AHF-Information Nr. 17 vom 22.3.2000

Das 3. Münchner Bohemisten-Treffen
und die Themen der deutschsprachigen „Bohemistik“

Veranstaltung des Collegium Carolinum
am 5. März 1999 in München

Zum 5. März 1999 lud das Collegium Carolinum wiederum zu einem interdisziplinären Erfah­rungsaustausch ein. Zum 3. Münchner Bohemisten-Treffen kamen mehr als 100 Teilneh­merinnen und Teilnehmer aus Deutschland und Österreich. Im Mittelpunkt standen neben allgemeinen Überlegungen zur Bohemistik und gesellschaftshistorischen Vorhaben vor allem literarhistorische Forschungen. Der Bohemistik im engeren, klassischen Sinne der Literaturwissenschaft war ein ganzer Halbtag gewidmet. Vorbereitend war dazu auch ein Überblick über laufende literatur- und sprachwissenschaftliche Arbeiten zur Bohemistik im deutschsprachigen Raum zusammengestellt worden (Exposé 1), das die Vielfalt der Fragestellungen für die tschechische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt. Diese Schwerpunktsetzung hat zur Folge, daß erstmals Slawisten in größerer Zahl, vor allem aus Berlin, Potsdam, Leipzig, Regensburg und München, an dem Treffen teilnahmen und damit die Gewichte der vertretenen Fächer sich von rein historischen auf ein breiteres Feld kulturwissenschaftlicher und philologischer Themen verschoben. Auch wenn deutlich war, daß der interdisziplinäre Dialog, selbst dann nicht einfach ist, wenn es „nur“ um knappe Grundinformationen über konzeptionelle und methodische Ansätze von Projekten geht, so erweist sich im Bereich bohemistischer Forschungen eine verstärkte Zusammenarbeit von Slawisten und Historikern als naheliegend und ausbaufähig.

Einleitend kam es auf dem Bohemisten-Treffen im März 1999 zu einer eingehenderen Diskussion über fachliche Grundfragen der deutschsprachigen Bohemistik im weitesten Sinne, über ihre Inhalte, Methoden, Fragestellungen und ihre regionale Reichweite. Als unverzichtbar wurden dabei besonders vergleichende Ansätze und die Einbettung bohemistische Phänomene in mittel-, ostmittel- oder gesamteuropäische Kategorien gesehen. In seinem einführenden Beitrag ging der Organisator der Treffens, Robert Luft (München), der Frage nach „Ist die deutschsprachige Bohemistik auf dem Weg zu einem Fach Bohemian Studies?“. Im Spannungsfeld von sich auflösenden traditionellen Fachgrenze und rasant zunehmender Spezialisierung sprach er sich gegen die Kanonisierung eines Faches „Böhmen-Mähren-Forschung“ aus. Er plädierte vielmehr für eine methodisch innovative, informelle Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg, die sich an Gemeinsamkeiten regional definierbarer Forschungsobjekte orientiert. Unverzichtbar seien dafür gründliche Kenntnis und Austausch mit der internationalen, insbesondere der tschechischen und slowakischen Forschung.

In der Diskussion wurden die Funktion neuer Fragestellungen und ihr Zusammenhang mit der notwendigen Erschließung unbekannter und unberücksichtigter Quellen bzw. Materialien für künftige Forschungsstrategien thematisiert. Erörtert wurde auch die Größe eines Raumes von entsprechenden Area Studies. Allgemein wurden die böhmischen Länder bzw. Tschechien und die Slowakei als zu kleine Region angesehen, da erst der interregionale Vergleich innerhalb Area Studies Rückwirkungen auf spezifische nationale und internationale wissenschaftliche Diskurse habe könne. Die Vorschläge für geeignete kulturell oder historisch-politisch faßbare Räume reichten vom Umfang eines habsburgischen Mitteleuropa über ein durch mentale Verwandtschaften gekennzeichnetes Zentraleuropa oder die Interferenzzone ostmitteleuropäischer kultureller Gemengelagen bis zu einer generellen Europäistik. Kritisch wurde zudem angemerkt, daß in Deutschland die außerwissenschaftlichen Berufsfelder für Bohemisten noch ungenügend erschlossen seien, andererseits aber auch noch zu wenige Wissenschaftler sich mit bohemistischen Themen beschäftigten. An die rege Diskussion schloß sich die Kurzvorstellung der 28 eingesandten Exposés an (im Anhang aufgelistet), soweit die Autorinnen und Autoren anwesend waren.

Wie bei früheren Bohemisten-Treffen folgte darauf die Vorstellung ausgewählter laufender Forschungsvorhaben (von der Dissertation bis zum Großprojekt mit mehreren Mitarbeitern) aus verschiedenen Disziplinen den Bereichen unter den Gesichtspunkten Problemstellung, Aufbau, Methoden und Quellen des jeweiligen Projekts. Peter Heumos (München) stellte das von der VW-Stiftung geförderte Projekt des Collegium Carolinum zur Sozialgeschichte der Industriearbeiterschaft in der Tschechoslowakei 1948-1989 vor. Ausgehend von der Feststellung, daß soziale und politische Bewegung in der Tschechoslowakei in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht mit einander korrelierten, fragt er danach, welche Kräfte (die kommunistische Partei, die Gewerkschaften, die Klassen, das politische System, die totalitäre Herrschaft) für Veränderungen im politischen, sozialen und ökonomischen Lebensfeld der Industriearbeiter verantwortlich waren und welche autonomen Interessen angesichts der Ausbildung des kommunistischen Herrschaftssystems fortwirken konnten. Dabei sind die Gewerkschafts- und Betriebsarchive ergiebiger als die Akten von KPTsch und staatlicher Verwaltung.

Ein personell wie thematisch sehr anspruchsvolles Vorhaben stellt auch der von Peter Urbanitsch (Wien) vorbereitete internationale Themenband „Sozialgeschichte der Habsburgermonarchie 1848-1918“ dar. Nicht nur die verschiedenen Regionen und nationalen Kulturen des Vielvölkerreiches sollen bei der Darstellung der wichtigsten sozialen Gruppen Berücksichtigung finden. Vielmehr sollen die unterschiedlichen sozialmoralischen Milieus und einiger Hauptbereiche mentaler und lebensweltlicher Sphären mittels eines Methodenpluralismus erschlossen werden.

Der Wiener Fürstentag von 1515, eines der größten höfischen Feste in Spätmittelalter und Frühneuzeit mit politisch weitreichenden Folgen, bearbeitet Herbert Schmid (Hof) unter strukturgeschichtlichem und verfassungsrechtlichem Blickwinkel, wobei die bislang dominierende Perspektive aus Sicht des Heiligen Römischen Reiches durch die Einbeziehung osteuropäischer Zusammenhänge und Quellen korrigiert werden soll. Die Frage des Generalvikariats im Reich wird dabei mit der Adoptionspraxis zwischen den Habsburgern und den Ostmitteleuropa beherrschenden Jagiellonen (insb. Ludwig von Böhmen und Ungarn) in Verbindung gesetzt.

Im Rahmen der Präsentation neuer literatur-, sprach-, und kulturwissenschaftlicher Forschungsvorhaben wurde von Renata Sirota-Frohnauer (Regensburg) auch Struktur, Aufgaben und Projekte des Bohemicums Regensburg-Passau vorgestellt. Den Zerfall der genuin polyphonen und übernationalen austriakischen Kulturidentität in mehrere nationale Kulturen und Literaturen thematisiert Gudrun Langer (Frankfurt/Offenbach) exemplarisch am Werk von Karel Hynek Mácha. Mácha, der mit seinem an der melancholischen gemein europäischen Romantik und dem Byronismus orientierten Werk dem Zeitgeist des Národní obrození entgegenstand sei erst im Rahmen einer literarisch-wissenschaftlichen Umwertung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur nationalen Ikone geworden. Zielsetzung ist es, diesen Vorgang nachzuzeichnen, bei dem ein „minimaler Fremdheitsgrad“ maximiert wurde.

Dorothea Müller (Leipzig) fragt nach den philosophische Dimensionen im – bislang nicht ins Deutsche übersetzte – Frühwerk Karel Capeks (vor 1918). Angesichts der Grundlagenkrise der Wissenschaften, des Umbruchs vom Positivismus zur relativistischen Wissenschaft nach 1900 sei in Prag auch eine literarisch-künstlerische Diskussion über Raum-, Zeit- und Wertvorstellungen entstanden, in die der junge Capek polarisierend eingriff. Seine Abgrenzung von den Konzepten eines inneren und höheren Zusammenhangs im Symbolismus und in der Dekadenz ab und sein Versuch, seine philosophische und ästhetische Sicht der Welt literarisch zu verarbeiten, sollen erschlossen werden.

Die Besonderheiten der Wechselbeziehung von Wort- und Bildkunst und deren Auswirkung auf die ästhetischen und poetischen Qualitäten untersucht Josef Vojvodik (München/Gmund) am Beispiel des tschechischen Surrealismus der dreißiger und vierziger Jahre, die damit einen eigenständigen Beitrag zum europäischen Surrealismus lieferten. Die Formen reichen von der poetische Benennung artifizialistischen Bilder durch Dichter und Schriftsteller über die Implementierung von Schrift in verschiedenen Schichten in ein Kunstwerk und die bildnerische Gestaltung von Texten bis zu lesbaren buchartigen Kunstobjekten. Phasen, Typenbildungen und Kategorien beider Kunstrichtungen werden unter den Gesichtspunkten von Erinnern, Empfinden und Identität erschlossen.

Die genannten Forschungsvorhaben sind nicht untypisch für die insgesamt auf den drei Bohemisten-Treffen von 1997 bis 1999 schriftlich und mündlich vorgestellten rund 69 bohemistischen und slowakistischen Projekte (vgl. das Gesamtverzeichnis unter http://www.collegium-carolinum.de/fors/bohtr-pr.htm). Es dominieren Fragestellungen, die entweder Fachgrenzen überschreiten oder zwei Disziplinen zugleich in den Blick nehmen (ca. 13 Projekte) und solche, die regional oder kulturell komparativ bzw. beziehungsgeschichtlich angelegt sind (ca. 20 Projekte). Hinsichtlich der Disziplinen ergibt sich eine Übergewicht von Geschichts- und germanistischen und slawistischen Literaturwissenschaften. Vertreten sind zudem Kultur-, Kunst-, Musik-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sowie Soziologie und Theologie. Chronologisch steht die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts (einschließlich der Zeit des Nationalsozialismus) mit 27 Arbeiten im Blickpunkt der Aufmerksamkeit und hat damit dem langen 19. Jahrhundert (15 Arbeiten) und insbesondere der breiteren Nationalismusforschung, die anfangs noch dominierte, inzwischen den Rang abgelaufen. Für das böhmisch-mährische Mittelalter werden zur Zeit, soweit bekannt, einzig Fragen des Hussitismus im deutschen Sprachraum erforscht, einige wenige Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Frühneuzeit. Der tschechoslowakischen oder sudetendeutschen Zeitgeschichte, wenn man sie mit 1945 beginnen läßt, widmen sich elf Vorhaben, während zu aktuellen tschechischen und slowakischen Themen (nach 1989) sechs Forschende Projekte vorstellten. Dieses Ergebnis gibt vermutlich nur für Geschichts- und Literaturwissenschaften einigermaßen repräsentativ den Stand der in Deutschland, Österreich und der Schweiz laufenden bohemistischen und slowakistischen Arbeiten wieder, nicht jedoch für die Politik- und Wirtschaftswissenschaften, die bislang auf den Münchner Treffen kaum vertreten waren.

Anhang

Verzeichnis der 1999 eingereichten Exposés über laufende Forschungsarbeiten (die Exposés werden vom Collegium Carolinum auf Wunsch zugesandt):

Nr. 1:

Übersicht über laufende literatur- und sprachwissenschaftliche Arbeiten aus dem Bereich der Bohemistik in Deutschland, soweit diese dem Collegium Carolinum mitgeteilt wurden.

Nr. 2:

Philosophische Dimensionen im Frühwerk Karel Capeks (Dorothea Müller, Leipzig)

Nr. 3:

Nationale Repräsentation und europäische Modernisierung in der Architektur der Metropolen Prag und Brünn (Alena Janatková, Leipzig)

Nr. 4:

Nationalsozialistische Judenverfolgung im „Reichsgau Sudetenland“ und im Protektorat Böhmen und Mähren 1938-1945 unter besonderer erücksichtigung von Enteignungen und „Arisierungen“ (Jörg Osterloh, Dresden)

Nr. 5:

Dialogizität in der tschechischen Avantgardebewegung des Poetismus (Irina Wutsdorff, Berlin)

Nr. 6:

Deutsche Soldaten in der tschechoslowakischen Armee 1918-1938 (Martin Zückert, Freiburg i.Br.)

Nr. 7:

Die Deutschen in Preßburg/Pozsony/Bratislava 1900-1920: Identität und Realität einer Stadt und ihrer Einwohner (Christoph Reckhaus, Köln)

Nr. 8:

Josef Dobrovský und die Literatur. Frühe bohemistische Forschung zwischen Wissenschaft und nationalem Auftrag (Markus Wirtz, Bamberg/abgeschlossene Dissertation)

Nr. 9:

Hussitische Propaganda: Corpus hussitischer Manifeste (Stand der Arbeiten) (Karel Hruza, Wien)

Nr. 10:

Die nationale Politik des Bundes der Landwirte in der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Eine Analyse der Kooperation zwischen Tschechen und Deutschen 1918-1929 (Silke Sobieraj, Freiburg i.Br./Basel)

Nr. 11:

Das Bild der Stadt Prag in der Prager deutschen Literatur (Susanne Christine Fritz, Dresden)

Nr. 12:

Die nationale Frage in gemischtnationalen Grenzländern am Beispiel des Teschener Landes (Tešínsko/ Slask Ciesyznski) 1910-1947 (Jörg Kracik, Berlin)

Nr. 13:

Das Bildungsprojekt der Euregio Egrensis (Eugenie Trützschler von Falkenstein, Erfurt)

Nr. 14:

Zur Frage des deutsch-tschechischen Schüleraustausches (Erich Illmann, Mainz)

Nr. 15:

Intendierte und tatsächliche Sprachwirklichkeit in Böhmen 1740.1918 (Stefan M. Newerka, Wien)

Nr. 16:

Johann Wenzel Pohl und sein Werkschaffen (Stefan M. Newerka, Wien)

Nr. 17:

Tschechisch im Internet – Die Sprache tschechischer Personal Homepages im World Wide Web (Stefan M. Newerka, Wien)

Nr. 18:

„Rückkehr der kapitalistischen Stadt?“ – Ein Vergleich zwischen der Stadtentwicklung in Ostdeutschland und Tschechien seit 1990 (Annett Steinführer, Leipzig)

Nr. 19:

Lodz und Brünn 1900-1930: Industrie, Klasse, Nationalität (Andreas Hofmann / Annett Steinführer, Leipzig)

Nr. 20:

Deutschsprachige Literatur aus Prag und den böhmischen Ländern 1900-1939 (Diether Krywalski, Geretsried)

Nr. 21:

Entwicklung historischer Schloßgärten in Böhmen zur Zeit Maria Theresias (Stefan Sakreida, Berlin)

Nr. 22:

Das Ringen um die häufige Laienkommunion in Böhmen im ausgehenden 14. Jahrhundert (Ole Fredrik Kullerud, Budapest/Oslo)

Nr. 23:

Der tschechische Surrealismus: Zur Problematik der Beziehungen von Text und Bild (Josef Vojvodík, Gmund/München)

Nr. 24:

Der Wiener Fürstentag von 1515 – Ein Beitrag zur Frage nach der verfassungsrechtlichen Stellung des Römischen Königtums im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit anhand der Verleihung des Generalvikariats und der Adoption Ludwigs von Böhmen und Ungarn durch Kaiser Maximilian I. (Herbert Schmid, Hof)

Nr. 25:

Richard Weiner und seine Zeit (Filip Charvát, Berlin)

Nr. 26:

Die szenische Poetik Bozena Nemcovás. Erzählte Szenarien in ihren Briefen, Reiseskizzen, Erzählungen und in Babicka (Katrin Berwanger, Potsdam)

Nr. 27:

Deutsch-, tschechisch- und lateinischsprachige Johannes-von-Nepomuk-Predigten des 18. Jahrhunderts in Böhmen (Kristina Kallert, Regensburg)

Nr. 28:

Russische Emigranten in der Tschechoslowakei zwischen den Weltkriegen (Isabel Jochims, Köln)

Nr. 29:

Reform und Modernisierungsdiskurse in der CSSR und der DDR vor dem „Prager Frühling“ 1962-1968 (Maria Köhler-Baur, Dresden)

Zudem lagen 1999 Informations- und Werbematerialien von wissenschaftlichen Einrichtungen und von Verlagen (Handbuch der Historischen Stätten: Böhmen und Mähren; Zeitschrift Kolon, J.P. Purkyne-Universität Aussig/Ústí nad Labem) aus.


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