AHF-Information Nr. 37 vom 28.6.2000
Zu den zentralen öffentlichen Themen der Jahrtausendwende gehört zweifellos, wie Ralf Pröve in der Einleitung zu dem von ihm und Norbert Winnige in den Räumen des Forschungsinstituts für die Geschichte Preußens veranstalteten Workshops betonte, die aktuelle Kommunikationsrevolution. Mittlerweile ist auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften die Beschäftigung mit Strukturen von Kommunikation und deren Medien über die Psychologen, Soziologen und Publizisten bei den Historikern angekommen, wie ein Blick in die Verlagskataloge der letzten Jahre beweist. Wie sehr die scientific community der Frühneuzeitler auf diese Entwicklung eingestiegen ist, zeigt auch der Themenschwerpunkt des nächsten Frühneuzeitlertages, der ja bekanntlich 2001 gerade unter diesem Thema - Kommunikation - in Augsburg stattfinden wird.
Die Veranstalter des hier vorgestellten Workshops hatten es sich und ihren Teilnehmern zur Aufgabe gemacht, einen besonderen Aspekt des Komplexes Kommunikation in einem besonderen geographischen Raum genauer zu untersuchen. Geplant war, Phänomene der Kommunikation in dem Bezugssystem der Ausprägung und Verdichtungsmechanismen der frühmodernen Staatsbildung unter dem Stichwort „Herrschaft“ zu untersuchen. Nicht nur wegen des Tagungsortes, sondern auch wegen seiner besonderen Situation als zusammengesetztes, heterogenes und damit besonders schwer zu beherrschendes Staatsgebilde bot sich hierfür die Untersuchung Brandenburg-Preußens an. Hierbei ging es nicht darum, einmal mehr Preußens Gloria als frühmoderner Musterstaat zu demontieren, sondern der gegenwärtigen Kommunikationsforschung mit ihrem Schwerpunkt im südwestdeutschen Raum einen geographischen Baustein aus dem Norden hinzuzufügen. Zur Operationalisierbarkeit des Kommunikationsbegriffs schlug Pröve in Anlehnung an die moderne Kommunikationsforschung eine Einteilung in drei Schwerpunkte vor: zum einen sollte Kommunikation nicht nur auf der Basis des Austauschs schriftlicher Dokumente, sondern auch als symbolisch vermittelte Interaktion mit Hilfe nicht-schriftlicher Instrumentarien wie Zeremoniell und Propaganda verstanden werden. Zweitens sollte sich Kommunikation als soziale Interaktion zwischen Individuen und/oder Gruppen erschließen, wobei nicht nur Sender, sondern auch Empfänger handeln, indem sie Informationen und Nachrichten interpretieren, darauf reagieren und mit eigenen Zielen und Wertsetzungen versehen. Schließlich galt es, nach der „Hardware“ der Kommunikation, also nach deren Medien im ganz konkreten, praktischen Sinne zu fragen. Hierunter fällt beispielsweise der Ausbau des Straßen- und Kanalnetzes. Allen drei Punkten wurde in den insgesamt zehn Referaten und den lebhaften Diskussionen der mit etwa 50 Teilnehmern recht gut besuchten Tagung nachgegangen.
Das Referat von Esther-Beate Körber zu den Postverbindungen im klevischen Erbfolgestreit stand hierbei nicht nur chronologisch am Anfang des Workshops. Die Referentin konnte gleichzeitig durch ihre Thesen zur Beziehung von Post und Herrschaft im frühen 17. Jahrhundert grundlegende Linien für die folgenden Diskussionen legen. In eine ähnliche Richtung zielte auch das zweite Referat des Tages von Joachim Kundler, der sich ebenfalls mit den praktischen Kommunikationslinien der brandenburg-preußischen Post beschäftigte. Eine zentrale Frage, die hier aufgegriffen wurde und die sich wie ein roter Faden durch die beiden Arbeitstage zog, lautete: „cui bono?“ Half die Weiterleitung von Informationen, in Körbers Fall etwa von Berlin zu den klevischen Räten nach Düsseldorf, bei der praktischen Durchsetzung politischer Ziele oder war nicht vielmehr in vielen Fällen die Zurückhaltung von Informationen für die Herrschenden sehr viel ertragreicher? Im vorgestellten Beispiel schien ersteres der Fall gewesen zu sein. Andere, im Rahmen des Workshops präsentierte Studien - es handelte sich bei den meisten Vorträgen um „work in progress“ auf Doktoranden- und Habilitandenebene - konnten zeigen, daß die Informationsvermittlung an die Untertanen auch Risiken für die Herrschaft mit sich brachte, indem die Beherrschten auf Unerwünschtes anders reagierten als intendiert.
Der folgende von Norbert Winnige und Reiner Prass gestaltete Themenblock zur Rolle der Schriftlichkeit in der Informationsvermittlung zielte in eine ähnlich Richtung und bürstet damit die gängige Interpretation der Alphabetisierung- und Ausbildungsförderung des preußischen Absolutismus gegen den Strich. Reiner Prass‘ illustratives Beispiel der „Brief-Tasche des Pfarrers“, mit deren Hilfe über ein Circularsystem Verordnungen und Gesetze von Pfarrer zu Pfarrer geschickt wurden, um dann von der jeweiligen Kanzel verlesen zu werden, verdeutlichte, daß Schriftlichkeit der Herrschaft durchaus gefährlich werden konnte, indem beispielsweise Briefe von Unbefugten erbrochen, gelesen und diskutiert wurden, was auch zu Gegenreaktionen gegen unerwünschte Forderungen führte. Gleichzeitig zeigte das Beispiel, daß Kommunikation sich gerade in der frühen Neuzeit einer Reihe von Medien bediente, die in ihrer Wirksamkeit ineinandergriffen. Das Verlesen der Gesetze durch die obrigkeitlichen Stellvertreter erfolgte beispielsweise immer im feierlichen, kirchlichen Rahmen. Das Erbrechen der Briefe durch andere und die Lektüre an nicht-obrigkeitlichen Orten wie etwa im Wirtshaus erhielt durch diese Interpretation eine deutlich brisantere Dimension.
Der dritte Block, in dem zwei Regionalstudien zur Informationsgewinnung vor Ort vorgelegt wurden – Ursula Löffler berichtete aus ihren Forschungen zu den dörflichen Amtsträgern in landesherrlichen Ämtern des Herzogtums Magdeburg, Anna-Margarete Brenker sprach über den Informationsfluß zwischen Breslau und Berlin – konnten wiederum zeigen, in wieviel stärkerem Maße Informationsfluß als Prozeß zwischen zwei Partnern, und nicht, wie vor allem in den Studien zur Sozialdisziplinierung der letzten 20 Jahre, als einseitige Einflußnahme von oben nach unten verstanden werden muß. In eine ähnliche Richtung zielte auch die Arbeit von Inga Brandes, die neben die vertikale Ebene der Informationsvermittlung eine horizontale Komponente in die Diskussion brachte, auf der Untertanen im Diskurs miteinander verkehrten. Insoweit deckten sich die Untersuchungen mit anderen Studien, die in den letzten Jahren zum „Staat vor Ort“ etwa von Joachim Eibach und Stefan Brakensiek vorgelegt worden sind. Theoretisch paßte auch der dritte Vortrag dieses Blocks von Stefan Haas in diesen Zusammenhang. Seine Beispiele nahm Haas allerdings nicht aus lokal- oder regionalgeschichtlichen Studien, sondern aus dem Komplex der materiellen Kultur, und hier konkret aus der Stilgeschichte der preußischen Uniformen. Sven Externbrink plädierte in seinem Vortrag für eine stärkere Verzahnung von Diplomatiegeschichte mit der Kulturgeschichte und forderte eine Neuinterpretation der als Quellen zur politischen Geschichte bereits hinreichend untersuchten Gesandtschaftsberichte – in seinem Fall für die deutsch-französischen Beziehungen zur Zeit des Siebenjährigen Krieges – unter dem Blickwinkel der politischen Kultur, in die sowohl die Perzeptionsbilder einzelner Diplomaten als auch die Struktur der Informationsvermittlung über das jeweils andere Land zu fassen sei. Den letzten Vortrag hielt Rudolf Seising, der einzige Nicht-Historiker der Runde, der aus dem Blickwinkel der Naturwissenschaften die Einführung der elektrischen Telegraphie in Preußen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in anschaulicher Weise beleuchtete. Hierbei ging es nicht nur um die Durchsetzung moderner Technologie zur Verbesserung der staatlichen Herrschaft, sondern auch um den Informationsaustausch der beteiligten Wissenschaftler untereinander. Dieser Vortrag gab Anlaß zur Diskussion der Rolle von Technik als Herrschaftsinstrument einerseits, aber auch als Kontrollinstrument der Beherrschten über die Aktivitäten der Herrschenden andererseits.
Insgesamt paßte sich die Tagung somit in die neueren Forschungen zur Rolle und Effizienz staatlicher Durchdringung im regionalen oder lokalen Raum. Kommunikation in ihrer Eigenschaft als Medium der Informationsvermittlung wurde als wechselseitiger Prozeß verstanden, der auch den Untertanen Gestaltungsmöglichkeiten eröffnete. Zu Recht wies Hermann Wellenreuther in seinen Schlußbetrachtungen darauf hin, daß etwa die Rolle von Petitionen auf die landesherrliche Gesetzgebungspraxis bislang noch nicht genügend berücksichtigt worden ist. Gleichzeitig übernahm die Tagung die Forderung vor allem der Kulturhistoriker, neben die schriftlichen Quellen in stärkerem Maße als bisher nicht-schriftliche Quellen aus dem Bereich der Forschungen zur materiellen Kultur und der Historischen Anthropologie mit Fragestellungen zu frühmoderner Staatlichkeit und Herrschaft zu verknüpfen. Dieser Ansatz verspricht auch für künftige Tagungen dieser Art interessante und weiterführende Ergebnisse. Die Vorträge dieser sowohl von der intellektuellen als auch von der materiellen Versorgung gelungenen Tagung werden in einem Sammelband veröffentlicht.
Raingard Eßer
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2000. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |