AHF-Information Nr. 03 vom 1.3.2000
Am 15. und 16. Oktober 1999 fand im Berliner Ernst-Reuter-Haus die Tagung "Geschlechter - Kriege. Militär, Krieg und Geschlechterverhältnisse, 1914 - 1949" statt, die vom Freiburger "Arbeitskreis Militärgeschichte e.V." und vom Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin (ZIFG) veranstaltet wurde. Die Organisation und wissenschaftliche Leitung lag bei Dr. Karen Hagemann, Marcus Funck M.A. und Dr. Stefanie Schüler-Springorum. Anknüpfend an ein gemeinsam vom "Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e.V." und dem ZIFG im November 1997 veranstaltetes Kolloquium zu "Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel (17. - 19. Jahrhundert)" sollten die bisher weitgehend getrennt bearbeiteten Forschungsfelder der Militär- und der Geschlechtergeschichte in der Folgeveranstaltung auch für das 20. Jahrhundert verbunden werden. Ziel der Tagung war es, zentrale Problemfelder einer Geschlechtergeschichte von Militär und Krieg im Kreis von einschlägig forschenden WissenschaftlerInnen aus der Militärgeschichtsschreibung einerseits und der historischen Frauen- und Geschlechterforschung andererseits zu diskutieren. Daß dieses Vorhaben schon im Vorfeld auf große Resonanz stieß, belegte die hohe Zahl der Anmeldungen. Über 130 WissenschaftlerInnen aus acht Ländern (USA, Niederlande, Großbritannien, Schweiz, Österreich, Israel, Deutschland, Ungarn) - vornehmlich HistorikerInnen, aber auch VertreterInnen angrenzender Disziplinen - konnten schließlich an der Tagung teilnehmen. Angesichts des großen Interesses ist die Publikation eines Sammelbandes zum Tagungsthema geplant.
In zwei einleitenden Vorträgen wurde das Tagungsthema aus historischer und soziologischer Perspektive vorgestellt. Barton C. Hacker (Smithsonian Institution, Washington) führte mit einem kulturhistorischen durch Dias illustrierten Streifzug in die Geschichte der weiblichen Präsenz in den militärischen Institutionen der letzten dreihundert Jahre ein: Während im 18. Jahrhundert vor allem Frauen aus der Unterschicht die Infrastruktur der Truppe sicherstellten, waren es seit dem beginnenden 19. Jahrhundert im Kontext der üblich werdenden allgemeinen Mobilmachung für die mit nationalen Interessen legitimierten Kriege in wachsender Zahl Mittelschichtsfrauen, die sich freiwillig für militärische Hilfsdienste meldeten. Sie seien dafür seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer häufiger mit dem Tragen von Uniformen 'belohnt' worden. Auf die für moderne Gesellschaften erstaunliche Persistenz einer geschlechterspezifischen Rollenverteilung im Militär verwies im zweiten Einführungsvortrag, der Militär, Krieg und Geschlecht als kulturelle und soziale Konstruktionen analysierte, die Soziologin Ruth Seifert (Fachhochschule Regensburg). Sie schloß daraus, daß gerade das Militär diese Geschlechterdifferenz nicht nur spiegele, sondern maßgeblich mitproduziere, indem Frauen selbst dort, wo sie in die Armee aufgenommen werden, qua Geschlecht weiter von der Anwendung der Waffengewalt ausgeschlossen werden würden. Daß der immer wieder angeführte "Schutz der Frauen" vor Gewalt ein ideologisches Konstrukt ist, belege die Realität des modernen Krieges mit seinem massiven Einsatz gegen die Zivilbevölkerung. Das Militär sei, so resümierte Seifert, ein zentraler Ort im gesellschaftlichen Gefüge, an dem die geschlechtsspezifische Subjektivität und die Machtverteilung zwischen den Geschlechtern immer wieder neu konstruiert und durchgesetzt werde.
Im Anschluß an die beiden Einführungsreferate widmete sich die erste Sektion "Männerbilder - Frauenbilder" der sozialen und kulturellen Konstruktion von Geschlechterbildern im Kontext von Militär und Krieg. Christian Koller (Universität Zürich) analysierte die diskursive Verknüpfung und propagandistische Nutzbarmachung der Rassen- und Geschlechterbilder in der Kolonialtruppendiskussion Deutschlands und Frankreichs während und nach dem Ersten Weltkrieg. Trotz konträrer Argumentation lassen sich gemeinsame Grundstrukturen nachweisen: In Bezug auf die afrikanischen Soldaten ein gemeineuropäischer Rassismus, in Bezug auf die Frauen beider Länder die bekannte Aufspaltung in 'gute', moralisch integre, der eigenen Nation angehörende und 'schlechte', sexuell verwerfliche, der anderen Nation angehörende Frauen. In ihrem Kommentar fragte Elizabeth Harvey (University of Liverpool) nach den Verallgemeinerungsmöglichkeiten dieses Vorurteilsmusters, das sie auch in ihren eigenen Forschungen zum Alltag deutscher Besatzungspolitik in Polen während des Zweiten Weltkriegs bestätigt gefunden hat. Im folgenden Vortrag analysierte Annette Timm (University of British Columbia) den von Staat und Militär während und nach dem Ersten Weltkrieg geführten primär bevölkerungspolitisch motivierten Diskurs über die "Volksseuche" der Geschlechtskrankheiten, die als eine bedrohliche Kriegsfolge wahrgenommen wurden. Kathleen Canning (The University of Michigan, Ann Arbor) ordnete in ihrem Kommentar diesen Diskurs in die bevölkerungs- und sozialpolitischen Debatten der Weimarer Republik ein.
In der zweiten Sektion "Geschlechterbeziehungen - Geschlechterhierarchien" standen die gesellschaftlichen Auswirkungen des weitreichenden Wandels im Militär- und Kriegswesen des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Zunächst untersuchte Bianca Schönberger (Oxford University) die Situation der Rot-Kreuz-Schwestern im Ersten Weltkrieg, die durch ihre Tätigkeit in die Kriegsmaschinerie an der Front eingebunden waren. Dieser 'Tabubruch' - die Anwesenheit von Frauen im Zentrum des Krieges - ging einerseits mit der diskursiven Überhöhung der "Schwestern" in ihrer nonnengleichen Uniform einher, andererseits mit ihrer nicht minder häufigen Diffamierung als mögliche bzw. potentielle Prostituierte. Christa Hämmerle (Universität Wien) unterstrich in ihrem Kommentar die Notwendigkeit einer präzisen, den konkreten historischen Kontext berücksichtigenden Amalyse von Geschlechterbildern und -beziehungen und forderte zugleich von der Forschung, zukünftig stärker die reale Kriegserfahrung von Frauen in den Blick zu nehmen und dementsprechend diese Dimension auch in der Forschung über die weibliche Krankenpflege an der Front intensiver zu bearbeiten. Mit dem Vortrag von Thomas Kühne (Universität Bielefeld) wurde der zeitliche Rahmen der Tagungsdiskussion auf den Zweiten Weltkrieg ausgedehnt. Kühne thematisierte den Mythos der Kameradschaft in kulturgeschichtlicher Perspektive, der nicht nur dazu gedient habe, die reale Gewalt der Soldaten nach außen zu camouflieren, sondern zugleich die sozialen Hierarchien der Männer untereinander. Auf diese Weise kam dem Kameradschaftsmythos vor allem im Vernichtungskrieg im Osten und dessen späterer Verarbeitung bzw. Verdrängung eine zentrale Funktion zu. In seinem Kommentar arbeitete Robert Nelson (University of Cambridge) die Unterschiede und Ähnlichkeiten mit den Bildern und Erfahrungen deutscher Soldaten während des Ersten Weltkrieges heraus. Aus gänzlich anderer Perspektive widmete sich anschließend Birgit Beck (Universität Bern) den Erfahrungen von Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum ihres Vortrags standen Vergewaltigungen ost- und westeuropäischer Frauen in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten. Diese Gewaltakte deutscher Soldaten analysierte sie anhand der Akten der deutschen Militärgerichtsbarkeit und kam zu dem Ergebnis, daß diese Taten aufgrund der Wirkkraft rassistischer Ideologeme von den Militärgerichten an der Ostfront weitaus weniger hart bestraft wurden als von denen der Westfront. Andrea Peto (Central European University Budapest) betonte in ihrem Kommentar die Wichtigkeit des Themas, kritisierte aber das methodische Vorgehen von Beck , die die Vergewaltigungen aufgrund des ausgewerteten Quellenkorpus nur aus der einseitigen Perspektive des Militärs und der Soldaten in den Blick nehme und deshalb der Erfahrung der betroffenen Frauen nicht gerecht werden könne.
Den subjektiven Wahrnehmungen sowie den kollektiven Be- und Verarbeitungen von Krieg und Gewalt war die dritte Sektion der Tagung unter dem Titel "Erfahrungen - Erinnerungen" gewidmet. Zunächst führte die Kulturwissenschaftlerin Sabine Kienitz (Universität Tübingen) am Beispiel der Weimarer Kriegsinvalidenproblematik aus, in welch hohem Maße Männlichkeit durch die Versehrung der männlichen Körper in Frage gestellt wurde. Sehr rasch sei man staatlicherseits bemüht gewesen, durch die massenhafte Produktion von Prothesen den Mann als Mann wiederherzustellen, was hieß seine Arbeitskraft und damit seine Funktion als Familienernährer zu stabilisieren. Gleichzeitig war es jedoch gerade die Prothese als Produkt und Symbol der technischen Innovation, so Kienietz, die die tradierten Formen von Männlichkeit aufzuheben begann: Durch die Technisierung und Rationalisierung von Arbeitsabläufen hätten bestimmte Arbeiten ihre geschlechtsspezifische Konnotation verloren, was nicht nur die Geschlechterkonkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verstärkte, sondern zugleich die technisch rekonstruierte Männlichkeit der Kriegsinvaliden aufs neue und nachhaltig in Frage stellte Paul Lerner (University of Southern California) zog anschließend Parallelen zwischen physischer und psychischer Kriegsversehrung und betonte deren gesellschaftliche Folgen für die Entwicklung der Weimarer Republik. Die mit Vehemenz in der Weimarer Republik von den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen, Frauen wie Männern, geführten Debatten über die Folgen des Ersten Weltkriegs auf das Geschlechterverhältnis im allgemeinen und die gesellschaftliche Stellung der Frauen im besonderen analysierte Birthe Kundrus (Universität Oldenburg) in ihrem Vortrag. Sie hinterfragte die bereits in der Weimarer Republik umstrittene These, der Krieg habe 'die' Frauen 'emanzipiert' und wies nach, in wie starkem Maße die dominierenden Geschlechterbilder zwar an die Diskurse der Vorkriegszeit anknüpften, aber durch das Kriegserlebnis überformt wurden. Die Bedeutung der Erfahrung des Ersten Weltkrieges stand auch im Zentrum des Kommentars von Richard Bessel (University of York), der sehr nachdrücklich auch auf deren Klassengebundenheit hinwies. Die Funktionalisierung eines sozial- und geschlechtsspezifisch ausgestalteten Kriegserlebnisses für die Nachkriegszeit war auch das Thema des letzten Vortrags von Frank Biess (Rutgers University), der sich mit der gesellschaftlichen Situation und den Erfahrungen der Kriegsheimkehrer nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte. Ost- und Westdeutschland hätten unterschiedliche Strategien der 'Remaskulinisierung' dieser zerstörten Männer entwickelt, die in je spezifischer Weise die kollektive Konstruktion von 'Kriegserfahrungen' mit neuen, präskriptiven Idealen von Männlichkeit verbanden. Dabei hätten ostdeutsche Männlichkeitsideale eine größere Kontinuität zur preussisch-deutschen Tradition der Verbindung von Männlichkeit und Militarismus aufgewiesen als westdeutsche. Letztere thematisierten, so Biess, eher die Leidenserfahrung der Heimkehrer und stilisierten diese gleichsam zu Kriegsopfern. In ihrem Kommentar fragte Carola Sachse (Technische Universität Berlin) nach den geschlechterpolitischen Folgen dieser unterschiedlichen Remaskulinisierungskonzepte in Ost und West
In seinem abschließenden Tagungsresümee betonte Stig Förster (Universität Bern) die weitreichenden Folgen der beiden großen europäischen Kriege dieses Jahrhunderts, die sich noch lange auf die Gestaltung von Politik, Gesellschaft und Geschlechterverhältnisse ausgewirkt haben. Um diese adäquat zu erfassen, seien die Herausforderungen der Militär- und der Geschlechtergeschichte, so Förster, gegenseitig ernst zu nehmen und auch in Zukunft so produktiv umzusetzen, wie es durch die Referate, Kommentare und Diskussionen auf dieser Tagung geschehen konnte, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Gerda Henkel Stiftung sowie der Technischen Universität Berlin finanziert wurde.
Stefanie Schüler-Springorum
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2000. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |