AHF-Information Nr. 15 vom 17.3.2000
Mit dem Thema dieser Jahrestagung – Religion und Gesellschaft in den böhmischen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert – griff das Münchner Collegium Carolinum ein von der deutschen wie der tschechischen Forschung während der letzten 50 Jahre vernachlässigtes Kapitel der böhmischen Geschichte auf. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, an der deutsche und tschechische Historiker und Theologen teilnahmen, stand das Verhältnis von Kirche, Staat und Gesellschaft in Böhmen und Mähren in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts.
Nach einer Einleitung von Ferdinand Seibt, der ein Jahrtausend böhmischer Kirchengeschichte von der Mönchskirche des ersten Jahrtausends bis zum „Bund von Thron und Altar“ des 19. Jahrhunderts skizzierte, führte Horst Glassl (München) mit seinem Beitrag „Zwischen Vogelsang und Staffelstein: Deutschböhmischer Reformkatholizismus“ an das Tagungsthema heran, indem er über die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Böhmen entstandenen christlich-sozialen Reformbewegungen berichtete, die sowohl aus dem katholischen Hochadel (z. B. Karl Freiherr von Vogelsang) als auch aus dem jungen nordböhmischen und erzgebirgischen Klerus Impulse erhalten hatten. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kam es zu einer breiten Sammlungsbewegung, vor allem im kleinbürgerlichen und Arbeiter-Milieu. Der 1919 gegründete katholische Jugendbund „Staffelstein“ übernahm seine Anregungen aus der deutschen katholischen Jugendbewegung (z. B. aus dem von Romano Guardini geführten Quickborn); seine Anhänger hofften in den dreißiger Jahren vergeblich, „als christlicher Sauerteig“ in der Henleinbewegung wirken zu können.
Andreas Wolf aus Wien referierte über „Die ‘Los-von-Rom-Bewegung‘ und ihre gesellschaftliche Resonanz im Egerland“. Vor dem „verpfändungstheoretischen Hintergrund“ nahm man im Egerland traditionell eine oppositionelle Haltung gegenüber Böhmen ein. Die politische Propaganda Schönerers und seiner Alldeutschen Partei fiel hier auf fruchtbaren Boden, während seine gleichzeitigen Aufrufe, sich von Rom loszusagen und zum Protestantismus überzutreten, wenig Echo in der Egerer Bevölkerung fanden. Der zwischen 1897 und 1910 zu beobachtende Mitgliederzuwachs in der evangelischen Kirche des Egerlands beruhte vielmehr in erster Linie auf dem Zuzug evangelischer Familien aus dem Deutschen Reich, weniger auf Übertritten aus der katholischen Kirche. Römisch-katholische Traditionen, aber auch ein besonderer Egerländertypus „liberaler Katholiken“ dürften maßgebliche Gründe dafür gewesen sein, daß die Egerländer Bevölkerung nicht Schönerers Los-von-Rom-Aufrufen folgte.
Franz Machilek (Bamberg) ging auf die Ambivalenz des religiös fundierten, politisch bis in jüngste Zeit wirksamen Velehrad-Gedankens ein. Velehrad, seit dem Mittelalter mit der großmährischen Tradition verbunden, wurde seit dem frühen 19. Jahrhundert zum Ausgangspunkt einer kirchlichen Erneuerungsbewegung in Mähren, die tschechischen Katholizismus mit „slawischen“ Vorstellungen verband. Nach 1848 erhielt diese sogenannte katholische Slawophilie neue Impulse durch die Diskussion einer Rom-orientierten Union mit der slawischen Orthodoxie. Versuche des Olmützer Erzbischofs Kardinal von Fürstenberg (1853-1892), auch die deutschen Katholiken seiner Diözese in diese Bewegung einzubinden, scheiterten. Einer Vereinnahmung für politische Zwecke, etwa für den Panslawismus, aber auch für den kirchlichen Modernismus, versuchte der spätere Olmützer Erzbischof Stojan (1921-1923) durch eine betont wissenschaftlich ausgerichtete Pflege der cyrillomethodianischen Idee entgegenzuwirken. In der Ersten Tschechoslowakischen Republik bildete „Velehrad“ ein politisches Einigungselement zwischen Tschechen und Slowaken. Nach 1948 wurde die Idee schließlich von der kommunistischen Propaganda für ihr nationalkommunistisch-panslawistisches Programm übernommen.
In ihrem Vortrag „Der tschechische Katholizismus aus der Sicht des Heiligen Stuhls in der Zeit Benedikts XV. (1914-1922)“ erläuterte Emilia Hrabovec (Wien) die Motive des Papstes für die direkt nach der Staatsgründung 1918 erfolgte Aufnahme direkter Kontakte zur katholischen Kirche in der Tschechoslowakei. Die Zeit der politischen Weichenstellung sollte für die Interessen des Vatikans sowohl gegenüber dem neuen Staat als auch gegenüber der Kirche in der CSR genutzt werden, nicht zuletzt weil man in Säkularisierungserscheinungen und nationalkirchlichen Bestrebungen im tschechischen Klerus (Jednota) eine Gefahr sah. Als Ursachen für die Krise der katholischen Kirche in den böhmischen Ländern erkannte Rom neben Defiziten der Vergangenheit (Staatskatholizismus) den Einfluß der protestantisch-positivistischen Geschichtsschreibung, welche die geistige Grundlage für eine nationale Staats-ideologie mit antikatholischer Tendenz gelegt habe. Die päpstlichen Maßnahmen richteten sich primär gegen die „Jednota“ als Trägerin der Reformbewegung; deren Auflösung erfolgte schon im Frühjahr 1920. Mit dem Angebot, das Tschechische als nationale Liturgiesprache zuzulassen, hoffte Rom, der nach der Gründung der Tschechoslowakischen Kirche auf ihrem Höhepunkt stehenden nationalkirchlichen Propaganda in der Tschechoslowakei den Boden zu entziehen. Durch die Einführung von Reformen in der Priesterausbildung bemühte sich Rom um Überwindung der Krise, vor allem aber auch durch die Einflußnahme auf den politischen Katholizismus, die allerdings im Winter 1921/22 zu schwersten Verstimmungen in den vatikanisch-tschechoslowakischen Beziehungen führen sollte.
František Halas (Brünn/Brno, Rom) zeigte in seinem Beitrag zum Thema „Die tschechischen Katholiken zwischen Prag und dem Vatikan“ Unterschiede zwischen Angehörigen der kirchlichen Hierarchie und des niederen Klerus in der Haltung gegenüber dem neuen Staat auf. Während für die kirchliche Führungsschicht die Umorientierung im großen und ganzen problemlos verlief, bedeutete die Trennung von der „katholischen“ Habsburgermonarchie und die Hinwendung zu dem neuen Staatswesen, dessen Präsident antiklerikal eingestellt war, für den niederen Klerus und die „einfachen“ Gläubigen in der Tschechoslowakei ein Dilemma. Wenn auch die Spannungen zwischen dem römischen „Internationalismus“ und dem tschechischen Nationalismus im ersten Jahrzehnt nach der Staatsgründung zu einer schweren Krise der katholischen Kirche in der Tschechoslowakei führten, bewirkten sie doch längerfristig eine intellektuelle Erneuerung des tschechischen Katholizismus. Der Kontakt zwischen Prag und dem Vatikan blieb zwischen 1918 und 1938 kühl und korrekt; nach 1925 war es zu einem „modus vivendi“ gekommen, der nach dem Zweiten Weltkrieg erneuert wurde.
Miloš Trapl (Olmütz/Olomouc) bemerkte in seinem Vortrag über „Die katholische Kirche und die tschechische Gesellschaft in Mähren 1918-1938“, daß im traditionell konservativen Mähren die Los-von-Rom-Bewegung kaum Anklang gefunden hatte, nicht nur, weil in beiden mährischen Diözesen eine lebendige kirchliche Organisation bestand, zu der neben den Orden zahlreiche katholische Vereine und Wirtschaftsinstitutionen gehörten. Vielmehr habe sich der politische Katholizismus in Gestalt des mährischen Flügels der Christlichsozialen Volkspartei unter dem initiativen Monsignore Jan Šrámek als wichtigste Stütze der Kirche erwiesen. Daran anschließend legte Jaroslav Šebek (Prag) dar, daß in den ersten schwierigen Jahren nach der Staatsgründung von 1918 zwischen tschechischen und deutsche Katholiken kaum Berührungspunkte bestanden. Die tschechische katholische Kultur orientierte sich eher nach Frankreich, während sich die Deutschen mit den Auswirkungen des Prager „Nationalstaats“ auf ihr Kirchenleben befaßten. Nicht einmal die während der politischen Konsolidierung des Staates nach 1925 verbesserten Kontakte zwischen Prag und Rom vermochten zur Annäherung der Katholiken beider Nationen beizutragen. Erst in den dreißiger Jahren bahnte sich zwischen den katholischen Jugendvereinen beider Seiten ein Dialog an. Die Absicht, den Katholikentag von 1935 zum sichtbaren Zeichen der Vereinigung werden zu lassen, vereitelte jedoch der Wahlsieg der Henleinpartei. Dennoch gab es in beiden katholischen Lagern selbst in den schwierigen Jahren Kräfte, die sich um eine Verständigung bemühten.
Martin Schulze Wessel (Berlin-Halle/Wittenberg) berichtete über „Revolution und Kirchengründung: Die Tschechoslowakische Kirche im europäischen Kontext“. Die Tschechoslowakische Kirche, während einer Vereinssitzung der tschechischen katholischen Reformgeistlichkeit „Jednota“ gegründet, stand durchaus in einer Reihe mit anderen zeitgleichen Gründungen revolutionärer Nationalkirchen in Mittel- und Osteuropa. In ihrer Verbindung von Religiösem und Profanem war sie charakteristisch für die Moderne, in der die Religion nicht mehr im Mittelpunkt der Gesellschaft steht. Mit der Anknüpfung an das Cyrill-und-Method-Erbe als ein eher kirchliches Programm, vor allem jedoch mit der Einführung des nationalen Hus-Kults als zentralem Element suchten die Kirchengründer den Mangel an Legitimität zu überwinden.
„Die Deutsche Evangelische Kirche in Böhmen, Mähren und Schlesien 1919-1938 (-1946)“ wurde von Maria Heinke-Probst (Leipzig) untersucht. Die evangelischen Deutschen in der Tschechoslowakei hatten sich unmittelbar nach den Märzereignissen 1919 für die Loyalität gegenüber dem neuen Staat entschieden und zur „Deutschen Evangelischen Kirche in der Tschechoslowakei“ zusammengeschlossen. Die kleine Kirche „in doppelter Diaspora“ – konfessionell und national – machte eine Phase der Identitätsfindung und Konsolidierung durch, die keineswegs frei von Konflikten im Innern, in der Behauptung gegenüber dem Staat und in der Auseinandersetzung mit den anderen Kirchen verlief. Zwischen 1933 und 1939 geriet sie zunehmend in eine Zerreißprobe zwischen Loyalität zum Tschechoslowakischen Staat und Annäherung an die Sudetendeutsche Partei. Nach 1939 erfolgte ihre stufenweise Unterordnung unter das NS-Regime bzw. ihre Eingliederung in das Großdeutsche Reich. Auch die Deutsche Evangelische Kirche in der Tschechoslowakei war von den Beneš-Dekreten betroffen; am 6. Mai 1948 wurde sie (rückwirkend zum 4. Mai 1945) aufgelöst.
Jaroslav Macek (Leitmeritz) stellte mit seinem Beitrag über die „Die Verfolgung der katholischen Kirche in den nach 1938 abgetretenen Gebieten“ ein von der tschechischen wie der deutschen Forschung bisher wenig beachtetes Thema dar. Während die deutschen Katholiken im Sudetenland glaubten, daß nach „München“ alles besser werde, und Weihbischof Kindermann einen Entwurf für eine selbständige Kirchenprovinz ausarbeitete, verfolgten die Nationalsozialisten ihren Plan, einen Mustergau „Sudetenland“ einzurichten, indem sie eine schrittweise Entkonfessionalisierung einleiteten (z. B. durch sofortige Einschränkungen des kirchlichen Einflusses auf das Erziehungswesen), Repressalien (z. B. Einschränkung und Verbot kirchlicher Feste) und vor allem durch die Verfolgung von Ordensleuten und Priestern. Mit einer Propagandaaktion für den Kirchenaustritt wurden allerdings nur kurzfristige Erfolge erreicht. Insgesamt brachten die kirchenfeindlichen Maßnahmen nicht die von den Nationalsozialisten erhofften Ergebnisse, sondern bewirkten eher eine Distanzierung oder Protesthaltung bei den Gläubigen.
Tobias Weger (München) hatte für seinen Vortrag „Die katholische Rhetorik bei den vertriebenen Sudetendeutschen in der Nachkriegszeit“ frühe Appelle und Programme der 1946 gegründeten „Ackermann-Gemeinde“ und ihres Hauptinitiators, des Augustinermönchs Pater Paulus Sladek analysiert. Von Sladek und der Ackermann-Gemeinde waren einerseits – unter ausdrücklichem Verzicht auf Rache und Vergeltung – wertvolle Impulse zur raschen sozialen Eingliederung der Vertriebenen in die deutsche Gesellschaft ausgegangen. Andererseits propagierte Pater Emanuel Reichenberger das Heimatrecht der Sudetendeutschen als etwas Gottgewolltes. In der heimatpolitischen Argumentation sudetendeutscher Katholiken der frühen Nachkriegszeit sah Weger Rückgriffe auf Diskurse aus der Ersten Tschechoslowakischen Republik, in denen Glaube und Heimat, religiöse Aussagen und nationale Forderungen verquickt waren. Daß diese Tendenzen überwunden werden konnten, beweise die Tatsache, daß nach 1989 gerade aus der Ackermann-Gemeinde heraus ein neuer Dialog mit den tschechischen Nachbarn möglich wurde.
Jakub Trojan (Prag) führte in „Das Denken von Josef L. Hromádka im Kontext der tschechischen und europäischen Ökumene“ ein. Trojan charakterisierte als wichtigsten Grundzug im Denken des Professors der Evangelischen Theologischen Fakultät der Karls-Universität Josef Lukl Hromádka (1889-1969) das Postulat der dialogischen Existenz, das der Brüderbischof selbst vorgelebt habe, zunächst in der Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, später, als er – dann ein Protagonist des Marxismus – den Dialog zwischen Christentum und Marxismus suchte.
Mit seinem Beitrag „Scheue Frömmigkeit. Das fehlende Glied in der Geschichte der tschechischen Spiritualität“ rundete der Prager Theologe Tomáš Halík die Tagung ab. Ausgehend von soziologischen Untersuchungen der neunziger Jahre, denen zufolge die böhmischen Länder heute zu den am wenigsten religiösen Regionen Europas gehören, suchte Halík das gegenwärtige Verhältnis der tschechischen Gesellschaft zur Religion durch dramatische Erfahrungen der Tschechen mit ihrer fernen und jüngsten Vergangenheit zu erklären. Trotz der äußerlichen Dezimierung der Kirchen in der CSR nach Kriegsende vergrößerte sich paradoxerweise der Kreis der Gläubigen. Die verletzte tschechische Religiosität habe sich in diesem Prozeß von außen nach innen – in „das dreizehnte Zimmer“ – zurückgezogen und zu einer „scheuen Frömmigkeit“ gefunden.
Die Beiträge der Konferenz werden in der Reihe „Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum“ veröffentlicht.
Heidrun Dolezel
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