AHF-Information Nr. 31 vom 23.6.2000
Internationales Kolloquium veranstaltet vom Deutschen Historischen Institut Paris und der Villa Vigoni (Deutsch-Italienisches Zentrum) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Europäische Geschichte Mainz, dem Kunsthistorischen Institut Florenz, der Bibliotheca Hertziana Rom und den Deutschen Historischen Instituten in London, Rom und Warschau
Das Phänomen der Adelsreise in Spätmittelalter und Früher Neuzeit zu beschreiben ist die Aufgabe einer Doppeltagung, die das Deutsche Historische Institut Paris in Zusammenarbeit mit mehreren historischen Forschungseinrichtungen konzipiert hat und deren erster Teil vom 19.-20. November 1999 rund 60 Spezialisten im Deutsch-Italienischen Zentrum (Villa Vigoni) in Loveno di Menaggio zusammenführte. Werner Paravicini (DHI Paris) erläuterte in seiner Einleitung die Zielsetzung des Unternehmens, die Evolution adligen Reisens in ihren Auffächerungen schwerpunktmäßig vor dem 18. Jahrhundert zu verfolgen mit dem Ziel, neue Erkenntnisse über die Bedeutung des Reisens für das Selbstverständnis des Adels zu gewinnen und den Grand Tour in europäischer Perspektive als ein konstitutives Element einer allgemeinen Adelskultur zu begreifen.
Die einzelnen Beiträge waren in vier thematischen Einheiten betreffend die Tradition, die Ziele, die Strategien der Vorbereitung und Erinnerung und die Funktion der Adelsreise vom Hochmittelalter bis zum Ende der Frühen Neuzeit organisiert. Im Rahmen der ersten Arbeitssitzung (Eine alte Praxis oder ein neues Phänomen: adlige Mobilität vor dem Grand Tour) unter der Leitung von Heide Wunder (Kassel) und Klaus Herbers (Erlangen) zeigte Joachim Ehlers (Berlin) bei einer Analyse schichtenspezifischer Mobilität im Früh- und Hochmittelalter, daß Repräsentation und Statussicherung schon in dieser Epoche wichtige Beweggründe adligen Reisens darstellten. „Dienst“- bzw. Zweckreisen (z.B. Wallfahrts-, Gesandtschaftsreise etc.) bildeten den ersten nachweisbaren Typus des Reisens. Aber auch wenn ein prävalierender Grund für eine Reise vorlag, geben die Quellen daneben meist auch andere wirkmächtige Motivationen zu erkennen: In besonderer Weise gilt dies für das als der adeligen Lebensform angemessen aufgefaßte Moment der Bewältigung der Gefahren, die das Unterwegssein mit sich führte. Ein spezifisches Milieu, in dem weiträumige Mobilität aufgrund von Bildungs- und Studieninteressen sich entfalten konnte, bildete die Gruppe der Hofkleriker, in die zunehmend auch nachgeborene Adelssöhne eindrangen und für die sich ab der Mitte des 12. Jahrhunderts eine Vermehrung der Reisetätigkeit beobachten läßt. Herausragender Gesichtspunkt war auch hier der Prestigezuwachs, der sich auf diese Weise gewinnen ließ. Zum späten Mittelalter leitete Karl Heinz Spieß (Greifswald) mit einem Beitrag über, der die Bedingungen und typischen Verlaufsformen von Fürstenreisen vor 1500 zum Gegenstand hatte. Wie der Referent detailliert ausführte, blieb bei solchen meist als Hof- oder Wallfahrten (zuweilen auch als Mischform zwischen beidem) angelegten Unternehmen der Fürst sozusagen im Mikrokosmos seines Hofes, führte etwa in einem