AHF-Information Nr. 25 vom 11.5.2000
1. Die Organisatoren der Tagung Lutz Häfner (Bielefeld), Guido Hausmann (Köln) und Manfred Hettling (Bielefeld) hatten in einem Exposé mit der leitenden Fragestellung nach Vergesellschaftungsformen in öffentlichen und privaten Räumen und ihren medialen Voraussetzungen einen breiten Rahmen für Vergleichsmöglichkeiten zwischen Westeuropa/Deutschland und dem Zarenreich bzw. der Sowjetunion abgesteckt. Dabei sollte die Aufmerksamkeit auf dieser Tagung, die im Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas (ZVGE) ausgerichtet und von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanziell gefördert wurde, genauer auf die Formen gesellschaftlicher Assoziierung und Geselligkeit gerichtet werden, die als konstitutive Elemente einer modernen Gesellschaft verstanden wurden. Die Formen dieser Vergesellschaftungsprozesse sollten den Blick auf die Binnenstrukturen der zu vergleichenden Gesellschaften und ihre gesellschaftlichen Handlungs- bzw. öffentlichen Räume öffnen, ohne die sozialen Trägerschichten aus dem Blick zu verlieren, aber auch ohne sie ins Zentrum der Analyse zu rücken (notabene das westeuropäische Bürgertum und seine russischen Kryptoformen). Drei Ebenen wurden unterschieden, die auch den Tagungsverlauf strukturierten: a) Entfaltungsmöglichkeiten im legalen öffentlichen Raum wie etwa im Verein, b) informelle Geselligkeitspraktiken sowie c) die 'staatliche' Öffentlichkeit. Sie wurden hinsichtlich ihrer formulierten Zielutopien, verfolgten Handlungsstrategien sowie ihrer Präge- und Gestaltungskraft befragt, um so ein Bedingungsgefüge für die Umwandlung privater Ressourcen (Personengruppen mit gleichen Interessen, Netzwerke, überlokale Kontakte) zu sozialen Handlungseinheiten mit öffentlicher Wirksamkeit zu erkennen. Hinzugenommen wurde außerdem die Frage nach den jeweiligen medialen Bedingungen für das 'Tryptychon' aus Geselligkeit, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft.
Manfred Hettling (Bielefeld) schlug zu Beginn und zur Präzision dieses Ansatzes einen an Kant anknüpfenden idealtypischen Begriff von publizistischer und moderner Öffentlichkeit vor. Dieser sei gekennzeichnet durch die folgenden Kriterien: (1) freie, zugangs- und ergebnisoffene Kritik, (2) für jeden ungehinderte Möglichkeit zur Kritik nur in diesem Teilbereich der Gesellschaft - was funktional differenzierte gesellschaftliche Rollen zeitigt, (3) gesellige Praxis in spezifischen Binnenräumen, (4) die personale und mediale Verbindung und Vernetzung dieser Binnenräume. Die Diskussion fragte nach möglichen Ergänzungen dieses Verständnisses von Öffentlichkeit: Jürgen Kocka (Berlin) schlug vor, Verständigung als komplementär zur Kritik zu verstehen; Hartmut Kaelble (Berlin) plädierte dafür, das Verhältnis von Öffentlichkeit und politischer Macht intensiver zu reflektieren. Im Verlauf der Tagung wurde immer wieder darüber diskutiert, inwiefern eine derart definierte 'Öffentlichkeit' als Äquivalent für Zivilgesellschaft untersucht werden könne, oder ob zusätzlich noch politische Institutionen analysiert werden müßten, durch welche gesellschaftliche Selbstorganisation im Medium einer kritischen Öffentlichkeit erst Zivilgesellschaft hervorbringt.
Im weiteren Verlauf der Tagung erwies sich der innere Zusammenhang der genannten und bei Kant verbundenen Einzelphänomene (Geselligkeit, Öffentlichkeit, Medien, Zivilgesellschaft) als größte Herausforderung. Denn ohne Rekurs auf das Bürgertum als sozialer Träger etwa eines spezifischen, historisch verortbaren Öffentlichkeitsverständnisses wurde der Zusammenhang zwischen den Einzelphänomenen teilweise eher vorausgesetzt oder spekulativ und unklar mitgedacht, teilweise aber auch offen abgelehnt.
