AHF-Information Nr. 11 vom 10.3.2000
Vom 1. bis zum 5. Dezember 1999 fand in der Staatlichen Pädagogischen Ziolkowski-Universität Kaluga in Kooperation mit dem Historischen Seminat der Universität Hannover eine von der Volkswagenstiftung geförderte Tagung mit dem vollen Titel "Vermittlung von Forschungen über die Zusammenhänge von Innerer Peripherie, Ethnizität, Autonomie und Nation sowie Demokratisierung zwischen Ost und Westeuropa" statt. Abstracts der Beiträge waren vorher an die Teilnehmer versandt worden. Die Konferenz wurde von Prof. D. Sadokhin und Dr. Popkov (Universität Kaluga) vorzüglich organisiert; eingeladen hatte Prof. Hans Heinrich Nolte (Universität Hannover). Es war ein interdisziplinär angelegtes Symposion, Historiker, Politikwissenschaftler, Geographen und Kulturwissenschaftler sowie Politiker waren der Einladung gefolgt. Die Konferenz schloß an mehrere vorangegangene Tagungen an. Die Beiträge zu zwei Symposien liegen großenteils publiziert vor: Hans-Heinrich Nolte (Hg.) Internal Peripheries in European History, Göttingen 1991 (= Zur Kritik der Geschichtsschreibung Bd. 6, Musterschmidt,) sowie Ders. (Hg.): Europäische Innere Peripherien im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997 (= Historische Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft Beihefte 23, Steiner).
Einleitend stellte Nolte die Konzepte im Zusammenhang vor und schlug zur Vereinheitlichung der Diskussion eine Reihe von Begriffsdefinitionen vor, vom Clan über die Nation bis zum Weltsystem. Oracheva (Ost-West-Institut Moskau) berichtete über amerikanische Forschungen zum Zusammenhang von Regionalismus und den Übergang zur Demokratie, die vor allem die gegenseitige Beeinflussung regionaler und nationaler Identitäten in der Konstituierungsphase herausheben. Dieter Eißel und Alexander Grasse MA (Universität Giessen) gaben, ausgehend von den klassischen Indikatoren Pro-Kopf-Einkommen und Arbeitslosigkeit, einen Überblick über die regionalen Differenzen und die Regionalpolitik der Europäischen Union, bei dem sie die Tendenzen zum "welfare chauvinism" wohlhabender Regionen herausstellten, also die Politik von Regionalbewegungen, welche die Last der Solidarität für weniger wohlhabende Gebiete gern eingrenzen würden.
Rulf Jürgen Treidel (Garbsen) faßte, auch auf der Grundlage der früheren Konferenzen, die Entwicklung innerer Peripherien in Spanien, ihren Zusammenhang mit ethnischen Fragen und die Autonomieregelungen der Nach-Franco-Zeit zusammen. Thomas Schwarze (Universität Münster) wies darauf hin, daß eine kleinräumige Lösung wie die des "Alten Reiches" im Südwesten Deutschlands durchaus Entwicklungsperspektiven besaß, und begründete seine These, daß die Vernichtung der politischen Eigenständigkeiten durch die napoleonische Expansion insgesamt die Legitimation von Gewaltanwendung in Deutschland erleichtert habe.
Niels Lange (Universität Mannheim) trug aus seinen Forschungen über die Stellung regionaler Wirtschaftsverbände zu Regionalisierungen (an den Beispielen Schottland, Wales, Katalanien und Galizien) vor. So sehr Unternehmen einerseits Unsicherheiten in den politischen Strukturen fürchten, so sind sie andererseits doch bereit, sich auf Vorteile des "regional steering" von sozialökonomischen Prozessen einzulassen.
Andrea Komlosy (Universität Wien) argumentierte, daß die regionale Ungleichheit zwischen den Großregionen der Donaumonarchie eher als kohäsive Kraft gewirkt und die Industrialisierung gefördert habe. Nur wo ein Mangel an politischer und nationaler Selbstbestimmung mit einer starken ökonomischen Position zusammengefallen sei wie in Böhmen, entstand eine explosive politische Situation. Mutatis mutandis führte Svatek (Prag) in eine ähnliche Situation ein, indem er über die Entwicklung der sudetendeutschen Frage im Kontext der Tschechoslowakischen Republik referierte. Wichtig war auch sein Hinweis auf die neue Qualität von "Raum“, der zu einem nationalen Besitzstand wird. Komlosy erinnerte daran, daß unter den Deutschen in der Tschechoslowakei neben der kooperativen und der deutschnationalen Richtung auch die "altösterreichische" Richtung noch vertreten war.
Beate Eschment (Universität Hannover) gab eine ausgewogene Übersicht über das Verhältnis von regionaler Ungleichheit und staatlicher Politik in der Geschichte Rußlands. Galina Luchterhandt (Universität Bremen) stellte das Konzept "regionaler Entwicklungspatterns" für russische Regionen am Beispiel der Gebiete Nowgorod, Woronesch, Saratov und Jekaterinburg vor, wobei sie vor allem aus der Geschichte der Regionen heraus argumentierte. Marina Fuchs (Universität Hannover) stellte heraus, daß die jetzigen Eliten im Fernen Osten Rußlands die Geschichte der Fernöstlichen Republik irreführenderweise als ihre Tradition in Anspruch nehmen, obgleich diese Instititution der zwanziger Jahre von Moskau aus geplant und gesteuert wurde und also eher ein Instrument des Zentrums war.
Sergej Mitrochin, Abgeordneter der Jabloko-Fraktion der Duma, plädierte ganz entschieden dafür, daß die föderale Ebene in der jetzigen Russischen Föderation zu schwach sei. Wirtschaftseinheit und Rechtseinheit würden zerstört, und in manchen Regionen könne nicht einmal die Einhaltung der Menschenrechte mehr garantiert werden.
Leokadia Drobizheva (Akademie der Wissenschaften in Moskau) unterschied verschiedene Typen von Nationalismus innerhalb der alten UdSSR und der Russischen Föderation und berichtete über Untersuchungen zur Selbsteinschätzung der neuen regionalen bzw. ethnischen Eliten. Sadokhin (Kaluga) stellte "seine" Region als eine der mittleren des Landes vor - nach mehreren sozialen und ökonomischen Indidakoren. Povarnitsyn (Universität Perm) berichtete in ähnlicher Weise über dieses "Föderationssubjekt“, ging aber auch auf die ethnischen Minderheiten ein. Weder in Kaluga noch in Perm spielen Wünsche nach größerer Selbständigkeit gegenüber dem Zentrum eine zentrale politische Rolle.
Tamerlan Gadzhiev (Universität Machatsch-Kala) beschrieb die Geschichte der Staatsbildungen im Vielvölkergebirge Daghestan, wobei er darauf verwies, daß diese Staatsbildung auf das Bündnis mit Rußland angewiesen sei, um an Stabilität zu gewinnen. Ganz anders stellte Klaas Bähre (Universität Hannover) heraus, daß die Tschetschenen eigentlich niemals richtig zum Rußländischen Staat gehört haben , sondern es eine Tradition des Aufstands gegeben habe - mit dem daghestanischen Awaren Schamil, der für diese Kontinuität in Anspruch genommen wird, als Heldenfigur. Es kam hier zu einer engagierten Diskussion, ob die Tschetschenen für sich allein in der Lage seien, über die Clanstrukturen hinaus einen modernen Staat aufzubauen - und ob es denkbar sei, daß nach den mehrfachen Einmärschen russischer Truppen eine dauerhafte Form des Zusammenlebens von Tschetschenien und Rußland im selben Staat entstehen werde.
Ein spannendes Detail dazu trug Vjatscheslav Popkov (Universität Kaluga) aus Befragungen tschetschenischer Bürger in Kaluga vor, die akzentfrei russisch sprechen, aber doch das Gefühl haben, daß sie nicht als gleichberechtigte Bürger anerkannt sind. Wie in einigen anderen Gebieten der ehemaligen Union - so Eschment über Kasachstan und Bähre über Ossetien - gehören die Tschetschenen zu den weniger beliebten Ethnien.
Die Konferenz war auf Diskussion angelegt und wurde durch solche geprägt - über die Rolle des "welfare chauvinism" von Regionen, über das angemessene Maß regionaler Autonomien, über die Einordnung in weltweite Prozesse von Globalisierung bzw. des Weltsystems. Mehrfach wurde die Frage der Entwicklung von Gewaltbereitschaft angeschnitten. Eine der wichtigen methodischen Fragen, die immer wieder angeschnitten wurden, war die nach dem Ausmaß der Vergleichbarkeit oder ob viele Einzelheiten bzw. - so die extremste Variante - sogar Rußland insgesamt nicht eben doch (zumindest für den "Westler") unverstanden bleiben müsse.
Die Ergebnisse der Konferenz sollen publiziert werden. Interessenten wenden sich bitte an:
Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte
c.o. Det Norske Nobel-Institut
Drammensveien 6
N 0255 Oslo
Norwegen.
Hans-Heinrich Nolte
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