AHF-Information Nr. 08 vom 9.3.2000

Die „Blüte“ der Staaten des östlichen Europa im 14. Jahrhundert

Internationale Konferenz, Krakau, 15. bis 17. Oktober 1999

Für eine Reihe von Staaten und Herrschaften des östlichen Europa wurde und wird das
14. Jahrhundert von der Forschung als eine Zeit der Blüte angesehen. Mitarbeiter der Polni­schen Akademie der Wissenschaften und Künste Krakau (PAU), des Historischen Instituts der Universität Warschau (IH UW) sowie des Deutschen Historischen Instituts Warschau (DHI) haben sich zusammengefunden und es unternommen, diese These hinsichtlich ihrer Gültigkeit im allgemeinen wie im besonderen im Rahmen einer Konferenz zu hinterfragen. Herausgear­beitet werden sollten dabei die den „stark wertenden“ Blüte-Begriff (Borgolte) im einzelnen rechtfertigenden Kriterien, um so den Wechselwirkungen und dem Phänomen auffälliger Gleichzeitigkeit auf die Spur zu kommen. Gesucht und gefunden wurde eine Konzeption, die sowohl die Vorstellung der Einzelfälle (Ordensstaat Preußen, Litauen, Moskau, Polen, Böh­men, Ungarn, Serbien sowie die Markgrafschaft Brandenburg) leistete, wobei die Vorgaben zunächst und bewußt sehr offen gehalten waren, als auch Themen mit übergreifendem Cha­rakter bearbeitete, welche der Beziehungsgeschichte nachgehen sollten.

In seiner Einführung verwies Marc Löwener (Warschau) auf den begriffsgeschichtlichen Kontext des Tagungsthemas und die Problemhaftigkeit der räumlichen wie der zeitlichen Ein­grenzung mit ihrer offensichtlichen Ausrichtung auf die großen Herrschergestalten des Spät­mittelalters. Weniger käme es auf die positivistisch-faktographische Bearbeitung an als auf die Entwicklung von Abstraktionen und Theorien, die das Einzelne einschließlich des Beson­deren wie des Zufalls erfaßten und erklärten.

Gerade für den Staat des Deutschen Ordens in Preußen, der sich in seiner Verfassung grund­sätzlich von den Nachbarstaaten unterschied, wurde und wird für den Bearbeitungszeitraum der Blüte-Begriff verwandt. Bernhart Jähnig (Berlin) zeigte, daß das Zeitalter der „großen Hochmeister“ im Innern hauptsächlich durch Zentralisierung der Verwaltung sowie eine auf der deutschen Einwanderung fußende Intensivierung des Landesausbaus gekennzeichnet war. Seine aus dem Lande gezogene Wirtschaftskraft ermöglichte dem Orden die Entfaltung einer weitreichenden Handelstätigkeit und die Einbindung in die Wirtschaftspolitik des hansischen Städtebundes. Außenpolitisch war die preußische Ordensherrschaft seit der Mitte des Jahr­hunderts so gesichert, daß einzelne Konflikte meist diplomatisch bewältigt werden konnten. Das Schwergewicht lag hierbei auf den Litauerreisen – Kriegszüge gegen die benachbarten Heiden von keineswegs bloß sportlichem Rang, sondern ernsthaft geführt, gleichwohl auch ein kulturelles wie Bildungserlebnis des in erster Linie zuziehenden westeuropäischen Adels.

Die Unschärfe des Blüte-Begriffs deutete sodann Alvydas Nikzentaitis (Klaipeda) an, als er für Litauen die Abfolge mehrerer „Blüte“-Phasen nacheinander feststellte. Augenfällig für das Großfürstentum zu Zeiten Gedimins und Olgerds sei dessen territoriale Expansion nach Osten, die mit deutlich geringerem militärischem Einsatz gelang, als ihn der Krieg im Westen gegen den Deutschen Orden erforderte. Letzte Ursachen für den Aufstieg zur neben Polen stärksten Macht der Region seien mithin im Innern zu suchen: Der durch Arbeitsteilung ein­setzende ökonomische Aufschwung hatte einschneidende gesellschaftliche Konsequenzen; der allgemeine Modernisierungsschub spiegelt sich gleichfalls in der Übernahme westlicher Kulturwerte wider – noch vor der Christianisierung.

Als russische Paradoxie bezeichnete Anna Choroškevic (Moskau) den Aufstieg Moskaus vom kleinen, rückständigen Fürstentum zum Beherrscher des russischen Nordwesten. An Gründen, welche mangels anderer Quellen aus der politischen Geschichte zu eruieren sind, benannte sie in vergleichender Sicht das Ausbleiben demographischer Einbrüche, was zwin­gende Voraussetzung einer erfolgreichen Expansionspolitik gewesen sei, die wankelmütige Haltung Ivan Kalitas gegenüber dem Khanat, das Bündnis und unter Dmitri Donskoj die schließliche Subordination der orthodoxen Kirche sowie das Ausbleiben innerdynastischer Kämpfe und Herrschaftsteilungen. Die politische Kontinuität schlug sich in der wirtschaftlich-kulturellen Entwicklung nieder. Obschon Einflüsse des Khanats evident waren – insbesondere bei der Etablierung des expansiven Despotismus –, handelte es sich im Falle Moskaus doch um eine auto­chthone Entwicklung.

Detailliert beschrieb Janusz Kurtyka (Krakau) die tiefe gesellschaftliche Krise in Polen zu Beginn des 14. Jh., die Voraussetzung für die durch die beiden letzten Piastenkönige Ladis­laus Ellenlang und Kasimir den Großen errungene Vereinigung des Landes gewesen sei, wel­che ihnen auch außenpolitisch abzusichern gelang. Dem folgten Bemühungen um die struktu­relle Vereinheitlichung des Herrschaftsterritoriums, erkennbar seien im Zuge der Modernisie­rung des Staates und der Kolonisation zu deutschem Recht Tendenzen der Feudalisierung sowie die kulturelle Verwestlichung aller gesellschaftlichen Schichten. Die wachsende innere Stabilität ermöglichte schließlich die Expansion in ruthenische Gebiete, was den Charakter des Königreiches Polen hin zu einem multiethnischen und multikulturellen Reich gewandelt habe.

„Nichts war zufälliger als der Einzug des Hauses Luxemburg in Böhmen.“ Das Beispiel sei, so Peter Moraw (Gießen) in seinem weitausholenden, weniger deskriptiven Vortrag, für den Historiker lehrreich, da es ihn von der konsequenten Entwicklungsgeschichte Europas zu den Tatsachen und Determinanten mittelalterlicher Geschichte zurückverweise. Die zivilisatori­schen Unterschiede im päpstlichen Europa hätten König Johann und Kaiser Karl aus dem linksrheinischen Luxemburg persönlich erfahren. Aus unterschiedlichen Gründen habe das Land Böhmen unter beiden Herrschern letztlich als Regulierungsfaktor der Politik eine sehr untergeordnete Rolle gespielt, abgesehen von der des Zahlers. Somit und wegen der fehlenden vertikalen Bindungen könne man von Blüte im Sinne der Staatsgeschichte schwerlich spre­chen, weit mehr habe man es in Böhmen doch mit Herrschaft zu tun.

Wie Moraw hielt auch Pál Engel (Budapest), dessen Referat aus Krankheitsgründen von János M. Bak (Budapest) verlesen und ergänzt wurde, die prosopographische Methode für den einzig erfolgversprechenden Ansatz moderner Verwaltungs- und Verfassungsgeschichte. Die scheinbar unerschöpflichen slowakischen Goldvorkommen eröffneten den ungarischen Königen Karl Robert und Ludwig von Anjou größtmöglichen politischen Handlungsspiel­raum, den sie zur Etablierung autoritärer Königsherrschaft nutzten, was Folgerungen für alle gesellschaftlichen Bereiche hatte. Für die umfassende wie exakte Bewertung der Blütezeit des ungarischen Königtums müßten allerdings in der Zukunft noch intensive Forschungen gelei­stet werden; so seien u.a. weder die Ereignisgeschichte an sich noch die königlichen Itinerare bislang hinreichend bestimmt.

Von den Voraussetzungen her strukturelle Parallelitäten zu ungarischen Entwicklungen er­kannte Ludwig Steindorff (Münster) für Serbien, wiewohl Bezüge und Einwirkungen aus By­zanz hinsichtlich Herrschafts-, Sozial- und Wirtschaftsverfassung dominant waren. Zar Stefan Dušan habe es verstanden, die sich ihm bietenden Chancen zu (mit zwingender Notwendig­keit betriebenen) Expansionen zu nutzen und die gewonnene Macht politisch wie ideologisch zu affirmieren. Hierzu habe er das zeitgenössische Instrumentarium der Herrschaftsausübung pragmatisch angewandt, wobei schon ihm selbst die Labilität des Großreiches und also die Symptome künftiger Krise bewußt geworden seien. Nicht nur deswegen sei der pauschalisie­rende Blüte-Begriff bestenfalls eingeschränkt zu gebrauchen. Insgesamt ließen sich die Zeit Dušans wie auch die folgenden Perioden der serbischen Geschichte einordnen in ähnliche Entwicklungsprozesse im Gesamtraum Ostmitteleuropa.

„Zwischen Expansion und Krisenbewältigung“ sieht Peter-Michael Hahn (Potsdam) die Markgrafschaft Brandenburg in der 1. Hälfte des 14. Jh. Deren „Blütezeit“ endete chronolo­gisch gesehen am frühesten, nämlich mit dem Aussterben der Askanier 1319, von daher bil­dete das eben erst im Jahrhundert zuvor von diesem Herrscherhaus geschaffene Land eine Art Testfall für die übrigen behandelten Herrschaftsräume. Neben innerer politischer Instabilität sei vor allem die natürliche Armut des Landes als Ursache für den raschen Niedergang anzu­führen. Begleitet wurde dieser jedoch eindeutig von Symptomen der Stabilisierung, wozu die Einführung einer flächenstaatlichen Ordnung noch unter den Wittelsbachern, die Anfänge ständischer Konstituierung oder der Ausbau herrschaftlicher Residenzen zu zählen seien.

Eine der Trägerschichten des kulturellen Aufschwungs, die geistigen Eliten, unterzog Krzysz­tof Ozóg (Krakau) in ostmitteleuropäischem Maßstab einer vergleichenden Betrachtung. Die kontinuierliche Zunahme der Intellektuellen im Staatsdienst sei Folge des Aufschwungs der Universitäten im 14. Jh. gewesen. Dienst in der Kanzlei des Herrschers, dessen Beratung ein­schließlich der Entwicklung staatsrechtlicher Doktrinen und ihrer Propagierung, Historiogra­phie und Kodifizierung des Rechts gehörten ebenso zu ihren Aufgabenfeldern wie die Durch­führung diplomatischer Missionen. In der Finanzverwaltung und im Gerichtswesen hingegen seien universitätsgelehrte Juristen erst ab dem 15. Jh. zu belegen, nur ausnahmsweise ließen sich die Wahrnehmung religiöser und medizinischer Funktionen bei Hofe feststellen. Neben Bemerkungen zu Karrieremustern, sozialer und ethnischer Herkunft sowie Beamten von Pro­fessorenrang ging der Referent noch auf die Reflexionen der Gelehrten über ihren eigenen Berufsstand ein.

Eine Art Zusammenfassung des Bisherigen bot der Vortrag über „Möglichkeiten und Metho­den herrschaftlicher Politik“ von Slawomir Gawlas (Warschau). Die Wende vom 13. zum 14. Jh. bedeutete für die Länder Mitteleuropas wegen der vom Zentrum zur Peripherie fort­schreitenden Territorialisierungsprozesse eine Zäsur, welche in den drei von ihm untersuchten ostmitteleuropäischen Kernländern Polen, Böhmen, Ungarn tiefgreifende gesellschaftliche Wandlungen zur Folge gehabt habe. Während sich innerhalb des zunehmend rechtlich egali­sierten Adelsstandes Magnatenschichten herauskristallisierten, seien die bürgerlichen Schichten vom Formierungsprozeß politischer Nationen (communitas nobilium) bewußt aus­geschlossen geblieben. Aus diesen gesellschaftlich-politischen Konstellationen ergaben sich die Möglichkeiten staatlicher Politik, welche im Untersuchungsgebiet an ältere Muster und Standards des Westens angelehnt waren: Einführung des Regaliensystems und staatlicher Fis­kalismus, Werbung niederer Schichten zum Landesausbau, Zentralisierung der Herrschaft einschließlich der Rezeption neuer Formen höfischen Lebens und der Diplomatik etc. Die im 14. Jh. zunehmende Schriftlichkeit hätte geringere Konsequenzen gezeitigt als die wachsende Monetisierung und Kommerzialisierung gesellschaftlicher Beziehungen, wohinter sich das Grundproblem spätmittelalterlicher Politik überhaupt verberge: Regalien, Bergbau, Münz­stätten, Handel, Domänen und Städte dienten den Herrschern in Abhängigkeit von den jewei­ligen natürlichen Gegebenheiten als Quellen baren Vermögens.

Der Geschichte des Begriffs „Ostmitteleuropa“ und seiner Verwendbarkeit für die Mittelalter­forschung war der Eröffnungsvortrag von Christian Lübke (Greifswald) gewidmet. Als Ge­genentwurf zu älteren, nach 1945 endgültig erledigten „Mitteleuropa“-Konzepten sei dem „New Central Europe“ die Abgrenzung zu Deutschland und Rußland konnotiert gewesen, synonym neben Ostmitteleuropa bezeichnet als „lands between“ oder „Zwischeneuropa“. Wenn damit vorrangig ein Phänomen des 19. und 20. Jh. benannt werde, so sei doch auf Grund siedlungs- und strukturgeschichtlicher Zusammenhänge dieses „Wort in der Tat geeig­net zur Kennzeichnung einer Region, die durch historische Merkmale als ‘Teil Europas von spezifischer Eigenart’ abzugrenzen ist“ (Zernack). Bis zum 9. Jh. sei in der historischen Groß­region „östliches Europa“ eine gewisse Deckungsgleichheit in den sprachlichen und religiö­sen Verhältnissen anzutreffen, die sich dann durch Transformierung im Innern zu zentrali­sierten Gesellschaften mit Herrschaftsstrukturen sowie Einflüsse von außen wandelte. Erst längerfristig orientierten sich die strukturell ähnlichen Gesellschaften in zwei verschiedene Richtungen, deren Ansätze zu Beginn des 11. Jh. hervortreten. Auch die Germania slavica sei hiernach in ostmitteleuropäische Zusammenhänge einzuordnen, welcher geschichtliche Groß­raum nach Christianisierung und Staatsbildung durch den fortschreitenden Landesausbau weiter vereinheitlicht wurde und für den also die westlichen Einflüsse entscheidend gewesen seien.

Den Zusammenhang von östlicher Blüte und westlicher Kriseim 14. Jh. thematisierte Marian Dygo (Warschau). Zunächst konstatierte er anhand der wirtschaftlichen Wachstumsphasen eine „Verspätung“ des Ostens gegenüber dem Westen Europas von einem bis anderthalb Jahrhunderten. Von entscheidender Bedeutung für die Blüte der ostmitteleuropäischen Kern­länder seien exogene Investitionen gewesen, welche sich in erster Linie im Bergbau und im internationalen Handel positiv niederschlugen: Die Erschließung reicher Erzvorkommen ge­paart mit erfolgreicher Geldpolitik eröffnete den ungarischen und böhmischen Herrschern politischen Spielraum, während die an Naturvorkommen ärmeren Länder Polen und Preußen vom Transithandel profitierten. Zu den exogenen Faktoren sei auch das Eindringen westeuro­päischer Dynastien zu zählen, was die Verlagerung des politischen Schwergewichts des Deut­schen Reiches nach Osten zur Folge hatte. Weiter verwies Dygo auf den Zufluß ober­deutschen sowie italienischen Kapitals und schließlich – durch das Ausgreifen internationaler Arbeitsteilung und die Verlagerung der Haupthandelsstraßen – auf den Wandel der gesa­mtkontinentalen Wirtschaftsgeographie. Insgesamt würden jedoch die Entwicklungen des 14. Jh. die strukturelle Schwäche der ostmitteleuropäischen Region offenbaren, sie sei Gegen­stand des dynastischen Kräftespiels der mächtigen Nachbarn gewesen und, da an sich kapitalarm, wegen ihres natürlichen Reichtums zum Hinterland der großen Handels- und Pro­duktionszentren Europas geworden. Folglich seien die Begriffe Krise und Blüte nur hilfsweise zu gebrauchen.

Europäische Geschichten zu schreiben, hält Michael Borgolte (Berlin) für eine der wichtig­sten und reizvollsten Aufgaben der modernen Historiographie – anders liefe sie Gefahr, ihre Rezipienten im Stich zu lassen bei der Neuorientierung im raschen Wandel der Zeit. Allein mit der Addition der Nationalgeschichten sei diese Aufgabe freilich nicht zu lösen, vielmehr müsse es gelingen, die kulturelle Vielfalt Europas – trotz bestehender historischer Grenzen, deren Kriterien und Nominaldefinition stets zu hinterfragen seien – in ihrer Mannigfaltigkeit zu ordnen und Einheit herzustellen, ohne dabei das Besondere zu unterschlagen. Dies könne nur durch eine „konsequent vergleichende Sicht auf Europa“ gelingen, welche in der For­schung durch die beziehungsgeschichtliche Analyse zu ergänzen sei. Obschon durchaus ge­lungene Versuche in dieser Richtung unternommen wurden (Bloch, Davies, Schilling), müß­ten künftig doch stärker die Begegnung der Kulturen – und zwar nicht nur die staatlich-natio­naler Art – in den Blick genommen werden. Der Vergleich, die Suche nach jenem „Tertium, das das eine mit dem anderen auf höherer Einheit versöhnt“, dürfe freilich nicht bloß in denk­bar verschiedenen Konstellationen erfolgen, vielmehr entscheide über seine Qualität letztlich, ob es gelinge, Verwandtes und Trennendes begrifflich zu fassen, anschaulich darzustellen und emotionale Teilnahme zu ermöglichen. Trotz oder gerade wegen der offensichtlichen Schwie­rigkeiten und Hindernisse für den Historiker biete dieser Ansatz doch eine reizvolle Heraus­forderung und eröffne dem Fach weite Forschungsfelder, vor allem aber ließe sich so dem Wissen vom Mittelalter ein Platz im gegenwärtigen Verdichtungsprozeß des Kontinents sichern.

Der die Tagung durchziehende „Blüte“-Begriff wurde im Laufe der Veranstaltung zunehmend hinterfragt und schließlich als nicht brauchbar bzw. als zu einseitig konnotiert abgelehnt: Zu disparat sind die Entwicklungen im Gesamtraum, und auch die der einzelnen Staaten waren kaum derart, daß sich hierunter alle gegenläufigen Tendenzen subsumieren ließen; Herrscher­persönlichkeiten und Zufall spielten eine Rolle. Dennoch ließen sich eine Reihe von Gemein­samkeiten feststellen: Innere Stabilität und wirtschaftlicher Aufschwung fielen zusammen mit territorialer Expansion, wobei Ursache und Wirkung dieses Dualismus sehr wohl verschieden waren. Die insgesamt positive demographische Entwicklung stellte in jedem Fall eine Grund­voraussetzung der Machtentfaltung dar. Kaum weniger wichtig war die dynastische Konti­nuität, die vielfach der zweiten Herrrschergeneration zugute kam. Folgen der Expansion wa­ren zunehmende Multiethnizität und -konfessionalität innerhalb der staatlichen Gebilde wie generell eine kulturelle Konjunktur, letzteres bedingt auch durch den ausgreifenden Handel und die an sich zunehmende Internationalisierung der Kontakte. Der zivilisatorisch-kulturelle Transfer wurde getragen von einem „starken Wind“ von West nach Ost, der sich mit zuneh­mender Entfernung vom Zentrum abschwächte (Moraw).

Insgesamt hat die Tagung einmal mehr die Chancen, ja die Notwendigkeit vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Betrachtung gezeigt, welche hier freilich nicht durchgängig zu leisten war; wo dies versucht wurde, war doch die Beschränkung auf die drei ostmitteleuro­päischen Kernländer auffällig. Unstrittig eröffnen sich der Geschichtswissenschaft mit diesem Forschungsansatz inhaltlich wie methodisch neue Perspektiven, die über die Enge der einzel­nen Nationalgeschichtsschreibung hinausführen – gerade hiervon ging denn auch ein beson­derer Reiz aus, daß teilweise von unterschiedlichen Perspektiven auf denselben Vorgang ge­schaut wurde. Und so gehört nicht zu den schlechtesten Ergebnissen der Tagung, daß sie die gegenseitige Wahrnehmung gefördert hat. Ein anderes Resultat besteht darin, daß die Frage­stellung an ausgewählten Themen (Staatlichkeit, Kirche, Stände) künftig weiter verfolgt wer­den soll. Zunächst jedoch ist beabsichtigt, die Beiträge einschließlich einer die Ergebnisse der Tagung resümierenden Einführung in der Reihe „DHI Warschau. Quellen und Studien“ zu publizieren.

Kontaktadresse:

Dr. Marc Löwener
DHI Warschau
PKiN (skr. 33)
Plac Defilad 1
00-901 Wars­zawa

Tel.: 0048/22/6567181 (-83)
Fax: 0048/22/6937006
E-Mail: loewener@dhi.waw.pl
Internet: www.dhi.waw.pl


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