2. Die beiden Beiträge über die Veränderungen der medialen Bedingungen von Öffentlichkeit in Westeuropa vom 18. bis ins 20. Jahrhundert von Philipp Sarasin (Basel) und Bernd Weisbrod (Göttingen) stellten den formbildenden Charakter, den Wandel der Grenzen und der Exklusionsmechanismen der Öffentlichkeit durch die Medien in den Vordergrund. Prononciert bestritten sie einen inneren Zusammenhang zwischen den medialen Formen und Prozessen zivilgesellschaftlicher Entwicklung. Vor allem seien Geselligkeitspraktiken klar von der massenmedialen Gestalt von Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft zu trennen. Manfred Hildermeier (Göttingen) entwarf in seinem einleitenden Vortrag - in Wiederanknüpfung an Deutungen der fünfziger Jahre - ein recht positives, optimistisches Bild des ausgehenden Zarenreiches, charakterisierte es durch entwickelte 'bürgerliche Kommunikationsformen' und eine 'politisch-publizistische Öffentlichkeit', die sich allerdings nur im lokalen vorpolitischen Raum bis zu einem 'Gegenstaat' entwickeln konnte.
Guido Hausmann (Köln) zeigte in seinem Beitrag, wie der Aufstieg der Massenpresse als zentraler Veränderung medialer Bedingungen von Öffentlichkeit im ausgehenden Zarenreich sowohl die Dominanz des traditionellen publizistisch-politischen Öffentlichkeitsverständnisses der oppositionellen Intelligenz als auch die staatliche Zensur aufzubrechen begann. Zwar bildete sich eine plurale Öffentlichkeit heraus. Sie wurde aber häufig als eine diffuse, disparate und ungesicherte begriffen. Juri Murasov (Bielefeld) setzte in seinem Referat über die sozialistische Öffentlichkeit der 1930er Jahre beim Doppelcharakter der Schrift an, der einmal die Entdeckung der privaten und persönlichen Sphäre ermögliche und zum anderen die öffentliche Sphäre erzwinge. Der Schreibakt sei in Rußland immer wieder als ein kollektiver Akt dargestellt worden. Im intermedialen Wechselspiel zwischen neuen und alten Medien wurde in der sowjetischen Kultur der 1930er Jahre eine spezifische, auf Reduktion traditioneller Mehrdeutigkeit angelegte totale/totalitäre Öffentlichkeit herausgebildet.
3. Im dritten Teil der Tagung standen die Entfaltungsmöglichkeiten der legalen Vereinigungen im Zentrum. Die Referate bezogen sich fast ausschließlich auf das 19. Jahrhundert, bisher liegen kaum Forschungsergebnisse zum 20. Jahrhundert (zumal zur Sowjetunion) vor. Unstrittig war die Herausbildung neuer geselliger Praktiken, strittig blieb ihr Zusammenhang mit der Entwicklung von Zivilgesellschaft oder Demokratie. Stefan-Ludwig Hoffmann (Berlin) bezog sich auf die in den USA von Robert Putnam angestoßene Debatte um 'social capital', die den Toqueville'schen Zusammenhang von Soziabilität und politischem System aufnimmt. Er wandte sich in seinem Vortrag über die 'Politik der Geselligkeit' gegen eine romantisierende Sicht der Rolle der Vereinigungen als agencies von Fortschritt, Zivilität und Demokratie. Das Assoziationswesen in Deutschland hätte sich auch keineswegs linear, sondern eher wellenförmig entwickelt. Im Kern bestehe die Verbindung von Assoziationswesen und bürgerlicher Gesellschaft in einer beiden gemeinsamen moralischen Vision. Ein Zusammenhang von Geselligkeit, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft sei dagegen am ehesten durch jene Grenzen entstanden, mit welchen etwa Assoziationen bestimmte Personen ausschlossen und diese daraufhin ihren Zutritt einforderten und dafür gesellschaftlich agierten.
Susanne Schötz (Leipzig) zeigte am Beispiel des 'Kaufmännischen Vereins zu Leipzig' (1858-1933), daß der Verein zwar Bildung, Moralität und genossenschaftlichen Sinn bei Kaufleuten und Handelsangestellten anheben sollte, aber vor allem die Leipziger Männergemeinschaft stärkte und bis in die 1920er Jahre erfolgreich Frauen weitgehend ausgrenzte. So entstand insgesamt ein eher ambivalentes Bild des Vereinswesens in Deutschland. Demgegenüber stellte Lutz Häfner (Bielefeld) stärker die vielfältigen Möglichkeiten und Funktionen des russischen Vereinswesens im ausgehenden Zarenreich heraus. Er faßte den Verein als zentrale Vergesellschaftungsinstanz auf lokaler Ebene. Die Vereine konnten sich zwar nicht in gleichem Masse wie in Deutschland entfalten und unterlagen häufig der Willkür der Gouverneure. Als gesellige Orte, als Nachrichtenproduzenten, als Träger von Gemeinwohlvorstellungen und auch als politische Foren gestalteten und differenzierten sie aber den lokalen öffentlichen Raum. Auch Alekxander Kaplunovskij (Kazan/Berlin) wies anhand der 'Kazaner Unterstützungsvereinigung der im Handel und Gewerbe angestellten Handelsbeauftragten' eher auf die neuen geselligen Praktiken einer neuen Mittelschichtsgruppe seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hin. Zwar habe es Ausgrenzungsformen gegeben (da keine Frauen und nur Frauen zugelassen waren), aber eben auch die Prägung neuer, ständeübergreifender Lebensstile. Demgegenüber betonte Adele Lindenmeyr (Villanova) in ihrem Vortrag über die russischen Wohltätigkeitsvereinigungen deutlicher die Grenzen der Assoziierung: die zahlreichen Wohltätigkeitsvereinigungen hätten zwar viel zur Herausbildung und Stärkung von zivilen Tugenden und Werten (civic consciousness, civic pride) getan, seien aber keine 'Schule der Demokratie' gewesen und könnten insofern nicht als eine Präfiguration einer Zivilgesellschaft gedeutet werden. In der Diskussion wurden hier die zahlreichen Parallelen mit dem deutschen Kaiserreich betont.
4. Im letzten Teil der Tagung standen informelle Netzwerke im Vordergrund. Stefan Brakensiek (Bielefeld) zeigte an einem Beispiel, wie im frühen 19. Jahrhundert im Kurfürstentum Hessen-Kassel persönliche Bekanntschaften von Meinungsführern die Funktion einer politischen Öffentlichkeit übernehmen konnten. Ulrike Weckel (Berlin) wies darauf hin, daß um 1800 Lebensräume noch kaum in private und öffentliche Sphären getrennt waren und sich noch kaum von einer strikten Trennung in Gesellschaft und Staat sprechen läßt; ihr Vortrag demonstrierte anschaulich, welchen Beitrag den Geschlechterrollen bei der Trennung von Haus und Öffentlichkeit zukam. Sie betonte die prägende Kraft der in der frühen bürgerlichen Gesellschaftstheorie entwickelten Kategorien und stellte ihnen Praxisformen gegenüber, die die rhetorischen Dichotomien vielfach übersprangen und verflüssigten.
Allan Kimball (Oregon) lehnte es ab, den Zirkel, die zentrale informelle Geselligkeitsform der oppositionellen russischen Intelligenz, als Element einer entstehenden civil society im Zarenreich anzuerkennen, hob dagegen die Bedeutung der Teestuben als geselliger Ort für die Ordnung des lokalen Raumes hervor. Juri Petrov (Moskau) schließlich zeigte anhand der ökonomischen Gespräche zwischen Unternehmern und Gebildeten in Moskau nach 1905, wie informelle Formen der Geselligkeit politische Bedeutung erhalten konnten.
5. In der Schlußdiskussion wurde einerseits noch einmal betont, wie schwierig es sei, jeweils den Zusammenhang zwischen den idealtypisch bestimmten Kriterien von Öffentlichkeit herzustellen, um Öffentlichkeit als gesellschaftliches Phänomen untersuchen zu können. Auch wurde hervorgehoben, daß nicht unbedingt die Herausbildung zivilgesellschaftlicher Strukturen mit der Entstehung von Demokratie gleichzusetzen sei; ferner wurde dafür plädiert, für das 20. Jahrhundert eher den Begriff der 'Massendemokratie' zu benutzen und deutlicher von 'Zivilgesellschaft' zu trennen (Weisbrod). Immer wieder wurde auch auf die großen Unterschiede innerhalb Europas hingewiesen, etwa zwischen England ('Staat als gesellschaftliche Veranstaltung') und Rußland. Hoffmann und Weisbrod hoben die Notwendigkeit hervor, den Zusammenhang zwischen Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft noch deutlicher zu historisieren; andere Teilnehmer forderten eine stärkere Berücksichtigung des politischen Kontextes und der politischen Implikationen von entstehenden Geselligkeitsmustern. Das verdeutlicht, wie sehr die konzeptionellen Problemformulierungen zu weiteren Fragestellungen anregten.
Die Tagung ließ sich bezüglich ihrer Thematik und ihrer Ergebnisse kaum mit typischen Fachtagungen vergleichen. Sie ging insofern über den gewöhnlichen Rahmen hinaus, als weder Osteuropa oder das Zarenreich/die Sowjetunion noch Deutschland oder Westeuropa, sondern eben die Vergleichsmöglichkeit thematisiert werden sollte. Notwendigerweise sehr unterschiedliche Kompetenzen über das Zarenreich/die Sowjetunion bzw. umgekehrt über die deutsche oder westeuropäische Geschichte kamen hinzu. Dessen ungeachtet war der Versuch wichtig, tradierte Barrieren aufzubrechen, und es kam zu intensiven und fruchtbaren Diskussionen. Man sollte die Tagung als einen Anfang auf einem Weg verstehen, auf dem es noch viele gegenseitige Unkenntnisse und Mißverständnisse wegzuräumen gilt.
Guido Hausmann, Köln
E-Mail: GuidoHausmann@t-online.de
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