AHF-Information Nr. 14 vom 16.3.2000
Die dreitägige Konferenz hatte sich das Ziel gesetzt, das Spannungsfeld zwischen den Wissenschaften und dem westeuropäischen Imperialismus von seiner Hochphase bis zur einsetzenden Dekolonisation zu untersuchen. Dabei wurden Fragen der Wissenschaftsgeschichte und der Geschichte des Imperialismus vor dem Hintergrund von vier verschiedenen kolonialen Systemen (Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden) erörtert, um die Pluralität der kolonialen Kontexte zu unterstreichen. Der Vergleich sollte die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Wissenschaftsverständnisses dieser Kolonialmächte beleuchten sowie Rezeption und Transfer bzw. Abwehr westlicher Wissenschaft in der außereuropäischen, kolonialen "Peripherie" behandeln. Außerdem sollte die Bedeutung und Funktion der kolonialen Expansion für die politischen, gesellschaftlichen und institutionellen Rollen einer Auswahl von Wissenschaften diskutiert werden. An der Konferenz nahmen insgesamt 40 Wissenschafts- und Imperialismushistoriker aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, den USA, Südafrika und Indien teil.
Nach der Begrüßung durch Prof. Peter Wende, Direktor des Deutschen Historischen Instituts London, stellte Dr. Benedikt Stuchtey (DHIL) in seiner Einleitung das Konzept der Tagung vor. Aufgrund der Verschiedenartigkeit der vier imperialen Mächte konnte der chronologische Rahmen nur relativ weit gesteckt werden. Für das Britische Empire bedeutete er in etwa die Zeit zwischen der Great Exhibition von 1851 und der Unabhängigkeit Indiens 1947, d.h. von der Blütezeit des britischen Imperialismus bis zu seinem allmählichen Niedergang. Erst als sich die politischen Beziehungen zwischen der europäischen und außereuropäischen Welt nach dem Zweiten Weltkrieg im Zeichen der Dekolonisation so grundlegend veränderten, konnte eine historische Aufarbeitung der kolonialen Dimension der Wissenschaften unternommen werden. Aus südamerikanischer, afrikanischer oder asiatischer Perspektive bedeutete das, die westlichen Wissenschaften nicht nur als Träger kolonialer Herrschaft und Dominanz zu erfassen, sondern auch vorkoloniale, indigene Strukturen (natur‑)wissenschaftlichen Wissens zu skizzieren. Am Beispiel von drei deutschen Naturwissenschaftlern, die in Südamerika, Afrika und Asien forschten, erläuterte Stuchtey einige der für die Fragestellung der Konferenz relevanten Kriterien.
Wie aber ließen sich die mächtigen Weltreiche Großbritanniens und Frankreichs mit den verhältnismäßig wenigen deutschen und niederländischen Kolonien vergleichen? In welchen Bereichen konzentrierten sich die imperialen Rivalitäten, die dann spezifische Forschungsprojekte anregten? Welchen professionellen Einfluß übten die Wissenschaftler bei der Formulierung imperialer Politik sowohl in den europäischen Zentren als auch in der Verwaltung der Kolonien aus, und inwieweit paßten sich ihre Forschungsprogramme politischen Interessen an? Wie gefragt waren ihre Forschungsergebnisse im Lichte eines populären Imperialismus, die ihrerseits einen Einblick in den Mechanismus von kolonialer Expansion und kulturellem Leben zuhause, von imperialer Natur und metropolitaner Kultur erlaubten?
Die Referate konnten sich nur auf eine Auswahl einiger Natur- und Kulturwissenschaften beschränken, so zum Beispiel Eugenik, Anthropologie, Ethnologie, Tropenmedizin, Pharmakologie, Bakteriologie, Orientwissenschaften, Botanik, Forst- und Agrarwissenschaften. In diesem Feld sollten außerdem Probleme der Institutionalisierung (Museum, Labor, Klinik, Universität, Forschungsinstitute und -gesellschaften) und Internationalisierung (UNESO, International African Institute) der Wissenschaften, der Großforschung wie auch Initiativen einzelner, etwa in Forschungsreisen, adressiert werden. Daran ließ sich schließlich ein Verständnis von den kulturellen Aufgaben des jeweiligen Imperialismus feststellen beziehungsweise das umreißen, was im britischen Kontext "the white man's burden", im französischen "mission civilisatrice" und im holländischen eine Art "Ethiek" genannt wurde. Auch Fragen des Orientalismus, eines westlich geprägten Wissenschaftsdiskurses und dessen Überwindung spielten in diesem Zusammenhang eine nicht unwichtige Rolle. Daß die Wissenschaftler überdies zu Kritikern des Imperialismus werden konnten, schilderte Stuchtey unter anderem am Beispiel des Pathologen und Anatomen Rudolf Virchow, der, wenn sich in den deutschen "Schutzgebieten" Fälle der Mißverwaltung und militärischer Willkür ergaben, seine Stimme gegen den deutschen Imperialismus erhob und ein weiteres Vordringen der europäischen Kolonisten ablehnte, weil er die Ausbeutung Afrikas mit Folgen wie Hungersnöten und Seuchen fürchtete. Virchow warnte gegen die kolonialen Phantasien mit der Begründung, das tropische Klima sei für die Europäer ungesund.
Daraufhin vertrat Prof. Lewis Pyenson (University of Louisiana at Lafayette) in seiner key note address die Meinung, die auf Mathematik und präzisen Daten basierenden, "exakten" wissenschaftlichen Disziplinen hätten zwar einerseits den europäischen Kulturimperialismus und dessen ihm inhärente, "natürliche" Logik der Expansion legitimiert und auch befördert, sie seien jedoch andererseits ihrem Wesen nach vom Imperialismus unberührt geblieben. Daß die Arbeit der "exact sciences" nicht notwendigerweise den kolonialen Stempel trage und zum Teil geradezu insular geblieben sei, akzeptierten nicht alle Teilnehmer in der nachfolgenden Diskussion, zumal sich Disziplinen wie etwa Geophysik und Astronomie kaum ohne die Forschungen in der außereuropäischen Welt hätten weiterentwickeln können. Auch muß wohl hier noch schärfer zwischen den exakten und den angewandten Wissenschaften unterschieden werden, wie Prof. Paul Weindling (Oxford Brookes) anmerkte. Pyenson formulierte ein Programm, demzufolge der Kontakt zwischen der westlichen Wissenschaft einerseits und Südamerika, Japan sowie Südostasien andererseits genauer untersucht und eine Statistik der dort im 19. Jahrhundert forschenden Naturwissenschaftler wie auch der von dort nach Europa kommenden Studenten erstellt werden solle.
Der Internationalisierung der Wissenschaften in einem deutsch-französischen Vergleich widmete sich dann die erste Sektion der Konferenz, die Prof. Peter Alter (Duisburg) leitete. Dr. Stefan Kühl (München) referierte über die deutsche Eugenik und ihre Politisierung und Institutionalisierung als eine wissenschaftliche Disziplin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kühl stellte die Zusammenhänge zwischen Eugenik und Rassenhygenie dar und betonte ihre Globalisierung sowohl als Disziplin wie auch als politische und soziale Bewegung. Er fragte nach den Spannungen zwischen einer nationalen Partikularisierung in ihrem Versuch, nationale soziale Bewegungen zu integrieren und diese mit einer politischen Agenda zu versehen, und einer internationalen Kooperation in ihrem Bemühen, Eugenik durch internationalen Austausch zu verwissenschaftlichen und eine "europoide Rasse" zu propagieren. Die internationale Ausrichtung fand bei der Eugenik schon nach dem Ersten Weltkrieg und mit starker deutscher Beteiligung statt, also so früh wie bei kaum einer anderen Wissenschaft, wobei freilich zu prüfen wäre, inwieweit sich die nationalen und internationalen Aufgaben bzw. Interessen der Eugenik tatsächlich voneinander unterschieden, wie Prof. Wolfgang Eckart (Heidelberg) in der späteren Diskussion anregte.
In seinem Referat über "French Scientists and Empire" beschäftigte sich Dr. Patrick Petitjean (Paris) mit der Frage, wie sich die Wissenschaften zwischen 1900 und 1950 zwischen kolonialem Unternehmen und internationaler Kooperation im Rahmen der UNESCO verhielten. Dabei wurde zunächst dem Motiv der französischen "mission civilisatrice" eine besondere Bedeutung beigemessen, das Petitjean an der engen Beziehung zwischen Staat und Wissenschaft in Frankreich erläuterte, der er jedoch zugleich einen seit 1789 spezifisch französischen Universalismus gegenüberstellte. Vom eurozentrischen Denken geprägt, öffneten sich aber weder die etatistische noch die universalistische Ausrichtung den (natur‑)wissenschaftlichen Erkenntnissen, die in den Kolonien von dort ansässigen Wissenschaftlern gewonnen wurden. Wissenschaft wurde zentral von Paris aus gesteuert, und erst in den späten 1930er Jahren wurden in den Kolonien Forschungsinstitute eröffnet. Unter Vorsitz des Botanikers Auguste Chevalier schuf die "Association colonies-sciences" ein koloniales Netzwerk in der scientific community, die 1931 während der Pariser Kolonialausstellung ihren ersten Kongress veranstaltete. 1937, im gleichen Jahr, in dem das "Office de la Recherche Scientifique Coloniale" gegründet wurde, fand die erste Konferenz der Kolonialwissenschaften statt. Allmählich verlagerten sich die Gewichte vom wissenschaftlichen Flügel in der Kolonialpartei zum kolonialen Flügel in der scientific community. Als Joseph Needham, Autor des berühmten Werks "Science and Civilization in China", als Vorsitzender der UNESCO Science Division zwischen 1946 und 1948 versuchte, die internationale Zusammenarbeit zu intensivieren und die Wissenschaften in den nach Unabhängigkeit strebenden Kolonien zu fördern, erhielt er von französischer Seite kaum Unterstützung. Nach wie vor wurden Wissenschafts- wie Kolonialpolitik als eine nationale Priorität betrachtet, die sich nur in Grenzen einem organisierten Internationalismus unterordneten. Wie allerdings Prof. Andrew Porter (London) in der Diskussion bemerkte, hatten bereits im 18. Jahrhundert intensive wissenschaftliche Beziehungen auf internationalem Niveau bestanden, obwohl diese eher über persönliche und informelle Kontakte funktionierten und nicht institutionalisiert waren. So kristallisierten sich unter anderem zwei Kernprobleme heraus, die im weiteren Verlauf der Konferenz wiederholt angesprochen wurden: die Bedeutung der zunehmenden Professionalisierung der Wissenschaften für den Imperialismus sowie dessen Differenzierung in einen formellen und einen informellen.
Am Beispiel der Medizin konnte der britisch-deutsch-französisch-niederländische Vergleich konsequent durchgeführt werden. Unter Diskussionsleitung von Dr. Michael Worboys (Sheffield) sprachen Dr. Molly Sutphen (San Francisco) über die britische Tropenmedizin (1890-1914) und Dr. Michele Thompson (Southern Connecticut State University) über die französische Kolonialmedizin und Pharmakologie in Indochina (1802-1954). Im zweiten Teil dieser Sektion unter dem Vorsitz von Prof. Paul Weindling (Oxford Brookes)referierten Prof. Wolfgang Eckart (Heidelberg) über die deutsche Tropenmedizin im Kaiserreich (1884-1914) sowie Dr. Godelieve van Heteren (Nijmegen) über die niederländische Kolonialmedizin.
Dr. Molly Sutphen zufolge waren britische Mediziner und Ärzte um die Jahrhundertwende in verstärktem Maße daran interessiert, auf Einladung von Joseph Chamberlain in den Dienst des Empire zu treten, wobei sie in dieser Hinsicht die Deutschen, Franzosen und Niederländer lediglich nachahmten. So wählte zum Beispiel Patrick Manson als medizinischer Berater im Colonial Office eine beträchtliche Anzahl von Experten aus, die er in die Kolonien schickte. Auch wenn der Tropenmedizin nie eine erstrangige politische Rolle zukam und sich keineswegs alle Mediziner von der Idee des Imperialismus angesprochen fühlten, entstanden doch bald wichtige Zentren in London und Liverpool. Insbesondere aber hob Sutphen die Bedeutung der schottischen Medizin hervor, die gar nicht überschätzt werden könne; die Schotten hatten bemerkenswerterweise die Rolle der Kolonialherren wie auch der Kolonisierten spielen können. Im Hochland wurde die koloniale Frontier zwischen Natur und Zivilisation exemplarisch getestet: wer hier den Erfordernissen gerecht wurde, war für den Dienst im Empire geeignet. Wie Prof. John MacKenzie (Lancaster) in der Diskussion anmerkte, mutierte damit das ursprünglich negative Bild, das die Engländer von Schottland hatten, im Laufe des 19. Jahrhunderts in ein zunehmend positives, was sicher auch mit Schottlands Einsatz für das Empire zu tun hat. Eine von den Universitäten getrennte Institutionalisierung der Tropenmedizin fand jedoch ungeachtet der ausgezeichneten Ausbildungsstätten in Aberdeen, Edinburgh und Glasgow allein in England statt.
Mit dem konkreten Einfluß der französischen Medizin auf die wissenschaftspolitische Entwicklung in Indochina beschäftigte sich Dr. Michele Thompson. Die Verbindung mit Frankreich prägte entscheidend die Institutionalisierung der Medizin und das intellektuelle Weltbild der scientific community in Kambodscha, Laos und Vietnam bis in die Gegenwart. Tatsächlich sei sogar der politischen Kolonisierung dieser Länder der Kontakt europäischer, insbesondere französischer Wissenschaftler mit der herrschenden Elite vorausgegangen. So arbeitete Jean Marie Despiau über 20 Jahre lang als Privatarzt von Gia Long, dem Gründer der Nguyen Dynastie in Vietnam. Während die königliche Familie und die Kolonisatoren mit westlichen medizinischen Methoden behandelt wurden, gab es für den Großteil der einheimischen Bevölkerung nur eine sehr unzureichende Versorgung, v.a. da die traditionelle Medizin verdrängt worden war. Generationen von französischen Wissenschaftlern studierten systematisch Land und Leute in Südostasien, gründeten medizinische Versuchsstationen (1890 in Saigon, 1902 Hanoi School of Medicine), probierten Impfstoffe aus und unterrichteten einheimische Forscher, die ihrerseits in französischen Zeitschriften publizierten und sich in das koloniale Projekt unterstützend integrierten, bis sie sich schließlich im Unabhängigkeitskampf einsetzten.
Ein anderes Bild konnte Prof. Wolfgang Eckart von der deutschen Tropenmedizin zwischen 1884 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zeichnen. Nicht nur war das Deutsche Reich auch in seiner Kolonialpolitik erneut verspätet aufgebrochen, als alle anderen schon ihre Landesfahnen in die Karten Afrikas und Asiens gesteckt hatten, sondern es ging nun auch die Gefahr ein, wissenschaftliche Gebiete zu betreten, die ebenfalls längst erobert waren. Im Unterschied zu Großbritannien und Frankreich war das Gefühl, auf- bzw. nachholen zu müssen, was andere europäische Kolonialmächte voraushatten, weiterverbreitet. Eckart beschrieb zunächst den Prozeß der Institutionalisierung der Tropenmedizin samt ihrer wissenschaftlichen und politischen Aspekte für das Deutsche Reich, um daraufhin die politischen Ziele in der kolonialen "Peripherie" am Beispiel Kameruns vorzustellen. Die Deutsche Kolonialgesellschaft besaß ein ausgeprägtes Interesse an der Förderung der Tropenmedizin, und das 1901 gegründete Hamburger Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten sei nicht zuletzt auch als ein politisches Instrument im Wettkampf um koloniale Positionen zu betrachten. Diese wurden in Douala, Hauptstadt des deutschen "Schutzgebietes" Kamerun zwischen 1901 und 1916, gefestigt, indem man wissenschaftliche Unterstützung erhielt, um eine nach rassistischen Richtlinien vorgenommene Trennung von Weißen und Schwarzen in der Stadt zu legitimieren und medizinische Experimente, unter anderem mit Impfstoffen, durchzuführen. Deutsche Kolonialpolitik und Kolonialmedizin schienen eng miteinander verwoben.
Vergleichbare Befunde sind zwar für die niederländische Kolonialgeschichte aufzeigbar, doch nach Dr. Godelieve van Heteren findet hier eine klare geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung nicht wirklich statt. In ihrem historiographiegeschichtlichen Überblick suchte sie nach den Gründen, warum die niederländische Kolonialgeschichtsschreibung generell den Imperialismus ihres Landes als schwach und sogar inkonsequent darstellte. Seit Multatulis (Eduard Douwes Dekker) berühmten, kolonialkritischen Roman "Max Havelaar" von 1860 gibt es eine Tradition, die den niederländischen Imperialismus als äußerst zurückhaltend begreift. Während sich aber gegenwärtig Studien zur Kolonialgeschichte großer Beliebtheit erfreuen, sind Arbeiten über die Rolle der Medizin und des Gesundheitswesens in den Kolonien entweder sehr selten oder zu undifferenziert. Ist die Tropenmedizin als Agentin kolonialer Expansion aus den Geschichtsbüchern verdrängt? Van Heteren deutete auf die Spannung hin, die zwischen dem kolonialpolitisch Machbaren und nicht-Machbaren bestand, wofür insbesondere Medizin als ein Beispiel und folglich auch als eine Quelle für Enttäuschung fungiere.
Die nachfolgende, von Prof. John MacKenzie geleitete Sektion beschäftigte sich vor dem kolonialen Hintergrund mit Fragen der Institutionalisierung der Wissenschaften vom späteren 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Markus Kirchhoff (Leipzig) sprach über die britischen, deutschen und französischen Gesellschaften zur Erforschung Palästinas, die auch einen guten Einblick in die jeweiligen Wissenschaftstraditionen, etwa der deutschen philologischen und der britischen pragmatischen, geben können. Die Gründung des Londoner "Palestine Exploration Fund" im Jahre 1865 sowie des "Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas" (1877) und der französischen "École Biblique" (1890) markierte einen grundlegenden Wandel in der europäischen Rezeptionsweise von Palästina. Denn hatten bis dahin zumeist nur vereinzelt Reisende und Gelehrte das Land erkundet, ging dessen Erforschung nun in institutionalisierte und offiziell finanzierte Bahnen über. Archäologie, Ethnographie, historische Geographie und andere Disziplinen wurden von diesen wissenschaftlichen Gesellschaften gefördert; sie konnten zugleich aber auch für politische Interessen funktionalisiert werden, was sich am Beispiel der Bedeutung historischer Atlanten für die neue geographische Aufteilung Palästinas bei den Friedensverträgen von 1919 zeigen läßt. Obwohl die institutionalisierte Palästinaforschung die koloniale Expansion nicht direkt ermutigte, können ihre Forschungsergebnisse nicht ohne Folgen für das europäische Imperialismusverständnis geblieben sein – zumindest für dessen kulturelle Dimension und das, was Edward Said als "Orientalismus" bezeichnete.
In seinem Vortrag über die französische "agronomie coloniale" wendete sich Dr. Christophe Bonneuil (Paris) wieder den Naturwissenschaften zu. Als 1899 der Jardin Colonial in Paris gegründet wurde, wurden ihm bald die Agrarabteilung des Kolonialamtes und 1902 die École Nationale Supèrieure d'Agriculture Coloniale angegliedert. Die zentrale Frage, die sich daran knüpfte, war jene nach dem "richtigen" Umgang mit der Tropenwelt und ihrer wissenschaftlichen Nutzbarmachung, wie es die Vertreter der "agronomie coloniale" forderten. Wissenschaftler, Handelshäuser, die koloniale Lobby und auch Imperialismustheoretiker engagierten sich in einem Diskurs über die Folgen kolonialer Ausbeutung und deren Konsequenzen für die Natur, über die Nutzung der Naturresourcen durch die Eingeborenen und schließlich über die Rolle der französischen "mission civilisatrice", dem Mandat westlicher (wissenschaftlicher) Herrschaft, das aufgrund technischer Überlegenheit den Kolonialismus rechtfertigen sollte. Dabei wurden, so Bonneuil, die Tropen als eine geographische Einheit, der Urwald als unberührter Raum ohne Kultur und Geschichte begriffen, wo sich vor den Augen des eindringenden Menschen Evolution und Zivilisation begegneten. Der Pariser Jardin Colonial kennzeichnete als Reaktion auf die wissenschaftlichen Forderungen der Agronomen den Wechsel vom klassischen, amateurhaften Botanischen Garten zu einer professionellen Forschungsstation.
Das dritte Referat dieser Sektion befaßte sich mit dem 1888 gegründeten Berliner Seminar für Orientwissenschaften, einer mit der Universität verbundenen, aber von ihr unabhängigen Einrichtung. Prof. Lothar Burchardt (Konstanz) stellte unter anderem die Thesen auf, daß das Seminar zunächst nicht die Folge eines politischen Plans gewesen sei, sondern Konsequenz massiver Lobbyistik, insbesondere von seiten seines Leiters Eduard Sachau, und auch von Entscheidungen vor Ort. Auch rekrutierten sich seine stärksten Befürworter nicht aus Regierungskreisen, sondern der Presse. Schon bald, spätestens 1914, hatte sich das Seminar weit über seine ursprüngliche Aufgabe der Sprachenvermittlung entwickelt, weshalb die preußische Regierung es mit nicht geringer Skepsis beobachtete und in ihrer Mehrheit das Kolonialinstitut in Hamburg bevorzugte; schließlich habe aber bestand seit seiner Gründung kein ausdrücklich kolonialpolitischer Anlaß für seine Existenz, ein bedeutender Einfluß des Seminars für Orientwissenschaften ist nicht auf die deutsche Kolonialpolitik ausgegangen. Burchardt unterstrich die praktisch-linguistische Ausrichtung des Seminars, von der, etwa hinsichtlich des Sprachenerwerbs, zum Beispiel im Nahen und Fernen Osten tätige Handelskaufleute profitieren sollten.