Kammerwagen persönliche Gegenstände mit und nahm in seiner Begleitung viele minderrangige Adlige wie Grafen und Herren mit, die ihrerseits wieder ihr eigenes Gefolge hatten. Zu unterstreichen ist auch hier der Stellenwert des Reisens für Rangrepräsentation und Statuswahrung: Die in Berichten detailliert festgehaltenen Ehrungen, die er unterwegs erfuhr, waren ein wichtiger Gradmesser für die Reputation des Fürsten. Die spezifische Organisationsform der Fürstenreise und ihr immer repräsentativer Charakter, der sie von der Grafen- und Herrenreise abhob - ein Umstand, der die Untauglichkeit des Oberbegriffs „Adelsreise“ deutlich macht - führte Spieß zu dem Vorschlag, künftig von Fürstenhofreisen zu sprechen. In ihrem Gemeinschaftsreferat gingen Miroslav Polívka und Jaroslav Pánek (beide Prag) den Veränderungen adligen Reisens zwischen Mittelalter und Neuzeit am böhmischen Beispiel nach. Umfaßten bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die wesentlichen Reiseziele böhmischer Adliger die deutschen Länder, Polen, und Norditalien, sehr viel seltener Frankreich und Palästina, so traten in der Neuzeit England, die Niederlande und Ungarn hinzu; waren die Reisemotivationen zunächst überwiegend politisch-diplomatischer, militärischer oder auch religiöser Natur, so bewirkten Reformation und Gegenreformation hier bedeutende Veränderungen: Zu beobachten sind ein deutlicher Anstieg von Reisen zum Zweck auswärtiger Universitätsbesuche, wobei die Länderwahl konfessionellen Gesichtspunkten folgte, und darüber hinaus Reisen zum Zweck der Festigung konfessioneller Solidaritäten in protestantischen Ländern auf der einen oder denen der Habsburgermonarchie auf der anderen Seite.
Die zweite Arbeitssitzung ( Alte Ziele, neue Ziele: Heidenkampf, Pilgerfahrt, Höfe, Universitäten, Badeorte, Stätten der Antike) unter dem Vorsitz von Irene Fosi (Cosenza) und Jörg Garms (Rom) wurde von einem Vortrag von Urs Zahnd (Bern) zur adligen und patrizischen Reise im spätmittelalterlichen Bern eingeleitet. Auf der Grundlage einer besonders günstigen Quellenlage verdeutlichte der Referent den Stellenwert der Reise und bestimmter Reiseformen als eines sozialen Angleichungsphänomens innerhalb der bis zur Reformationszeit im Vergleich zu anderen Kommunen des oberdeutsch-schweizerischen Raumes relativ heterogen zusammengesetzten und durchlässigen bernischen Führungsschichten, denen alte Ministerialengeschlechter ebenso wie neunobilitierte Kaufmannsfamilien angehörten. Neben der klassischen Pilgerreise nach Jerusalem oder auf den Sinai erlangte hier zunehmend auch die Hofesreise, zuweilen verbunden mit der Annahme von Hofdiensten, Bedeutung. Durch Untersuchungen des Reiseverhaltens, das von in die Ratselite aufgestiegenen Familienverbänden wie etwa den Gießbach geübt wurde, läßt sich zeigen, daß gerade auch die Imitation der von den altadligen Geschlechtern geübten Reiseformen ein wichtiges Mittel war, jüngst erworbenen Status zu bestätigen und zu repräsentieren. Die Hofesreise in allgemeinerer Perspektive, nämlich als Reiseart, deren Ziel der Besuch gleich mehrerer Fürstenhöfe in Europa war, nahm im Anschluß hieran Andreas Ranft (Leipzig) in den Blick. Besonderes Augenmerk legte der Referent neben der Behandlung von Fragen wie der Organisation entsprechender Reisen, dem Empfang des Reisenden, der Aufenthaltsdauer etc. auf die Analyse jener symbolischen Akte, die eine dauerhafte Verbindung zwischen dem Reisenden und dem gastgebenden Hof stifteten und stellte hierbei besonders die Praxis der Ordensverleihungen und die Aufnahme in adlige Gesellschaften (etwa nach dem Vorbild der Artusrunde) heraus. Über die Beziehung zwischen Besucher und Gastgeber hinaus entstand durch diese Form adligen Reiseverkehrs ein Netz zwischen den einzelnen Höfen und eine wichtige Klammer der europäischen Adelsgesellschaft insgesamt. Eine spezifische Reisebeschreibung, den Bericht des Nürnberger Patriziers Nikolaus Muffel von seiner 1452 erfolgten Romreise - einer Funktions- und keiner Pilgerreise, denn Muffel begleitete die Reichskleinodien - stellte Gerhard Wiedmann (Rom) vor. Der Bericht folgt im wesentlichen der Tradition der Mirabilia und Indulgentiae und ist darüber hinaus auch von zeitgenössischen Humanisten wie Flavio Bondo und Poggio Bracciolini abhängig. Trotz des zweckgebundenen Charakters seiner Reise konzentriert sich der Verfasser doch im wesentlichen auf die christliche Vergangenheit Roms (auch wenn daneben antike Stätten durchaus wahrgenommen werden) und demonstriert, wie unter dem Eindruck des Aufenthalts ein ursprünglich politisch-administratives Reisemotiv von einem religiös-kulturellen Bedürfnis überformt wurde. Bereits in den Zusammenhang der dritten thematischen Sitzung (Planende Voraussicht, sichtbare Ehre, bleibende Erinnerung: Schriftstücke und Realien der Adelsreise, wegen einer Terminverschiebung vorgezogen) gehörte der folgende Vortrag von Detlev Kraack (Berlin), der auf realienkundliche, insbesondere heraldische Zeugnisse der Adelsreise aufmerksam machte. In Quellen wie Rechnungen vielfach belegte, wenn auch nur spärlich erhaltene heraldische Ritzzeichnungen, Wappenmalereien und ähnliches, die von Reisenden an exponierten Orten angebracht wurden, dienten als augenfälliges Zeugnis für den Besuch und sind, obwohl bisher als Quelle vernachlässigt, ebenso wie nachträglich angefertigte Reiseberichte Zeugnisse für einen Kommunikationszusammenhang innerhalb des Adels, in dem der gesellschaftliche Status, d.h. die Produktion von Ehre und Ansehen, unter anderem von der Tätigkeit des Reisens gesichert wurden. Die kreativen Impulse von Pilgerfahrten auf die spätgotische Goldschmiedekunst untersuchte im Anschluß hieran Johannes Tripps (Heidelberg) und stellte in diesem Zusammenhang keineswegs Reliquien, sondern Pilgerandenken aus wundersamen Werkstoffen vor, die meist für Kirchen- und Kathedralschätze bestimmt waren. Wie der Referent ausführte, konnte ein ursprünglich als Pilgerandenken gedachtes Objekt durch seine kunsthandwerkliche Verarbeitung zur Luxusware werden. Die Tatsache, daß exotische Reiseandenken wie etwa chinesisches Porzellan in europäische Goldfassungen gebracht wurden, fordert, so sein Fazit, künftig nicht zuletzt eine verstärkte Zusammenarbeit auf die jeweiligen Räume spezialisierter Kunsthistoriker heraus.
