AHF-Information Nr. 02 vom 1.3.2000

Deutschland und der Westen Europas im Mittelalter
II. Hoch- und Spätmittelalter

Herbsttagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte
vom 5. bis 8. Oktober 1999 auf der Insel Reichenau

Die von Joachim Ehlers (Berlin), Mitglied des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte e.V., vorbereitete und durchgeführte Herbsttagung des Konstanzer Arbeitskreises vom 5. bis zum 8. Oktober 1999 beschäftigte sich mit dem Thema „Deutschland und der Westen Euro­pas im Hoch- und Spätmittelalter“. Die gleichfalls von Joachim Ehlers veranstaltete Frühjahrs­tagung des Arbeitskreises hatte Fragen zum selben Thema in Spätantike und im frühen Mittelalter gegolten. Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Belgien und Tschechien waren der Einladung gefolgt.

Nach einer Einleitung in das Tagungsthema und einem kurzen Rückblick auf die Ergebnisse des ersten Teils von. Joachim Ehlers sprach am ersten Abend Dethard von Winterfeld (Mainz)über „Deutsche Architektur des 13. Jahrhunderts in ihrem Verhältnis zu Frankreich“. Der Referent erläuterte anhand von Diapositiven das Verhältnis der deutschen Architektur des 13. Jahrhunderts zu der Frankreichs und arbeitete dabei unterschiedliche Aspekte der Rezeption heraus. Am Ende seines Vortrags wies von Winterfeld auf die Unterschiede zwischen französischem und deutschem Nationalcharakter hin und stellte die Frage nach einer typisch deutschen „Übertreibung“ in Kraft und Stil.

Im ersten Vortrag des nächsten Tages beschäftigte sich, gleichfalls vermittels zahlreicher Dias, Peter Kurmann (Fribourg) mit „Französischer und deutscher Skulptur im Werdegang vom späten 12. zum frühen 14. Jahrhundert“ und arbeitete Parallelen und Divergenzen heraus. Die vielfältigen Erscheinungsformen der romanischen Skulptur wurden dabei anhand von Beispielen aus ausge­wählten Regionen Frankreichs und des Reichs aufgezeigt. Unter Heranziehung eines Zeugnisses aus der Chronica ecclesiae Wimpinensis auct. Burcardo de Hallis et Dythero de Helmestat. (MGH 30/1, S. 666) kam dabei auch die personelle Ebene des Transfers von der Francia in die Teutonia zur Sprache.

Timothy Reuter (Southampton) stellte in seinem Vortrag „Nur im Westen was Neues? Das Werden prämoderner Staatsformen im europäischen Hochmittelalter“ fest, daß im hochmittelalterlichen Reich zwar ansatzweise alle Formen jenes neuen Regierens, die die westeuropäischen Staaten (England, Frankreich, das Normannenreich) prägten, zu finden sind, diese aber weitgehend unter­entwickelt blieben. Den für die staatliche Entwicklung in Westeuropa typischen Phänomenen wie festen Residenzen bzw. Amtssitzen, homogenen Verwaltungseinheiten, einer Justizaufsicht, klar definierten Nachfolgeordnungen, Regelung der Finanzen etc. hatte das Reich nichts Vergleichbares an die Seite zu stellen. Auf mangelnden Kenntnissen können diese Unterschiede, so der Referent, nicht beruht haben; die Möglichkeit zur Informierung habe in ausreichendem Maße bestanden, vor allem im kirchlichen Bereich habe man sich – z.B. auf den Konzilien – gegenseitig kennengelernt. Das so offenkundige Gefälle zwischen dem Reich und Westeuropa versuchte Reuter mit der wesentlich größeren flächenmäßigen Ausdehnung des Reiches sowie mit dem Hinweis auf eine ungleichmäßige Ausgangslage zu erklären; die Entwicklungsunterschiede seien zudem nicht volunta­ristisch, sondern durch innere und äußere Zwänge verursacht gewesen. Auch sei man mit dem, was man hatte, gut ausgekommen. Den im Hinblick auf die Staatlichkeit des Reiches augenscheinlichen Negativa gegenüber erinnerte Reuter freilich nicht zuletzt daran, daß jene sog. „fortschrittlichen“ Staaten des 12. und 13. Jahrhunderts (z.B. das Normannenreich) von den Zeitgenossen oft genug als „Tyranneien“ bezeichnet wurden.

Ausgehend von der Beobachtung, daß sich ‚nationale Geschichtsschreibung‘ im Mittelalter nicht von selbst verstanden habe, sondern sich erst formen mußte, unterzog Jean-Marie Moeglin (Paris) in seinem Vortrag „Nationen, Nationalisierung, nationale Identitäten“ das Erfassen der jeweiligen Nationalgeschichte in der Historiographie Frankreichs und Deutschlands vom 12. bis zum 14. Jahrhundert einer vergleichenden Analyse. Moeglin kam dabei zu dem Ergebnis, daß um 1300 in Frankreich eine nationale Geschichtsschreibung existiert habe, in Deutschland dagegen nicht. Für Frankreich stellte der Referent fest, daß die dortige Nationalgeschichte zunächst von den Klöstern des Landes getragen wurde; eine wichtige Rolle habe dabei vor allem die die Memoria der französi­schen Könige sichernde Abtei St. Germain des Prés gespielt. Im Laufe des 13. Jahrhunderts habe sich die Nationalgeschichtsschreibung Frankreichs jedoch zunehmend von den Klöstern distanziert und begonnen, für sich selbst zu existieren. Demgegenüber kam Moeglin für Deutschland zu dem Ergebnis, daß die dortigen Versuche zur Formung einer deutschen Nationalgeschichtsschreibung (z.B. der Annalista Saxo) schon bald wieder beendet waren, denn „die Wende“ folgte bereits zur Jahrhundertmitte: Die neuen Autoren haben die Reichsgeschichte wieder mit Augustus beginnen lassen, die deutsche Kaisergeschichte wurde in der Tradition der römischen Kaisergeschichte gesehen. Es sei, so Moeglin, in Deutschland nicht gelungen, Nationalgeschichte zu territorialisieren, d.h. sie zu verräumlichen. Lediglich Gottfried von Viterbo habe insofern eine Art Verräumlichung der Nationalgeschichte erreicht, als er „die Welt“ als den Raum der deutschen Geschichte ausgab. Darauf habe sich „der Stolz Deutscher zu sein“, gründen können.

Werner Paravicini (Paris) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Titel „Deutsche Adelskultur und der Westen im späten Mittelalter. Eine Spurensuche am Beispiel der Wittelsbacher“ vor allem mit Herzog Ludwig im Barte, von 1413-1443/47 Herzog von Bayern-Ingolstadt, ließ dabei aber auch immer wieder generelle Beobachtungen über Verhaltensnormen des europäischen Adels im späten Mittelalter einfließen. Der Wittelsbacher Ludwig im Barte hatte sich im Zusammenhang mit der Vermählung seiner Schwester mit dem französischen König Karl VI. nach Frankreich begeben und dort im Rahmen einer politischen Tätigkeit das Land kennengelernt. Übernahmen französischer Usancen bei Ludwig, der zunächst mit Anna von Montpensier, sodann mit Katharina von Navarra verheiratet war, zeigten sich u.a. darin, daß sich Ludwig nach französischer Mode seinen Bart zuschneiden ließ und die Unterzeichnung seiner Urkunden mit „Loys“ auch in Bayern beibehielt. Begonnen wurde in der Zeit Ludwigs ein Ausbau der Ingolstädter Liebfrauenkirche in Dimensionen, die, so Paravicini, für ein solches Objekt im Reich einzigartig waren.

In seinem Vortrag über „Stadt, Verwaltung und Schriftlichkeit“ hob Wim Blockmans (Leiden) vor allem die Bedeutung des Lateins als Klerikersprache auch innerhalb der Stadt hervor. Später trat an dessen Stelle die Volkssprache (Niederländisch), wobei aber die Elite das Französische zur Abgren­zung übernahm. In den Kanzleien der Städte war mithin die Kenntnis dreier Sprachen die Voraus­setzung der Schriftlichkeit. Auch im kommerziellen Bereich, so Blockmans, sei die Schriftlichkeit eine wichtige Vorbedingung der Kommunikation gewesen. Besonderheiten des niederländischen Raumes lagen in der hohen Bevölkerungsdichte einerseits und der Herrschaft der Städte über ihr Hinterland andererseits. Durch die burgundische Staatsmacht wurde diese Herrschaftsstruktur später herausgefordert.

Unter dem Titel „Wirtschaft, Wirtschaftsräume, Kontaktzonen“ ging der Vortrag von Franz Irsiglers (Trier) hauptsächlich auf den französischen Wirtschaftsraum ein, wobei Irsigler hervorhob, daß diesem ein höherer landwirtschaftlicher Produktionsstand und ein höherer Export eigen war. In bezug auf die Champagne-Messen stellte Irsigler fest, daß die deutsche Einfuhr zwar willkommen, aber nicht lebensnotwendig gewesen sei. Im zweiten Teil seines Vortrags, der Lernprozesse und Austausch im ökonomischen Bereich zum Gegenstand hatte, ging Irsigler auf Geldgeschichte – hier wurde vor allem die starke Vorbildhaftigkeit des Westens unterstrichen – , Tuchhandel und Papier­produktion (Technologietransfer wohl aus Italien) ein. In seinem Resumee hielt Irsigler fest, daß die Einflüsse aus dem Westen zwar punktuell bedeutsam, aber im ganzen nur uneinheitlich waren. Die Dinge änderten sich erst nach 1492, die europäische Wirtschaft wurde zur Weltwirtschaft.

Einem ganz anderen Thema, dem des umstrittenen Transfers des Pariser Universitätsmodells nach Deutschland, wandte sich unter dem Titel „...damit die ganze Schule Ruhm und Ruf gewinne“ Frank Rexroth (Bielefeld)zu. Die Erfahrungen der Magister aus Paris wurden in der neuen alma mater angewandt; mithin wurden die deutschen Universitäten den französischen ähnlicher als den italienischen. Rexroth unterstrich stark die Rolle der Pariser Universität als dem Hauptort der Bil­dungselite der gesamten Christenheit. Der Referent untersuchte weiterhin das Bild der Pariser Uni­versität im spätmittelalterlichen Deutschland und zeigte auf, daß ein Studium an der Seine aus­zeichnend wirkte und als vorbildlich galt. Bei der Übertragung nach Deutschland vollzogen sich indes Veränderungen und Anpassungen. Spezifisch deutsch war die 5-Fakultäten-Universität.

Der englische Mittelalter-Germanist L. Peter Johnson (Cambridge) betrachtete den französischen Einfluß auf deutsche Literatur und Sprache im 12. und 13. Jahrhundert, wobei er die „Wege und Weisen der Vermittlung“ anhand von Einzelbeispielen veranschaulichte. Eine große Bedeutung maß Johnson dabei der Mosel und dem Rhein als Transportwege französischer Wörter zu. Deutlich stellte Johnson heraus, daß der Haupteinfluß – trotz der Vermittlung über Handel und Politik – ein genuin literarischer gewesen sei. Ferner zeigte der Referent auf, daß die deutschen Dichter auf die Umgangssprache der Literatur als begriffliche Vorbilder zurückgreifen konnten. Dies veranschau­lichte er unter anderem an Beispielen aus der Mode, wie sie in der Literatur greifbar ist.

Peter Moraw (Gießen) legte in seinem Schlußvortrag „Deutschland und der Westen Europas im späteren Mittelalter“, der sich auch als Zusammenfassung der Tagung (ja beider Tagungen) ver­stand, zunächst Gewicht auf die Feststellung, daß jedes Land, unabhängig eines Kultur-Transfers, das Recht auf seine „ganz eigene“ Geschichte habe. Moraw versuchte sodann, das Tagungs-Thema mit Hilfe von vier allgemeinen Ordnungsprinzipien zu strukturieren und kam dabei immer wieder zu Rückblicken auf die einzelnen Vorträge, deren Ergebnisse und Desiderate. Er meinte zunächst, daß 1. alle Begriffe anders als eindeutig gebraucht worden seien. Weiterhin führte Moraw aus, daß 2., unter den „Bedingungen des Pferdes, des Schiffes und des Fußmarsches“ der Raum und die Region selbst Elemente der Entwicklungsgeschichte dargestellt haben: Geographisch-entwicklungs­geschichtlich gesehen habe das mittelalterliche Reich sowohl dem Westen als auch dem Osten angehört; das Entwicklungsgefälle von West nach Ost war beträchtlich, ein Tatbestand, der sich auch innerhalb einzelner Territorien des Reiches selbst abbilden konnte (z.B. in der Mark Brandenburg). Weiter sprach Moraw davon, daß 3. für eine europäische Transfergeschichte im Idealfall der ganze Zeitraum von der Karolingerzeit bis ins späte Mittelalter ins Auge zu fassen sei. Schließlich äußerte Moraw 4. den Wunsch nach einem recht umfassenden, zum Schluß aber integrationsfähigem Konglomerat an Themen und zählte bereits Bewältigtes wie noch zu Leistendes auf. Der Referent schloß, dem Vorsprung des Westens und den eigenen Bemühungen der Mitte und des Ostens gleichermaßen gerecht zu werden versuchend, mit dem Satz: „Mit dem Wind war leichter voranzukommen als gegen ihn; man kann bekanntlich auch gegen den Wind ansegeln, aber es ist mühsam.“

Jörg Schwarz / Christof Ohnesorge


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