AHF-Information Nr. 22 vom 8.5.2000
Das Institut für Europäische Geschichte Mainz veranstaltete unter der Leitung seines Direktors Prof. Dr. Heinz Duchhardt am 21./22. März 2000 in der Villa Vigoni (Menaggio, Italien) eine Konferenz über „Europäische lieux de mémoire“. Die doppelte Ausgangsfrage der Tagung war, ob Menschen vergangener Epochen seit der griechischen Antike eine Art Europabewußtsein zu eigen war und ob und wo sich für unsere Gegenwart in Altertum, Mittelalter, Früher und Später Neuzeit lieux de mémoire erkennen lassen, die geeignet sind, zur Formierung und Schärfung einer „europäischen“ Identität beizutragen. An der Konferenz nahmen 14 Wissenschaftler aus Italien, Österreich, Polen, Frankreich, Großbritannien und Deutschland teil, außerdem eine Gruppe von Studenten aus Zürich.
Die Tagung hatte den Charakter eines „tentativen“ Workshop (Duchhardt). Der Veranstalter hatte zwar die Fragestellung vorgegeben, sie aber so offen gelassen, daß die Teilnehmer alle Möglichkeiten hatten, aus ihren spezifischen Forschungsgebieten zu argumentieren und nach „europäischen“ Gemeinsamkeiten zu suchen. Bewußt politische oder politisierende Aspekte der Suche nach den europäischen Erinnerungsorten sollten auf der Tagung in der Villa Vigoni vermieden werden. Für sie war deswegen auch keine Finanzierung aus Brüssel gesucht worden, vielmehr wurde sie aus Mitteln der Thyssen-Stiftung unterstützt.
Nichtsdestoweniger ergab sich die zentrale Fragestellung der Tagung u.a. aus der Überzeugung ihres Initiators, daß eine Wechselwirkung zwischen Politik und Geschichtswissenschaft unvermeidlich sei. Somit rückten ins Zentrum der Diskussion neben grundsätzlichen methodischen Überlegungen verortbare Ereignisse, kulturelle und politische Erinnerungsorte, die zur Herausbildung eines gemeinsamen europäischen Bewußtseins beigetragen hatten oder als solche interpretiert werden könnten. Die Teilnehmer der Konferenz sind in fruchtbaren Diskussionen zu komplexen und weiterführenden Schlußfolgerungen gekommen mit dem Fazit, daß die Historiker der Gegenwart sich den Prozessen der Formierung der europäischen Identität nicht entziehen können - und dies in der Regel auch nicht wollen.
Zu den methodischen Überlegungen haben namentlich zwei Referate beigetragen: von Günther Lottes (Potsdam) und Johannes Paulmann (München). In vier Thesen präsentierte Lottes seinen Vorschlag zur Problematisierung der europäischen lieux de mémoire. Er verwies erstens auf die Objektivation des Gedächtnisses und hob die Unterscheidung der tatsächlichen Erinnerungsorte von ihren Konstrukten hervor. Zu den ersten könnten z. B. real verortbare historische Erscheinungen zählen wie in der Frühen Neuzeit die Gelehrtenrepublik oder die höfische Gesellschaft, aber auch Personen, Universitäten, Bibliotheken, Kulturwerke von europäischem Rang, literarische Stoffe etc. Im Unterschied dazu wären die Erinnerungstopoi den Konstrukten der Erinnerungsorte zuzurechnen. Genannt wurden in diesem Zusammenhang: Wirksamkeit von Feindbildern, von Katastrophen wie Pest, Hunger oder Krieg, schließlich Wirksamkeit von Kommunikationsereignissen und ihrer Stilisierung. In einer zweiten These bezeichnete Lottes Erinnerung als eine von der Gegenwart gesteuerte Konstruktion, in der dritten verknüpfte er Erinnerung jeweils mit der Erinnerungsgemeinschaft (Familie, Stadt, Region etc.), schließlich machte er in seiner vierten These die Teilnehmer auf die Frage der Erinnerungshorizonte aufmerksam.
Johannes Paulmann entwickelte zwei Modelle des öffentlichen Umgangs mit Geschichte im Spannungsfeld der Konzepte der „Invention of Tradition“ (Hobsbawm) und der „Lieux de mémoire“ (Nora). Im Hobsbawmschen Ansatz des „Erfindens der Tradition“ kennzeichnete er den unvermeidlichen Bruch mit der eigentlichen Tradition als Voraussetzung für den Einsatz dieses historischen Konzepts im öffentlichen Umgang mit Geschichte. „Invention of Tradition“ gewährleiste keine gerechte oder einheitliche Betrachtung des tradierten Gedächtnisses. Sie setze die Unterscheidung zwischen der beibehaltenen, der wiederbelebten und der wirklich erfundenen Tradition voraus und funktionalisiere diese nationalpolitisch. Der von Pierre Nora entwickelte Ansatz der lieux de mémoire dagegen gewähre der Geschichtschreibung größere Vorteile. Die Geschichte wäre hier zwar aus dem Gefühl des Verlustes heraus empfunden und geschrieben, sie erfahre aber keine Gleichsetzung mit der Erinnerung.
Abgesehen von diesen beiden methodisch unterschiedlich orientierten Beiträgen sind die Referenten den Vorgaben des Veranstalters gefolgt und suchten im jeweiligen Untersuchungsbereich nach europaverbindenden und -gestaltenden Momenten. Einen - bezüglich der Europäisierungsmöglichkeiten der älteren Geschichte - skeptischen Einstieg in die Diskussion lieferte der Beitrag von Peter Funke (Münster), denn trotz einer noch im 19. Jahrhundert als selbstverständlich geltenden Rezeption der griechischen und der antiken Welt und ihrer Kultur insgesamt seien ihre Modelle für das 20. Jahrhundert recht problematisch. Auch die Griechenbegeisterung des 19. Jahrhunderts sei zwar eine europaweite, aber keine europäische Bewegung gewesen. Jedes Land suchte darin spezifische Zugangsmöglichkeiten und Lösungen für eigene nationale Belange. Da aber Funke in der griechischen Geschichte keine (im Sinne Noras) lieux, sondern (im Duchhardtschen) nach konstitutiven Faktoren der spezifisch europäischen Gedächtniskultur suchte, glaubte er diese in zwei Elementen der antiken Welt zu finden: in der Tatsache der "Entstehung des Politischen" und in der "Verstaatlichung der Polis". In der Ablösung der alten Strukturen zugunsten der Politisierung der Polis und an der Politisierung der Bürger in der Polis selbst könnte der Historiker (auch in seiner politischen Funktion) jene Elemente sehen, die europafördernd und -bindend wirkten und wirken. Im Prozeß der Atomisierung der griechischen Staaten, der Organisierung der Polis in einem Bund und einer Schaffung föderativer Staatsstrukturen der Bundesstaaten könnte man heute eine für ganz Europa modellhafte Weltvorstellung erkennen.
Auf die Kulturbedeutung der gesamten Antike (im Sinne Max Webers) verwies Wilfried Nippel (Berlin). Auch hier wurde zwar die Gemeinsamkeit der europäischen Kultur mit ihren Wurzeln und ihrer Tradition angedeutet, die Gültigkeit des antiken Erbes für die europäische Gedächtniskultur des 20. Jahrhunderts jedoch stark angezweifelt. Als mögliche Gemeinsamkeiten der europäischen Erinnerung nannte Nippel solche antike Elemente wie Achtung der Rechte, Pluralität, das Konzept der individuellen Freiheit und die Entwicklung des Bürgerbegriffs, stellte jedoch zugleich fest, daß es im Grunde spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keine allgemeine Diskussionsebene, die sich auf die Antike beziehe, mehr gebe. Antike Beispiele wären lediglich noch als Kommunikationsbasis vorhanden. An zwei Beispielen der Diskussion über die Eigenart der Führungsstrukturen (Weber) und der Kategorie des Cäsarismus (Mommsen) zeigte Nippel, daß es heutzutage grundsätzlich keine Möglichkeit mehr gebe, durch den Rekurs auf die Antike ein gemeinsames europäisches Bewußtsein zu schaffen.
Einen weniger skeptischen Einblick in die Mäander der Entstehung von Erinnerungsorten für das Mittelalter eröffneten Bernd Schneidmüller (Bamberg) und Jean-Marie Moeglin (Paris). Schneidmüller konstatierte zwar den Vorrang der in der französischen Forschung stark präsenten nationalen Erinnerungsorte, stellte jedoch zugleich fest, daß es einen ähnlichen europäischen Bezugsrahmen wie in Frankreich nicht gegeben habe. Somit weise auch das Mittelalter wenig gemeinsame Erinnerungsorte auf. Denn selbst für die europäische Verortung eines Karl des Großen hätte man Europa (wenigstens seit der römischen Einbindung) gar nicht gebraucht. Trotz dieser Feststellung konnte aber Schneidmüller konkrete, für Europa gemeinsame Momente andeuten, denen in seiner Auffassung europäische Bezüge eigen waren. Die Dreiteilung der Welt wäre in diesem Zusammenhang zu nennen, fokussiert in einem zwar nicht europäischen Ort (Jerusalem), der aber die Quelle europäischer Vorstellungen schlechthin war. Zu weiteren europäischen Momenten gehörten – in der Auffassung Schneidmüllers – die schichtenübergreifene Pilgerschaft nach Palästina, das Endzeitbewußtsein in der Verknüpfung mit Jerusalem, aber auch das damit verbundene Gefühl der fremden Ursprünge europäischer Kultur, Religion und politischer Herkunft. Europa sei aus demographischer Unruhe entstanden, aus dem Wissen über die Migrationsdynamik. Auch das im Mittelalter präsente römische Erbe, das sich in der dreifachen Tradition der städtischen, kaiserlichen und kirchlichen Romidee niederschlage, zählte zur europäischen Gemeinsamkeit. Die Vielfalt der europäischen Erinnerungsorte, die sich aus dieser Perspektive eröffne, könnte man wiederum schlaglichtartig in der monarchischen Organisation Europas, der gesellschaftlichen Gliederung der mittelalterlichen Welt, im Netzwerk der Bildungsstätten, letztendlich auch in der Hierarchie der unterschiedlichen Erinnerungsorte fassen.
Moeglin machte in seinem Beitrag auf die europäischen lieux de mémoire aufmerksam, die mit dem geographischen Phänomen Europa im Mittelalter verbunden waren. Seiner Auffassung nach waren es zwei Wirklichkeiten, die miteinander konkurrierten: die Christianitas und die Christenheit. Die Christianitas zeigte sich europäisch in der Figur des Papstes, in den ökumenischen Konzilien, den Pilger- und Kreuzzügen nach Palästina. Das zweite Auge der Christianitas habe Konstantinopel gebildet, und damit sei die Christenheit ins Blickfeld der europäischen Welt gerückt. Diese Welt habe sich zwar als europäische Gelehrtenrepublik definiert, es sei jedoch fraglich, ob diese Vermessbarkeit Europas in seiner Kultur zugleich europäisches Bewußtsein geschaffen habe. Als positives Beispiel für eine europäische Rezeption eines historischen Ereignisses in künstlerischer Form nannte Moeglin den Kasus der Bürger von Calais, die in das europäische Bewußtsein erst in der Gestalt eines Denkmals (Rodin) und eines Theaterstücks (Kaiser) gedrungen seien. Einen ähnlich symbolischen Charakter von europäischem Ausmaß schrieb in seinem Beitrag Hermann von der Dunk (Utrecht) dem Wiener Kongreß zu.
Ein weiterer Aspekt der europäischen Erinnerungskultur und der Bildung gemeinsamer lieux de mémoire kam in den Referaten der beiden Osteuropahistoriker Robert Evans (Oxford) und Manfred Hildermeier (Göttingen) zutage. Evans bediente sich in seinem Beitrag des Begriffs der europäischen Peripherie, und nachdem er festgestellt hatte, daß „europäische Geschichte“ in England erst in Ansätzen betrieben worden sei, zeigte er am Beispiel der Fallstudie Ostmitteleuropa, wie der Europagedanke zur Zeit des Humanismus Einbindung in die europäischen Formen der Gelehrsamkeit suchte. Hildermeier verwies in seinem Referat darauf, wie offensichtlich die politischen Veränderungen in Rußland und der Sowjetunion europaweit rezipiert worden seien. Diese Rezeption habe durchaus europäische Erinnerungsorte konstituiert, wie Hildermeier am Beispiel der Eroberung von Moskau durch Napoleon 1812, der Schlacht bei Stalingrad 1943 und des Militärputsches 1993 in Moskau zeigte.
Vor dem Hintergrund der Erfahrung des 20. Jahrhunderts konstruierte Gustavo Corni (Trento) eine Kategorie der privaten und öffentlichen, der nationalen und lokalen europäischen Erinnerungsorte. Die Präsenz der Erinnerung an die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs sei nach wie vor für unser Jahrhundert enorm prägend, obwohl sich das persönliche Gedächtnis oft von dem offiziellen oder dem eines anderen stark unterscheidet. Die individuelle Erinnerung füge sich schwer in das Konzept des gemeinsamen lieux de mémoire, lasse jedoch den jeweiligen Erinnerungsort aus unterschiedlichen Perspektiven zum Ort des Gedächtnisses aufsteigen, der auch negativ oder als Mahnmal konnotiert werden könne.
Die Tagung über die „Europäischen lieux de mémoire“ änderte zum Schluß bewußt ihre europäische Perspektive zugunsten einer nationalen Betrachtungsweise, die in einem Referat über Polens Selbstverortung in der europäischen Geschichte (Malgorzata Morawiec, Mainz) zum Ausdruck kam.
Malgorzata Morawiec
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