Im Rahmen der folgenden Arbeitssitzung unter der Leitung von Barbara Marx (Dresden) und Norbert Conrads (Stuttgart) wurde wieder an den zweiten thematischen Block angeschlossen. Zunächst widmete sich Arnold Esch (Rom) Problemen der Wahrnehmungsgeschichte. Vom neuen Interesse der Humanisten an der Antike ausgehend machte er die Unterschiedlichkeiten in der Wahrnehmung antiker Monumente bei Reisenden mit unterschiedlichem Bildungsstand durch eine Gegenüberstellung der Beschreibung des Pantheons in drei Quellenzeugnissen deutlich, die allesamt um das Jahr 1452 entstanden sind: Wo sich der Nürnberger Nikolaus Muffel noch ganz in der Tradition der Mirabilien weitgehend mit legendenhaften Sinndeutungen des Bauwerks begnügt, zieht der Humanist Flavio Biondo neben der eigenen Beobachtung ausschließlich antike Autoren zur Erklärung heran, aber auch ein Reisender, der kein ausgesprochener Angehöriger des Gelehrtenstands war wie der Florentiner Kaufmann Giovanni Ruccelai, ruht in seiner Beschreibung schon nicht mehr auf Traditionen, sondern vertraut ganz dem, was er mit eigenen Augen sieht. Diese Befunde sind im Rahmen eines generellen Wahrnehmungswandels zu sehen, der sich im 15. Jahrhundert vollzog: An die Stelle der mittelalterlichen Antikensicht, die das unerklärlich Monumentale der Überreste in den Vordergrund stellte, trat zunehmend die Autopsie, die antike Quellen miteinbezog und sich, wo zuvor in Ermangelung des geistigen Rüstzeugs einzelne Elemente in additiver Weise beschrieben worden waren, in einer auf Vitruv und Plinius beruhenden Fachsprache ausdrückte. Was die Antike als Reiseziel für die adligen Reisenden vornehmlich des 17. und 18. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Tatsache bedeutete, daß die humanistische Bildung auch auf den Adel ausgegriffen hatte, erörterte im Anschluß hieran Gerrit Walther (Frankfurt). Zu konstatieren ist, daß die Begegnung mit dem Altertum, wie sie etwa Aufenthalte in Italien ermöglichten, im Programm der adligen Bildungsreise einen hohen Stellenwert hatte, der allerdings auch nicht überschätzt werden darf: Die wenigsten Grandtouristen sahen in der Antike eine der eigenen Gegenwart überlegene Epoche. Zumindest für die katholischen Reisenden hatte das kirchliche Pflichtprogramm überdies zunächst Vorrang, so daß bei Rombesuchern die Besichtigung antiker Monumente oft erst lange nach Beginn des Aufenthalts ihren Anfang nahm. Auf sozialer Ebene war der Zugang zu den privaten Antikenkabinetten der örtlichen Eliten für die Statusrepräsentation freilich von Bedeutung und kam dem Eintritt in einen privilegierten Klientelverband gleich. Die Begegnung mit antiken Monumenten beschränkte sich meist allerdings eher auf die Erfüllung des erwarteten Reiseprogramms, wie die Kargheit der Beschreibungen in den meisten nachgelassenen Zeugnissen zeigt: Es ging nicht um die Auseinandersetzung mit dem Vorgefundenen, sondern um den Nachweis, einen bestimmten Ort aufgesucht zu haben.
Die folgende Arbeitssitzung unter dem Vorsitz von Jochen Hoock und Grete Klingenstein nahm den dritten thematischen Block wieder auf und begann mit einem Referat von Jill Bepler (Wolfenbüttel) zur Rolle von Archiv, Bibliothek oder Kabinett adliger Häuser für die Strategien, mit denen die Erinnerung an die Adelsreise fruchtbar gemacht wurde. Erinnerung konzentrierte sich etwa in archivierten Tagebüchern, die keinesfalls im strengen Sinne „privat“ waren, sondern Rechenschaft über den Einsatz von Zeit und Mitteln und in weiterem Sinne den Gesamterfolg des Unternehmens ablegten; Bucherwerb auf Reisen oder der Erwerb von Gegenständen für die Kunstkammer konnte gleichfalls für die Strategie der Selbstrepräsentation genutzt werden. Besonders wies die Referentin auf die Bedeutung von Leichenpredigten als bislang noch kaum genutzter Quelle für den Stellenwert der Reise und der Erinnerung an sie für den typischen adligen Lebenslauf hin, wird die Grand Tour doch meist als eine Etappe der Erziehung gedeutet, durch welche der junge Mann seinen Charakter bildet und Erfahrung (z.B. auf politischem Gebiet) erwirbt. Zur vierten thematischen Einheit des Kolloquiums (Reisen als Erziehung und Reisen als Zustand: von der vornehmen Abwesenheit über die Bildungsreise zum Tourismus) leitete der Vortrag von Elisabeth Garms-Cornides (Graz/Rom) zur Bedeutung von Hofmeistern im Zusammenhang mit der adligen Bildungsreise über. An einigen