AHF-Information Nr. 24 vom 10.5.2000

Vielerlei Städte - Der Stadtbegriff

31. Kolloquium des Kuratoriums für vergleichende Städtegeschichte e.V.
vom 3. bis 5. April 2000

Institut für vergleichende Städtegeschichte an der Universität Münster

Angesichts der Formulierung des diesjährigen Tagungsthemas - ‘Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff’ - erübrigt sich ein näherer thematischer Hinweis auf Quantität und Komplexität. Das vom wissen­schaftlichen Vorstand des Instituts, Peter Johanek, eingangs zitierte Beispiel des alttestamentarischen Jerusalems war dahingehend gewählt und führte anschaulich vor Augen, auf welch pragmatische Weise das begriffliche Vielerlei schon frühzeitig in Gang geriet; lediglich durch zwiespältige Übersetzungen und unbekümmertes Repetieren. Als Typus war dem Mittelalter die Stadt nicht bewußt, folglich kann von dem, was jeweils selbst als Stadt bezeichnet wurde, wegen fehlender Präzision in der Vielfalt der Bezeichnungen und mangelnder Konstanz der jeweiligen Bedeutungsinhalte, wohl kaum ausgegangen werden. Ohne Blick für Ähnlichkeiten und Abweichungen und somit für das Typische können weder brauchbare Definitionen noch Theoriebildungen gelingen. So versteht sich das wissenschaftliche Bemühen um definitorische wie typisierende Begrifflichkeit als zunehmend differenzierende Um- und Abgrenzung. Dem entsprachen im Tagungsablauf drei Sektionen: Die geschichtswissenschaftliche, klassische Definition der okzidentalen Stadt, analoge Überlegungen der Nachbardisziplinen, vor allem der Geographie und Archäologie, sowie, herkömmliche Stadtvorstellungen überschreitend, ein Blick auf gegenwärtige Städte globalen Charakters.

Mit dem Thema ‘Vielfalt der Erscheinung - Einheit des Begriffs? Die Stadtdefinition in der deutschsprachigen Stadtgeschichtsforschung seit dem 18. Jahrhundert’ bot Alfred Heit, Trier, das grundlegend in Forschungsentwicklung und aktuellen Stand einführende Referat. Ausgehend von dem Gegensatz naturwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Begriffsbildung, die den defi­nitorischen Diskurs auf eine den ‘Idealtypus’ Max Webers vorbereitende Grundlage stellte, spannte der Referent einen Bogen von Zedlers ‘Universal-Lexikon’ über führende Theoretiker der Stadtge­schichtsforschung des 19. Jahrhunderts und die ‘Jüngere historische Schule der Nationalökonomie’ mit v. Schmoller und Sombart, bis zur Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg, maßgeblich vertreten durch Edith Ennen, Carl Haase und Heinz Stoob. Nachdrücklich sprach sich der Referent für eine definitorische Arbeitsteilung zwischen einer formalabstrakten und einer typologisch konkretisierenden Begriffsbestimmung aus, die eine multi- und interdisziplinäre Anwendung erleichtern soll. Auf der formalabstrakten Ebene sieht er die Begriffsbestimmung in der Bereitstellung von Kategorien organisiert (Grund-, Sach-, Modalkategorien) und definitorisch konkretisiert als kombinatorische Zuordnung der Kategorien unter dem Aspekt der Steigerung aller urbanen Merkmalbereiche; ein Leitmotiv, das auf bislang nicht rezipierte Gedanken von P. Sander zum Stadtbegriff zurückgeht.

In seinen ‘Überlegungen zur Konstruktion und Interpretation mittelalterlicher Stadttypen’ plädierte Franz Irsigler, Trier, für großräumige typologische Untersuchungen hierarchisch gut gegliederter mittelalterlicher Städtelandschaften. Grundlagen hierzu bieten die von Ennen und Haase in Bezug auf Städtelandschaften bzw. Herrschaftsbereiche erarbeiteten Kriterienbündel zur Bestimmung von Stadtqualität und somit zur Entwicklung von Typologien. Speziell verwies der Referent auf die Weiterentwicklung von Analyse- und Darstellungskonzepten durch Herrmann und Pauly sowie auf die Arbeitsgruppe im Trierer Sonderforschungsbereich 235, die ähnlich verfährt. Sie erfaßt und kartiert für mehrere Städteregionen zwischen Rhein und Maas Ausstattung und Zentralitätskriterien sämtlicher städtischen Siedlungen mit dem Ziel einen möglichst hohen Ähnlichkeitsgrad von Städten zu erhalten, um diese dann mit demselben Typenbegriff belegen zu können. Resümierend betonte der Referent, daß sich Charakterisierungen, die das Wesen einer Stadt typologisch nahezu eindeutig bestimmen, nur bei relativ kleinen Städten mit begrenzter Zahl und Reichweite ihrer Zentralfunktionen vornehmen lassen. Je größer eine städtische Siedlung, desto größer ist die Auswahl der Typisierungsmöglichkeiten, wie das abschließende Beispiel Trier zeigte, das der Referent mit der Typenbezeichnung ‘Weinstadt’ belegte; jedoch mit dem nachdrücklichen Hinweis, damit nicht das einzige charakteristische oder gar dominante Merkmal der Sancta Treveris herausgestellt zu haben.

Rechtshistorische Aspekte standen im Mittelpunkt der Ausführungen von Gerhard Dilcher, Frankfurt, zu ‘Einheit und Vielheit in Begriff und Geschichte der alteuropäischen Stadt’. Entsprechend der mittelalterlichen Stadtgenese kann dieser Ansatz erst mit Bildung und Konturierung der Kommune um 1100 einsetzen und individualisierende wie idealtypische Kriterien benennen. Auf Stadtwerdung, Gemeindeentwicklung und die Kernfrage nach der Legitimation der Herrschaft ebenso Bezug nehmend wie auf Begriffs- und Typenbildungen betonte der Referent die Abkehr von der lange Zeit vornehmlich juridisch definierten Stadt und die Hinwendung zu einem pluralen, die Ansätze Max Webers fortsetzenden Begriff für den er die voll ausgebildete mittelalterliche Stadt als rechtlichen Typus durch vier Elemente - Städtischer Friede, städtische Freiheit, Stadtrecht und gemeindlich-genossenschaftliche Verfassung - charakterisiert sieht.

Daß die ‘Städtewelt und Staatenwelt in der griechischen Antike’ ausschließlich die Bezeichnung Polis kannte, reduziert lediglich die begriffliche Vielfalt, nicht aber die definitorische; mit der Gleichsetzung von Staat und Stadt in der Bezeichnung Polis erfährt sie eine zusätzliche Steigerung. Der überblickartig strukturierte Vortrag von Peter Funke, Münster, verdeutlichte, daß in der griechischen Antike weder Bedürfnis noch Notwendigkeit nach einer begrifflichen Differenzierung bestand, auch nicht gegenüber ‘Staat’, denn die Polis war bekanntlich die oberste politische Einheit über der es keine weiteren politischen Verbindungen gab. Obschon sich Tendenzen einer Bedeutungserweiterung des Begriffs erkennen lassen - von der befestigten Siedlung archaischer Zeit zur idealtypischen Ausformung in klassischer Zeit mit gemeinsamer Rechtsordnung und urbanistisch verdichtetem Raum -, eine Typisierung ist daraus nicht abzuleiten. Anschaulich zeigte schließlich das Beispiel Athen, Polis wie rund 800 andere Siedlungen der klassischen Zeit auch, daß der Polis-Begriff bei weitem nicht ausreicht, um Wesen und Lebensraum der antiken Stadt begreifen zu können.

Die ‘Überlegungen zum Stadtbegriff’ aus der Sicht der Mittelalter-Archäologie von Heiko Steuer, Freiburg, führten zunächst in Entwicklungen, Forschungsstand und Möglichkeiten interdisziplinärer Kooperation der eigenen Disziplin ein. Mit der Erfassung von Monumentalquellen vermittelt die Mittelalter-Archäologie im Idealfall den Untersuchungsgegenstand Stadt realiter, zumindest in Grundrißentwicklungen, Umriß und Disposition von Einzelbauten sowie im dinglichen Hinweis auf Wirtschafts- und Sozialstruktur, während schriftliche oder bildliche Primärquellen eine mehr oder weniger subjektive Vorstellung von Stadt spiegeln. Allerdings bedarf auch die archäologische Sachüberlieferung der eigenen Interpretation und in Zusammenhang mit ‘Stadt’ der von Nachbar­disziplinen, in erster Linie der Kooperation mit der Mediävistik. Den Stadtbegriff kann auch die Archäologie nicht von sich aus entwickeln, aber sie liefert entscheidende Elemente für die Sach­kriterien einer Typologie und damit einer Begriffsdefinition.

Anngret Simms’, Dublin, ‘Neue Wege zur historisch-geographischen Erforschung von Stadtland­schaften in der englischsprachigen Literatur’ konfrontierten mit einer Fülle von Publikationen, die sich seit den 70er Jahren mit der Morphologie der Stadt beschäftigen; aus geographischer Sicht und der von Nachbardisziplinen wie Architektur, Kulturwissenschaft oder Soziologie. Dezidiert betonte Frau Simms den Paradigmawechsel in der Forschung nach 1970 und detaillierte die verschiedenen Ansätze bzw. Kriterien, unter denen die angelsächsische historische Geographie ‘Stadt’ - im gegebenen Fall in ihrer postmodernen Ausformung - analysiert und als ‘urban landscape’ definiert und schon im Begriff die morphogenetische wie aktuelle räumliche Komponente akzentuiert.

Einen Siedlungstypus ‘Zwischen Stadt und Dorf’, nämlich den Markt, genauer den Markt-Begriff, thematisierte Rolf Kießling, Augsburg, an oberdeutschen Beispielen. Den wesentlichen Erkenntnis­zuwachs sah der Referent weniger in der kompetent erforschten Entstehungsproblematik und der Rolle des Marktes als Stufenmodell zur Stadtwerdung als in der typologischen Dimension. Entsprechend galt sein explizit am Forschungsstand bzw. Spezialuntersuchungen orientiertes Hauptanliegen dem rechtlichen wie ökonomischen Status und im besonderen Maße der territorialen Funktion von Märkten des 14. bis 16. Jahrhunderts in Altbayern, Ostschwaben und am Oberrhein. Verbindendes Charakteristikum dieser Märkte war die Abhängigkeit von der Territorialherrschaft, von den Vorstellungen herrschaftlicher und wirtschaftlicher Durchdringung des Territoriums in der jeweils gezielt administrativ oder ökonomisch bestimmten Funktion des Marktortes. In ihrer Gesamtheit bildeten die Märkte ein wichtiges Instrumentarium der Urbanisierung und Hierarchiebildung der Städte, gesteuert mittels fördernder oder hemmender Privilegierung.

Zur Konkretisierung des Begriffs Urbanität und somit des Stadtbegriffs trug Klaus Garber, Osna­brück, mit einem kulturellen Kriterium, der ‘literarischen Kommunikation’ in der Stadt, bei. In einer wissenschaftlichen Bestandsaufnahme legte er die kulturellen Leistungen der Stadtgesellschaften in ihrer Doppelrolle als Produzent und Rezipient literarischer Texte dar: Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert, vom Angleichungsprozeß zwischen einer humanistischen Gelehrtenkultur mit eigenen Darstellungsformen und einem konventionalisierten Literaturbetrieb für breitere Rezipientenschichten bis zur Differenzierung der literarischen Stadtkultur gegen Ende des Ancien régime. Ein abschließender Blick auf europäische Nachbarländer betonte die Interdependenz von Stadttypus und Literaturbetrieb sowie literarischen Texten. Konzentrierte sich in Paris oder St. Petersburg der Literaturbetrieb des jeweiligen Landes und gerieten beide Metropolen zu bevorzugten Motiven der nationalen Literatur, so verteilte sich das literarische Leben in Deutschland in Ermangelung einer Kapitale auf zahlreiche Städte, im 18. Jahrhundert vornehmlich auf Residenzen, die indes selten den Rahmen für literarische Handlungen abgaben.

Den Stadtbegriff für alle Epochen zu diskutieren, darunter für das 19. Jahrhundert mit völlig neuen Stadttypen, hieße eine Tagung überfordern. So versetzten die ‘Anmerkungen zum Konzept der Global Cities’ das Auditorium unversehens in die Gegenwart und konfrontierten mit einem Stadttypus, den besonders die angelsächsische Forschung seit den 80er Jahren diskutiert und deren Thesen Franz-Joseph Post, Münster, instruktiv skizzierte. Von den traditionellen Weltstädten, definiert über politische, wirtschaftliche oder kulturelle Bedeutung und Größe, unterscheiden sich die Global Cities in der Konzentration auf einen einzigen Aspekt: Sie sind weltwirtschaftliche Zentren, in denen die dezentralisierten Produktions- und Kommunikationsprozesse koordiniert und kontrolliert werden; hier konzentrieren sich in sogenannten Central Business Districts die logistischen Zentralen global orientierter Unternehmen und Institutionen. Diesem definitorisch bestimmenden Kriterium ordnen Theoretiker weitere hinzu, etwa soziale Polarisierung, räumliche Segmentierung oder optimale Verkehrserschließung. Phänomene, die allesamt von der überragenden Wirtschaftsfunktion abhängen, jedoch bei weitem nicht nur Global Cities charakterisieren. Insgesamt stellt sich die Global City-Diskussion begrifflich und typologisch noch recht komplex dar; bislang weitgehend unbeachtet blieb die historische Dimension. Der Referent sah hier sowohl die Zäsur zur industriellen Stadt des 19. und 20. Jahrhunderts, als auch Kontinuitäten und Parallelen zum System kolonialer Städte, wie es im Zuge des europäischen Expansionismus der Neuzeit entstand.

Wie üblich werden die Tagungs-Beiträge in einem Sammelband der Reihe ‘Städteforschung’ des Instituts publiziert.

Michael Schmitt


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