AHF-Information Nr. 07 vom 8.3.2000
Die als Workshop konzipierte Tagung „Staat im Dorf II. Europäische Erfahrungen im 19. Jahrhundert“ vom 10.-12. Dezember 1999 war bereits die zweite derartige Veranstaltung, die von dem gleichnamigen Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs 235 der DFG an der Universität Trier durchgeführt wurde. Die Ergebnisse der ersten Tagung (November 1998) wurden vor kurzem publiziert: Norbert Franz, Bernd-Stefan Grewe, Michael Knauff (Hgg.), Landgemeinden im Übergang zum modernen Staat. Vergleichende Mikrostudien im linksrheinischen Raum. Trierer Historische Forschungen Band 36. Mainz 1999. In derselben Reihe werden gegen Ende 2000 auch die Ergebnisse der zweiten Tagung veröffentlicht.
Auch diese Tagung des Projekts war in die Elemente Kurzreferate, vorbereitete Kommentare und Diskussionen gegliedert. Leitthema der Veranstaltung war die Frage, wie sich im Europa des 19. Jahrhunderts aus dem Gegen- und Miteinander zentralstaatlicher und kommunaler Herrschaftsträger lokale Herrschaft gestaltete.
Die Fragestellung wurde in sechs Themenblöcken verfolgt, die den Bogen spannten von der frühen Neuzeit im Vorfeld des eigentlichen Untersuchungszeitraums über das Verhältnis von Dorf und regionalen Regierungsinstanzen zu politischer Kultur auf dem Dorf, über das Konfliktverhältnis von lokaler Autonomie und zentralstaatlichen Anforderungen bis zu den Akteuren der Macht im Dorf. In diese thematischen Sektionen eingebettet war eine methodologische Sektion, in der Erfahrungen mit der Verbindung mikrogeschichtlicher und vergleichender Ansätze diskutiert wurden. Vor allem hier ergaben sich kontroverse Diskussionen zwischen den Vertretern einer vergleichenden Mikrogeschichtsforschung um Lutz Raphael (Trier) und Jean-Luc Mayaud (Lyon) auf der einen Seite und Carola Lipp (Göttingen) als Vertreterin der inzwischen klassischen Mikrogeschichtsforschung, die einem eher holistischen Ansatz folgt.
Die Sektion 1, „Frühneuzeitliche Gemeinde oder Neuerfindung des Dorfes“
eröffnete Robert von Friedeburg (St. Andrews (Schottland) / Bielefeld) mit dem Thema: „Traditioneller Gemeindeprotest und moderne Partizipation: frühneuzeitliche Leitbilder und bürgerliches Bauernbild im 19. Jahrhundert.“ Er kam zu einer ambivalenten Antwort auf seine Leitfrage, ob im 19. Jahrhundert das Dorf „neu erfunden“ wurde oder ob die Landgemeinde des Ancien Régime weiterlebte: Vor allem für die Gebiete der deutschen Mittelgebirge, mit einer starken Stellung der Landgemeinde als Rechtsperson und als Kristallisation ländlichen Arbeitens, sah er zumindest sozialhistorisch stärkere Kontinuitäten als in der älteren Forschung angenommen worden war. Von „Neuerfindung des Dorfes“ sprach er mit Blick auf den Wandel von der Real- zur Einwohnergemeinde und auf die neuen Arbeitsmöglichkeiten Landarmen im gewerblich-industriellen Bereich. Er ergänzte seine Argumentation aus politisch-ideengeschichtlicher Sicht, indem er die Ablösung ständisch-hierarchischer Einstellungen durch staatsbürgerlich-egalitäres Denken herausarbeitete.
Zweiter Referent dieser Sektion war Wolfgang Schmale (Wien) mit dem Thema: „Bruch des politischen Gedächtnisses? Die französische Gemeinde nach der Revolution.“ Er diskutierte die Frage, wie sehr die französische Revolution von 1789 die politische Kultur auf dem Dorf veränderte, wieviel also die nachrevolutionäre Dorfgemeinde mit der vorrevolutionären gemein hatte. Im Ergebnis zeigte der Referent sowohl politisch-ideengeschichtlich als auch sozio-ökonomisch starke Kontinuitäten zwischen der nachrevolutionären Zeit und Entwicklungen auf, die tief im 18. Jahrhundert wurzelten. Andererseits konnte er zumindest in der republikanischen Phase starke Machtzuwächse der dörflichen Unter- und Mittelschichten auf Kosten der Oberschichten herausarbeiten, doch war diese Phase zu kurz, um eine wirklich neue politische Generation entstehen zu lassen.
Als dritter und letzter Referent dieser Sektion sprach Gunter Mahlerwein (Mainz) über das Thema: „Die Herren im Dorf. Zur Analysierbarkeit von Machtkonstellationen in Dörfern des 18. und 19. Jahrhunderts.“ Anhand von Einzelbeispielen wies er nach, daß ein durch lange Ortsansässigkeit und Familientradition begründetes Verwandtschafts- und Klientelnetz von dörflichen Amtsträgern sehr effizient zur Durchsetzung ihrer Interessen genutzt wurde. Mit der Erörterung verschiedener soziologischer Modelle stellte Mahlerwein ein Programm methodischer Ansätze vor, mit deren Hilfe die Funktionsweise konkreter Machtausübung in Dorfgesellschaften systematisch untersucht werden kann.
Christof Dipper (Darmstadt) problematisierte in seinem Kommentar die von Wolfgang Schmale vorgeschlagene Epochengrenze um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Hinweis auf die Bedeutung der Wirkungen der „Revolution nach der Revolution“ und fokussierte die Ergebnisse der drei Referenten: Der Staat ist bereits seit dem 18. Jahrhundert im Dorf und kommt nicht erst im 19. Jahrhundert dorthin.
In der zweiten Sektion, „Dorf und Region – der Blick regionaler Regierungsinstanzen auf das Dorf“
referierte zunächst Abigail Green (Cambridge (UK)) über das Thema: „Durch Schule und Presse auf ‚den guten Sinn der Landleute‘ zu wirken. Gouvernementale Meinungsbeeinflussung zwischen Revolution und deutscher Einigung. Hannover, Sachsen und Württemberg im Vergleich.“ Sie untersuchte die Frage, wie drei deutsche Regierungen nach der Revolution von 1848 mit Hilfe der Presse die öffentliche Meinung auf dem Land beeinflußten und die Schule zur Erziehung treuer Untertanen benutzten. In den 1850er und 1860er Jahren entwickelten sich Regierungspresse und das Fach „Vaterlandskunde“ in den Volksschulen zu Hauptinstrumenten staatlich gelenkter Meinungsbeeinflussung in den drei untersuchten deutschen Mittelstaaten.
Es folgte ein Referat von Costanza D´Elia (Neapel) über das Thema: Bürokraten und Beduinen. Staatsintervention und lokale Gesellschaft im postnapoleonischen Mezzogiorno. Sie untersuchte den Blick der Reformbeamten auf die dörfliche Gesellschaft und umgekehrt den Blick des Dorfes auf die Bürokraten am Beispiel der Fachbehörde für Wegebau und öffentliche Arbeiten. Die Referentin skizzierte in makro- wie mikrohistorischer Perspektive am Beispiel des unterschiedlichen Gebrauchs des politischen Leitbegriffs „Gemeinwohl“ das spannungsreiche Verhältnis der neuen staatlichen Bürokratie und der ländlichen Bevölkerung des Mezzogiorno, die sich gegen die hohen Kosten öffentlicher Straßen- und Brückenbauten sowie des Trockenlegens von Sumpfgebieten erbittert zur Wehr setzte.
Ein Referat von Susanne Rouette (Bochum) beschloß diese Sektion. Sie sprach über „Die ‚Herstellung‘ des modernen Bauern. Zur Entstehung einer Sozialfigur im Blick westfälischer Behörden im 19. Jahrhundert.“ Die Referentin ging der Frage nach, welche Sichtweise auf die „Bauern“ die preußische Verwaltungsbürokratie entwickelte. Anhand der Diskussion um das bäuerliche Erbrecht zeigte sie, wie die politischen Deutungen den Bauern als soziale Figur jeweils konturierten und sein Verhältnis zum „Boden“ wie zum Staat bestimmten. Sie kam zu dem Ergebnis, daß diese Diskussion die Realitäten ausblendete und ihnen den Topos „des Bauern“ entgegensetzte, der traditionsgebunden und in germanischer Vorzeit verwurzelt als ein Bewahrer von Sitte und Herkommen eine Hauptstütze des Staates und Damm gegen revolutionäre Ideen sein sollte.
Walter Rummels (Koblenz) Kommentar bündelte die Aussagen der drei Referentinnen in einer Typologie des Blicks auf „den Bauern“ und unterschied zwischen drei Topoi in Obrigkeit und Verwaltung: dem „politisch verführbaren“, dem „ungebildeten“ und dem „konservativen“ Bauern. Er wies auf die fiskalische, ökonomische, militärische und sozialpolitische Bedeutung der Bauern für die Regierungen und erinnerte an ihre aktive Beteiligung an der Revolution von 1848, die sich gegen den gegenüber etwa dem Elend der Moselwinzer weithin gleichgültigen „Nachtwächterstaat“ gerichtet habe.
Die Referate der dritten Sektion der Tagung berührten den Themenkreis „‘Nation Building‘ und politische Kultur auf dem Dorf.“
Günther Riederer (Regensburg) referierte über „Die deutsche Nation im französischen Village – Konflikte um nationale Symbole und kollektive Identitäten in Elsaß-Lothringen (1871-1918)“. Er kam zu dem Ergebnis, daß die „Germanisierungspolitik“ der deutschen Regierung am Ende des 19. Jahrhunderts tief in die alltägliche Lebenswelt der Menschen eindrang. Der Protest gegen die Fremdherrschaft wurde wesentlich auf symbolischen Schauplätzen ausgetragen. Dies mündete in einen alltäglichen Kleinkrieg zwischen Zugewanderten und einheimischer Bevölkerung, in dessen Verlauf nationale Symbole im Dorfleben verankert wurden. Im komplizierten Geflecht konkurrierender nationaler Identitäten überwog dabei die Identifikation der Landbevölkerung mit der französische Nation.
Josef Smets (Montpellier) sprach über „Die südfranzösische Gemeinde im 19. Jahrhundert: Ende einer lokalen Kultur und Beginn der Integration in die Nation?“ Im Languedoc hielt sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine Form alter ländlicher Demokratie, an die in der Folge der Revolutionen von 1789 und 1848 wieder angeknüpft wurde. Doch erst die Durchsetzung der französischen Sprache seit 1850 führte im Verein mit der allgemeinen Wehrpflicht zu einer allmählichen Integration der Landbevölkerung des Languedocs in die französischen Nation.
Ruth Dörner (Trier) beschloß die Sektion mit dem Thema: „Nationalfeiertage auf dem Dorf. Die Inszenierung von Staat und Nation in Landgemeinden des Département Meuse von der Juli-Monarchie bis zur Dritten Republik.“ Die Referentin untersuchte anhand der Nationalfeiertage, wie unter anderen Ausgangsbedingungen die Nation in ostfranzösischen Dörfern aufgenommen wurde. Sie relativierte Eugen Webers These, daß ländliche Bevölkerung im 19. Jahrhundert nur wenig von der nationalen Festsymbolik berührt worden sei, indem sie zeigte, daß die Nation hier seit der Juli-Monarchie eine anerkannte Größe war und nationale Belange durchaus ein Parameter des politischen Lebens auf dem Dorf darstellten.
Der Kommentator dieser Sektion, Alain Corbin (Paris), betonte, daß die von Ruth Dörner für die Dritte Republik konstatierte rückläufige Bedeutung politischer Feste in den untersuchten lothringischen Dörfern gegen den nationalen Trend stehe. Er schwächte den von Josef Smets stark betonten Gegensatz Zentrum/Peripherie etwas ab und betonte zu Günter Riederers Vortrag, daß sich die Politisierung von Vereinen im Elsaß und in Lothringen auf der Grundlage einer Abwehrhaltung zum Deutschen Reich entwickelte.
Die Vorträge der vierten Sektion betrachteten den Themenkreis „Lokale Autonomie im Zeichen der Verstaatlichung“.
Margareth Lanzinger (Wien) referierte über „‘Nach altherkömmlichen Gebrauche ...‘ ‚Durchstaatlichung‘ mit Hindernissen (Innichen / Südtirol)“. Die Referentin zeigte, wie sich zentral- und regionalstaatliche Einflüsse in Tirol nur sehr langsam durchsetzten. Sie erklärte diesen Umstand damit, daß es sich um eine lokale Gesellschaft handelte, in der der status quo eine prekäre Balance sozialer, lokalpolitischer, ökonomischer und ökologischer Bereiche so lange wie möglich sicherstellte.
Bernd-Stefan Grewe (Trier) sprach über das Thema: „Zur Frage kommunaler Autonomie im 19. Jahrhundert. Die staatliche Einflußnahme auf die Gemeindewaldwirtschaft in Frankreich, Luxemburg und dem linken Rheinland.“ Grewe zeigte in vergleichender Perspektive die massive Ausdehnung staatlichen Einflusses auf die Gemeindewälder, die durch den Willen nach Erhalt und Steigerung der Holzproduktion für künftige Generationen motiviert war und dabei auf unmittelbare soziale Interessen keine Rücksicht nahm. Dabei verlief die Durchsetzung forstgesetzlicher Normen in allen vier Untersuchungsregionen recht ähnlich: Die staatliche Bewirtschaftung der Gemeindewälder war ein wirkungsvolles Instrument der Durchsetzung staatlicher Reformen. Allein in Frankreich bot das Festhalten an älteren forstwirtschaftlichen Programmen Spielraum zu Kompromissen zwischen Gemeinden und staatlicher Forstverwaltung.
Friso Ross (Mainz) referierte über „Spanische Justiz vor Ort: Integration, Inkompatibilität, Inspektion.“ Er zeigte, wie konkrete Rechtsprechung in der Auseinandersetzung mit den lokalen gesellschaftlichen Verhältnissen im Spanien des 19. Jahrhunderts funktionierte. Er spannte den Bogen von der Rekrutierung des Justizpersonals, insbesondere der lokalen Richter, bis zur Überwachung der lokalen Justiz und Verwaltung durch die gerichtlichen Zentral- und Mittelinstanzen. Als Haupthindernis für die Durchsetzung zentralstaatlicher normativer Setzungen erwies sich die Einbindung des Justiz- und Verwaltungspersonals in regionale und lokale gesellschaftliche Verpflichtungen und Loyalitäten.
Kirsten Bönker (Bielefeld) sprach über „Lokale Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Selbstverwaltung und staatlicher Administration: Der Ärztestreik im Landkreis Balatov 1905.“ Anhand lokaler Ereignisse während der ersten russischen Revolution untersuchte die Autorin die Frage, inwieweit sich unter den Verhältnissen der russischen Autokratie „lokale Gesellschaft“ als gesellschaftliches Gegengewicht bildete und eine öffentliche Sphäre besetzte, die als Korrektiv gegenüber der staatlichen Administration auftrat. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß die Autokratie, vertreten durch den Provinzgouverneur, zwar die Oberhand behielt, zugleich aber hinnehmen mußte, daß die Artikulation lokaler Interessen erhebliche Teilerfolge erzielte.
Thomas Sieber (Basel) beschloß die vierte Sektion mit dem Thema: „Zur Entstehung der direkten Demokratie in der Schweiz.“ Der Referent stellte das aktuelle Forschungsvorhaben über die kommunalen Wurzeln direkter Demokratie im 19. Jahrhundert vor. Mit der Untersuchung der ländlichen Protestbewegungen gegen liberale Verfassungsmodelle sollen die Zusammenhänge zwischen direkter Demokratie, Bürokratiekritik und Sozialprotest gegen die liberalen Modernisierungsprogramme präziser analysiert werden.
Lutz Raphael (Trier) wies in seinem Kommentar darauf hin, daß zum einen die Durchstaatlichung im 19. Jahrhundert zumindest in Mittel- und Westeuropa die Gemeinden tiefgreifend verändert habe und daß zum anderen markante Unterschiede in der sozialen Verankerung lokaler Autonomie erkennbar geworden sind. Er betonte den Unterschied zwischen Regionen und Situationen, in denen die bäuerlichen Gemeinden gegenüber den Tendenzen zur Durchstaatlichung selbst Artikulationsfähigkeit und Handlungsspielräume erlangten und solchen, in denen Vermittler, vor allem bürgerliche Notabeln, die eigentlichen Träger lokaler Autonomie wurden.
Die Referate der fünften Sektion betrachteten mit vorwiegend methodologischem Interesse den Themenkreis „Vergleichende Mikrogeschichte des ländlichen Raumes“.
Jean-Luc Mayaud (Lyon) sprach über das Thema: "L´État au village dans la France du XIXe siècle: les pouvoirs locaux au prisme de la microhistoire." Er zeigte an drei konkreten Beispielen die Möglichkeiten des mikrohistorischen Ansatzes bei der Herausarbeitung lokaler Interessen- und Machtverhältnisse. Die konfliktzentrierten Fallanalysen dienten ihm als Grundlage für eine vergleichende Typologie von Dorfpolitik als vieldeutigem Treffpunkt lokalbezogener, sozialer, ökonomischer und kultureller Strategien und nationaler Politik und Ideologie. Insbesondere konnte er die starken Kontinuitätslinien unter den Vertretern lokaler Machtgruppen herausarbeiten. Diese verstanden es, ihre lokalen Interessen gegenüber den Vertretern des Zentralstaates in das rhetorische Gewand der nationalen politischen und Verwaltungssprache zu kleiden, die sich von ihrer lokalen politischen Sprache erheblich unterschied.
Norbert Franz (Trier) referierte über „Finanzielle Handlungsmöglichkeiten von vier Landgemeinden im 19. Jahrhundert: methodische Erfahrungen mit der Verbindung mikrogeschichtlicher und vergleichender Ansätze.“ Der Referent zeigte die Möglichkeiten einer systematischen quantitativen Analyse von Gemeindebudgets als Fundament mikrohistorischer Vergleiche auf. Sein Ergebnis: Die zentralen Modernisierungsaufgaben der Gemeinden, das Schulwesen und der Wegebau, wurden in allen vier untersuchten Beispielen vor allem durch das Gemeindeeigentum finanziert, wobei der Gemeindewald besonders wichtig war. Wo dies nicht ausreichte, wurden die Aufwendungen der Gemeinden durch die Erhebung von Sondersteuern und Umlagen abgedeckt.
Carola Lipp (Göttingen) ließ in ihrem Kommentar den streng auf begrenzte Fragestellungen ausgerichteten vergleichenden Ansatz, dem Norbert Franz folgte, zwar grundsätzlich gelten, sprach sich aber für eine intensive Kontextualisierung solcher Vergleichsverfahren und eine methodische Ergänzung durch personen- und akteurszentrierte Zugänge aus. Sie fragte Jean-Luc Mayaud nach der Bedeutung von Heiratsstrategien und traditionellen Produktionsformen für die Kontinuität lokaler Eliten. Darüber hinaus regte sie die Untersuchung von Kontinuitätsbrüchen an – etwa im Zusammenhang mit Modernisierungsvorgängen.
Die Referate der letzten Sektion hatten das Leitthema „Das Feld der Macht im Dorf: offizielle und heimliche Akteure“.
Tobias Dietrich (Trier) sprach über „Lenkung und Ablenkung. Gastwirte im thurgauischen und rheinischen Dorf (1830-1900).“ Unter der Leitfrage nach der Bedeutung von Wirten in den Dörfern untersuchte er vier Schweizer und rheinische Dörfer in vergleichender Perspektive, wobei er jeweils zwei Dörfer den Typen Arbeiterbauerngemeinde und agrarisch-handwerkliche Gemeinde zuordnete. Er kam zu dem Ergebnis, daß Gastwirte im Dorf eine „quer“ zu den dörflichen Sozialschichten stehende Gruppe gewesen seien, arbeitete die bei allen gravierenden Divergenzen offensichtlichen Gemeinsamkeiten von Wirten und Pfarrern heraus und zeigte, daß sich angesichts der exponierten Stellung der Wirte im dörflichen politischen Geschehen das Klischee von der „heimlichen Elite“ als völlig irreführend erweist.
Christian Windler (Basel) referierte über „Ancien consul et propriétaire: Fremdheitserfahrung und lokale Herrschaft.“ Anhand eines beispielhaften Falles untersuchte er die Frage nach der Rolle grundbesitzender Notabeln, die zugleich staatliche Beamte waren, als „Makler“ zwischen verschiedenen Beziehungsnetzen, etwa zwischen ihrem Geburtsort und der Hauptstadt. Er arbeitete heraus, daß lokale und regionale Loyalitäten vielfach größeren Einfluß auf das konkrete Verhalten verantwortlicher Beamter hatten als ihre Loyalitäten gegenüber einer abstrakten französischen Nation.
Christine Mayr (Trier) sprach über das Thema: „Zwischen allen Stühlen: Elementarschullehrer im 19. Jahrhundert im Spannungsfeld zwischen lokalen und staatlichen Machteinflüssen (Luxemburg, Rheinpreußen, Pfalz und Département Meuse).“ Sie fragte nach den Machteinflüssen, denen die Lehrer im 19. Jahrhundert ausgesetzt waren, ihren eigenen Einflußmöglichkeiten und neuen Handlungsspielräumen, die sich ihnen im Laufe des Jahrhunderts eröffneten. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß die Lehrer in einem Spannungsfeld zwischen den verschiedenen auf sie ausgeübten Machteinflüssen und ihrer eigenen Machtposition standen. Auf sie wirkten Staat, Gemeindeverwaltung und Kirche als Kontrollinstanzen sowie die Dorfgesellschaft, in die sie sich als Fremde integrieren mußten. Macht übten sie im Rahmen ihrer pädagogischen Funktionen aus und über ihren Bildungsvorsprung, der ihnen erlaubte, politische Ämter zu übernehmen.
Wolfram Pyta (Stuttgart) referierte über „Die Kanzel als politischer Mittelpunkt des Dorfes? Überlegungen zum Ansehen katholischer und evangelischer Landpfarrer in Deutschland 1800 bis 1850.“ Er fragte nach den soziokulturellen Ressourcen des Dorfpfarrers, die sich in politischen Einfluß umsetzen ließen, und arbeitete dies anhand der widersprüchlichen Anliegen spätaufklärerisch geprägter „Dorfpfarrer“ und ultramontaner Priester in der Konfrontation mit volksreligiösen Praktiken der Landbevölkerung heraus. Dabei befriedigten die ultramontanen Geistlichen die Erwartungen ihrer Klientel weitaus besser als ihr aufgeklärtes Pendant. In den 1830er Jahren gewannen im Protestantismus theologische Strömungen einer betonten Glaubensfrömmigkeit an Bedeutung, die sich zu einem populären Konservatismus verdichteten, der dem Ultramontanismus in vielerlei Hinsicht glich.
Clemens Zimmermann ergänzte in seinem Kommentar zu Tobias Dietrichs Referat die Rolle des Wirtshauses als Feld demokratischer Gleichbehandlung und regte die Untersuchung seiner Bedeutung bei der Entwicklung der Vereine an. Zu den Ausführungen von Christine Mayr regte er an, die soziale Position der Lehrer herauszuarbeiten und die soziale Kontrolle, der sie unterworfen waren, zu beachten. Das Referat Christian Windlers kommentierend plädierte Clemens Zimmermann für eine mildere Kritik an den Modernisierungskonzepten und regte für die Charakterisierung der hier gemeinten Prozesse die Verwendung des Transformationskonzepts an. Mit Blick auf das Referat Wolfram Pytas betonte er den Gegensatz zwischen den Pfarrern bürgerlicher Herkunft und der Landbevölkerung, deren Erwartungen an den Pfarrer von religiösem Traditionalismus geprägt waren.
In der Abschlußdiskussion wurden vier offene Problemfelder für das 19. Jahrhundert diskutiert:
1. die Untersuchung der besonderen Ausprägung und Transformation des Politischen im Dorf – vom Wahlkampf bis hin zu nationalen Symbolen; 2. die Verknüpfung mikrohistorischer und transnational vergleichender Forschungsansätze in der Agrargeschichte; 3. die Grenzen des modernen Verwaltungsstaates vor Ort und damit die Kontinuität älterer Beziehungsmuster zwischen Gemeinde und Staat; 4. die Frage nach regionalen Typen und Entwicklungswegen.
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Norbert Franz
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