exemplarischen Fällen - wie etwa der Hofmeisterkarriere des Hugo Grotius – wurde die quellenmäßig nur schwer faßbare Tätigkeit und Bedeutung der Erzieher und Begleiter junger Aristokraten einer eingehenden Betrachtung unterzogen. Hofmeister begleiteten ihre Zöglinge an Ritterakademien und auswärtige Universitäten, an denen sie sich zuweilen selbst nochmals einschrieben. Das Hofmeisterdasein konnte eine Etappe in einem Karriereweg darstellen und führte nicht selten zur Tätigkeit des Diplomaten, daneben gab es jedoch auch professionelle Reisehofmeister - von einem Vertreter dieses Berufsstandes aus dem frühen 17. Jahrhundert sind rund 50 Reisen mit adligen Schützlingen belegt. Zu diesem Bild gehört, daß der Hofmeisterberuf keineswegs durchgängig als sozial minderwertig angesehen wurde: ein Beispiel hierfür bietet der Abbé Noray, der der Familie Harrach über lange Jahre diente und in den Quellen beinahe als ein Familienmitglied erscheint. Bezeichnenderweise polemisierten viele Hofmeister gegen eine Überschätzung der Auslandserfahrung, was Rückschlüsse auf ihre Selbsteinordnung als Spezialisten einer adelsgerechten Erziehung zuläßt. Die Bildungs- und Reiseziele österreichischer Adliger in der frühen Neuzeit legte Gernot Heiss (Wien) unter anderem auf der Grundlage der von den Familienoberhäuptern gegebenen Reiseinstruktionen zu Beginn der letzten, von Notker Hammerstein und Jean-Marie Valentin geleiteten Arbeitssitzung dar. Die Kavalierstour bildete auch hier Höhepunkt und Abschluß der standesgemäßen Beziehung, wobei die Praxis vor allem der romanischen Sprachen, der Umgang mit Standesgenossen und das Studium an renommierten Universitäten die wichtigsten Ziele waren. Vor allem eine solide juristische Ausbildung wurde für den Adel zunehmend als bedeutend angesehen, da sie wichtige Grundlagen für eine spätere Administration der eigenen Ländereien und für den Hofdienst vermittelte. Der Aufenthalt an verschiedenen Höfen sollte das Verständnis für die Staatsgeschäfte ebenso vertiefen wie den Sinn für höfisches Verhalten schärfen; die wichtigsten Ziele waren hier der päpstliche Hof wegen der weltumspannenden Bedeutung seiner Zusammensetzung, daneben vor allem Paris bzw. Versailles, oder, falls ein Aufenthalt hier nicht möglich war, ersatzweise der als glänzend angesehene Turiner Hof. Nicht zuletzt die Variationen der einzelnen Höfe untereinander sollten von den adligen Reisenden erfaßt und zum Nutzen ihrer Weltkenntnis verarbeitet werden. Einen speziellen Ort adliger Soziabilität im Rahmen des Grand Tour stellten vom Ende des 16. bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus die Adelsakademien dar, denen Jean Boutier (Marseille) unter besonderer Berücksichtigung französischer und italienischer Beispiele seinen Beitrag widmete. Ihr Erfolg lag in ihrem spezifischen Angebot für den Adel, der hier seine Bildung entsprechend der zur Verfügung stehenden Zeit und nach Interesse vervollständigen konnte. Trotz der Rücksichtnahme auf nationale Besonderheiten (Reitschulen, Sprachlehrangebot etc.) trugen die Ritterakademien durch die Vermittlung ihrer Lehrinhalte doch zur Ausbildung einer allgemeinen Adelskultur bei und fungierten vielfach als Stätten eines über nationale bzw. landsmannschaftliche Grenzen hinausreichenden Austauschs. Auch dort, wo bestimmte Gruppen den Ton angaben (wie etwa die Engländer im 18. Jahrhundert in Caen oder in Angers) boten sie den Rahmen für den Aufbau persönlicher Netzwerke, die über die Zeit des Grand Tour hinaus Bestand hatten. Cesare de Seta (Neapel) kehrte im letzten (aus terminlichen Gründen erst zu diesem Zeitpunkt gehaltenen) Referat der Tagung zu Fragen der dritten thematischen Einheit betreffend die „Memoria“ der Adelsreise und hier zu einem kunsthistorischen Problem zurück, indem er den Bezügen zwischen Porträtkunst und Grand Tour nachging. An reichen Bildexempeln verdeutlichte er das Spektrum der Darstellungsweisen und jeweiligen Inszenierungen , die den Porträtierten in ein durch den Umstand des Grand Tour geprägtes Umfeld einordneten (Orte, Monumente, Personen). Napoleons Erscheinen in Italien bedeutete das Ende des klassischen Grand Tour dort und mithin auch das Ende der spezifischen Porträtkunst, die vom Grand Tour geprägt worden war: Die Arbeiten eines Appiani, Ingres oder Canova haben mit den Formen, in denen zuvor die Grandtouristen dargestellt worden waren, nichts mehr gemein.
Im Schlußkommentar des Gastgebers erweiterte Bernd Roeck (Zürich/Loveno di Menaggio) die Fragestellung des Kolloquiums über die Adelsreise hinaus und formulierte Forderungen an eine künftige mentalitätsgeschichtlich und anthropologisch orientierte Reiseforschung insgesamt. Neben der Bedeutung der Reise für die Genese nationaler Stereotypen verwies er auf das noch weitgehend unbekannte Feld der Wahrnehmungsgeschichte, das unter Einbeziehung auch anderer Gruppen von Reisenden (Kaufleuten, Söldnern etc.) zu bearbeiten sei. In diesen Zusammenhang gehörten Fragen nach elementaren anthropologischen Wahrnehmungsweisen ebenso wie solche nach dem ästhetischen Landschaftsempfinden und seinem Wandel. Roeck sprach sich ferner für eine stärkere Berücksichtigung der Rolle der in der Neuzeit zu konstatierenden allgemeinen Kommunikationsverdichtung aus.
Zum Abschluß der Tagung zog Werner Paravicini nochmals die Bilanz aus den Beiträgen. Deutlich geworden war trotz der in sich sehr differenzierten Einzelansätze, daß die Unterschiede zwischen den einzelnen auf dem Grand Tour besuchten Höfen durchaus gewollt waren, deutlich geworden war ferner, daß der Adel stets in seiner Welt reiste und in seinem Horizont blieb, deutlich geworden war in mehreren Referaten schließlich, daß das Moment von Gefahr und Bewährung ein wichtiges Element für die Einordnung der Reise in den Zusammenhang der Persönlichkeitsbildung und - entfaltung eines Adligen darstellte. Als noch nicht genügend erhellten und künftigen Anstrengungen anheimgestellten Fragenkreis stellte er besonders die auf der Tagung nicht berücksichtigte Transitionsperiode der Adelsreise von 1500-1550 heraus und forderte eine schärfere begriffliche Erfassung der einzelnen Aspekte adligen Reisens, welche mit den Bezeichnungen Kavalierstour, Grand Tour etc. in ihrer Differenzierung offenkundig unzureichend beschrieben sei. Paravicini verwies ferner darauf, daß eine genaue Definition des besonderen Adelswissens, das auf Reisen erlangt werden sollte, noch ausstehe. Die Veranstaltung schloß mit dem Ausblick auf das Programm der zweiten Tagung zum Thema Grand Tour am 24./25. November 2000 im Deutschen Historischen Institut Paris, die unter dem Untertitel Einheit und Vielfalt der Adelskultur auf den Ergebnissen der ersten Tagung aufbauen und weitere Perspektiven öffnen will.
Die Veröffentlichung der Tagungsergebnisse in den Schriftenreihen des Deutschen Historischen Instituts Paris ist geplant.
Rainer Babel, Paris
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