch in Zukunft ermöglichen werden.
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2000. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |