AHF-Information Nr. 28 vom 17.5.2000

Widerstreitende Historiographien

Ostmitteleuropas Konfliktgeschichte und die Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert

Tagung des Herder-Instituts anlässlich seines 50jährigen Bestehens
Marburg, 27. bis 30. April 2000

Ende April 1950 hatten sich in Marburg 23 Historiker und Sozialwissenschaftler mit dem Ziel ver­sammelt, einen Ersatz für die wissenschaftlichen Einrichtungen der deutschen „Ostforschung“ zu schaffen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs mit den deutschen Ostgebieten verloren gegangen waren. Damit sollte die „geistige Auseinandersetzung“ mit dem östlichen Mitteleuropa, wie es damals hieß, auf eine neue institutionelle Grundlage gestellt werden. Auf dieser Versammlung wurde der Johann-Gottfried-Herder-Forschungsrat gegründet, der als seine Forschungseinrichtung das Herder-Institut ins Leben rief.

Das fünfzigjährige Bestehen des Herder-Instituts war der Anlass für die Tagung unter der Überschrift „Widerstreitende Historiographien. Ostmitteleuropas Konfliktgeschichte und die Ge­schichtsschreibung im 20. Jahrhundert“. 1950 war noch wenig von einer kritischen Reflexion der Frage zu spüren gewesen, inwieweit auch die „Ostforscher“ zu „Vordenkern der Vernichtung“ (Götz Aly/Susanne Heim) geworden waren. Tatsächlich wirkte in der deutschen Ostmitteleuropa­historiographie das deutschtumsgeschichtliche Paradigma der „Ostforschung“ noch lange nach, nicht zuletzt auch im Herder-Institut. Somit diente die Jubiläumstagung, die von Eduard Mühle (Marburg) und Frank Hadler (Leipzig) konzipiert worden war, auch der kritischen Reflexion der Institutsgeschichte.

Tatsächlich ging das Thema der Tagung jedoch über die Geschichte der deutschen „Ostforschung“ hinaus. Es sollten die verschiedenen ostmitteleuropäischen Historiographien im „Zeitalter der Extreme“ unter dem Gesichtspunkt ihres Beitrags zur Konfliktgeschichte dieser Region im 20. Jahr­hundert untersucht werden. Es ging darum, ob und wie die Geschichtswissenschaften zur Ver­schärfung oder zur Überwindung von Konflikten beigetragen haben, wie sie sich gegenseitig beeinflussten und in welchem Verhältnis Politisierung und Erkenntnisfortschritt zueinander standen. Diesen Fragen sollte sowohl für die erste Hälfte des Jahrhunderts als auch für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nachgegangen werden, als die antagonistischen Beziehungen zunehmend überwunden wurden, die ostmitteleuropäischen Historiographien jedoch den politischen Zwängen der kommunistischen Diktatur ausgesetzt waren.

Zum Auftakt der Konferenz hatten die Veranstalter Gottfried Schramm (Freiburg) als Osteuropahistoriker, Christoph Klessmann (Potsdam) als Zeithistoriker und Bernd Faulenbach (Bochum) als Historiographiehistoriker gebeten, aus ihrer jeweils fachspezifischen Sicht Fragestel­lungen an das Tagungsthema zu formulieren.

Gottfried Schramm machte auf das komplizierte Verhältnis von politischer Außenbestimmung der Wissenschaft und Erkenntnisfortschritt aufmerksam und betonte, dass das eine das andere nicht notwendigerweise ausgeschlossen habe. Zum Forschungsstand hob er hervor, dass dringend mehr komparative und beziehungsgeschichtliche Untersuchungen gebraucht würden, da bisher die jeweiligen nationalen Historiographien meist weitgehend isoliert betrachtet worden seien.

Dieses Defizit beklagte auch Christoph Klessmann und betonte, dass auch ein Vergleich der Geschichtswissenschaft in der DDR mit den Historiographien der anderen sozialistischen Länder Ostmitteleuropas ein Desiderat sei und vermutlich fruchtbare Erkenntnisse bringen könne - nicht nur für die historiographiegeschichtliche Forschung, sondern auch im Hinblick auf die Differenzie­rungen der verschiedenen sozialistischen Gesellschaften.

Bernd Faulenbach skizzierte aus historiographiegeschichtlicher Sicht vier große Fragenkomplexe, die für das Tagungsthema eine Rolle spielten:

1.      Welche Rolle hatten die Historiographien bei den Nations- und Staatsbildung in Ostmittel­europa? Inwieweit trugen sie zur kritischen Reflexion der nationalen Mythen und der nationalen Konflikte bei?

2.      Wie waren sie in die „ethnischen Säuberungen“ verwickelt?

3.      In welchem Verhältnis standen wissenschaftliche Innovation und Politisierung der Wissen­schaft?

4.      In welchem Umfang wurden die Historiographien in den ostmitteleuropäischen Ländern nach 1945 sozialistisch oder inwieweit blieben ältere Traditionen bestehen? Wie sahen die Konti­nuitäten der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 aus? Über die Frage der personellen Kontinuitäten hinaus müssten die institutionellen, begrifflichen und thematischen Kontinuitäten oder Veränderungen genauer untersucht werden.

In der ersten Sektion der Tagung „Wissenschaftliche Institutionen und politische Rahmenbedin­gungen“ behandelte Jörg Hackmann (Greifswald) die Entstehung der Institutionen der polnischen „Westforschung“ seit den 1920er Jahren und die an sie anknüpfenden Einrichtungen in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Institute verstanden es als ihre vorrangige Aufgabe, den Thesen der deutschen „Ostforschung“ wissenschaftlich und propagandistisch entgegenzutreten und nach dem Zweiten Weltkrieg auch, den Anschluss der deutschen Ostgebiete an Polen historiographisch zu legitimieren.

Eduard Mühle (Marburg) skizzierte im Anschluss daran die institutionelle Entwicklung der „Ostforschung“ von der Weimarer Republik bis in die frühe Bundesrepublik. Dabei stellte Mühle gegenüber der von Michael Fahlbusch und Ingo Haar vertretenen These, die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften des Dritten Reiches seien ein effizient vernetztes Großforschungssystem gewesen, fest, dass die Organisation der „Ostforschung“ sich seit 1939 immer stärker wieder in konkurrierende Institutionen auflöste und die wissenschaftliche Tätigkeit der Nord- und Ostdeut­schen Forschungsgemeinschaft zumindest seit 1943 weitgehend zum Erliegen kam, als sie mit Himmlers Ernennung zum Innenminister dem Reichsführer SS unterstellt wurde.

Diesen beiden „komplementären“ Vorträgen standen zwei eher unterschiedlich ausgerichtete Kommentare gegenüber. Während Markus Krzoska (Mainz) von einer „weitgehenden Austausch­barkeit“ der polnischen „Westforschung“ und der deutschen „Ostforschung“ im Hinblick auf „Methoden, Argumentationsweisen und Zielvorstellungen, weniger aber auf Motivationen“ sprach und meinte, dass die polnische Forschung die deutsche gewissermaßen kopiert habe, benannte Jan Piskorski (Stettin/Posen) eher Unterschiede. So habe es in der „Westforschung“ keine „Herren­menschen“-Ideologie gegeben. Dagegen habe aber die Geschichtswissenschaft auch im 19. Jahr­hundert in der Zeit, als die ostmitteleuropäischen Nationen keinen eigenen Staat besaßen, eine wichtige Rolle bei der Erhaltung und Stärkung des nationalen Bewusstseins gespielt.

Im Anschluss daran stellten Leo Dribins (Riga) die lettische Nationalhistoriographie in der Zwi­schenkriegszeit und Rainer Lindner (Konstanz) diejenige Weißrusslands im 20. Jahrhundert vor. Dribins betonte die starke Zäsur, die die Errichtung der Diktatur Ulmanis‘ 1934 für die lettische Historiographie bedeutet habe, während Lindner vor allem die Durchsetzung des Stalinismus in der weißrussischen Geschichtswissenschaft behandelte.

Die zweite Sektion der Tagung war den „Themen, Methoden und Inhalten“ der Historiographien gewidmet. Alvydas Nikzentaitis (Klaipeda) behandelte die Darstellung des Deutschen Ordens und des Ordenslandes in der litauischen, polnischen und deutschen Historiographie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er hob dabei hervor, wie stark die Wertungen von den jeweils aktuellen politischen (Konflikt-)Konstellationen abhängig waren. In seinem Kommentar betonte Christian Lübke (Greifswald) die Fruchtbarkeit eines Dreier-Vergleichs, an den sich die Historiker sonst selten heranwagten, und formulierte grundsätzliche Forschungsfragen für die historiographie­geschichtliche Untersuchung des Themas „Kulturtransfer im Hoch- und Spätmittelalter“. Zunächst sei danach zu fragen, wie „Kultur“ verstanden und mit welchen Methoden ihr Transfer untersucht worden sei. Dabei zeige sich, dass bei der „Ostforschung“ weniger in diesen Punkten das Problema­tische liege, sondern in erster Linie in der „völkischen“ Zielsetzung.

Als nächstes untersuchte Jaroslav Pánek (Prag) die Bewertung der frühneuzeitlichen Stände­gesellschaft in Böhmen durch die tschechischen Historiker von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Pánek machte deutlich, dass in den Urteilen der Historiker über die Stände­gesellschaft immer zugleich auch aktuelle politische Botschaften enthalten waren. Joachim Bahlcke (Leipzig) ging im Anschluss daran auf die deutschen Forschungen zu den ostmittel­europäischen Ständegesellschaften in der Zeit zwischen den Weltkriegen ein. Die Stände­gesellschaften zogen damals ein gesteigertes Interesse auf sich. Das Bild, das diese Forschungen zeigen, blieb jedoch ambivalent. Einerseits brachten sie wohl einen bedeutsamen Wissensfortschritt, in ihren Urteilen blieben sie jedoch überwiegend von einer sich aus borussischen Traditionen spei­senden Abwertung der Ständegesellschaften bestimmt.

Am Schluss dieser Sektion stand ein Vortrag von Zoltan Szász (Budapest) über die Haltung der ungarischen Historiker gegenüber den Territorialverschiebungen und Grenzziehungen nach den Weltkriegen, der von Peter Haslinger (Freiburg) kommentiert wurde. Tatsächlich beteiligten sich die professionellen Historiker in Ungarn zumindest nach 1921 kaum noch an der publizistischen Diskussion der Grenzen. Gleichwohl hatte die radikale Beschneidung des ungarischen Staatsgebiets einen fördernden Einfluss auf die ungarische „Volkstumsforschung“.

Die dritte und letzte Sektion der Tagung stand unter der Überschrift „Schulbildungen und personelle Netzwerke“. An ihrem Anfang stand ein Vortrag von Dan Diner (Leipzig/Tel Aviv) über die jüdische Historiographie. Diner kontrastierte die osteuropäische von der westlichen, vorwiegend jüdisch-deutschen Geschichtsschreibung. Während die östliche Richtung, als deren wichtigsten Exponenten er Simon Dubnov nannte, eine jüdische Volksgeschichte geschrieben und von einer seit biblischen Zeiten durchgängig existierenden jüdischen Kollektivität ausgegangen sei, die auch in der Gegenwart weiter erhalten werden müsse, habe sich das westliche Judentum konfessionalisiert und die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Juden sei zur „Wissenschaft vom Judentum“ geworden. Anke Hilbrenner (Bonn) ergänzte diesen Vortrag mit einem Kommentar über Simon Dubnov und seinen Entwurf einer Geschichte des jüdischen Volkes als Nationalgeschichte von Anbeginn der Überlieferung.

Die historische Ostmitteleuropaforschung in Ungarn und in der Slowakei bildeten die Themen der Vorträge von Holger Fischer (Hamburg) und Dušan Kovác (Bratislava). Fischer erklärte, dass ein wesentliches Anliegen der ungarischen Historiographie nach 1919 gewesen sei, die Überlegenheit der ungarischen Kultur gegenüber der der Nachfolgestaaten zu zeigen und damit revisionistische Ziele zu untermauern. Ein Schwerpunkt sei die Agrar- und Siedlungsgeschichte der verlorenen Komitate gewesen.

Nicht zuletzt auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen sprachen abschließend Piotr Wandycz (Yale) über die polnische Exilhistoriographie und ihr Verhältnis zur Geschichtsschreibung im sozialistischen Polen sowie Jan Kren (Prag) über die Geschichtsschreibung in der sozialistischen Tschechoslowakei und das Verhältnis zwischen den Dissens-Historikern und ihren „offiziellen“ Kollegen.

Die Abschlussdiskussion, die durch eine Zusammenfassung von Eduard Mühle (Marburg) und Kurzkommentare von Norman Naimark (Stanford), Erich Volkmann (Potsdam) und Witold Matwiejczyk (Lublin) eingeleitet wurde, machte deutlich, dass bei dem Tagungsthema noch viele Fragen offen sind. Die bisherigen Forschungen konzentrierten sich fast ausschließlich jeweils auf eine nationale Historiographie. Aber auch dort sind die Forschungsstände sehr unterschiedlich. Komparative und beziehungsgeschichtliche Forschungen zur ostmitteleuropäischen Historiogra­phiegeschichte gibt es bisher kaum. Deutlich wurde auch, dass die Bestimmung von Kriterien, nach denen die historiographischen Arbeiten bewertet werden können, noch weiterer Diskussion be­dürfen. Wann kann man von „Erkenntnisfortschritt“ sprechen und wo liegen die Grenzen einer noch zulässigen Politisierung? Ist „Erkenntnisfortschritt“ in diesem Zusammenhang überhaupt ein fruchtbarer Begriff? Inwieweit ist die „Einhaltung professioneller Standards“ ein hilfreiches Kriterium? Eine weitere Klärung dieser und ähnlicher Fragen scheint auch nötig zu sein, um eine konzeptionelle Grundlage für vergleichende und beziehungsgeschichtliche Forschungen zu gewinnen. Zugleich ist aber auch zu erwarten, dass sich die Bewertungskriterien erst im Zuge weiterer derartiger Forschungen in produktiver Weise klären lassen.

Am Abschluss der Tagung stand die Festveranstaltung zum Jubiläum des Herder-Instituts, auf der Jürgen Kocka (Berlin) den Festvortrag zum Thema „Das östliche Mitteleuropa als Heraus­forderung für eine vergleichende europäische Geschichte“ hielt. Wenn man eine Geschichts­wissenschaft betreiben wolle, die Europa als Ganzes in den Blick nehme, erklärte Kocka, dann müsse auch das östliche Europa einbezogen werden. Bisher seien Vergleiche von den deutschen Historikern vorwiegend mit westlichen Ländern vorgenommen worden. Letztlich habe dem die Vorstellung eines westlichen „Normalwegs“ der Geschichte zugrunde gelegen, wie sich sich in der Debatte über einen deutschen „Sonderweg“ gezeigt habe. Wenn man auch das östliche Europa in einen solchen Vergleich einbezieht, ergebe sich ein ganz anderes Bild. Am Beispiel des Themas der Entwicklung der bürgerlichen Zivilgesellschaft in Europa seit Ende des 18. Jahrhundert skizzierte Kocka dann konkretere Fragestellungen für eine vergleichende Einbeziehung Ostmitteleuropas.

Kai Struve
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