AHF-Information Nr. 16 vom 22.3.2000
In seiner Einführung in die Tagung hob Prof. Dr. Ulrich Köpf, Universität Tübingen, die schwere Hypothek hervor, die Melanchthons Schicksal in der Forschung kennzeichnete: Melanchthon ist nie aus dem Schatten Martin Luthers hervorgetreten. Nach dem zweiten Weltkrieg habe ihn vor allem sein Humanismus verdächtig gemacht, der als anti-reformatorisch gedeutet wurde. Erst heute beginnt eine Neubewertung seines Lebens und Wirkens mit dem Versuch, Melanchthon aus der schicksalhaften duografischen Perspektive neben Luther herauszuheben. Die letzten Jahrzehnte haben hierfür eine Jahrhundertleistung vollbracht, vor allem die kritische Edition des Briefwechsels Melanchthons der Melanchthon-Forschungsstelle in Heidelberg, aber auch die jüngsten Forschungen des Melanchthonhauses. Mit seinem Festvortrag „Philipp Melanchthon. Biblischer Theologe der Neuzeit“ eröffnete der diesjährige Preisträger aus Philadelphia/PA, Prof. Dr. Timothy Wengert, den Internationalen Kongress zur Melanchthonpreisverleihung. Als Kennzeichen der neuen biblischen Theologie Melanchthons betonte Wengert eine dreifache Hermeneutik: Suche nach einer einfachen Erklärung der Schriften durch eine gute biblische Interpretation anstelle von Auslegungslabyrinthen; zweitens werde Exegese immer zugleich auch zum Gebet; drittens schließlich verfolge Melanchthon das Ziel der Schlichtheit anstelle von Vollständigkeit, wie sie manch andere Exegeten bevorzugten. In seinem Beitrag „Zum Streit zwischen Philippisten und Genisolutheranern“ ging Prof. Dr. Gunther Wenz, Universität München, einem doppelten wirkungsgeschichtlichen Umstand nach: jenes mit diesem Streit verbundene Charakterbild eines schwankenden Melanchthons wie auch der – im Blick auf die gegenwärtigen Diskussionen um die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ - systematischen Frage nach der Stellung der Rechtfertigungslehre im synergistischen Streit und in den majoristischen und antinomistischen Auseinandersetzungen. In seiner Studie über „Die Nützlichkeit als Kriterium der Theologie bei Philipp Melanchthon“ stellte PD Dr. Sven Grosse, Universität Marburg, den konstitutiven Praxisbezug der Theologie heraus. Ziel der melanchthonischen Theologie sei nicht so sehr eine spekulative Erkenntnis als vielmehr die Erkenntnis der Wohltaten Christi. Dr. Philippe Buettgen, Universität Paris, widmete sich in seinem Beitrag „Anti-melanchthonische Polemik im sog. Hoffmann-Streit nach 1575“ einer der heftigsten Kontroversen um die Jahrhundertwende zum 17. Jahrhundert. In dieser Polemik ging es nicht nur um das Abendmahlsverständnis, sondern auch um das Verhältnis von Theologie und Philosophie, d.h. um die Legitimität der Philosophie in Diskursen der Theologie. Die „Resonanz der nicht-theologischen Lehrbücher Melanchthons“ zeichnete Prof. Dr. Barbara Bauer, Universität Marburg, nach. In ihrer Übersicht teilte sie die Rezeption der Lehrbücher durch Anhänger und Gegner in fünf Gruppen ein: die Überwindung einer Kommentierung von „De anima“ durch die Sachlogik Jacopo Zabarellas nach 1600. Zweitens: Melanchthons Deutung weltgeschichtlicher Ereignisse als providentielle Lenkung durch Gott (K. Peucer). Drittens: die Begründung der Gesellschaftslehre im Naturrecht (Johannes Oldendorp). Viertens: die Begründung der Physik in der „doctrina christiana“ (Thomas Erastus und Stathmion). Und schließlich: Melanchthons Überzeugung rationaler Argumentation und formallogischer Analyse in den Glaubensstreitigkeiten (Alstedt, Goclen, Keckermann). „Die erste philosophiehistorische Deutung Melanchthons bei Johann Jakob Brucker“ in Deutschland war Thema des Beitrags von Prof. Dr. Wilhelm Schmidt-Biggemann, Universität Berlin. Nach Schmidt-Biggemann war Brucker grundsätzlich von der Aversion sowohl gegen einen spekulativ-spiritualistischen Platonismus wie auch gegen einen katholischen Aristotelismus geprägt. Melanchthon werde als Muster eines christlichen Aristotelismus in pädagogischer Absicht ohne jegliche Metaphysik vorgestellt, ein Topos, der letztlich auf Melanchthons Freund Camerarius zurückgeht. Der Philosophiegeschichte nach Brucker widmete sich der Beitrag von PD Dr. Ulrich Johannes Schneider, Wolfenbüttel. Melanchthon sei mit dem Stigma des Aristotelismus versehen worden, um ihn so besser aus der Philosophie ausschließen zu können. Allerdings konnte Melanchthon nicht leicht ignoriert werden, nicht nur aufgrund der Darstellung Bruckers, sondern vor allem aufgrund seiner herausragenden Rolle an der Seite Luthers. „Melanchthons Wirkung im angelsächsischen Raum“ stand im Mittelpunkt der Untersuchung Prof. Dr. Christoph Schwöbels, Universität Heidelberg. Melanchthon war überall als Vermittler geschätzt. Schon im 16. Jahrhundert sei Melanchthon etwa in England geschätzt gewesen auf der Suche nach einer ökumenischen Verständigung in der reformatorischen Bewegung. Auch in den USA war Melanchthon eine