AHF-Information Nr. 97 vom 1.12.1999
Der Österreichische Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem Vorarlberg Landesarchiv und dem Stadtarchiv Dornbirn von 18. bis 22. Oktober 1999 in Dornbirn (Vorarlberg, Österreich) eine internationale Fachtagung „Stadt: Strom – Straße – Schiene“. Die Veranstalter gingen davon aus, daß weder die Stadt der Gegenwart noch die der Vergangenheit eine der ihr zugedachten Funktionen ohne Verkehr hinreichend erfüllen kann bzw. konnte, daß wirtschaftliche, politische, kirchliche und kulturelle Zentralität der Anbindung zumindest an regionale Verkehrsnetze bedürfen und eine innerurbane Verkehrsinfrastruktur verlangen. Thema der Tagung sollten die stadtgeschichtlich relevanten, aber noch wie vor nicht ausreichend erörterten Zusammenhänge zwischen Stadtentstehung und Stadtentwicklung einerseits und dem Verkehrswesen andererseits sein, die es von verschiedenen Blickwinkeln aus zu untersuchen galt. Der zeitliche Rahmen war weit gespannt, er reichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart.
In die Thematik führten zwei Vorträge ein: Prof. Dr. Dietrich Denecke (Göttingen) analysierte von der Warte der historischen Geographie aus das Spektrum an Ursachen, das Verkehr entstehen läßt und präsentierte jene Quellen, die zur Erforschung historischer Verkehrswege zur Verfügung stehen. Prof. Dr. Karl Heinrich Kaufhold präsentierte die Funktion der Stadt als Verkehrsraum, wobei die Schwerpunkte seiner Ausführungen im 19. und 20. Jahrhundert lagen.
In einem weiteren Block stand das Beziehungsgeflecht zwischen Stadtentwicklung und der Infrastruktur des Verkehrs zur Diskussion. Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert waren die Straßen und Flüsse, die Seen und Meere Träger des Verkehrs, bis der Bau von Eisenbahnen die Potenz zu einem grundlegenden Wandel bot. Prof. Dr. Peter Csendes (Wien) referierte anhand exemplarisch ausgewählter europäischer Städte über die verschiedenartigen Möglichkeiten der Einbindung kommunaler Siedlungen in regionale und überregionale Straßennetze. Dr. Gerhard Meissl (Wien) präsentierte seine Forschungen über die Auswirkungen, die der Eisenbahnbau auf die Entwicklung der Stadt Wien hinsichtlich der Entstehung von Industrie- und Gewerbequartieren, Arbeiterwohnvierteln u. ä. hatte. Doz. Dr. Alois Niederstätter (Bregenz) demonstrierte am Beispiel der Bodenseeregion die Interdependenzen zwischen Schiffahrt, Stadtgründung und Stadtentwicklung, wobei vor allem darauf hingewiesen wurde, daß erst die Kombination des Verkehrs zu Wasser mit dem auf dem Landweg günstige Entwicklungsmöglichkeiten bot. In welchem Maß der Verkehr als Träger und Vermittler urbaner Kultur fungierte, legte Prof. DDr. Karl Heinz Burmeister (Bregenz) anhand der Ausbreitung des Humanismus im oberdeutschen Raum dar. Insbesondere der Stadt Nürnberg kam dabei für einige Jahrzehnte die Rolle einer reichsweit wirksamen Drehscheibe zu.
Wichtige sozialgeschichtliche Aspekte brachte Doz. Dr. Dietrich Hein (Frankfurt) ein, der sich den Einfluß des Verkehrs auf die Entwicklung von Stadt und Bürgertum in Baden im 19. Jahrhundert zum Thema gemacht hatte und unter anderem auf eindrückliche Weise demonstrieren konnte, wie weitreichend die Folgen verkehrspolitische Entscheidungen über die ökonomische Entwicklung hinaus sein konnten. Denselben Zeitraum behandelte Prof. Dr. Robert Hoffmann (Salzburg), der am Beispiel der Stadt Salzburg insbesondere den Widerstreit zwischen dem wirtschaftlich begründeten Wunsch nach einer Öffnung der Stadt für den modernen Verkehr und den ersten Ansätzen des Denkmal- und Ensembleschutzes thematisierte. Dr. Klaus Brandstätter (Innsbruck) untersuchte die städtischen Maßnahmen zur Verkehrsorganisation im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Er spezifizierte die Materie am Instrumentarium, das den Städten südlich und in weiterer Folge auch jenen nördlich des Alpenhauptkamms zur Förderung und Regelung des Paßverkehrs zur Verfügung stand.
Ein zentraler Faktor des modernen Verkehrs ist der Tourismus, ihm wurden zwei Vorträge gewidmet. Dr. Hans Heiß (Bozen) referierte über die Wechselwirkung von Fremdenverkehr und Stadtentwicklung in den österreichischen Alpenländern bis 1914 und Frau Dr. Pavla Vošahlíková (Prag) umriß diese Zusammenhänge anhand der böhmischen Bäder.
Dipl.-Ing. Mag. Bernd Kreuzer (Linz) zeigte – auch anhand umfangreichen Bildmaterials -, wie sich Architekten und Verkehrsplaner im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Verkehrsentwicklung in der Stadt der Zukunft vorstellten und wie weit diese Utopien von Realität entfernt sind. Den Abschluß der Tagung bildete der Vortrag von Prof. Dr. Hermann Knoflacher (Wien), der die Verkehrsplanung als städtische Aufgabe des 19. und 20. Jahrhunderts zum Thema hatte und vor allem auf die Notwendigkeit verwies, die Verwendung der Verkehrsmittel mit den zurückzulegenden Wegstrecken durch entsprechende planerische Vorgaben in Einklang zu bringen und damit eine radikale Reduktion des Autoverkehrs in den Städten zu erzielen.
Die Tagungsteilnehmer hatten des weiteren die Gelegenheit, im Rahmen einer Exkursion (Dornbirn – Lindau – Feldkirch – Bludenz – Arlberg – Bregenzerwald – Dornbirn) die Verkehrslandschaft zwischen Bodensee und Alpen in Vergangenheit und Gegenwart kennenzulernen.
Die Referate sollen gegen Ende des Jahres 2000 in einem Sammelband der Reihe „Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas“ erscheinen.
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Österreichischer Arbeitskreis für
Stadtgeschichtsforschung
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Postfach 320
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Fax: +43 732 7810644
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