AHF-Information Nr. 04 vom 2.3.2000
Veranstaltet wurde die Tagung in Verbindung mit der Ausstellung Ein schwäbischer Leonardo? Heinrich Schickhardt (1558 - 1635). Baumeister. Ingenieur. Kartograph, die vom 21. Oktober 1999 bis zum 11. Februar 2000 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart gezeigt wurde, um anschließend als Wanderausstellung auf die Reise zu gehen. 16 Städte in Südwestdeutschland und in Frankreich, die einen Bezug zu Schickhardt haben, werden sie präsentieren. Als Begleitbuch und Katalog ist das Werk Heinrich Schickhardt. Baumeister der Renaissance. Hrsg. Von Sönke Lorenz und Wilfried Setzler in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Tübingen, dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart und der Landesbildstelle Baden erschienen.
Robert Kretzschmar, der Leiter des Hauptstaatsarchivs und zusammen mit Eberhard Merk und Regina Keyler der Bearbeiter der Ausstellung, begrüßte die ca. 130 Teilnehmer. Er verlieh seiner besonderen Freude Ausdruck, daß viele Teilnehmer auch eine weite Anreise in Kauf genommen hatten, was ein Indiz für das große und anhaltende Interesse an dem schwäbischen Baumeister sei. Sein ganz besonderer Willkommensgruß galt den französischen Gästen: Frau Denise Rietsch, der Präsidentin des grenzüberschreitenden Vereins Europäische Kulturstraße/Itinéraire Culturel Européen Heinrich Schickhardt, und Herrn André Bouvard für die Société d’Emulation de Montbéliard. Eigens begrüßt wurden aber auch die Nachkommen Heinrich Schickhardts, die der Einladung zu der Tagung gefolgt waren. Kretzschmar, der die Vormittagssitzung moderierte, erinnerte zunächst daran, daß zur selben Zeit vor 400 Jahren Heinrich Schickhardt in Italien weilte, um als Mitglied einer Reisegruppe des inkognito reisenden Herzogs Friedrich I. von Württemberg in Rom die Feierlichkeiten zum Heiligen Jahr zu erleben. Sodann erläuterte er das Ziel der Tagung. Nicht um ein Gesamtbild Schickhardts gehe es, nicht um eine enzyklopädische Werkschau, sondern darum, neuere Forschungen vorzustellen und in Verbindung damit zu fragen: Wie ist der Forschungsstand zu Heinrich Schickhardt? Was ist erreicht? Wo muß man weiterarbeiten?
Das einführende Referat hierzu hielt Sönke Lorenz vom Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen: Heinrich Schickhardt und seine Zeit. Forschungsstand und offene Fragen, war es überschrieben. Lorenz machte zunächst deutlich, daß die in Verbindung mit der Ausstellung vorgelegte Publikation zu Heinrich Schickhardt nicht nur eine Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes zum Zeitpunkt der Bearbeitung darstelle, sondern auch in erheblichem Maße selbst zu neuesten Forschungsergebnissen geführt habe. Er verwies hierzu unter anderem beispielhaft auf die ortsbezogenen Beiträge von André Bouvard zu Saulnot und Sulz mit grundlegenden Beobachtungen zur Salzgewinnung um 1600, von Albrecht Gühring zur Marbacher Mühle und Eberhard Merk zu Christophstal und der dortigen Metallverarbeitung. Auch seien in den allgemeinen Beirägen, wie etwa dem von Wilfried Setzler zur Person des Baumeisters und von Marcus Popplow zum Techniker Heinrich Schickhardt, wesentliche Marksteine in der Aufarbeitung gesetzt. Gleichwohl habe man schon bei der Bearbeitung des Buches gesehen, wo noch Defizite seien, die es in den nächsten Jahren aufzuarbeiten gelte. So sei im Buch, wenn man vom darin enthaltenen Ausstellungskatalog absieht, das Thema Kartographie ausgeklammert worden. Auch sei das Wirken Schickhardts an einzelnen Orten, wie etwa Waldenbuch, noch einmal zu überprüfen. Wichtig erschiene es ihm auch, die Quellen noch besser aufzubereiten. Das berühmte Inventar Schickhardts in der Württembergischen Landesbibliothek müsse vollständig ediert werden, eine zeitgemäße Erschließung des Nachlasses von Heinrich Schickhardt im Hauptstaatsarchiv Stuttgart unter Ausschöpfung der technischen Möglichkeiten sei ebenfalls wünschenswert und schließlich sei es erforderlich, die französische Überlieferung stärker in den Blick zu nehmen. Die weitere Beschäftigung mit Schickhardt müsse sein Wirken stärker biographisch aufarbeiten und seine Tätigkeit in einzelnen Bereichen chronologisch und im Vergleich mit seinen zeitgenössischen Kollegen betrachten. Lorenz teilte in diesem Zusammenhang mit, daß die Personen, die das Projekt Schickhardt für die Publikation und das Buch zusammengebracht habe, den Entschluß gefaßt haben, quasi ehrenamtlich die Beschäftigung mit Schickhardt weiterzuführen. Dies gelte namentlich für ihn selbst, Dr. Kretzschmar sowie Herrn Dr. Janssen, dem Leiter des Stadtarchivs Herrenberg. Aus diesem Kreise sei bereits jetzt für 2002 eine weitere Tagung in Herrenberg vorgesehen, in der bis dahin erarbeitete Ergebnisse vorgestellt werden sollen.
Im Anschluß an das Referat ging Kretzschmar zunächst auf den geäußerten Wunsch ein, den im Hauptstaatsarchiv verwahrten Nachlaß detaillierter und in zeitgemäßen Formen zu erschließen. Dies sei sicher sinnvoll und bei Beginn der Vorbereitungen der Ausstellung auch geprüft worden. Angesichts beschränkter Ressourcen müsse das Archiv jedoch seine Kräfte auf Bestände konzentrieren, die überhaupt noch nicht erschlossen sind, bevor es an eine Nebearbeitung früherer Erschließungsarbeiten denken könne. Beim Nachlaß Schickhardt sei jedoch eine Umverpackung in – unter konservatorischen Gesichtspunkten – zeitgemäßes Material vorgesehen. Angedacht sei auch eine Digitalisierung des Bestandes, um ihn im Internet zugänglich zu machen. Dies sei nur im Rahmen eines Drittmittelprojekts möglich, in das dann eine Neuerschließung einbezogen werden könne. Das Hauptstaatsarchiv werde eventuelle Finanzierungsmöglichkeiten prüfen.
In der Diskussion wurde u.a. die Frage aufgeworfen, ob Schickhardt die zahlreichen erhaltenen Zeichnungen tatsächlich alle selbst gefertigt haben kann, ob nicht vielmehr ein Stab von Mitarbeitern ihm zur Verfügung gestanden haben muß. Lorenz und Kretzschmar erläuterten, daß zwar von Mitarbeitern auszugehen ist, daß aber doch angesichts der unglaublichen Schaffenskraft Schickhardts während eines langen Zeitraums die Zeichnungen zum größten Teil von ihm selbst stammen dürften. Diese Annahme bestätigen auch seine handschriftlichen Randbemerkungen und Erläuterungen zu den Zeichnungen, die im übrigen auch oft sehr skizzenhaft gearbeitet sind. Aus dem Publikum wurde nochmals darauf hingewiesen, daß es noch für viele Städte und Gemeinden gelte, das Wirken Schickhardts bei sich aufzuarbeiten. Lorenz rief dazu auf, solche Aufarbeitungen mit dem Kreis derer, die sich mit Schickhardt aktuell beschäftigen, abzustimmen und Ergebnisse auszutauschen. Kretzschmar ergänzte, daß der Schickhardt-Verein, der in nächster Zeit ein Jahrbuch herausgeben wird, als Drehscheibe für einen solchen Informationsaustausch geeignet sei.
Die Reihe der Vorträge, in denen die Ergebnisse jüngster Einzelforschungen vorgestellt wurden, eröffnete Roman Janssen mit seinem Referat über Heinrich Schickhardt im Spiegel seines Buchbesitzes. Janssen wertete erstmals Schickhardts eigene Auflistung seiner Bibliothek aus, die im Inventar des Baumeisters überliefert ist. Seine Ausführungen bestätigten die Aussage von Professor Lorenz, wie wichtig es ist, diese Quelle vollständig zu edieren. Denn da in der bisherigen Ausgabe von Heyd der Bibliothekskatalog nur unvollständig wiedergegeben ist, wäre die Analyse der gedruckten Angaben völlig irreführend. Janssen gelang es, sich dem Menschen Heinrich Schickhardt über seine Bibliothek auf ganz neue Weise anzunähern und aus dem Buchbesitz, den er in verschiedene Gruppen einteilte, Einsichten zu gewinnen - zu den Interessen, zum Bildungsstand, vor allem aber auch zu den alltäglichen Problemen, etwa gesundheitlicher Art, wie sie sich in den zahlreichen medizinischen Werken spiegeln, die man unterschiedlichen Lebensabschnitten des Baumeisters zuordnen kann.
Die Diskussion dazu konzentrierte sich im wesentlichen auf die Frage nach dem Verbleib der umfangreichen Bibliothek. Janssen äußerte sich optimistisch, daß man anhand von Besitzvermerken in der Universitätsbibliothek Tübingen und in der Württembergischen Landesbibliothek Stücke einzelne Stücke identifizieren werden könne. Er beabsichtige, die Suche aufzunehmen.
Numismatisches bei Heinrich Schickhardt, war der Dia-Vortrag von Ulrich Klein, dem Leiter des Münzkabinetts im Württembergischen Landesmuseum, überschrieben, der nach den Büchern nun über Münzen und Medaillen abermals einen völlig neuen Zugang zu Schickhardt bot. Klein ging zunächst auf das Münzgeschehen und die Münzpolitik der Zeit Schickhardts ein, von der der Baumeister und seine Projekte in mehrfacher Hinsicht berührt waren. Aber auch in diesem Vortrag gelang wieder eine Annäherung an den Menschen Heinrich Schickhardt – diesmals als Empfänger von Gnadenpfennigen, die ihm von hochgestellten Persönlichkeiten verliehen wurden und die er in seinem Inventar detailgetreu abgezeichnet hat. Schickhardts persönliches Interesse an Münzen ist nicht zuletzt in seinen Ausgrabungen bei Mandeure, dem römischen Epomanduodurum, greifbar, bei denen er antike Münzen zu Tage förderte. Klein bot den Tagungsteilnehmern abschließend vor der Mittagspause die Möglichkeit, einen Gnadenpfennig im Original zu betrachten.
Nachdem am Vormittag die Person Schickhardts im Vordergrund gestanden hatte, war der Nachmittag, für den Wilfried Setzler, Kulturamtsleiter in Tübingen und Mitherausgeber des eingangs genannten Buchs, die Moderation übernommen hatte, seinem Wirken im zeitgenössischen Kontext gewidmet.
Zum Thema Heinrich Schickhardts Italienreisen referierte Dirk Jonkanski, Referent beim Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein in Kiel, auf der Grundlage seiner jüngst vorgelegten Dissertation zu dem Thema, die als Mikrofiche-Ausgabe publiziert ist und in der unter anderem die Reisetagebücher Schickhardts ediert sind. Die Ausführungen Jonkanskis bestätigten nochmals, wie wichtig eine solide Quellenedition ist und ließen den Wunsch aufkommen, die Dissertation mit der Edtition der Reisetagebücher auch in gefälligerer und publikumswirksamerer Form zu publizieren. Anhand zahlreicher Illustrationen, insbesondere aus den Tagebüchern, ließ Jonkanski die Reisen und ihre Wirkung auf Schickhardt detailliert nachvollziehen, wobei er die Reisen selbst erstmals in die Gepflogenheiten der Zeit um 1600 einordnete, ohne daß diese Relativierung in irgendeiner Weise der Faszination des Nachvollziehens Abbruch tat.
Wie Schickhardts Reisetagebücher als Reiseliteratur nachgewirkt haben, war eine der Fragen, die in der Diskussion thematisiert wurden.
Es muß nicht immer Schickhardt sein! Zur Bedeutung Heinrich Schickhardts für den Kirchenbau in Württemberg zu Beginn des 17. Jahrhunderts, lautete der bewußt provokativ gewählte Titel von Christoph Seeger. Der Referent, der über die Kirchenbauten Schickhardts eine Magisterarbeit vorgelegt hat und das Thema mit erweiterteter Fragestellung derzeit für eine Dissertation bearbeitet, wartete vor allem mit einer neuen These auf: Nicht Schickhardt, sondern Elias Gunzenhäuser sei der eigentliche Baumeister der Winkelhakenkirche in Freudenstadt. Schickhardt habe am Bau dieser erst ab 1604 intensiv mitgewirkt, als es wegen des Baugrunds Probleme gegeben habe. Mit zahlreichen neuen Beobachtungen im Detail konnte Seeger die Bedeutung Schickhardts für den protestantischen Kirchenbau präzise bestimmen, wobei er insbesondere auf die Kirche St. Martin in Montbéliard, die Göppinger Stadtkirche und die Pfarrkirche in Pfaffenhofen mit ihrer reichen orginären Innenausstattung einging.
Der Vortrag Seegers führte zu einer regen Diskussion über die spätgotischen Elemente der Winkelhakenkirche und die Rolle Schickhardts bei ihrer Entstehung sowie die Gestaltung der Innenräume in seinen Kirchen, in der u.a. Hipp, Kunstgeschichtliches Seminar der Universität Hamburg, Frau Seeliger-Zeiss von der Inschriften-Kommission bei der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und Jonkanski in einen Dialog mit dem Referenten traten.
Der letzte Tagungsbeitrag von Marcus Popplow, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, galt der Einordnung Heinrich Schickhardts aus technikgeschichtlicher Perspektive in die Entwicklung des Ingenieurwesens. Unter dem Titel Heinrich Schickhardt und die Ingenieure seiner Zeit, schilderte der Referent anhand bildlicher Darstellungen das Aufkommen und Wirken von Experten für Technik außerhalb der Zünfte seit dem hohen Mittelalter, in deren Tradition Schickhardt zu sehen ist. Popplow, dessen Doktorarbeit über das Ingenieurwesen und die Idealisierung von Technik in der frühen Neuzeit 1998 erschienen ist, konnte dabei ein plastisches Bild vom Maschinenwesen der frühen Neuzeit, des Verständnisses der Zeit und der Strukturen vermitteln, in denen sich ein Werkmeister wie Heinrich Schickhardt bewegte. Überlieferungsgeschichtlich von Interesse waren seine Überlegungen, ob es sich bei einem erhaltenen Konvolut von Maschinenzeichnungen Schickhardts um einen bewußt angelegten Satz von Musterblättern in der Tradition von Maschinenbüchern handelt, wie man sie in der frühen Neuzeit üblicherweise hochgestellten Persönlichkeiten zur Eigenwerbung vorlegte. In diesem Zusammenhang betonte der Referent, daß der im Hauptstaatsarchiv verwahrte Nachlaß mit seinen über 1.500 Skizzen und Zeichnungen insgesamt eine einmalige Überlieferung darstellt, zu der sich europaweit keine vergleichbarer Bestand findet. Abschließend ging Popplow auf die Frage ein, ob Schickhardt als der schwäbische Leonardo zu sehen ist, als der er häufig apostrophiert wird. Im Ergebnis bestätigte er die relativierende Würdigung in der Ausstellung des Hauptstaatsarchivs, indem er aus dem Katalog zitierte: Schwäbisch könnte aber auch einschränkend verstanden werden als: nicht „weltumspannend“, sondern „bodenständig“, nicht „hochfliegend“, sondern „wirtschaftlich, pragmatisch und bescheiden“, nicht „theoretisierend“, sondern „erprobend“, nicht „revolutionär“, sondern „innovativ auf bewährter Grundlage“. Besser – so Popplow – könne man es nicht auf den Punkt bringen.
Wilfried Setzler gelang es im Anschluß, die Ergebnisse der Ausstellung konzis zusammenzufassen. Sein Fazit: Die Schickhardt-Forschung ist trotz der immensen Fortschritte gerade in jüngster Zeit erst am Anfang. Der Vormittag habe gezeigt, wie man durch ungewohnte Annäherungen – sei es über die Bibliothek wie bei Janssen, sei es über die Münzen wie bei Klein – neue Erkenntnisse gewinnen kann. Am Nachmittag sei deutlich geworden, welche Fortschritte durch eingehende Dissertationen wie die von Jonkanski zu den Italienreisen, von Seeger zum protestantischen Kirchenbau und von Popplow zum Ingenieurwesen erreicht werden können. Für die weitere Arbeit seien drei Punkte herauszustellen: Zum einen seien die lokalen Forschungen voranzutreiben. Zum zweiten gelte es, die Quellen besser aufzuarbeiten. Zum dritten sei gerade an den Beiträgen des Nachmittags deutlich geworden, daß es dringend erforderlich ist, Schickhardt und sein Wirken in größere Zusammenhänge zu stellen.
Einen Ausklang – im wahrsten Sinne des Wortes – stellte die anschließende musikalische Darbietung des Vokalensembles Hofkapelle unter der Leitung von Michael Procter dar, das zeitgenössische Vokalmusik der Renaissance erklingen ließ. Das Programm griff zwei Städte auf, die Schickhardt auf seinen beiden Italienreisen besonders beeindruckt haben: Venedig mit Motetten von Giovanni Gabrieli und Rom mit Werken des Giovanni Pierluigi da Palestrina.
Es ist vorgesehen, die Tagungsbeiträge in der Reihe Schriften zur Südwestdeutschen Landeskunde zu veröffentlichen.
Kontaktadresse:
Dr.
Robert Kretzschmar
Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Konrad-Adenauer-Str. 4
70173
Stuttgart
Robert Kretzschmar
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