Vermittlergestalt, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts sogar zu einer eigenen Melanchthon-Synod geführt hatte. Gleichzeitig habe er immer als Vertreter einer eher liberalen Strömung gegolten. Der Stellung „Melanchthons in Schellings Philosophie der Mythologie“ widmete sich der Beitrag von Dr. Günter Frank, Bretten. Für Schelling gehörte Melanchthon noch ganz zur Metaphysik des Mittelalters, nicht zur von ihm postulierten freien, philosophischen Religion, weil die Gottesvorstellungen sich nicht im Bewußtsein selbst zeugen, sondern gebunden sind an Autoritäten wie dem natürlichen Erkenntnisvermögen. Für die Kirchen und Dogmengeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts konstatierte Prof. Dr. Ulrich Köpf, Universität Tübingen, genau jenes wirkungsgeschichtliche Charakterbild Melanchthons, das bis weit in die Gegenwart wirken sollte: Melanchthon als Talent, Luther als Genius! An diesem Melanchthonbild hatte dabei auch die frühe katholische Kirchen- und Dogmengeschichte ihren Anteil, die immer wieder auf dessen schwankenden Charakter (J.A.Möhler), bzw. auf die „Unbestimmtheit und Schlüpfrigkeit“ Melanchthons (I. Döllinger) verwiesen hatte. Ein Jahrhundertereignis und der Beginn einer neuen Würdigung stellten erst die Publikationen der Schriften Melanchthons (Corpus Reformatorum) seit 1834 dar. Prof. Dr. Günther Wartenberg, Universität Leipzig, gab einen instruktiven Einblick in das 400. Jubiläum Melanchthons in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens. Auch hier erwies sich die zweifache Würdigung Melanchthons als eines Lehrers an der Seite Luthers, mit schwachem Charakter (konservative Deutung), und als Inbegriff eines kirchlichen Aufbruchs in ein geordnetes Bett, indem Melanchthon die reformatorische Theologie mit dem Humanismus verbunden hatte (vermittlungstheologische Deutung). Dr. Albert de Lange, Heidelberg, zeichnete Melanchthons Spuren in der liberalen Theologie in den Niederlanden im 19. Jahrhundert nach. Bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts hatte Melanchthon vor allem Einfluß auf die Remonstranten und Arminianer, nach 1650 habe er jedoch kaum mehr Resonanz erfahren. Erst im 19. Jahrhundert fand eine Melanchthon-Renaissance statt, getragen vor allem durch die 1830 errichtete Groninger Schule, die Melanchthon wegen seiner irenischen Gesinnung – dies entsprach der Intention dieser Schule selbst - schätzte. Prof. Dr. Paul Richard Blum, Universität Budapest, untersuchte „Melanchthons Bedeutung für die Renaissance nach Wilhelm Dilthey“. Dilthey habe Melanchthon aufgrund seiner Synthese klassischer Philologie und des Christentums in einem christlich fortscheitendem Zusammenhang gedeutet, der für das triadische Verständnis „Gott, Welt und Mensch“ richtungsweisend in der frühen Neuzeit wurde. Dem Urteil Ernst Troeltschs über Melanchthon widmete sich die Studie von PD Dr. Reinhold Rieger, Universität Tübingen. Anders als Ritschl, der die Trennung von Theologie und Metaphysik postuliert hatte, betonte Troeltsch die Bedeutung der Metaphysik für die Theologie. Troeltsch hatte mit Blick auf Melanchthon auf ein religionsgeschichtliches Gesetz aufmerksam gemacht: jede Lehre bedürfe eines Anknüpfungspunktes im natürlichen Bewußtsein. Hier begegnen sich Vernunft und Offenbarung. Allerdings habe auch bei Melanchthon die Offenbarung die Priorität. „Das Melanchthonbild Karl Holls und seiner Schüler“ war Gegenstand der Untersuchung von Dr.Dr. Heinz Scheible, Heidelberg. Von Karl Holl, geprägt vom Geist der wilhelminischen Großmachtpolitik, stammt auch das wirkungsgeschichtlich verheerende Urteil, Melanchthon habe die lutherische Rechtfertigungslehre verdorben. Bis zu Heinrich Bornkamm habe sich im 20. Jahrhundert an diesem verheerenden Urteil nichts geändert. Dem Einfluß Melanchthons in philosophiegeschichtlichen Monografien des frühen 20. Jahrhunderts widmete sich die Untersuchung von PD Dr. Matthias Heesch, Universität Wuppertal. Wilhelm Wundts Christentum- und Reformationsdeutung würdigte Melanchthon zwar als Praeceptor Germaniae, gleichzeitig lehnte er jedoch den doktrinellen Gehalt seiner Lehren ab. Für Peter Petersen habe mit der seit Melanchthon einsetzenden Re-Aristotelisierung die Reformation ihr Ziel verfehlt, Kulturinstitutionen zu schaffen. Den Abschluß bildete der Beitrag von Prof. Dr. Dietrich Korsch, Universität Marburg, über „Melanchthon und die dialektische Theologie“. Wie Korsch ausführte, hatte die dialektische Theologie überhaupt kein Verhältnis zu Melanchthon. Entsprechend der reformatorischen Dialektik von Gesetz und Evangelium begriff sie sich als Realisierung des Evangeliums, ordnete andererseits Melanchthon allein dem Gesetz zu.
Die einzelnen Beiträge des Internationalen Kongresses werden in den Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten, Band 8 veröffentlicht.
Dr. Günter Frank
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