Einem anderen, international renommierten Institut wendete sich Richard Brown (Brighton) zu, der in der sich auf Anthropologie konzentrierenden und von Prof. Adam Jones (Leipzig) geleiteten Sektion über das 1926 in London ins Leben gerufene International African Institute (IAI) referierte. Brown zufolge ging die Initiative für die Gründung des IAI nicht etwa von der Kolonialverwaltung, sondern primär von Missionaren aus, auch wenn Philologen, Anthropologen, Ethnologen und nicht zuletzt philanthropische Gesellschaften damit assoziiert waren. Aufgrund seines Afrikaschwerpunktes und der spezifischen kolonialen Aufteilung Afrikas achtete das Institut sehr darauf, nationale, religiöse und intellektuelle Interessen gleichermaßen zu berücksichtigen, was unter anderem auch mit der Berufung der Direktoren, dem Deutschen Dietrich Westermann und dem Franzosen Maurice Delafosse, verwirklicht wurde. Die unter Einfluß von Bronislaw Malinowski professionalisierte Disziplin Anthropologie wurde zum wichtigsten wissenschaftlichen Betätigungsfeld des Instituts, das sowohl eine politische wie auch eine öffentliche Funktion anstrebte und den Anspruch erhob, anwendbares, für koloniale Verwaltung und Erziehung nützliches Wissen zu produzieren. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlor das IAI zwar nicht seine internationale Orientierung, es wurde jedoch "britischer" in seiner Substanz.
Für ungefähr den gleichen Zeitraum untersuchte der wegen Abwesenheit der Autorin vorgelesene Vortrag von Emmanuelle Sibeud (Marseille) über koloniale Ethnographie bzw. Kulturanthropologie in Frankreich das Wirken französischer Kolonialbeamter, die dank ihrer Erfahrung vor Ort ethnographische und anthropologische Kenntnisse in Afrika erwarben. Diese standen zum Teil in wissenschaftlicher Konkurrenz zur etablierten Fachdisziplin, gleichwohl publizierten sie in den anerkannten Zeitschriften, unterstützten die bestehenden Forschungsgemeinschaften und wurden ihrerseits breit rezipiert. Der bereits erwähnte Kolonialverwalter Maurice Delafosse, der zunächst an der Elfenbeinküste, später im Sudan arbeitete, spielte in diesem Zusammenhang eine herausragende Rolle, ebenso Charles Monteil und Henri Labouret, um nur die bekanntesten zu nennen. Delafosse, dem sich Sibeud ausführlich widmete, schuf das Fach "négrologie", beteiligte sich an der Zeitschrift "Revue des études ethnographiques et sociologiques" und wirkte maßgeblich an der Gründung des "Institut d' ethnologie" mit, wo er bis zu seinem Tod 1926 Ethnographie lehrte und damit eine neue Disziplin etablierte.
Prof. Donal McCracken (Durban-Westville) lenkte in seinem Vortrag über "Fraternity in the age of jingoism" die Aufmerksamkeit wieder auf die internationale Dimension der wissenschaftlichen Vernetzung, indem er botanische und forstwissenschaftliche Institute und Organisationen vorstellte, die trotz eines aggressiven Imperialismus zwischen 1870 und Erstem Weltkrieg kosmopolitisches Denken förderten. So seien nicht wenige Kontinentaleuropäer in hohe Positionen innerhalb der von McCracken untersuchten, 120 botanischen Stationen und Gärten, des "Indian Forestry Service" usw. gelangt, und es habe zwischen den kolonialen Institutionen ein reger Austausch von Pflanzen und Pflanzensamen stattgefunden. Während die Botanik seit den 1920er Jahren nationalistischer wurde, gab es in der Zeit zuvor einen Geist der Kooperation - eine Widerlegung der bisher gängigen These, wonach sich das Zentrum liberaler, die Peripherie konservativer in wissenschaftlichen Fragen verhielt? Prof. Deepak Kumar (Delhi) verneinte dies und meinte in der Diskussion, Jingoismus und wissenschaftliche Zusammenarbeit würden sich widersprechen, doch nach McCracken verfolgten die Botaniker keine imperiale Mission, sondern waren allein an guter akademischer und kuratorischer Arbeit interessiert.
In diesem von Prof. Andrew Porter geleiteten ersten Teil der Sektion "Science in the Colonies" referierte außerdem Dr. Christoph Gradmann (Heidelberg), der sich mit Bakteriologie und Robert Kochs Forschungsreisen nach Ägypten und Indien (1883/84) sowie Deutsch-Ostafrika (1906/07) befaßte. Diese und medizinische Forschungsreisen im allgemeinen können besonders gut das Wechselverhältnis zwischen Wissenschaft, öffentlicher Meinung und imperialem Interesse aufzeigen: Kochs Forschungen über Cholera und Schlafkrankheit wurde eine weit größere öffentliche Beachtung geschenkt, als er sie mit Laborarbeiten erhalten hätte; zudem hatte er die Möglichkeit, medizinische Untersuchungen vorzunehmen, die in Deutschland nicht möglich gewesen wären und dort unter stärkerem Konkurrenzdruck mit anderen Wissenschaftlern gestanden hätten. Wie Gradmann ausführte, erleichterte die deutsch-französische Konkurrenz Kochs Bewerbung um staatliche Unterstützung, und als er von seiner Indienexkursion zurückkehrte, wurden seine wissenschaftlichen Erfolge wie der militärische Sieg über Frankreich von 1871 gefeiert. Im Vergleich dazu war die Reise nach Deutsch-Ostafrika von Anbeginn an finanziell ungesicherter und blieb erfolglos. Tatsächlich zögerte die Reichsregierung, Reisen in Regionen zu unterstützen, nachdem diese zu deutschen Kolonien geworden waren. Nationaler Stolz auf europäische wissenschaftliche Errungenschaften in der außereuropäischen Welt schien jedenfalls nicht automatisch an die jeweilige politische Herrschaft in den Kolonien geknüpft gewesen zu sein.
In dem die Konferenz abschließenden, zweiten Teil dieser Sektion unter Vorsitz von Prof. Peter Marshall (London) stellte Suzanne Moon (Ithaca) den niederländischen Gelehrten J. H. Boeke vor, der in den 1920er Jahren wirtschaftliche Entwicklungsfragen in den East Indies, hier insbesondere aber auch die sozialen Probleme untersuchte. Insofern versuchte Boeke, ein spezifisch auf die niederländische Kolonie passendes Modell zu erstellen, das die Wirtschaft nicht nach universalen, beliebig einsetzbaren Gesetzen verstand, sondern das auf die lokale Gegebenheit zugeschnitten war und entsprechend klare Unterschiede zwischen westlichen und nicht-westlichen Wirtschaftssystemen machte. Mit einer Agenda für eine vergleichende Analyse zwischen den East Indies und Britisch-Indien beendete Prof. Deepak Kumar die Konferenz und stellte sie noch einmal unter die Perspektive der kolonisierten Empfängerkulturen: was bedeutete für diese das Spannungsfeld "Science and Empire" in politischer, wirtschaftlicher, kultureller usw. Hinsicht? Dabei sei, auch für die wissenschaftliche Entwicklung, zu beachten, daß im Unterschied zur niederländischen Kolonialpolitik Großbritannien in Indien eine zentralistische Herrschaft errichtete. Wie aber wurden die indigenen wissenschaftlichen Traditionen von den Kolonialherren rezipiert? Wie reagierten die Einheimischen auf die ihnen aufgezwungene westliche Wissenschaft? Welche Rolle spielten wissenschaftliche Diskurse für politische und wirtschaftliche Ziele? Viele weitere Fragen müssen noch gestellt werden. Als ein zentrales Ergebnis der Konferenz, so Kumar, ließ sich in jedem Fall aber feststellen, daß anders als die exakten insbesondere die angewandten Wissenschaften eine herausragende Bedeutung für die gemeinsame Fragestellung "Science and Empire" besaßen: Medizin, Botanik, Agrarwissenschaften u.v.a. hatten nämlich neben ihrem akademischen und politischen auch ein wirtschaftliches Gesicht - ohne das sich freilich kein Imperialismus, weder am Beispiel der untersuchten westeuropäischen Modelle noch sonstwo, denken läßt.
Eine Veröffentlichung der Konferenzergebnisse ist geplant.
Dr. Benedikt
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