AHF-Information Nr. 09 vom 10.3.2000
Anläßlich der Vorstellung der neuen Übersicht über die Bestände des Altwürttembergischen Archivs (A-Bestände) fand ein Fachkolloquium im Hauptstaatsarchiv Stuttgart statt. Vor über 100 Teilnehmern, darunter eine große Anzahl von Fachkollegen aus Archiven, Bibliotheken und Museen, sowie Historikern und Landeskundlern, widmeten sich die Beiträge der Überlieferung und Erschließung des Altwürttembergischen Archivs. Dabei wurde sowohl über die historische Bedeutung der altwürttembergischen Archivbestände, wie auch über neue Perspektiven zur Erschließung und Nutzung mit Hilfe neuer Medientechnik referiert.
In seiner Begrüßung betonte der Direktor des Hauptstaatsarchivs, Dr. Robert Kretzschmar, die Bedeutung archivischer Fachveranstaltungen im Rahmen der an die Öffentlichkeit gerichteten Arbeit seines Hauses. Neben Ausstellungseröffnungen und historischen Fachtagungen, die für eine breite Öffentlichkeit bestimmt seien, wolle man mit ihnen besonders die Kollegen in den Archiven und verwandten Institutionen sowie die Nutzer und die Forschung ansprechen. Mit dem im Anschluß vorgestellten Erschließungsprojekt der „Württembergischen Regesten“ setze das Hauptstaatsarchiv einen weiteren Schritt auf den Weg ins digitale Zeitalter, den man mit der Einstellung der Auswandererdatei Glatzle und der Gesamtübersicht über die Bestände des Hauptstaatsarchivs ins Internet bereits begonnen habe.
Prof. Dr. Wilfried Schöntag, Präsident der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, präsentierte anschließend den neuen Band der Beständeübersicht und überreichte diesen an den Hausherrn und die drei Bearbeiter. Er unterstütze nachdrücklich die Dienstleistungen der Archive, die mit neuen Beständeübersichten der interessierten Öffentlichkeit oft den ersten Zugang zu den Archivalien vermitteln. Dabei verwies er auf die große Anzahl der bereits publizierten Übersichten des Haupt–staatsarchivs, das mit dieser Leistung innerhalb der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württem–berg „die Nase vorn“ habe. Als ebenso wichtig bezeichnete Schöntag den Umgang der Archive mit den neuen Informationsmedien und -technologien, welcher mit der Online-Datenbank der „Württembergischen Regesten“ hier beispielhaft demonstriert werde.
Auf die Grußworte, welche Monica Wejwar für den Kohlhammer-Verlag überbrachte, folgten drei inhaltlich aufeinander abgestimmte Fachbeiträge: Zunächst bot Dr. Bernhard Theil vom Haupt–staatsarchiv einen grundlegenden Überblick „Zum Quellenwert und zur historischen Bedeutung der A-Bestände“. Er beschrieb ausgehend von der altwürttembergischen Archivgeschichte die unter–schiedliche Genese innerhalb dieser Beständeserie und machte dadurch deren aktuelle Systematik und Gliederung transparent. Besonders betonte er dabei die fundierte Bearbeitung der A-Bestände für die Erstauflage der Beständeübersicht, die Hans-Martin Maurer 1975 vorgelegt hatte. Daran anschließend charakterisierte Theil den Quellenwert und die historische Bedeutung der altwürttem–bergischen Archivbestände anhand von drei Beispielen, welche für zentrale Inhalte dieser Quellen stehen: 1. Die frühneuzeitliche Territorialentwicklung Württembergs; 2. Die mittelalterliche Klostergeschichte Südwestdeutschlands; 3. Die Rolle des Adels im Umkreis des Herzogtums Württemberg. Gleichzeitig verwies er auf die Präsentation einer Auswahl bedeutender und repräsentativer Archivalien aus diesen Themenkreisen, die vor Ort dazu vorbereitet war. Seine Ausführungen machten deutlich, daß die Überlieferung der A-Bestände nicht nur den gesamten inneren Aufbau und die äußeren Beziehungen eines größeren Territoriums des Alten Reiches widerspiegelt, sondern darüber hinaus praktisch zu allen Fragen der Verfassungs-, Sozial-, Wirtschafts- und Kirchengeschichte vom Hochmittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts einschlägiges Quellenmaterial bietet.
Diesen Überblick vertiefend widmete sich Dr. Peter Rückert, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, unter dem Titel „Vom Kurzregest zur digitalisierten Urkunde“ mit dem Bestand A 602, den sog. „Württem–bergischen Regesten“, einem zentralen Teil des Altwürttembergischen Archivs. Es handelt sich hierbei um einen Auslesebestand von ca. 15.000 Dokumenten aus dem Spätmittelalter, datiert zwischen 1301 und 1500, der vor allem einen Großteil der urkundlichen Überlieferung dieses Archivs umfaßt. Mit der Publikation der „Württembergischen Regesten“, die bis 1940 in 3 Bänden vorgelegt wurde, ist dieser Bestand in Form eines Kurzinventars erschlossen, das - allein auf die Masse bezogen - als archivische Erschließungsleistung weit über Württemberg hinaus eine Ausnahmestellung einnimmt. Nach der Darstellung der ursprünglichen Konzeption und des archivgeschichtlichen Umfelds der „Württembergischen Regesten“ zeigte Rückert die Erschließungsstrukturen auf, welche diesen Bestand als repräsentativ für die Tektonik des Altwürttembergischen Archivs ansprechen lassen.
Bedingt durch die seit ihrem Druck laufend veränderte Bestandsstruktur waren die „Württembergi–schen Regesten“ allerdings schon bald nurmehr unter zunehmenden Einschränkungen benutzbar, so daß im Hauptstaatsarchiv anhand der Basisdaten des gedruckten Inventars eine Datenbank aufgebaut wurde. Diese wurde jetzt zu einem umfassenden Erschließungsmodell erweitert, das neben den umfassenden Recherchemöglichkeiten als Online-Findmittel die Ergänzung der einzelnen Datensätze um Formalangaben, Vollregesten oder Editionen vorsieht. Gleichzeitig ermöglicht dieser als Internet-Anwendung konzipierte Prototyp die digitalisierte Wiedergabe ausgewählter Dokumente, welche mit Transkription bzw. Hinweisen zur Publikation abgerufen werden können.
Dr. Gerald Maier von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg stellte im Anschluß daran diesen Prototyp vor: Er beschrieb die im Rahmen des von der Landesarchivdirektion betreuten DFG-Projekts „Workflow und Werkzeuge zur digitalen Bereitstellung von Archivgut“ erarbeitete technische Umsetzung des Online-Findmittels „Württembergische Regesten“ und demonstrierte anhand ausgewählter Beispiele die beliebig kombinierbaren Suchfunktionen und die ausgezeichnete Qualität der digitalen Dokumente. – Der Vergleich mit den anläßlich der Veranstaltung im Foyer ausgestellten Originalen dürfte den nachhaltigen Eindruck dieser Demonstration beim Publikum sicher noch verstärkt haben. Die Überlieferung des Hauptstaatsarchivs Stuttgart ist jedenfalls auf dem besten Weg ins digitale Zeitalter!
Übersicht über die Bestände des Hauptstaatsarchivs Stuttgart: Altwürttembergisches Archiv (A-Bestände). 2. erweiter–te Auflage, bearbeitet von Hans-Martin Maurer, Stephan Molitor und Peter Rückert (Veröffentlichungen der Staatli–chen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Band 32), Stuttgart 1999.
Die Publikation der Tagungsbeiträge ist geplant in: Jürgen Treffeisen (Hg.), Felder und Formen archivischer Erschließung. Der Band soll in der Reihe der Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg voraussichtlich 2002 erscheinen.
Peter Rückert
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2000. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |